Anleihen. Ansinnen. Anleid(t)ungen. Vierzehn.

Freitag, 13. April 2018 18:03

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„Indem ich Ihnen Nein sage, sage ich Ja zu mir!“

Es fährt ein Zug ins Irgendwo. Und: Es gibt keine Ablichtungen der zwei Reisenden heute. Dies hat nichts mit plötzlich aufgetauchter Kamerascheu der Beiden zu tun. Wir wissen schlichtweg nicht, wo sich die zwei Reisenden momentan befinden. Nachfragen bei Einheimischen bezüglich des gegenwärtigen Aufenthaltsort der zwei Reisenden hatten ergeben, daß die Gefährten nach Erklettern der Plattform eines der Inselbahnwaggons offensichtlich in einen heftigen Streit geraten waren. Einer der zwei Reisenden, vermutlich der Bär namens Mahler, stand der Sinn nach Bleiben, Budnikowski, wie wir den Hasen heißen, zog und zerrte Richtung eines Aufbruchs, wobei dieses auch nicht einfach so hier stehenbleiben kann in behaupteter Eindeutigkeit, ist Herr Mahler doch vom Glücke beseelt endlich die Bahn gefunden zu haben und eben deren Geleise führen geradewegs zum Hafenbahnhof der Insel und dort am Kai wartet das Postschiff auf ein Signal zur Abfahrt Richtung Festland, ein Signal vom Hasen namens Budnikowski herbeigesehnt wie ein nächstes Osterfest ohne Frost auf den Eiern, auch wenn dieser Vergleich hinkt wie er selbst, unser  Hase, welcher beim gehetzten Sprung auf die Plattform des hintersten, also letzten, bei der Rückfahrt jedoch ersten, Inselbahnwaggon sich das Knie verdrehte hatte und deshalb vor dem Inselhafen lieber den Inselarzt zu Gesicht bekommen hätte, damit dieser die einem Hasenherz innewohnenden Zweifel und Ängste hinsichtlich langwieriger Verletzungsauswirkungen zerstreuen möge, was wiederum den Bären aber in eine für diesen eher untypische Weißglut versetzte und so dem Hasen ein entnervendes Hin und Her vorwarf, ihn gar der Herumlaviererei zieh, nicht gerade von systematischer Machart, aber doch von chronischer Natur, was der Hase mit einem zornesroten „Und das aus Ihrem den Zweifel huldigenden Mund, Sie Heuchler!“ konterte. In der Folge flogen, wie vereinzelte Augen – und Ohrenzeugen es vermeldeten, zwischen den zwei Reisenden doch recht scharfe Pfeile der Entrüstung und gegenseitigen Beschuldigung hin und her. Auffallend bei der Wortwahl war, daß einiges aus Büchern und Artikeln zitiert schien, aus jenen Schriften eben, die man in den letzten Tagen und Wochen noch in trauter Austauschstimmung belesen, teils gar verschlungen hatte. Ein kenntnisreicher Beobachter wähnte sich in einem Musentempel in jene Tage kurz vor oder nach der Premiere versetzt, wenn – Laß die Hände des Auditorium schweigen, laß sie rasen! – aus enttäuschten Erwartungen Messer wachsen und sich mit den fiesen Säbeln der Gottergebenen und Zyniker funkenschlagende Duelle liefern. Also zitieren wir im folgenden frei nach nicht eindeutig verifizierbaren Berichten der einheimischen Lauscher und Späher, übernehmen aber keine Garantie für eine korrekte Zuordnung der Zitate. Welcher der zwei Reisenden dem anderen Reisenden was an den entflammten Kopf warf entzieht sich unserer Kenntnis und offen gesagt ist uns dies auch in Zeiten genereller Geschwätzigkeit nicht wichtig.

„Wenn man seine Wurzeln nicht losläßt, kommt man nie vom Fleck!“

„Haltloses Geseier! So versaubeutelt man lediglich seine eh schon verheerende Co2 – Bilanz! Bleibe zu Hause und wehre Dich redlich!“

„Ja, die liebe ich ganz besonders, die da auf ihren Hügeln sitzen und geifernd in Ebenen glotzen, wo die Schlachten geschlagen werden, den vom Sitzen wunden Arsch in ihren, die Welt draußen nicht einen Cent interessierenden, Anekdötchen und Fotoalben badend!“

„Spiegelfechter! Was Sie täglich an Geistesvermögen aus dem Fenster in Ihrem Kopf auf die Welt werfen, vermüllt mir das letzte Stück verbliebenen Seelenfriedensstrandabschnitt, mein Herr!“

„Hah! Andere im Gegenzug öffnen das Fenster lediglich um ihre verschnarchte Nachtluft in den Äther zu furzen! Ließe ich mein Kopffenster geschlossen, die wenig später erfolgende Detonation, Sie mögen dies nicht erleben auf Ihrem ewigen Sofa!“

„Ich bin kurz davor Sie zu bezichtigen an der Stelle Ihres Herzens scheppert ein Mülleimer!“

„Selbst wenn dies der Wahrheit entspräche, sie werden mich niemals Chips kauend am Ufer eines Eilands sitzen sehen!“

„Ihre Heimatverleugnung schreit zum Himmel! Beklagen Sie sich nicht über Nachtfröste und Eiszapfen an Ihrer Nase, Sie fliegender Holländer!“

„Ihr Heimatgefurze ist nichts anders als tiefsitzende Lieblosigkeit gegenüber der Welt, ein billiges Tattoo, ein Etikett auf einer Flasche Weisheitstropfen aus dem Schwätzerdiscount!!“

„Indem ich Ihnen NEIN sage, sage ich JA zu mir!“

Die Reste des uns übergebenen Protokolls, um genau zu sein die Überreste eines Gedächtnisprotokolls, weisen zu große Lücken, Rechtschreibfehler, Kritzeleien, verschmierte Korrekturen und dergleichen mehr auf, daß wir dies hier nicht öffentlich machen wollen, wobei uns nicht vollkommen klar ist, ob der Protokollant sich große Teile des oben Veröffentlichen nicht aus seinen offenbar belesenen, von Druckerschwärze starrenden Fingern gezogen hat und wem die Lektüre des Obigen nützen mag außer dem gefallsüchtigen Ego des anonymen Protokollanten – war es die Hafenpolizei, ein zufällig Vorbeiradelnder, ein ominöser DRITTER Reisender, eine Drohne oder ein Lachmöwe? – es sei dahingestellt. Gewiß ist, man beschloß die zwei Reisenden in getrennten Postboxen von der Insel reisen zu lassen.

Mögen die Götter der Reisenden  ihre Flügel und unzähligen Arme schützend über die zwei Gefährten halten! Von ihren neuen Zielen ist uns jedoch nichts bekannt.

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(text / fotos: christian lugerth)

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Anleihen. Ansinnen. Anleid(t)ungen. Dreizehn.

Montag, 9. April 2018 20:23

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„Und ich frog mi warum I no do bin!“

Prinzipiell sind glitzernde Gleise, die sich unbefahren und vielversprechend in eine verlassene Gegend legen, ein beruhigender Anblick, vorausgesetzt man möchte verweilen und legt keinen gesteigerten Wert auf Gesellschaft jeglicher Art, ist sich selbst genug und erwartet vom Draußen generell weniger Anregung denn Irritation, ja Störung. Beunruhigender trifft solcher Anblick denjenigen dem eine gewisse Unruhe innewohnt, entweder hervorgerufen durch Erwartungen, Hoffnungen aller Couleur und Provenienz oder durchaus nachvollziehbar ob lang getätigter und gewissenhaft einzuhaltender Verabredungen oder Versprechen. Die zwei Reisenden auf dem Andreaskreuz sind da ein wenig unschlüssig, ein jeder in sich und auch ein wenig über Kreuz liegen sie, wie man so sagt. Archibald Mahler verweilt noch im Zustand des Quartalsmisanthropie, während Kuno von und zu Budnikowski seine Fühler Richtung Lenz und Mitwesen ausstrecken mag.

„Nicht viel, was hier geschieht, mein lieber Budnikowski!“

„Mahler! Nennen wir es beim Wort! Nix, nix iss hier!“

„Nun gut: Ebbe, Flut, hell, dunkel, Sonne, Regen. Nichts buchstabiert sich anders meinem Dafürhalten nach.“

„Ja ja! Die Bewegung in sich, das große Weltatmen, das Gleichmaß, Bewegung im Stillstand. Mir aber ist nach profaner Abwechslung. Ich bin reif fürs Festland.

„Ja, aber man muß länger bleiben, wenn man verstehen will, gebe ich zu bedenken!“

„Das stimmt. Aber manches versteht man auch erst wenn man reist, nicht wenn man bleibt!“

„Kann sein, doch wer hört eben Ihr Rufen, wer leiht uns ein fahrplanmäßiges Ohr?“

„Mahler, Genosse, sie leiden unter einen fixen Idee! Sie haben sich in diese Inselbahn verguckt, aber mir schwant hier ist nichts von Gegenseitigkeit zu sehen!“

„Dies würde mich a) wundern, b) fundamental irritieren und c) ordentlich schmerzen!“

(im Flüsterton) Aufgemerkt! Lassen Sie uns das Verkehrsmittel wechseln!“

„Woher nehmen, wenn nicht stehlen, werter Hase?“

„Bär, sieht er dort den Aufrechtgeher aus dem Gebüsch sich stehlen, wo jener eben die Frühstückskanne Ostfriesentee abschlug? Sieht er welcher Ziel der Struller anstrebt?“

„Sie meinen?“

„Auf und hopp ins Körbchen, behende und leise. Wäre nicht das erste Mal, daß wir als Blinde Passagiere reisten!“

Ist der ständige Wind dem Wanderer schon ein Prüfstein, so singt die wahren Klagelieder der Radler, der ihm ausgesetzt. Tränenden Auges, fluchend und mit schmerzendem Oberschenkel rollte der uns unbekannte (na ja!) Chauffeur der zwei Gefährten zwischen Salzwiese und Düne dahin. Das Inseldorf nahte. Hinten im Korb frohlockte ein Bär, denn ein schriller Pfiff zerriß die Luft.

„Verdammt Mahler! Halten Sie an sich! Wir rollen eben so komfortabel!“

„Ha! Von wegen fixe Idee! Bei drei wird gesprungen und rauf auf die Plattform. Eins! Zwei! Drei!“

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(text / fotos: christian lugerth)

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Anleihen. Ansinnen. Anleid(t)ungen. Zwölf.

Samstag, 7. April 2018 9:52

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„Fühl es vor! Du wirst gesunden: traue neuem Tagesblick!“

Die zwei Reisenden wollten also eine Insel verlassen. Nur wie? Die Suche nach einem Boot war nicht vom Glücksstern beschienen und eine Eisenbahn war nur zu hören, keine Lok aber in Sicht, lediglich Waggons auf einem Abstellgleis und leer in die Ferne ziehende Schienenstränge. Verwirrung wuchs und so die Zweifel, wobei hier einzuschieben wäre, was ist auch da Huhn und was das Ei! Verwirrter Zweifel oder zweifelnde Verwirrung. Gewiß nur war der unbedingt formulierte Willen der Gefährten eine Ortsveränderung anzustreben, die Reise fortzusetzen, zumal ihnen ein Weg zu Füßen lag, schnurgerade ausgerollt gen West. Vom Unvermeidlichen, Gnadenlosen, dem ständigen Wind dieses nicht enden wollenden Winters möge geschwiegen werden. Er weht stets von vorn, welche Richtung man auch einschlagen mag, der kalte Hund. Der Bär formuliert schweren Schritts, der Hase versucht sich am Moonwalk, pfeift und antwortet, wenn gefragt.

„Ich bin zugegebenermaßen etwas verwirrt, bester Budnikowski. Auf der alten Karte lag im Osten ein Bahnhof der Inselbahn, dort auf der sandigen Spitze, sie erinnern sich, wo wir unlängst die alten Pfähle entdeckten und rätselten.“

„Gewiß, Mahler. Aber wir laufen nach Westen, geradeaus, flott wie Otto, was Neues zu beginnen!“

„Man hört das Pfeifen, aber man sieht nichts!“

„Soll ich leiser?“

„Nein, nicht Sie. Die Bahn. Doch vielleicht pfiff all die Tage nur der Wind. In mir sprießen Zweifel wie Gänseblümchen. Der Sinn unseres Gehens, hier und heute?“

„Rumstehen, Bär, ist noch blöder. Selbst die Inseln wandern. Haben Sie doch gesagt!“

„Ich las davon. Im Westen greifen sich See und Sturm den Sand, toben, rauschen, blasen und laden ihre Fracht im Osten wieder ab. Und so wandert die Insel jeden Herbst und Winter ein kleines Stückchen Richtung Moskau. Im Frühjahr packt der einheimische Aufrechtgeher das kostbare S(tr)andgut fluchend auf Laster, fährt das Ganze wieder Richtung San Francisco und lädt es ab, auf daß die Strändkörbe nicht auf Schlick stehen müssen und der Rubel aka Dollar rolle.“

„Das Stetige, das Hin und Her, über das wir die Tage räsonierten, es färbt ab!“

„Wie bitte!“

„Naja, die Einheimischen machen einen auf Sysiphos und äffen die Natur nach!“

„Nur das ihre Chancen in diesem Wettbewerb als Sieger zu enden sehr geringe sind!“

„Wenigstens kommt nichts weg. Vom Sand, meine ich!“

„Das kapieren sie halt nicht. Das eben nichts wegkommt. Vom Abfall. Der Hybris. Aller Dummheit. Und dieses alte Hüpflied in Ihrem Schädel wohl auch!“

„Man kommt gut gelaunt galanter fortwärts! Stimmt doch, lieber Grummelbär!“

„Fortwärts! Schönes Wort. Glückwunsch, Meister Budnikowski! Glückwunsch. (Es wird weiterhin gepfiffen eine Weile. Dann plötzlich der Bär erfreut im Ausruf.) Da! Sehen Sie? Geleise! Ein Kreuz!“

„Rauf! Hoch! Spitzbubenleiter!“

Gesagt getan. Jetzt brummt der Bär. Etwas dissonant. Dann antwortet kein Zug.

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(text / fotos: christian lugerth)

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Anleihen. Ansinnen. Anleid(t)ungen. Elf.

Freitag, 30. März 2018 20:23

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„Weiß des Tages. Schwarz der Nacht. Weiß des Tages.“

„Herr Mahler!“

„Ja?“

„Das Meer lag in der tiefen Nacht in einem schweren ruhigen Atem, in einer Stille wie vor der Geburt, während das herausgestoßene, abbrechende Todesatmen eines Menschen den Tag erwartete, das Licht weit hinter dem Meer, das wie ein jahrtausendealter Stein unter den Sternen schlief.“

„So beginnt das Buch, lieber Budnikowski!“

Zeit, die es nicht gibt, kann man leicht vergessen. Quatsch. Wie soll man vergessen, was es gar nicht gibt? Und wie soll das überhaupt gehen: die Zeit vergessen? Erinnerung existiert und Morgen nicht. Jetzt hier und jetzt ist schon wieder vorbei, findet statt und segnet das Zeitliche innert Nichtzeit. Das heißt das Jetzt ist vom Zeitlichen befreit. Davor und danach wird Zeit nicht benötigt und jetzt gibt es sie nicht. Existiert Zeit also nur, wenn man an sie denkt? Und warum denken dann die meisten, sie hätten keine Zeit? Weil sie nicht denken? Dies erschien den zwei Reisenden durchaus logisch. Zumindest hier, angesichts der See, dachten sie, wie sie überhaupt viel dachten mit unverstelltem Blick auf die verehrte See, die heute so ruhig an Land schwappte und sich unmerklich zurückzog, freundlich zurückkehrte und und. Und es war wieder dunkel, und wieder hell, man saß wieder (oder noch) am Strand und noch mal nannte man ein Jetzt „achtuhrfünfunddreissig“, doch was war mit der Inselbahn? Kein Tuten, Pfeifen, Rattern. Warum? Auf der Insel schreibt die See die Fahrpläne. Also blieben die Reisenden erstmal sitzen.

„Herr Budnikowski!“

„Ja?“

„Das Meer lag in der tiefen Nacht in einem schweren ruhigen Atem, in einer Stille wie vor der Geburt, während das herausgestoßene, abbrechende Todesatmen eines Menschen den Tag erwartete, das Licht weit hinter dem Meer, das wie ein jahrtausendealter Stein unter den Sternen schlief.“

„So endet das Buch, lieber Mahler!“

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(text / fotos: christian lugerth)

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Anleihen. Ansinnen. Anleid(t)ungen. Zehn.

Dienstag, 27. März 2018 20:14

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Erstarrte Bewegung. Wiederholte Wiederholung. Stillstehende Zeit.

„Wenn es zum Beispiel die Zeit nicht gäbe, …“

„Aber es gibt sie doch!“

„Ich glaube, sie ist lediglich Behauptung, wurde gemacht, ausgerufen, verlautbart. Es gibt einen Morgen, es gibt die Dämmerung, die Sonne steht hoch, eine Möwe schreit, ein toter Fisch liegt am Strand!“

„Was ist mit dem Morgen?“

„Den Morgen akzeptiere ich, das Morgen bezweifele ich, vielleicht ist es sogar völlig unnötig. Es ruft lediglich Hektik und Dummheit hervor.“

„Der Welt ist wohl gleich, daß es mich gibt? Also länger und ausdauernder!Mit Ziel sozusagen!“

„Im wesentlichen ja, vor allem weil es die Welt nicht gibt. Ihr Wort, mein Wort schafft unsere Welten, eben jetzt, Momentanwelt. Später beobachten wir wieder, nähern uns an. Vielleicht sprechen wir davon, schreiben. Morgen oder nie!“

„Reingefallen!“

„Ich meinte morgens!“

„Das ist nun mal der Fluch: die Definition!“

„Und dann noch über und anhand der Anderen. Der alte Schrei: ich und die Welt.“

„Die Welt und ich?“

„Klingt besser! Aber auch wenn das oder unser Leben nicht weitergeht, sondern nur Karusselfahrt ist, um sich kreist, kringelt, spiralt und auch mal tanzt, schwebt und steppt: was ist jetzt mit unserem Boot?“

„Da stoßen wir, zugegeben an Grenzen. Der Philosoph und die Notwendigkeit des Butterbrotes. Hochaufschäumend mit bleiernen Schuhen an den Haxen!“

„Müssen wir durch! Ist schon achtuhrfünfunddreißig?“

Wer was sprach, wer wem antwortete, dies sei gänzlich von keinerlei Bedeutung, selbst die Reihenfolge des Gesagten ist lediglich Behauptung. Stehend bleibt, während die zwei Reisenden sitzen und langsam einen kalten Arsch bekommen, daß dieser Morgen gerne öfters wiederkehren darf, da mag die Welt – falls existent – gerne im Kreis drehen, da gibt es keinen Optimierungsbedarf, hier dürfen die Regale die nächsten hundert Jahte so eingeräumt bleiben, wie sie es eben sind, auch wenn kein Boot in Sicht. Und eben, da ein große Ruhe einzieht in die zwei, pfeift und tutet es hinter den Dünen. Es rattert, quietscht. Ach ja! Klar!

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(text / fotos: christian lugerth)

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Anleihen. Ansinnen. Anleid(t)ungen. Neun.

Sonntag, 25. März 2018 17:43

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Kurz und gut die Geschichte erzählen, die kein Ende findet

Es war eine lange Nacht geworden, draußen war der Wind eingeschlafen, hatte sich zur Ruhe gelegt, keine Ruhe gefunden, sich hin und her gewälzt, konnte sich nicht entscheiden, auf welcher Seite er die Ruhe finden könnte, bis er, als der Morgen graute, sich auf West drehte, sanft wurde, fast milde und so dem Lenz die Türe aufhielt, zumindest einen Spalt breit.

Die zwei Reisenden hatten kein Auge zugetan. Das Buch hatte sie in Beschlag genommen und so sprangen sie die ganze Nacht zwischen den Geschichten umher, in jenem Buch das eine Geschichte nach der anderen anriß, in die Luft warf, tanzen ließ und kein Ende finden wollte und sie wurden nicht müde zwischen diesen fremd nichtfremden Worten und sie warfen sie sich zu wie altvertraute Bälle.

Mal der eine, über einen Erzähler, den man Kurz und Gut rief:

„(…) Also kurz und gut, sagte er dann: viele kurze Geschichten ergeben auch eine lange, ist vielleicht auch interessanter. Wobei das Ende einer Geschichte bei ihm immer schon der Anfang der nächsten war, die wiederum im Anfang einer neuen Geschichte endete, immer auf einem Atem gesprochen, in langen, endlosen Sätzen, die abrupt abbrachen: Jeder Mensch hat eben so seine Art zu erzählen, und vor allem hat er nur seine Geschichte, für ihn die einzige, und jede Geschichte ist einzigartig, und alle Geschichten zusammen ergeben überhaupt erst die wirkliche Geschichte, die ist ja gar nicht zu verstehen ohne die Geschichten der Menschen, die da drin versteckt sind. Ist wie das Wechselgeld auf einen Hunderter, man hat viele abgegriffene Münzen in der Hand, da sieht man erst, was so ein Hunderter bedeutet, sonst steckst du die Blüte ja so weg, ist einfach ein Hunderter. (…)“

Dann der andere, der davon las, wie Kurz und Gut den Maitre Camus zu Wort kommen ließ.

„(…) Camus: Ein Mensch, der nur einen einzigen Tag gelebt hat, könnte mühelos hundert Jahre in einem Gefängnis leben, er hätte genug Erinnerungen. Das war ein Gedanke, der ihn faszinierte, der ihn mit der Welt versöhnte, der ihm half, seine Tage und Nächte zu leben: Leben ist Erinnerung und sonst nichts. Ohne Erinnerung wären wir vergessene Sterne, Schall und Rauch. Die Dinge haben keine Bedeutung, wenn sie keine Geschichte haben. Vielleicht haben sie noch eine Beziehung, pro forma, aber was bedeuten sie? Erst eine Geschichte gibt allem um uns herum die Bedeutung, die wir verstehen. Ist wie der Anker an einem Boot, ohne Anker treibt es weg, ist nicht mehr vorhanden. Dann such mal dein Boot, sagte Kurz und Gut, ohne einen Ankerplatz stehst du mit den Füßen im Wasser. (…)“

Bis schließlich einer aufstand und meinte, nun sei es an der Zeit wieder nach der See zu schauen. Die alte Uhr unten an der Strandpromenade zeigte einen jungen Tag an, ein freundlicher Morgen glitt über den Strand und es herrschte Flut. Rechte Zeit nach einem Boot zu suchen.

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(text / fotos: christian lugerth)

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Anleihen. Ansinnen. Anleid(t)ungen. Acht.

Donnerstag, 22. März 2018 20:46

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Im stillen Zimmer stummes Sprechen, draußen der Wind

Es ist gut, wenn der Wind sich in den Dachziegeln verfängt, Regentropfen auf den Fenstersims trommeln, des unermüdlichen Draußen’s Musik den warmen, sicheren Hort umtanzt. Da lag ein Buch auf dem Nachttisch, man griff danach, man las sich gegenseitig vor, mal der, mal jener:

„Ein Mann geht, die Stiefel umgehängt, barfuß durch diese Sandwüste unter dem Meer, kennt den Weg von Insel zu Insel, der sonst dem Wasser gehört, geht durch eine besonnte Landschaft auf sicherer Erde, folgt einer unsichtbaren Spur, durch Generationen überliefert, altes Wissen der alten Geschichten: Bei Neumond vom Kirchturm Richtung Süderspitze, quer zum Priel, vorbei an den Planken und Spanten eines gesunkenen jahrhundertealten Schiffs, grüne Pflanzen, Algen und Muscheln, stolz ausgefahren, im Elend gescheitert, den Weg verfehlt, trotz Sternwarte und Kompaß, verfehltes Bemühen gegen die schwarze Gestalt des zufälligen Sturms, der Mensch im Unglück, kein Mensch singt davon.

Ebbe und Flut, Licht und Dunkelheit, Leben und Tod. Das sich Wiederholende ist das Bleibende. Das in sich Kreisende das Ewige. Kein Anfang, kein Ende und keine Vollendung. Das unfertige Bild, die aufgegebene Fuge, der abgebrochene Satz, ausgeführt bis zum Augenblick des Todes. Variationen der vergeblichen Bemühungen eines Lebens. Ein Schauspiel ohne Handlung, Ablauf unbekannt, Personal und Ort nur Zufall, die Erzählung Fiktion, der Bericht Konstruktion des Menschen, Behauptung eines Schicksls, unerkannte Gleichzeitigkeit, unbewußte Erinnerung, Jahre des Vergessens, sinnlose Fragmente, unzusammendhängend. Das unvollendete Bild des Menschen. Das stille Zimmer und das ununterbrochene stumme Sprechen. Worte, die keiner versteht.“

Es ist gut, wenn ein lieber Mensch ein Buch überreicht, bevor man aufbricht zu einer Reise und angekommen, dieses Buch einen willkommen heißt, als hätte es vom – vorläufigen – Ziel der Reise gewußt. Wenn Erinnerung und Erleben sich übereinander schieben, eins werden. Erinnert man sich  farbig oder schwarzweiß?

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(text / fotos: christian lugerth)

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Anleihen. Ansinnen. Anleid(t)ungen. Sieben.

Donnerstag, 15. März 2018 22:51

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Man wird der Dinge nicht Herr, aber dennoch kann man sie lesen

Ja. Man kann darüber lesen. Man kann sich davon berichten lassen. Man kann Bilder betrachten, Filme, man kann anklicken, aus Suchmaschinen etwas zusammenklauben. Sogar davon träumen. Doch selbst aus sicherer Entfernung, von noch trockener Düne aus betrachtet, die Wucht mit welcher eine Sturmflut – und diese hier nennt man eine kleine – gegen das Gestade donnert, sie ist nur spürbar aus einer Nähe, welche hier eine sicher entfernte Nähe ist. Das Gurgeln, Röcheln, Zischen, Fauchen, das gegen den Sand schlagen, stampfen, klatschen, dröhnen, eben gestrandete Wellen überrollt vom Nachfolger, zurückgezogen von der Strömung, übereinander stolpernd, rollend, einander brechend brechende Wogen, von Wind die Kämme zerstäubt, zerwirbelt, gepeitscht, zersaust, heranreitende Wasserrösser, Gischtmähnen, tosend im Zorn und nichts anderes als ewige Wiederholung feiernd, kommen müssen, gehen müssen, geben, nehmen. Stets wiederkehrender Gezeitentanz. Mal sanft, mal mit tödlicher Wucht.

„Herr Mahler, müssen wir mit nassen Pfoten rechnen?“

„Na ja, sicher verneinen vermag ich das hier nicht. Meine Erfahrungen mit Sturmfluten sind eher kärglich.“

„Aber das Schauen ist sehr lustvoll, auch wenn der Herzschlag bummert und trommelt.“

„Lieber Budnikowski, da lebt es halt. Nichtsdestotrotz scheint mir ein geordneter Rückzug nicht dumm!“

„Gewiß. Die Insel vermag ein Lied davon singen. Die kann nicht fliehen.“

„Ja. Die wird hinten weggespült und vorne wieder aufgeschwemmt.“

„Man mag es nicht glauben, sogar Inseln können wandern!“

„Mahler, dann sollten wir auch wandern, solang dies noch freiwillig möglich!“

„Auch mir ist nach fester Behausung!“

„Man folgt ja gern den Fährten und findet die Dinge, aber selbst ein zu suchendes Ding zu werden und vor allem, wo man dann rauskommt und landet!“

„Wenn überhaupt. Budnikowski! Passierten wir heute in der Frühe nicht eine Hütte? Dort, hinter dem Sand, an dem wir lehnen!“

„Los! Mein rechter Lauf ist feucht!“

Aufbruch und hinter den Dünen sind sie bald in Sicherheit. Wohlig  im Ohr aber bleibt den Reisenden das Rauschen der wilden See. Diese Hütte aber? Seltsam.

„Mahler! Waren wir hier schon mal?“

„Weiß nicht!“

„Wohnen wir hier? Da, sehen Sie!“

„Das Buch. Ja. Es kommt mir bekannt vor!“

„Dann lesen Sie!“

„Erst muß ich eine Runde schlafen!“

„Dann Gute Nacht, Freund!“

„Gut Nacht!“

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(text / fotos: christian lugerth)

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Anleihen. Ansinnen. Anleid(t)ungen. Sechs.

Donnerstag, 8. März 2018 17:47

2018_11

Wenn der Wind einschläft, erwacht die See

„Also folgen wir dieser Spur.“

„Ja!“

„Oder sagt man diesen Spuren?“

„Unter einer Spur, teurer Budnikowski, liegen vermutlich weitere Spuren. Unsicht-, aber auffindbar.“

„Treten wir nun in die Mitte der Abdrücke oder gehen wir, na sagen wir, entlang?“

„Wir folgen. Die Schrittlänge scheint außerdem unsere Möglichkeiten zu überschreiten.“

„Wahr gesprochen. Kann man denn in diesem Zusammenhang auch von Fährte sprechen, teurer Gefährte Bär?“

„Vielleicht. Wenn wir unter die Fußabdrücke schauen. Bleiben wir aufmerksam und üben uns im Lesen, können wir Dinge entdecken!“

„Steht da was Erhellendes in Ihrem GehBuch? Dem zweiten?“

„Gewiß! Unter FÄHRTE wird Ralph Waldo Emerson zitiert: Alle Dinge zeichnen unablässig ihre Geschichte auf… nicht als Fußabdrücke in Schnee oder Erde, sondern in Form vielerlei Spuren, die kürzer oder länger überdauern, eine Kartographie ihres Vorübergehens. Der Erdboden ist überall von Hinweisen und Zeichen überzogen: und jedes Ding ist über und über mit Spuren bedeckt. In der Natur geschieht die ständige Fährtenlegung automatisch, und ihre Aussage verhält sich zum Geschehen wie der Abdruck im Wachs zum Petschaft.

Petschaft! Alte Worte von alten Dingen klingen!“

„Fährten sind auch diese!“

Und mit dem West im Rücken folgten die Gefährten der Spur und gelangten rasch an die Ostspitze der Insel. Und was ragte vor ihnen? Ein bizarrer Wald von Wasser, Salz, Wind und Sand geformter Stangen, Pfählen, Hölzern, wunderliche und unheimliche Kunstwerke, geschaffen von den ewigen Verwitterern. Was war dies, was vor den staunenden Augen lag? Reste eines Steges? Eine alte Anlegestelle? Ein Hafen gar? Hütten, um längst verbrauchte Güter zu lagern? Ein untergegangenes Dorf? Und während man schaute und riet und vermutete, schlief ihr ständiger Begleiter, der Wind, ein. Die plötzlich einsetzende Stille währte dennoch lediglich wenige atemholende Minuten, bis draußen vom Meere ein unheilvolles Tosen heranrauschte.

„Weia Budnikowski, da kommt was auf uns zu!“

„Ach du lieber Himmel!“

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(text / fotos: christian lugerth)

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Anleihen. Ansinnen. Anleid(t)ungen. Fünf.

Montag, 5. März 2018 16:55

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„…jedes Ding ist über und über mit Spuren bedeckt.“

Das Meer war fort. Doch der frostige Wind hatte die letzten Wellen der letzten Flut gepackt und an den Strand geklebt. So war das Meer noch da. Kunstvoll verschlungene Ornament hatte „Meister Namenlos“, der große Schöpfer, die große Künstlerin Dame Natur auf den gefrorenen Sand gemalt. Doch die Reisenden hatten anderes erhofft. Sie wollten mehr vom Meer zu ihren ungeduldigen Füßen, doch da sie sich auf den Weg gemacht hatten, um etwas zu begreifen ohne danach unbedingt greifen zu müssen, murmelte ein jeder Braves vor sich hin. Zuerst der Hase, etwas schlaumeierisch, der Bär nicht minder, jedoch überzeugt.

„Was mich betrifft, ich erwarte nichts von der Natur. Ich verweile einfach in ihr. Ich gehe und spüre die Erde unter meinen Füßen, ohne über den Ort nachzudenken, an den ich gelangen werde. Ich atme und beobachte die Gegend, die ich durchstreife. Das tut meiner Lunge, meinen Muskeln, meinem Kopf gut.“

„Budnikowski, was auch immer Sie in der Natur anzutreffen erwarten, Sie werden dort zunächst sich selbst begegnen!“

„Gut Herr Mahler, aber das Meer hier ist nur noch Relikt, Fundstück, Widerhall, Kopie? So auch ich?“

„Ach, der Reisende meint oft, wenn er die Mauer der Stadt hinter sich gelassen hat, würden ihn Trübsinn und Niedergeschlagenheit blitzeschnell verlassen. Man mag sich täuschen. Das wußte schon Herr Sokrates!“

„Wat, dat iss doch die Abwehrrecke vonne Schwatt – Gelben?“

Der Bär runzelt die Stirn im auf West drehenden Wind.

„Mahlerken, Witz! Witz! Her mit den Zitat!“

„Was wunderst du dich, daß dir Reisen nichts nutzen, wo du doch dich herumträgst? Dich bedrückt dieselbe Ursache, die dich hinausgetrieben hat.“

„Sollen wir heimfahren und eine Sakekur machen?“

„Wie meinen?“

„Schreib eine starke Zeile / die wie eine Nadel / den Schmerzpunkt an deinem Arm trifft! / (…) / Sauf Sake und sing / bis die die Stimme wegbleibt / dann kommen die Worte von selbst!“

„Charles Bukowski?“

„Nee. Ikkyu Sojun. Ein Zenmeister. Hab ich aus Ihrem GehBuch! Übrigens, da sind Spuren!“

„Bleiben wir vorerst nüchtern! Folgen wir den Spuren!“

„Warum?“

„Wir folgen immer den Spuren. Uns bleibt keine Wahl. Es sei denn wir wären Blinde.“

„Hä?“

„Ist aus meinem zweiten GehBuch!“

Dann begann es zu schneien. Und der Schnee schien vom Abschied zu singen, vom Abschied vom Winter.

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(text / fotos: christian lugerth)

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