Die Geschichte vom Bären und dem Hasen und wie dann der Meister rief
Samstag, 19. Juni 2010 11:19

Rast am Waldesrand. Die Begegnung hatte Archibald tief beeindruckt. Sein Herz pochte. Es roch nach Redebedarf.
„Ernst Albert?“
„Ja?“
„Die Bären haben mir eine Geschichte erzählt!“
„So?“
„Soll ich sie mal erzählen?“
„Nur zu, Genosse!“
„Also: im Wald. Der Hirsch kommt zum Bären und fragt ihn, ob das stimmen würde, daß er, der Hirsch, auf seiner, des Bären Todesliste stünde. Der Bär bestätigte das. Der Hirsch rennt von dannen und ward nicht mehr gesehen. Aus dem Unterholz bricht ein Wildschwein. Es will wissen, ob es auf des Bären Todesliste stünde. Daß dem so sei, erwidert der Bär. Das Wildschwein ergreift die Flucht. Weg war es! Ein Lachs schaut aus dem Fluß. Ob sein Name wohl auch auf der legendären Todesliste verzeichnet wäre? Nicht nur seiner, bekommt er zu hören, auch die gesamte Verwandtschaft des Lachses sei fein säuberlich notiert. Da hoppelt der Hase vorbei. ‚Hömma Bär, is dat korrekt, dat ich auf Deine Todesliste stehen tu?’ ‚Das ist so richtig!’ ‚Kann ich mal wat fragen?’ ‚Schieß los!’ „Wäre dat eine größere Aktion, wennse mich von Deine Liste einfach streichen tust?’ ‚Das dürfte überhaupt kein Problem sein.’ Gesagt, getan. Tolle Geschichte, gelle!“
„Lustig! Und was lernt man daraus? Daß Hasen schlau sind?“
„Nein! Man muß nur sagen, was einen auf den Nägeln brennt. Reden hilft manchmal.“
„Schlaubär! Laß uns weiterziehen! Der Meister hat gerufen!“
„Wer?“
“Robert Zimmermann.”
“Nein?”
“Darf ich mit?”
“Du musst!”
“Yippie!”
Thema: Im Heckerland, Küchenschypsologie, Robert Zimmermann | Kommentare (0) | Autor: Christian Lugerth
Das war neu. Mit einer von Petrolsaft angetriebenen Blechmilbe war man noch nie verreist. Und zudem in Begleitung des geheimen Fieberthermometerhalters aka Herr Reinhard Kuno Theophil „Stan“ von Lippstadt-Budnikowski zu Datteln. Doch angesichts der Tatsache, daß Eva Pelagia am Volant saß und sich nicht am üblichen Hasenrennen auf den Betonpisten beteiligte, verlief die Reise für alle Insassen ruhig und angenehm. Archibald und der Lütten Stan im Heck vertieft ins Gespräch. Man diskutierte eine Idee. Sollte man als Duo gelegentlich die „Großen Pöhlerei Festspiele“ analytisch bereden, sich gegenseitig Ball und kritisches oder jubelndes Wort zuwerfen? Einigung fand noch nicht statt, da keiner der beiden sich bereit erklärte, die Perücke Marke „Netzers Günter“ überzustülpen. Der Wagen stoppte. Auf einem Hügel in der Nähe einer Gelehrten- und Studentenstadt, in der Ernst Albert einst im dortigen Musentempel gewirkt hatte,
„Droben stehet die Kapelle / schauet still ins Tal hinab / drunten singt bei Wies und Quelle / froh und hell der Hirtenknab. / Traurig tönt das Glöcklein nieder / schauerlich der Leichenchor / Stille sind die frohen Lieder / und der Knabe lauscht empor. / Droben bringt man sie zu Grabe, / die sich freuten in dem Tal. / Hirtenknabe, Hirtenknabe, / dir auch singt man dort einmal.“ Wo war Archibald? Der Bär hatte eine Höhle gerochen. Düster, klamm, der Atem kondensierte, brennende Kerzen erhellten schemenhaft. Ein ausgemergelter Mann, ein Spitzenkissen unter dem dornig bekrönten Kopf, lag nackend in der kalten Höhle. Stille, andächtig gesenkte Stimmen. Die Aufrechtgeher pilgern alle Jahre den steilen Berg hinauf, bitten den vom Kreuze Abgenommenen um Vergebung, Hilfe. Manche tun das zumindest. Archibald dachte nach. Seltsam, daß erst sein Tod diesen Menschen – Ecce homo! – ins Zentrum der Verehrung durch die Zweibeiner gerückt hat. Geht es bei den Bärengöttern auch stets um Schuld, Buße und Vergebung? Vielleicht ein Thema? Trotz erheblicher Zweifel an den seltsamen Glaubensritualen der Felllosen, Archibald genoß die Atmosphäre in der düsteren Höhle. Kurz faltete er seine Pfoten, falls dies eine Bärenpfote zuläßt. Aufbruch.
Eine Stunde später roch Archibald die Nähe eines Sees, eines großen Sees. Solch einen großen See hatte er noch nie in seiner Nase gehabt. Der See bestand aus mehreren Teilen, diese verbunden durch einen Fluß, der den See speist und an dessen Ufer die kleine reiche eingebildete Stadt liegt, in der Ernst Albert aufgewachsen ist. Da saßen sie nun am Ufer des Seerheins, zu zweit. Archibald versuchte den Fachmann in Sachen Pöhlerei in die Grundlagen einer ausgleichenden und trotzdem stimulierenden Wasserrandmeditation einzuführen. Er scheiterte. In den Ohren des Lütten Stan die nervenzerfetzenden Uweseelas, in seinem Herzen Vorfreude und etwas Furcht vor dem heutigen Abend. Doch auch Archibald fand nicht die nötige Ruhe. Zum einen der morgige Ehrentag einer zentralen Person in seinem Leben und letzte Fragen der Organisation und zum anderen die kochende, übervolle kleine reiche eingebildete Stadt in seinem Rücken. Einmal im Jahr räumen die Einwohner und ihre Nachbarn aus dem Umland ihre modrigen Keller leer, legen alles, was sie schon fünfmal weggeschmissen haben, an den Straßenrand, in der Hoffnung, jemand kauft es ihnen ab, um es in den Keller zu bringen oder wegzuschmeißen und das ganze Gerümpel im Folgejahr wieder an den Straßenrand zu legen. Dafür bezahlt man eine happige Gebühr. Die Aufrechtgeher nennen das Flohmarkt. Dieser hier ist zwölf Kilometer lang und reicht bis ins Land des Nachbarn hinein. Archibald dachte, ob das etwa mit dem Ritual in der kalten Höhle auf dem Berg zu tun hatte. Wegschmeißen, sterben lassen und so entsteht Wert. Von Dingen, Beziehungen, Hoffnungen, Lieben. Seltsam, diese Zweibeiner! Der Bilderapparat rief. „Einigkeit und…“ Wieviele singen mit?

Erstens: Die maximal intime, dennoch aus medizinischer Notwendigkeit heraus entstandene, sowie die Verletzung präzise und emotionsfrei ablichtende Variante? Sie spart das Gesicht des Patienten aus, konzentriert sich auf die arbeitenden Hände der Heilerin, zeigt einen Schritt im Prozeß des zunähenden Eingriffs und verleugnet nicht den Schmerz. Wir weisen daraufhin, daß alle Eingriffe im Haushalt Albert / Pelagia / Mahler & Co ohne Anästhesie stattfinden. Nur wer sich dem unverwässerten, klaren Schmerz stellt, lernt dazu. Der Rest merkelt rum und legt jeden Lernprozeß nachfolgenden Generationen auf die noch schwachen Schultern.
Zweitens: Die anrüchige, leicht sexuell aufgeladene und trotzdem Mitleid erregende Fassung, die versucht Bloßstellung und Wahrung der Würde des Patienten zu wahren? Bei dieser Abbildung steht – neben der Entschlossenheit des Photographen, sich ein solches Motiv nicht entgehen zu lassen – im Mittelpunkt der optische Hinweis auf die Schmerz verursachende, aber langzeitstabilsierende Dicke des Faden. Auch der, der Farbe des Pelzes fast deckungsgleich angepaßte Braunton des Garnes fällt angenehm auf. Das Mitleid der meisten Betrachter erregt die unnatürliche, gewiß nicht druckfreie Haltung des Kopfes, die allzu aggressive Präsentation des Bärenhinterteils und das ängstliche Funkeln im Auge des Bären. Ruhe jedoch strahlt aus der, wie gewohnt, sichere und wissende Griff der Hände der operierenden Frau Eva Pelagia. Das Leben im OP-Saal ist nunmal kein Ponyhof.
Drittens: Die Variante, die aus dem Schmerz und damit verbundenen kleinen Katastrophen, versucht das, wahlweise, Spektakuläre oder auch durchaus Komische zu ziehen? Der Patient und somit seine und unser aller Welt steht Kopf, trotzdem scheint ein Grinsen die Lippen des Bären zu umspielen. Der Eingriff wird zur Nebensache. Aus jedem Schmerz läßt sich noch ein Tröpfchen Lustigkeit pressen. Diese Art der Abbildung korreliert wahrscheinlich am ehesten mit der uns Aufrechtgehern angeborenen Haltung aus Fehlern, Krankheiten und ähnlichen Unpäßlichkeiten nicht unbedingt Schlüsse ziehen zu wollen. Aussitzen, weitermachen und hoffen, daß es trotzdem etwas zu lachen gibt. We love to entertain you! Legal, jedoch nicht abendfüllend. Entscheiden Sie selbst!
Der geheime Fieberthermometerhalter hat auch einen Namen. Er wird noch nicht verraten. Er hat auch ein Schicksal. Das zu lüften, behalten wir uns vor. Zu berichten ist jedoch, er flog Herrn Archibald Mahler, an den Brandplatz heimgekehrten Bär, entgegen, freudig erregt. Es wird gerne souverän getan beim Abschied, die Rückkehr entlarvt den Schwindel. Viel gab es zu berichten von der Reise ins
Das Rauschen des Flüßchen Dreisam draußen vor der Neuen Höhle, Archibald war es inzwischen zu einer Art hochgeschätzter Muzak geworden. Er entstieg dem Zauberkasten, der ihn den Berg hinab in die Stadt hatte gleiten lassen und da war es wieder, das Rauschen des Flüßchen. Dreisam und überall. Ein Strahlen flitzte über das Bärengesicht. Dies wiederum erfreute Ernst Albert und so gab er den Fremdenführer. Er erzählte dem Bären, daß die hier ansässigen Zweibeiner zwar gerne mal mißtrauisch und unfreundlich seien, aber auch recht gescheit. So hätten sie schon vor bald siebenhundert Jahren Wasser vom Flüßchen Dreisam abgezapft, in einem eigens angelegten Bach durch die Straßen der Stadt geleitet und sich so das Wasser, welches der schwarze Wald ihnen schenkte, zu Nutzen gemacht. Mühlen, Schmieden, Schlachtereien, Färbereien und Gerbereien siedelten sich entlang dieses Baches an. „Und da, wo Du jetzt sitzt, hängten noch vor siebzig Jahren die Fischer ihre Fischkästen mit lebenden Forellen, Weißfischen, Hechten und Aalen in den dahin eilenden Bach. Mitten in der Stadt!“ Archibald war begeistert. Frischfisch quasi Downtown? „Früher, Archibald, früher! Heute kauft man hier Ansichtskarten, esoterische Kinderbücher und Matratzen, gefüllt mit japanischem Reisstroh. Die Zeiten haben es eilig und müssen sich wohl ändern! Schade!“ Man zog weiter. Früher Sonnenschein und ermutigendes Rauschen! Weiterhin wohlgelaunt!
Wenig später saß Archibald auf einer Waschmaschine. (Präzise bleiben! Kleine Erinnerung des Setzers!) OK! Er saß auf einem der ungezählten Brunnen, welche jedem noch so kleinem Platz der Stadt ein plätscherndes Zentrum geben. Und wo heute der Besucher entweder gerührt die Digitalkamera zückt oder die überhitzten Handgelenke ins kühle Naß tunkt, schöpften früher die Frauen der Stadt das Trink- und Brauchwasser für ihre Familien oder die Bauern aus der Ebene vor der Stadt, die tagsüber ihr Gemüse den Städtern zum Kauf angeboten hatten, ließen Ochs und Eselein ein letztes Mal Wasser schlotzen vor der Heimkehr. Der Wasserhahn war noch nicht erfunden gewesen. Archibald mochte das sehr. Rechts und links von ihm prasselte es in den Brunnen. Der Fremdenführer E. A. hob wieder an zu sprechen. „Das Haus in unserem Rücken ist ein Kloster. Auch wenn Dir hier die Ohren sausen, ich spreche hier von Adelhausen. Entschuldigung! Kleiner Witz! In diesem Kloster ist zu sehen ein außergewöhnliches Kruzifix. Der Kopf des gekreuzigten Heilands ist extrem nach unten geneigt und er senkt sich weiter. Die Sage geht, sinke der Kopf vollends auf die Brust, gehe die Welt unter.“ Unter diesen Umständen bat Archibald um Aufbruch. „Jetzt, wo Herr Lenz gerade beginnt seinen Auftrag ernst zu nehmen: Hallo! Untergang, nein danke!“ Ernst Albert beruhigte den Bären. „Mein kleiner Freund! Keine Angst! Die Herren Mönche sägten einst am Nacken des Erlösers herum. So gab er der Gravitation nach!“ „Warum?“ „Angst essen Seele auf und machen Kasse voll!“
Und dann rauschten da allenthalben noch die Bächle. Eine Art Alleinstellungsmerkmal der Stadt, lange bevor man ihr den Dummnamen ‘Green City’ verordnete. Schon im Mittelalter hatten die gescheiten Aufrechtgeher vor Ort ihre Straßen mit kleinen Rinnen versehen und sie mittels eines Stollens mit Wasser aus dem Flüßchen Dreisam geflutet. In Sachen Brandschutz war das damals eine richtige Weltidee. Während ringsherum im Mittelalter die Städte Feuer fingen: hier wurde überlebt. Abgebrannt sind die Anderen. Das ist heute noch so. Klein, aber historisch nicht unbedeutend, nun dieses Bächle neben dem Archibald Mahler als Hobbylimnologe Platz genommen hatte. Er saß auf einer Treppe, die einst, im vierten Jahr der Regierung des Alten aus Bergedorf, in einen Vergnügungskeller für Langhaarige geführt hatte. Damals tanzte dort Archibalds Fremdenführer so manche Nacht, ausdauernd, trunken, den indischen Heilkräutern zugewandt, einem Weibe in die Stadt gefolgt. Ein roter Punkt im Leben des Herrn Ernst Albert. Vorbeigerauscht. Vergangenheit. Vorbeigerauschte Vergangenheit. Wie das Wasser. Vorbeigerauscht? Pustekuchen revisited! Da hinten in den Meeren, wo alles Wasser landet, steigt es wieder auf, verwolkt sich, kehrt zurück und regnet Dir auf das Haupt. Manchmal! „Komm, Archibald! Laß uns auf den Alten Friedhof gehen!“
Nichts gegen Artgenossen und einen kleinen Schwatz. Im Austausch der Gedanken und Erinnerungen findet man zu sich selbst, vergewissert sich seiner Herkunft, definiert seine Ziele und sein Wollen, stellt sich im besten Falle auch seinen unerfüllten Träumen und Lebenslügen. Doch die Gefahren allzu heftigen Austausches liegen, und dies gerade für Solitäre aller Art, auf der Hand. Wiederholung, mantrahaftes Klagen und Jammern, Schuldzuweisungen, das Besingen der Ungerechtigkeit der Welt im Großen und Besonderen, kurz und gut: die permanente Feier des wackeligen Egos und seiner absurden Ängste. Der Gedanke, frisch und klar angedacht, kann sich durchaus während des Sprechens zu einer gewissen Größe entwickeln, vielleicht sogar erst im Ausdruck seiner selbst entstehen, doch meist ist der Normalfall die Verwässerung des ursprünglich Angedachten, das Angleichen an das Gängige, furchtsames Verschweigen oder orientalische Ausschmückung von Erlebtem. Das Reden und Plappern verknotet das Hirn eher, als daß es dieses klärt. Zwei Wesen und das
Eva Pelagia und Ernst Albert waren aufgebrochen, um ganz in der Tradition des alten Geheimrates und Grüne-Soße-Fans JWvG nachzuschauen, “ob durch des Frühlings holden, belebenden Blick Strom und Bäche vom Eise befreit seien, im Tale Hoffnungsglück grüne, da der alte Winter, in seiner Schwäche, sich in rauhe Berge zurückgezogen”. Archibald wiederum zog sich zurück auf das grüne Fensterbrett, da ihn der Geruch von frischem Basilikum beim Denken unterstützte. Hier war er Bär, hier durfte er sein.
Und plötzlich überall nur noch Eier und lange Ohren. Ernst Albert und Eva Pelagia, feiertäglich gestimmt und gewiß auch mit einem Hauch von schlechtem Gewissen behaftet, was die Zumutungen, die Archibald in den letzten Tagen erleiden mußte, betrifft, hatten den Bären zum Frühstück eingeladen. Obwohl Bären nun wirklich keinen Bezug zum hartgekochten oder schokoladeumfaßten Ei haben, machte er gute Miene zum undurchschaubaren Spiel, dachte aber, daß dies für einen Solitär doch ein bißchen viel an Sozialgebimse sei. Aber was solls, von draußen schlugen Graupelkörner gegen die Fenster, man sah nix als grau.