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	<title>Archibald schaut Welt &#187; Wolziger Seelegien</title>
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	<description>Vom Bären vom Brandplatz</description>
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		<title>Wolziger Seelegien / Vierzehn / Abschied</title>
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		<pubDate>Mon, 25 Aug 2014 10:39:21 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Christian Lugerth</dc:creator>
				<category><![CDATA[Wolziger Seelegien]]></category>

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		<description><![CDATA[
So mancher Abschied mag nicht gelingen. Selbst nach wiederholtem Versuchen. Man sagt dann, es bliebe immer etwas zur&#252;ck. Ruft die Arbeit den Einen, der da auf einen See blickt und nachsinnt, bleibt nicht viel von ihm zur&#252;ck, da am See. Es besteht jedoch f&#252;r den Gerufenen durchaus die M&#246;glichkeit etwas mitzunehmen. Keine Steine, Tannenzapfen, Postkarten, [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img class="alignnone size-full wp-image-7669" title="wolz_27" src="http://archibalds-weltde.webtagebuch.net/files/2014/08/wolz_27.jpg" alt="wolz_27" width="515" height="231" /></p>
<p>So mancher Abschied mag nicht gelingen. Selbst nach wiederholtem Versuchen. Man sagt dann, es bliebe immer etwas zur&#252;ck. Ruft die Arbeit den Einen, der da auf einen See blickt und nachsinnt, bleibt nicht viel von ihm zur&#252;ck, da am See. Es besteht jedoch f&#252;r den Gerufenen durchaus die M&#246;glichkeit etwas mitzunehmen. Keine Steine, Tannenzapfen, Postkarten, Rechnungen, eher Unaussprechliches.</p>
<p>Ernst Albert packt den Koffer und Archibald Mahler schaut derweilen noch mal nach dem See. Der Sonnenuntergang war in seiner leicht pathetischen Kitschigkeit so bestellt. Archibald Mahler hielt ein eng beschriebenes Blatt Papier in der Tatze. Jemand hatte ihm dieses Schriftst&#252;ck geschenkt. Als Wegzehrung. Wer? Na, der von gestern wohl! Gewi&#223;! So oft hatte der B&#228;r am See nun schon diese Worte gelesen, da&#223; er begann sie auswendig vor sich her zu sprechen:</p>
<p style="text-align: center"><em>„Dichten hei&#223;t: nicht Schamane sein, nicht Beschw&#246;rer, nicht &#220;berredner, nicht Gef&#252;hlsexzentriker. Das hei&#223;t, nicht Gef&#252;hle &#252;ber Dinge sagen, sondern die Dinge so sagen, da&#223; sie gef&#252;hlt werden k&#246;nnen. Nicht eine Sache interessant machen wollen, sondern das Interessante der Sache entdecken. Nicht die eigene Begeisterung herausposaunen, sondern das Hinrei&#223;ende der Sache zur Sprache bringen.“</em></p>
<p>Ernst Albert trat ans Ufer, seinen B&#228;renfreund &#252;ber die bevorstehende Abreise in Kenntnis zu setzen. Der wedelt mit dem Schriftst&#252;ck.</p>
<p>„Mensch, Herr Albert, hier! Wir k&#246;nnen ja noch einiges lernen!“</p>
<p>„Hast Du es auch gefunden? Das ‚Kleine &#228;sthetische Bekenntnis’ von Georg Maurer. Hm, ja, viel k&#246;nnen wir noch begreifen.“</p>
<p>„Und wir h&#228;tten doch noch so viel zu erz&#228;hlen, vom See, dem Engel, den Wanderungen, drinnen und drau&#223;en und allem. Oder? Wir m&#252;ssen hier bleiben. Ich will nicht zur&#252;ck in die kleine h&#228;&#223;liche Stadt in Mittelhessen. Nie mehr.“</p>
<p>„Kindskopf! Budnikowski und Pelagia erwarten uns und der Musentempel ruft, laut und das leere Konto auch.“</p>
<p>„Und was ist mit den &#252;brigen Geschichten? Etliche: Vom dem Adler in mir und den T&#228;tern und Opfern. Die Flucht in die Mythen. Die Schleuse und das sinkende Niveau. Kuddels bunte Kiste. Die Wichtel im Wald und das einsame W&#252;rzfleisch. Die Blossiner Fischerh&#252;tte und die Systemreste. Der gebackene Aal, der Zander und Fischbr&#246;tchen erlegen den Schmerz. Charlie und wie ihr Vater am n&#228;chsten Tag am Nebentisch Wodka trinkt und zu laut verzweifelt. Willi mit den gl&#228;nzenden Trinkeraugen in seiner Dorfkneipe, der letztes Jahr zum ersten Mal im Westen war. Und nichts vermisst. Der alte Theatersaal in Kolberg und wie Sie dort mit Wachtmeister Krause Atem&#252;bungen machten, betrunken. Die Kirche in Dahmsdorf und das Haus, da&#223; wir dort kaufen wollen, inklusive Gr&#228;bst&#228;tte. F&#252;hmanns Reise nach Salzburg und Ihr Deja vu vom letzten November. Die Kraniche &#252;ber unseren K&#246;pfen gestern. Buckow und die Spuren der Familie von B&#252;low. Und und und.“</p>
<p>„Wir kommen zur&#252;ck, entweder hierher oder dorthin. Ich mu&#223; nun wieder nach Portugal und mich mit Herrn Pereira unterhalten!“</p>
<p>„Dann fahre ich mit Herrn Budnikowski in die Berge! Ganz allein!“</p>
<p>„Tu das!“</p>
<p>„Und wir reden nur Bl&#246;dsinn!“</p>
<p>„Auch gut! Los jetzt!“</p>
<p>„Nur wenn Sie mir im Zug <a href="http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=10572" target="_blank"><strong>mehr von diesem Maurer</strong></a> vorlesen!“</p>
<p>„Gerne!“</p>
<p>Das was Archibald Mahler an einem regnerisch kaltem Augusttag, in einem Zug kurz vor Stendal von Herrn Ernst Albert vorgelesen bekam, war eine Passage – hier aus allen Zusammenh&#228;ngen geklaut und vogelfrei zitiert &#8211; aus dem ‚Tagebuch eines Lyrikers’ von Georg Mauer, geschrieben 1949. Wie klar, wie frisch heute noch.  (Danke Herr Gunnar Decker f&#252;r <a href="http://www.deutschlandfunk.de/wandlung-als-konzept.700.de.html?dram:article_id=84221" target="_blank"><strong>die erhellende F&#252;hmann – Biographie!</strong></a>):</p>
<p style="text-align: center"><em>„ (…) &#220;ber die Toten kann man sprechen, was man will. Sie stehen nicht mehr auf, um sich zu verteidigen – oder dein Lob schamhaft zu d&#228;mmen. Sie erschlagen dich nicht, wenn du sie schm&#228;hst, sondern deine L&#252;ge erschl&#228;gt dich, sie erheben dich auch nicht, wenn du ihnen gerecht wirst, sondern deine Gerechtigkeit erhebt dich. Versprich nicht – denn, wenn man verspricht, verspricht man sich zumeist. Denn deine Zukunft gibt nichts auf dein Versprechen… Beruf dich nicht auf die Vergangenheit, um dich zu erweisen. (…) Sage, wie es um die Gegenwart steht. Denn das sind immer die s&#252;&#223;esten Worte, auch wenn es bittere Pillen sind. Denn sieh, das lebendige Blut in uns ist immer s&#252;&#223;, auch wenn es uns weh ums Herz ist. Denke &#252;ber die Vergangenheit nach, aber denke dabei, da&#223; <strong>du</strong> dar&#252;ber nachdenkst und du nicht die Wahrheit der Vergangenheit, sondern deine Wahrheit auffinden willst. (&#8230;)“</em></p>
<p>Zug fahren macht m&#252;de, Abschied auch und Heimkehr sowieso. Also ist der Herr Archibald Mahler eingeschlafen. Ernst Albert schaut f&#252;r Mahler aus dem Zugfenster in die Welt. Dem Ernst Albert ist es ein St&#252;ck weit heller als auf der Hinfahrt. Doch viel Nachsinnen noch ist weiterhin. Davon berichten? Nachsinnen. Ernst Albert packt seinen B&#228;ren &#8211; die baldige Ankunft in der kleinen h&#228;&#223;lichen Stadt ward eben ausgerufen  &#8211; und was w&#228;chst dem Mahler auf dem R&#252;cken? Fl&#252;gel gar? Bis bald!</p>
<p><img class="alignnone size-full wp-image-7670" title="wolz_28" src="http://archibalds-weltde.webtagebuch.net/files/2014/08/wolz_28.jpg" alt="wolz_28" width="515" height="205" /></p>
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		<title>Wolziger Seelegien / Dreizehn / M&#228;rchen</title>
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		<pubDate>Sun, 24 Aug 2014 19:10:38 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Christian Lugerth</dc:creator>
				<category><![CDATA[Wolziger Seelegien]]></category>

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		<description><![CDATA[
Zur&#252;ck. Wieder am See. Wieder an einem See. Am Ufer sitzen. Auf den See blicken. Man kann so ein ganzes Leben verbringen. Archibald Mahler hat sich Ernst Albert nicht ausgesucht, Ernst Albert hat Archibald Mahler auf der Stra&#223;e gefunden. Das wissen wir. Und Mahler sitzt seit vier Jahren erstaunlich oft am Ufer eines Sees. Man [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img class="alignnone size-full wp-image-7661" title="wolz_25" src="http://archibalds-weltde.webtagebuch.net/files/2014/08/wolz_25.jpg" alt="wolz_25" width="515" height="240" /></p>
<p>Zur&#252;ck. Wieder am See. Wieder an einem See. Am Ufer sitzen. Auf den See blicken. Man kann so ein ganzes Leben verbringen. Archibald Mahler hat sich Ernst Albert nicht ausgesucht, Ernst Albert hat Archibald Mahler auf der Stra&#223;e gefunden. Das wissen wir. Und Mahler sitzt seit vier Jahren erstaunlich oft am Ufer eines Sees. Man fotografiert ihn dabei, wie er an den etlichen Seen sitzt und schaut. Meist von hinten und hinter Mahler zu sehen ist dann der Teil eines Sees, einer der vielen Seen. Der Wolziger See aber ist ein besonderer See. Aber? Nix aber!</p>
<p>Ernst Albert wollte noch ein bi&#223;chen lesen, auf einer der B&#228;nke am See, die in den letzten Tagen – mangels Massen &#8211; so etwas wie sein Privateigentum geworden waren, den springenden Fischen zuschauen, einen besonders bewegenden Sonnenaufgang erleben. Den guten wahren Naturkitsch. Sommerzeit, das Leben ist einfach, die Fische springen und vor einigen Jahren hat man sogar das Sommerm&#228;rchen erfunden. Ist es nicht herrlich? Einer der &#228;lteren Herren Dauercamper tritt an die Bank und fragt Ernst Albert, ob er denn wisse, warum die Fische spr&#228;ngen? Nahrungssuche? Freude am Leben? Am Titelgewinn gar? Pustekuchen! Die springenden Fische sind kleine Fische auf der Flucht. Denn n&#228;hert sich unter ihnen ein gro&#223;er Hecht oder hungriger Barsch, kann der Sprung an die frische Luft f&#252;r sie lebensverl&#228;ngernd sein, zumindest vor&#252;bergehend. Tja, Sommerzeit, das Leben ist einfach, die Fische springen und vor einigen Jahren hat man sogar das Sommerm&#228;rchen erfunden. Ist es nicht herrlich? Der Wolziger See aber ist ein besonderer See. Heute ist er alle Seen.</p>
<p style="text-align: center"><strong><em>Heimat</em></strong></p>
<p><em> </em></p>
<p style="text-align: center"><em>Von G&#246;rsdorf der Blick / hin&#252;ber nach Allensbach / hinter Bad Saarow im Nebeldunst / der Hohentwiel / vor seinem Schatten ein Kormoran / von West nach Ost / zieht &#252;ber Launsbach eine der ungez&#228;hlten Gewitterfronten / eines Sommers / vom Baum h&#228;ngt das Seil / schwingt im Wind &#252;ber dem Wasser / gestern noch schwang und sprang hier / ein Junge / hinab</em></p>
<p>Als Ernst Albert – gem&#252;det von der Ruhe &#8211; sich auf sein Zimmer zur&#252;ckgezogen hatte, unterhielt sich Archibald Mahler noch ein wenig mit dem Engel. Gerne h&#228;tte er ein Foto davon ins Netz gestellt, &#8211; so eine Art Selfie, wie man heute sagt &#8211; aber der Engel, der Mahler seit einigen Tagen auf dieser Reise begleitete, war zwar – wie man das so erwartet – mit einem mildem und reinem Herzen ausgestattet, doch hatte er kotige Fl&#252;gel, W&#252;rmer tropften von seinen Lidern und er sah ein wenig so aus, als habe er alle Hoffnung fahren lassen, grau, m&#252;de, hager. Wie Engel nun mal aussehen, wenn sie ihrer Arbeit, eben Engel zu sein auf dieser Welt, milden und reinen Herzens nachgehen. Und wer will dies Foto sehen? Aber l&#228;cheln, das konnte er, der Engel. Und der Wolziger See l&#228;chelte mit. Aber? Nix aber! Pst! Die Seerosen &#246;ffnen gerade ihre Bl&#252;ten. Und der Herr Ernst Albert hat es so eben verpa&#223;t. Weia! Archibald Mahler wird sich wohl k&#252;mmern m&#252;ssen.</p>
<p><img class="alignnone size-full wp-image-7662" title="wolz_26" src="http://archibalds-weltde.webtagebuch.net/files/2014/08/wolz_26.jpg" alt="wolz_26" width="515" height="238" /></p>
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		<title>Wolziger Seelegien / Zw&#246;lf / Krieg</title>
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		<pubDate>Sat, 23 Aug 2014 14:25:06 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Christian Lugerth</dc:creator>
				<category><![CDATA[Wolziger Seelegien]]></category>

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		<description><![CDATA[
„Was ist das, Herr Albert?“
„Mein Gott. Am achtundzwanzigsten April. Von hier nach Berlin vielleicht noch achtzig / neunzig Kilometer! Oh ihr Aufrechtgeher, wie Du gerne sagst, Mahler!“
„Wer hat das gemacht?“
„Wahrscheinlich Angeh&#246;rige. S&#246;hne. Enkel. Nachdem der Gro&#223;e Bruder und Befreier weg war!“
„Aber die Sowjets waren doch Befreier.“
„Auch, vor allem, aber nicht nur!“
„Wer l&#228;&#223;t denn in solch [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img class="alignnone size-full wp-image-7650" title="wolz_23" src="http://archibalds-weltde.webtagebuch.net/files/2014/08/wolz_23.jpg" alt="wolz_23" width="515" height="220" /></p>
<p>„Was ist das, Herr Albert?“</p>
<p>„Mein Gott. Am achtundzwanzigsten April. Von hier nach Berlin vielleicht noch achtzig / neunzig Kilometer! Oh ihr Aufrechtgeher, wie Du gerne sagst, Mahler!“</p>
<p>„Wer hat das gemacht?“</p>
<p>„Wahrscheinlich Angeh&#246;rige. S&#246;hne. Enkel. Nachdem der Gro&#223;e Bruder und Befreier weg war!“</p>
<p>„Aber die Sowjets waren doch Befreier.“</p>
<p>„Auch, vor allem, aber nicht nur!“</p>
<p>„Wer l&#228;&#223;t denn in solch hoffnungsloser Lage sein Leben, wenn die Schlacht schon zehnmal verloren ist?“</p>
<p>„So einer wie F&#252;hmann damals vielleicht. Erst Jesuitensch&#252;ler, dann gl&#252;hender Nazi, gl&#252;cklicherweise – f&#252;r ihn &#8211; von den Sowjets nur gefangen genommen, Umerziehungslager, sp&#228;ter Jubelstalinist, Staatsschriftsteller, langsam der Zweifel, alkoholkrank, irgendwann D&#228;mmerung, Wandlung, die Trakl – Erfahrung, Sturz des Engels, Biermann, Alkohol wieder, radikale Askese noch, sich bis zum Tode aufgerieben im Krieg gegen den einst verehrten Staat!“</p>
<p>„Warum ist er nicht in den Westen, sp&#228;testens nach Biermann!“</p>
<p>„Die ekelhafte Saturiertheit da dr&#252;ben, sagte er!“</p>
<p>„Das verstehe ich ein St&#252;ck weit! Warum f&#252;hrt ihr Aufrechtgeher eigentlich st&#228;ndig Krieg?“</p>
<p>„Manchmal denke ich, weil wir unser eigenes Antlitz im Spiegel nicht ertragen k&#246;nnen. Deshalb brauchen wir dringend Feinde, wenn es geht am besten in der Gestalt eines Monsters. Und hat es sich der Krieg erst einmal bequem gemacht in den Herzen der Menschen, der Staaten, der Religionen und der Feiglinge, was dann? Na ja, weiter bis ins zehnte Glied! Und so fort!“</p>
<p>„Herr Albert, heute ist soviel Krieg auf der Welt, wie seit langem nicht mehr!“</p>
<p>„So ist das Mahler, und die, die noch vom Krieg in unserem Land erz&#228;hlen k&#246;nnten, sterben langsam aus!“</p>
<p>„Haben Sie gefragt, als Sie noch fragen konnten?“</p>
<p>„Viel zu wenig, Mahler, viel zu wenig! Viel Zeit war leider auch nicht! Deshalb die B&#252;cher. Deshalb auch F&#252;hmann. Fremde V&#228;ter!“</p>
<p>„Der Krieg bleibt in Euch wohnen, auch wenn die Enkel es nicht wahrhaben wollen?“</p>
<p>„So kann man es sehen!“</p>
<p>„Und wie ging es mit dem Monolog weiter?“</p>
<p>„Ich habe ihn ein paar Mal aufgef&#252;hrt. In der Heimat meiner Eltern. Erfurt. Jena. Rudolstadt. Weimar. Zwischen Mauerfall und Zusammenschlu&#223; Ost / West damals. Das Interesse war begrenzt. Es ist sehr anstrengend. Das wu&#223;te ich damals noch nicht.“</p>
<p>„Lassen Sie uns unter der Eiche ein wenig ruhen, Herr Albert!“</p>
<p>„Ja, das war ein voller Tag!“</p>
<p>„Bleiben Sie dran am Krieg, Herr Albert. Was da ist, ist da!“</p>
<p>„Ja, nicht anfangen zu wissen, bevor man begreift!“</p>
<p>„Und jetzt Schnauze, Aufrechtgeher!“</p>
<p style="text-align: center"><strong><em>Unter der Dorfeiche von Schwerin endet ein Tag</em></strong></p>
<p><em> </em></p>
<p style="text-align: center"><em>Einer Eintagsfliege gleich / unter Deinen Jahrhunderten / ein b&#246;iger Nordost f&#228;chelt hin&#252;ber den Geruch von Pferden / ein Kleinwagen der Diakonie h&#228;lt / ein kurzes Nicken / ein alter Mensch wird zu Bett gebracht vielleicht / Kohlwei&#223;linge tanzen &#252;berm Klee / ein M&#228;dchen streichelt sein Pferd / Wiehern und Lachen / der R&#252;cken schmerzt nicht mehr / so jung ich unter Deinen Bl&#228;ttern / Ruhe</em></p>
<p style="text-align: left"><em><img class="alignnone size-full wp-image-7651" title="wolz_24" src="http://archibalds-weltde.webtagebuch.net/files/2014/08/wolz_24.jpg" alt="wolz_24" width="515" height="216" /><br />
</em></p>
]]></content:encoded>
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		</item>
		<item>
		<title>Wolziger Seelegien / Elf / Grab</title>
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		<pubDate>Fri, 22 Aug 2014 14:43:09 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Christian Lugerth</dc:creator>
				<category><![CDATA[Wolziger Seelegien]]></category>

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		<description><![CDATA[
Archibald Mahler mag Friedh&#246;fe nicht. Au&#223;erdem ist er – bei weiterhin guter Behandlung – unsterblich. Er blieb drau&#223;en vor dem Tore und bewachte das dort abgestellte Fahrrad. In guter Gesellschaft.
Ernst Albert h&#228;lt sich gerne auf Friedh&#246;fen auf. Er findet dort die Ruhe, bevor er da zur Ruhe kommen wird. F&#252;hmanns Grab ward gefunden. Die bekannte [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img class="alignnone size-full wp-image-7637" title="wolz_21" src="http://archibalds-weltde.webtagebuch.net/files/2014/08/wolz_21.jpg" alt="wolz_21" width="515" height="258" /></p>
<p>Archibald Mahler mag Friedh&#246;fe nicht. Au&#223;erdem ist er – bei weiterhin guter Behandlung – unsterblich. Er blieb drau&#223;en vor dem Tore und bewachte das dort abgestellte Fahrrad. In guter Gesellschaft.</p>
<p>Ernst Albert h&#228;lt sich gerne auf Friedh&#246;fen auf. Er findet dort die Ruhe, bevor er da zur Ruhe kommen wird. F&#252;hmanns Grab ward gefunden. Die bekannte Inschrift lesbar noch.</p>
<p style="text-align: center"><em>„Ich gr&#252;&#223;e alle jungen Kollegen, die sich als obersten Wert ihres Schreibens, die Wahrheit erw&#228;hlt haben.“</em></p>
<p>Noch. Wie lange noch? Lesbar einerseits, als Ansto&#223; ankommend andererseits? Der Engel – linker Hand des Grabsteins – leicht geneigt nach vorne steht er, noch nicht gest&#252;rzt, seinen Kopf etwas gesenkt. In welchen Abgrund blickt er? ‚Vor Feuerschl&#252;nden’, so der Titel der Erstver&#246;ffentlichung des besagten Monologes,  einst in der ehemaligen Ex &#8211; DDR. Der Lektor / Verlag / ??? / West machten daraus: „Der Sturz des Engels“. Man mu&#223; das Buch lesen. Dann kann man dar&#252;ber reden.</p>
<p>&#8220;Was uns anstrengt, lassen wir verwittern, lassen wir verkommen.&#8221; So dachte Ernst Albert und suchte den Friedhof nach einem sch&#246;nen runden Gedenkstein ab, um ihn aufs Grab zu legen. Schwierig. Trockener Boden. Zerbrochene Ziegel. Sand. Kaum Steine, nicht mal Kiesel. Das Bier und etliche Liter Wasser fordern Freiheit. Ein Komposthaufen. Die hinterste Ecke. Brennesseln. Brusthoch. Durch den Zaun in den Wald. Sch&#228;ndung? Vor dreissig Jahren und wenigen Tagen standen sie hier und versenkten einen Sarg. Logen oder weinten. Es soll in jenem Sommer genauso hei&#223; und dr&#252;ckend gewesen sein wie heute.</p>
<p>Einen Stein gefunden, nicht rund, eckig, rauh, einst Teil eines eingest&#252;rzten Geb&#228;udes, mit H&#228;mmern (und Sicheln und Zirkeln) bearbeitet, vielleicht. Einen Zweig eines Lebensbaums dazu gelegt. Am Grab eine Bank sei Dank und sitzen und nachsinnen. Nicht der Wahrheit. Zu gro&#223; das f&#252;r heute. An diesem einen Grab nur sitzen und an den anderen Gr&#228;bern so auch sitzen. Am Grab eines untergegangenen Staats. Falscher Hoffnungen? Einst richtiger Hoffnungen auch. Des Vaters. Der Tr&#228;ume, ersoffen, mit Steinen beschwert versenkt in den Tiefen der Sachzw&#228;nge und Gier. Der Gegenentw&#252;rfe, trotzig und wohl &#252;berlegt. Des Anderen? Des nach Auschwitz einzig m&#246;glich Anderen? Einer verlorenen Liebe. Gedankenlos weggeschmissener Lieben. Liebeleien? Utopien. Illusionen. Ach, all die den Tod in Kauf nehmende Besserwisserei. Das Kettenkarussell dreht sich. Aus dem mitgebrachten Buch f&#228;llt ein Zettel, drei&#223;ig Jahre alt wohl:</p>
<p style="text-align: center"><em>&#8220;Bei dem im Impressum auf Seite 4 angegebenen Preis handelt es sich um einen Druckfehler. Der Preis f&#252;r dieses Exemplar betr&#228;gt 13,80 M.&#8221;</em></p>
<p>F&#252;hmann: Erz&#228;hlungen 1955 &#8211; 1975. Ab Seite 143:<strong> <a href="http://books.google.de/books?id=K3RDHwVfBbUC&amp;pg=PA117&amp;lpg=PA117&amp;dq=f%C3%BChmann+k%C3%B6nig+%C3%B6dipus&amp;source=bl&amp;ots=INfp607bQO&amp;sig=E3iGSiRt-kPPngMCZHKae_aBFbo&amp;hl=de&amp;sa=X&amp;ei=W1v7U4qDDcjOygO04YGABQ&amp;ved=0CEQQ6AEwBg#v=onepage&amp;q=f%C3%BChmann%20k%C3%B6nig%20%C3%B6dipus&amp;f=false" target="_blank">&#8216;K&#246;nig &#214;dipus &#8211; Eine Idylle&#8217;.</a> </strong>Die Untoten grinsen weiterhin. Penetrant bleiben die Tr&#228;ume, noch pochen sie. Vergessene Besuche. Kindliche Fragen. Feige Zweifel. Zeigefinger. Systeme. W&#252;rgegriffe weiter. Kontrollverlust verleugnet. Schuld? Wenig S&#252;hne. R&#252;ckw&#228;rts geblickt und wissen: lesen, lesen, lesen m&#252;ssen. Am Grabe weiter graben auch. Nahe des Zauns, da hinten, neben der kleinen Kapelle, eine frisch ausgehobene Grube: hinein mit dem ganzen alten Zeugs? Wirklich? Nein. T&#228;uscht Euch nicht. Noch geht es bergauf. Noch. Nichts ist vor&#252;ber. Nichts. Ein Satz F&#252;hmanns aus einem Brief an einen deutschen Kulturfunktion&#228;r gleitet vor&#252;ber: <em> </em></p>
<p style="text-align: center"><em>„Einer gr&#252;nen Bank wird vorgeworfen, da&#223; sie kein blauer Tisch ist!“.</em></p>
<p>Weia! Mittags um zwei, bei f&#252;nfunddrei&#223;ig Grad im m&#228;rkischen Schatten darf man kein Bier trinken oder besser gleich zehn.</p>
<p>Archibald Mahler hatte inzwischen sein Gespr&#228;ch mit dem Engel beendet. Man war sich nicht fremd, hatte man doch schon in der Dorfkirche von Selchow kurz miteinander gesprochen, &#196;pfel kauend.</p>
<p>„Herr Albert, vor uns liegen noch fast vierzig zu radelnde Kilometer und Sie sind mein Chauffeur!“</p>
<p>„Uff!“</p>
<p>Das Fahrrad rollte weiter, Mahler feuerte an: Gep&#228;cktr&#228;gerpoesie!</p>
<p style="text-align: center"><strong><em>F&#252;hmann ist der bessere Brecht</em></strong></p>
<p><strong><em> </em></strong></p>
<p style="text-align: center"><strong><em>Oder</em></strong></p>
<p><strong><em> </em></strong></p>
<p style="text-align: center"><strong><em>Zum Sieg geh&#246;rt die Niederlage</em></strong></p>
<p><em> </em></p>
<p style="text-align: center"><em>Wie der Maulwurf / der sich gr&#228;bt w&#252;hlt ackert / unerm&#252;dlich unerschrocken unerbittlich / durch das Bergwerk / die Stolleng&#228;nge seines Lebens / dessen getr&#252;btes Auge nicht sieht den nahenden Stiefel / einmal nur die Sonne auf seinem Fell einmal nur / Tereisias ach Tereisias / der Stiefel des Bauern / f&#228;hrt nieder / einmal nur die Sonne auf seinem Fell wollte er sp&#252;ren / der Sch&#228;del bricht als / die Sonne auf seinem Fell glitzerte sekundenlang / bevor er schob seinen Sch&#228;del hinaus ins Licht</em></p>
<p>„Mahler, wei&#223;t Du was Christa Wolf &#252;ber den Franz F&#252;hmann  geschrieben hat?“</p>
<p>„Sag an, Chauffeur!“</p>
<p>„Sie schrieb:<em> &#8216;Ja, rigoros ist er gewesen, und er war mir immer ein wenig unheimlich in seiner Unbedingtheit… Er konnte verachten, anhaltend und unvers&#246;hnlich. Aber er konnte auch – fast m&#246;chte ich sagen: vor allem – r&#252;ckhaltlos bewundern und bejahen.&#8217;</em> Ich mag das.“</p>
<p>&#8220;Kann ich mir denken!&#8221;</p>
<p>Dann lachten Archibald Mahler und Ernst Albert auf, gleichzeitig. Am Ortsausgang von M&#228;rkisch Buchholz – gewi&#223; linker Hand – &#252;ber der T&#252;r einer aufgegebenen Kneipe gr&#252;&#223;te: dieses Schild.</p>
<p>„B&#228;r Archibald Mahler, das glaube ich jetzt nicht.“</p>
<p>„Herr Ernst Albert, der Ketzer ist der erste unter den Gl&#228;ubigen!“</p>
<p><img class="alignnone size-full wp-image-7638" title="wolz_22" src="http://archibalds-weltde.webtagebuch.net/files/2014/08/wolz_22.jpg" alt="wolz_22" width="515" height="200" /></p>
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		<title>Wolziger Seelegien / Zehn / Erfahrung</title>
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		<pubDate>Thu, 21 Aug 2014 12:23:13 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Christian Lugerth</dc:creator>
				<category><![CDATA[Wolziger Seelegien]]></category>

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„Unter Dornenbogen / O mein Bruder klimmen wir blinde Zeiger gen Mitternacht.“
Obige Zeile aus einem Trakl – Gedicht als fernes Echo im Kopf. Rechter Hand das Ortsschild: ‚M&#228;rkisch Buchholz / Landkreis Dahme – Spreewald’. Zweihundert Meter weiter, auch rechts: Grabsteine, frisch behauen, ungenutzt noch. Eine Sandstein – Stele, beschriftet: ‚Naturstein Weber / Grabmale – Baumaterialien’. [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img class="alignnone size-full wp-image-7622" title="wolz_20" src="http://archibalds-weltde.webtagebuch.net/files/2014/08/wolz_20.jpg" alt="wolz_20" width="515" height="236" /></p>
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<p style="text-align: center"><em>„Unter Dornenbogen / O mein Bruder klimmen wir blinde Zeiger gen Mitternacht.“</em></p>
<p>Obige Zeile aus einem Trakl – Gedicht als fernes Echo im Kopf. Rechter Hand das Ortsschild: ‚M&#228;rkisch Buchholz / Landkreis Dahme – Spreewald’. Zweihundert Meter weiter, auch rechts: Grabsteine, frisch behauen, ungenutzt noch. Eine Sandstein – Stele, beschriftet: ‚Naturstein Weber / Grabmale – Baumaterialien’. Ernst Albert mu&#223;te kopfsch&#252;ttelnd lachen. Weber, so hie&#223; der Mann, der Ernst Albert vor mehr als zwanzig Jahren, damals an jenem Musentempel in S&#252;ddeutschland, mit dem Dichter in Ber&#252;hrung gebracht hatte. (Lieber Manfred, ich hoffe es geht Dir gut. Man arbeitet, verliert sich aus den Augen, liest gelegentlich noch vom Anderen. Gutes. Trauriges. Belangloses. Perdu!) Linker Hand die Kirche, ein Platz, ein kleiner Edekamarkt. Nachfragen. „Ja, die Franz – F&#252;hmann – Begegnungsst&#228;tte, gleich hier links die Stra&#223;e runter, f&#252;nfhundert Meter bis zur Alten Schule. Das Grab? Das Grab die andere Richtung, einen Kilometer &#252;ber den Kanal, dann links. Sieht aber nich so dolle aus, das Grab. Die Tochter. Will wohl nicht so recht.“ Das antwortete die freundliche Verk&#228;uferin. Bedanken und Wasser kaufen, viel Wasser an diesem gl&#252;henden Tag.</p>
<p>Auf einer Bank im Schatten der Kirche Rast. Die Hitze hat den mitgef&#252;hrten Proviant – Brot, K&#228;se, &#196;pfel – zu einer amorphen Masse verschmelzen lassen. Das Fell des B&#228;ren jedoch blieb verschont.</p>
<p>„Wollen Sie noch mal anrufen, Herr Albert?“</p>
<p>„Einmal noch! Gut!“</p>
<p>Ernst Albert hatte in den letzten Tagen mehrfach versucht, unter einer Nummer des Franz – F&#252;hmann – Freundeskreises jemanden zu erreichen, der ihm das ehemalige Wohnhaus des Dichters zeigen k&#246;nnte und vor allem jene Garage, in der er sich zur&#252;ckzog, um zu schreiben. M. Weber hatte ihm Fotos dieses Ortes gezeigt. Die damalige Faszination ist ihm heute noch pr&#228;sent und sp&#252;rbar. Keiner ging ans Telefon. Kein Anrufbeantworter sprang an.</p>
<p>„Wieder nix. Egal!“</p>
<p>Wenig sp&#228;ter vor der Alten Schule in M&#228;rkisch Buchholz. Eine Hinweistafel: ‚Franz F&#252;hmann &#8211; Begegnungsst&#228;tte / ge&#246;ffnet Donnerstag 14.30 h – 16.30 h’. Es war Mittwoch. Zwei Stunden Gedenken die Woche. Wenig f&#252;r einen Wichtigen! Aber wer entscheidet dies schon? Die Stra&#223;e runter: der kleinste Biergarten der Welt. Drei Tischlein, zw&#246;lf St&#252;hle unter einer Eiche.</p>
<p>„Wo, Herr Albert, setzt ihre Erinnerung ein?“</p>
<p>Und Albert erz&#228;hlte dem Herr Mahler, B&#228;r sowie aufmerksamer und kompetenter Zuh&#246;rer, wie ihn vor vierundzwanzig Jahren das erste Mal der heimt&#252;ckische und b&#246;sartige Kreuzschmerz heimgesucht hatte, ihn Wochen und mehr aus allen Bahnen geworfen hatte und wie ihm, als er in den – zwischenzeitlich schon aufgegebenen – Beruf zur&#252;ck humpelte, sein damaliger Intendant – jener Weber – vorschlug F&#252;hmanns ‚Sturz des Engels / Erfahrungen mit Dichtung’ – ein grandioses Werk &#252;ber eine lebensbegleitende und –durchforstende Erfahrung mit und durch die Gedichte Georg Trakls…</p>
<p>„Waren Sie nicht letzten Herbst auch in Salzburg, Herr Albert?“</p>
<p>„Nat&#252;rlich! Der Kapuzinerberg! Der Kreuzweg! Aber davon sp&#228;ter!“</p>
<p>…wie ihm also der Weber vorgeschlagen hatte, den ‚Sturz des Engels’ als Monolog zu arbeiten. Und er erinnerte sich, wie er damals &#8211; aufgerieben vom Liegen, vom der w&#252;rdelosen Humpelei, von Medikamenten, von Bef&#252;rchtungen – dieses Rilke – Zitat (aus Malte Laurids Brigge) im Vorwort  zum ersten Mal gelesen hatte:</p>
<p><em>„Denn Verse sind nicht, wie die Leute meinen Gef&#252;hle (die hat man fr&#252;h genug), &#8211; es sind Erfahrungen. Um eines Verses willen mu&#223; man viele St&#228;dte sehen, Menschen und Dinge, man mu&#223; die Tiere kennen, man mu&#223; f&#252;hlen, wie die V&#246;gel fliegen, und die Geb&#228;rde, mit welcher die kleine Blumen sich auftun am Morgen. Man mu&#223; zur&#252;ckdenken k&#246;nnen an Wege in unbekannten Gegenden, an unerwartete Begegnungen und an Abschiede, die man lange kommen sah, &#8211; an Kindheitstage, die noch unaufgekl&#228;rt sind, an die Eltern, die man kr&#228;nken mu&#223;te, wenn sie einem eine Freude brachten, und man begriff sie nicht… Und es gen&#252;gt auch noch nicht, da&#223; man Erinnerungen hat. Man mu&#223; sie vergessen k&#246;nnen, wenn es viele sind, und man mu&#223; die gro&#223;e Geduld haben, zu warten, da&#223; sie wiederkommen. Denn die Erinnerungen selbst <strong>sind</strong> es noch nicht.“</em></p>
<p>Selbstmitleidiges Gef&#252;hle beim Lesen damals wahrscheinlich, fern jeglichen Begreifens, Ahnung vielleicht. Heute einige Meilen die Stra&#223;e weiter runter gereist zumindest: Erfahrungen. Hoffentlich. Der Wirt des kleinsten Biergartens der Welt brachte die angeforderte Rechnung. Gro&#223;es Bier. Zwei Br&#252;hw&#252;rste. Brot. Drei Euro zehn.</p>
<p>„Fahren wir zum Friedhof, Herr Albert!“</p>
<p>„Herr Mahler, gerne bin ich Ihr Chauffeur!“</p>
<p>Mittagshitze, biergeweicht, und ein neues Echo aus Trakls Feder in Ernst Alberts Sch&#228;del:</p>
<p style="text-align: center"><em>„Der Wahrheit nachsinnen / &#8211; viel Schmerz.“</em></p>
<p style="text-align: left"><em><img class="alignnone size-full wp-image-7621" title="wolz_19" src="http://archibalds-weltde.webtagebuch.net/files/2014/08/wolz_19.jpg" alt="wolz_19" width="515" height="225" /><br />
</em></p>
<p style="text-align: left"><em><br />
</em></p>
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		<title>Wolziger Seelegien / Neun / R&#228;nder</title>
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		<pubDate>Mon, 18 Aug 2014 17:09:26 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Christian Lugerth</dc:creator>
				<category><![CDATA[Wolziger Seelegien]]></category>

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Am Rande des ausgedehnten Waldgebietes zwischen Prieros und M&#228;rkisch Buchholz wartete Herr Archibald Mahler. Herr Ernst Albert jedoch war p&#252;nktlich, also wartete Mahler nicht, denn erst wenn der Erwartete eine vereinbarte Zeitlinie &#252;berschritten hat, sich somit am Zeitkonto des Wartenden vergreift, auf diese Weise Zeit aus dem fremden Zeitkontor ins eigene Zeitlager wandern l&#228;sst, erst [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img class="alignnone size-full wp-image-7593" title="wolz_17" src="http://archibalds-weltde.webtagebuch.net/files/2014/08/wolz_17.jpg" alt="wolz_17" width="515" height="220" /></p>
<p>Am Rande des ausgedehnten Waldgebietes zwischen Prieros und M&#228;rkisch Buchholz wartete Herr Archibald Mahler. Herr Ernst Albert jedoch war p&#252;nktlich, also wartete Mahler nicht, denn erst wenn der Erwartete eine vereinbarte Zeitlinie &#252;berschritten hat, sich somit am Zeitkonto des Wartenden vergreift, auf diese Weise Zeit aus dem fremden Zeitkontor ins eigene Zeitlager wandern l&#228;sst, erst dann wird gewartet. Aber Ernst Albert ist p&#252;nktlich aus tiefer &#220;berzeugung, auch wenn er gerne den einen Satz, den George Tabori seinen Shlomo Herzl in „Mein Kampf“ sprechen l&#228;&#223;t, zitiert und ihn mit gro&#223;er Freude unz&#228;hlige Male auf den Musentempelbrettern rezitiert hatte, diesen manchmal, aber heute so nicht wahren Satz:<em> </em>„Warten ist die wahre Zeit!“</p>
<p>Mahler also wartete nicht, nutzte eigene Zeit und sann nach &#252;ber die R&#228;nder: „Ich, am Rande sitzend, blicke hin&#252;ber zum n&#228;chsten Rand, dem Rand, der, mich anblickend &#252;ber eine Lichtung hinweg, gegen&#252;ber meines Randes, der trennend, Beginn des Waldes definierend, Ende der Lichtung auch (eine Frage!), doch Rand ist. Da aber, wo ich am Rande sitze, eine Lichtung beginnt, also hinter mir ein anderer Wald endet, und dr&#252;ben dann ein Viech tritt – nicht der ertr&#228;umte Elch, hier lebt er leider nicht – hinaus auf die Lichtung, &#252;ber den Rand hinaus und hinein in die Lichtung, der Wald hinter seinem Spiegel endend, ziehe ich mich zur&#252;ck ins Dunkle, und es endet vor meiner Nase ein Wald, die Lichtung sehe ich weiterhin doch, verschattet. Die R&#228;nder bleiben, wohl &#252;berschritten. Kein Ort des Bleibens, der Rand. Verweile Rand. Bis sp&#228;ter.&#8221; Dachte Mahler mal.</p>
<p>Ernst Albert hatten die R&#228;nder stets angezogen. Stra&#223;enr&#228;nder. Waldr&#228;nder. Wundr&#228;nder. Randbezirke. Ufer. Rampen. Tresen. Ein Dichter, sein Grab in M&#228;rkisch Buchholz das Ziel, habe sich an den Rand der Welt zur&#252;ckgezogen, kann man hier und dort lesen. Klingt h&#252;bsch, sch&#246;n bildhaft, ein klein wenig schicksalsdr&#228;uend, angehaucht dramatisch auch. Am Rande der Welt also und dann: Grenzerfahrung? Man lasse sich letzteres Wort erst von einem – Verzeihung, liebe Tastatur f&#252;r die folgende Eingabe! – Extremsportler mit Inhalt f&#252;llen, anschlie&#223;end von einem Menschen, der sein ganzes Leben in der DDR lebte. Freiwillig und unfreiwillig. Noch etwas mehr als zwanzig Kilometer durch den Forst. Die Sonne ist zur&#252;ckgekehrt. Angenehme drei&#223;ig Grad im Schatten.</p>
<p>Archibald Mahler, in seiner Tasche auf dem Gep&#228;cktr&#228;ger als sehender Passagier unterwegs, verweilte zur&#252;ckgelehnt nachsinnend, da auf der heutigen Strecke weder Schlagl&#246;cher, Sandkuhlen, von Ulbricht eigenh&#228;ndig verlegte Plattenwege, noch hinterh&#228;ltiger Schotter seinen P&#246;ter plus Denkkopp ersch&#252;tterten. Er sann dar&#252;ber nach, ob eine Einrichtung der Welt als eine Scheibe nicht durchaus sinnstiftend sei. Damit sei der Rand, in diesem – ja – Fall als Endliches definiert. Beim Erreichen des Randes – Den Sicherheitsabstand nicht vergessen! Rheinfall und so! – mag man in den Abgrund blicken, angesichts des auf– und/oder eintretenden Schauderns sich seiner Endlichkeit bewu&#223;t werden und jegliche Unendlichkeiten getrost den H&#228;nden der G&#246;tter &#252;berantworten. Tod den Rekorden!</p>
<p>Ernst Alberts R&#252;cken verhielt sich freundlich, denn ruhig rollte das Rad, geradeaus meist, durch den Kiefernwald gen M&#228;rkisch Buchholz, jenen Ort am Rande der Welt, von wo aus jener Dichter – auch dies wurde schon gelesen – „der Welt den R&#252;cken zugekehrt hatte.“ Und Ernst Albert, dessen R&#252;cken heute nicht von Schlagl&#246;chern, Sandkuhlen, von Ulbricht eigenh&#228;ndig verlegten Plattenwegen, noch von hinterh&#228;ltigem Schotter maltr&#228;tiert wurde, dachte, da&#223; es vielleicht g&#228;nzlich anders sei. Das dachte er:</p>
<p style="text-align: center"><strong><em>Kurz vor M&#228;rkisch Buchholz</em></strong></p>
<p><em> </em></p>
<p style="text-align: center"><em>An den Rand r&#252;cken / an den Rand der Welt / r&#252;cken / den R&#252;cken der Welt / zugewandt / dir Welt dir zugewendet / mein R&#252;cken / dir zugewandt / suche ich nicht dich / aber einen Spiegel / zu beschreiben die Sache / nicht r&#252;hmen / nicht klagen / beschreiben / vor der Ruhe / unvollendet</em></p>
<p>Wieder bohrte sich etwas in den R&#252;cken des Radfahrers &#8211; weder Welt, noch Schmerz &#8211; die sanfte Pfote des Archibald Mahler war es. Sie wies auf eine Tafel am Rande des Weges, eine Tafel, die stand im Walde vor sich hin &#8211; sie zu finden, stand nicht in des B&#228;ren Sinn &#8211; ein Haiku sei zu lesen, auf der Tafel im Walde am Wegesrand, wenige Kilometer vor M&#228;rkisch Buchholz war es gewesen.</p>
<p style="text-align: center"><em>Schau, der junge Hirsch</em></p>
<p><em> </em></p>
<p style="text-align: center"><em>Sch&#252;ttelt ab</em></p>
<p><em> </em></p>
<p style="text-align: center"><em>Den Schmetterling</em></p>
<p><em> </em></p>
<p style="text-align: center"><em>Und schl&#228;ft</em></p>
<p><em> </em></p>
<p style="text-align: center"><em>Wieder ein</em></p>
<p style="text-align: center"><em>(Kobayashi Issa)<br />
</em></p>
<p>Kurz stand man am Rande des Weges. Dann kehrte man dem Gedicht den R&#252;cken und rollte weiter.</p>
<p><img class="alignnone size-full wp-image-7594" title="wolz_18" src="http://archibalds-weltde.webtagebuch.net/files/2014/08/wolz_18.jpg" alt="wolz_18" width="515" height="229" /></p>
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		<item>
		<title>Wolziger Seelegien / Acht / Schei&#223;wetter</title>
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		<pubDate>Sat, 16 Aug 2014 22:01:59 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Christian Lugerth</dc:creator>
				<category><![CDATA[Wolziger Seelegien]]></category>

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Diesen einen Tag gibt es immer wieder. Im Leben. Im Urlaub. Im Fu&#223;ball. Und sonst. Der Wetterteufel schei&#223;t am dicken Haufen nicht vorbei. Es regnet nicht, es sch&#252;ttet. Man erwartet jeden Moment, da&#223; die Arche Noah um die Ecke schwimmt und darf aber davon ausgehen, da&#223; man in seiner gottgegebenen Mittelm&#228;&#223;igkeit gewi&#223; kein Ticket f&#252;r [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img class="alignnone size-full wp-image-7577" title="wolz_15" src="http://archibalds-weltde.webtagebuch.net/files/2014/08/wolz_15.jpg" alt="wolz_15" width="515" height="205" /></p>
<p>Diesen einen Tag gibt es immer wieder. Im Leben. Im Urlaub. Im Fu&#223;ball. Und sonst. Der Wetterteufel schei&#223;t am dicken Haufen nicht vorbei. Es regnet nicht, es sch&#252;ttet. Man erwartet jeden Moment, da&#223; die Arche Noah um die Ecke schwimmt und darf aber davon ausgehen, da&#223; man in seiner gottgegebenen Mittelm&#228;&#223;igkeit gewi&#223; kein Ticket f&#252;r die Fahrt auf den Berg Ararat gewonnen hat. Vielleicht der Archibald Mahler mag da mitfahren, aber nicht ein durchschnittliches Gescheitle namens Aufrechtgeher. Also bleibt: man mu&#223; im Selbstmitleide seiner Verkanntheit ausrufen: „The full catastrophy!“ Sonst?</p>
<p>Der Schmerz in Ernst Alberts Kreuz l&#246;ste sich langsam auf, jedoch vor dem Fenster seines Zimmers am Wolziger See zog es sich zu. Feuchtigkeit kroch durch alle Ritzen und ins Gewebe. Offene Schleusen. (Eben nicht. Aber davon unten.) Aus Pf&#252;tzen wurden Seen, die Luftfeuchtigkeit rheumatisierte freudig vor sich hin und dann noch dieses Prasseln. Dieses penetrante Getrommel. Dieser gnadenlose Tropfenbeat. DJ Nordmeertief legt auf. Unaufh&#246;rlich, wie das Gebrabbel eines Sportreporters. Gut, nicht ganz so unertr&#228;glich, aber schlimm aber auch. „Schei&#223;wetter!“ Ernst Albert fluchte und lachte doch, da der Oberlehrer in ihm ihn daran erinnerte, wie dies Wort, dieses so oft unbedacht ausgesprochene Wort „Schei&#223;wetter“ einst entstanden. „Und, Albi, wosch es noch?“ „Klar, G&#246;bi! Also: Wie damals im Mittelalter der Durchschnittsgermane und heutige Faulsack noch nicht ans &#246;ffentliche Servicenetz angeschlossen war und man einst – so definierte man Familie &#8211; ‚ins selbe Nachtgeschirr gepisset’ (Zitat Herr Luther) oder &#8211; so bekr&#228;ftigte man die Freundschaft – ‚durchs selbe Loch geschissen’ (auch von Luther), da lie&#223; man den Topf, Krug oder welch Gef&#228;&#223; auch immer, im Zimmerlein stehen bis das der Regen wieder nieder rauschte. Dann trat man ans Fensterloch und mit entschlossenem Schwung hinaus mit dem Gesch&#228;ft auf die Gass’ und der Wasserschwall nahm den Unrat mit, wohin auch immer.“ „Genau! So isch es!“ Ernst Albert blickte aus dem Fenster und dachte: Ein ordentliches Schei&#223;wetter also braucht man und wird so t&#228;tig und r&#228;umt auf. Bene! Es hat auch lang genug gestunken im wohlfeilen Sonnenschein.</p>
<p>Herr Archibald Mahler wiederum hatte sich einen g&#228;nzlich unphilosophisch nassen Arsch zugezogen auf der Bank, auf der er sa&#223;. (‚Arsch’ darf man mit Luther sagen und die Mark Brandenburg ist sowieso Protestantenland.) Conclusio: Schleusenw&#228;rter hin und her, solch ein Wetter fesselt den Aufrechtgeher an sein Heim und deshalb in Sachen ‚Niveau hoch und dann wieder runter, um die Weiterreise der Schiffe in all den Gew&#228;ssern zu erm&#246;glichen und zu sichern’, da stellt b&#228;r fest, da iss n&#252;scht los, und: Mahler, da kannste dich vom Acker machen. Und jetzt sitzt folgenderma&#223;en der B&#228;r am Rand eines Ackers und bemerkt, da&#223; so ein ‚Schei&#223;wetter’ doch eine rechte Freude ist. Herrliche Einsamkeit! Diese Ruhe. H&#246;rst du? Eben! Herrlich.</p>
<p>Ernst Albert aber ist unruhig. Er hatte dem Archibald Mahler doch versprochen, ihn an der Schleuse in Kummersdorf abzuholen, um dann nach M&#228;rkisch Buchholz zu radeln. „Schei&#223;wetter!“</p>
<p>Archibald Mahlers Fell saugt sich mit Wasser voll, aber bevor er zu schwer wird, schreibt er ein Verslein, welches er morgen dem Ernst Albert &#252;berreichen k&#246;nnte, wenn der ihn abholen will und die Sonne zur&#252;ckgekehrt sein wird.</p>
<p style="text-align: center"><strong><em>Schei&#223;wetter</em></strong></p>
<p><em> </em></p>
<p style="text-align: center"><em>&#220;ber dem Kopf / dem von vorgestern / den zu verlieren ich anstrebte / &#252;ber allem was mir noch fremd / flogen Schwalben dahin / Die n&#228;chste Hitze / die da kommen mag / dr&#252;ckt alle M&#252;cken / zu Boden.</em></p>
<p style="text-align: left"><em><img class="alignnone size-full wp-image-7579" title="wolz_16" src="http://archibalds-weltde.webtagebuch.net/files/2014/08/wolz_16.jpg" alt="wolz_16" width="515" height="208" /><br />
</em></p>
<p style="text-align: left"><em><br />
</em></p>
]]></content:encoded>
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		<item>
		<title>Wolziger Seelegien / Sieben / Schmerz</title>
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		<pubDate>Fri, 08 Aug 2014 16:36:29 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Christian Lugerth</dc:creator>
				<category><![CDATA[Wolziger Seelegien]]></category>

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		<description><![CDATA[
Nicht vom Diffusen sprechen, nicht von den Tunneln und Sch&#228;chten, die das Fundament durchziehen, auf dem dein Haus stehen mag, nicht vom Pathos falscher Reue, nicht von Scham und Selbstekel, nicht vom wolkenverhangenen Blick in einen Spiegel, der sich auch nennen mag „Der Andere“, nicht von den alten Bildern, die immer wieder scheppernd von den [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img class="alignnone size-full wp-image-7550" title="wolz_13" src="http://archibalds-weltde.webtagebuch.net/files/2014/08/wolz_13.jpg" alt="wolz_13" width="515" height="198" /></p>
<p>Nicht vom Diffusen sprechen, nicht von den Tunneln und Sch&#228;chten, die das Fundament durchziehen, auf dem dein Haus stehen mag, nicht vom Pathos falscher Reue, nicht von Scham und Selbstekel, nicht vom wolkenverhangenen Blick in einen Spiegel, der sich auch nennen mag „Der Andere“, nicht von den alten Bildern, die immer wieder scheppernd von den W&#228;nden fallen, nicht von Schuld und Schulden, nicht von &#252;berzogenen Krediten, nicht vom Wolkenkratzer Erwartung, nicht vom Canyon Realit&#228;t, nicht vom klagenden Blick auf die Quittungen, die auf deinem Nachttisch liegen, nicht von den gnadenlos kichernden Nachtmaren, nicht sprechen von einer dieser Varianten, die wir gerne betiteln als  einen Schmerz. Mit Antonio Tabucchi dies:</p>
<p style="text-align: center"><strong><em>Plop, plopp, plopp, ploppp:</em></strong></p>
<p style="text-align: center"><em>„Der Schmerz, der ihn weckte, lief &#252;ber das linke Bein, von der Leiste bis zum Knie, aber der Ursprung sa&#223; woanders, das wu&#223;te er inzwischen allzu gut. Mit dem Daumen glitt er vom Stei&#223;bein er nach oben, und als er zwischen dem dritten und dem vierten Wirbel angelangt war, versp&#252;rte er im ganzen K&#246;rper eine Art Stromschlag. Als ob sich an dieser Stelle ein Radiosender bef&#228;nde, der seine Wellen &#252;berallhin sendete, vom Hals bis in die Zehenspitze. Er versuchte sich im Bett umzudrehen. (…) Er betrachtete seine Zehen und dachte an den armen jungen Mann aus Prag, der eines Tages v&#246;llig verwirrt aufgewacht war, weil er nicht auf dem R&#252;cken, sondern auf einem Panzer lag, zur Decke seines kleinen Zimmers aufblickte – die er sich aus irgendeinem Grund himmelblau vorstellte -, die behaarten Beinchen vergeblich zu bewegen versuchte und sich fragte, was er tun solle. (…)“</em></p>
<p>Ernst Albert hatte gestern Abend versucht sich mit dieser Erz&#228;hlung m&#252;de zu lesen, was ihm nicht wirklich gelang, weil er selten zuvor sein altes R&#252;ckenleiden so ‚sch&#246;n’ beschrieben gelesen hatte. Die Hilflosigkeit und die blinde Wut und das  Staunen dar&#252;ber, was ein Leib so alles vermag. Heute nun war er an einer der ungez&#228;hlten, kleinen und wunderbaren Badestellen an einem der vielen kleinen Seen in der Mark ins warme Wasser gestiegen. Er trieb auf dem R&#252;cken dahin, ihm war leicht, er sang vor sich hin und ihm war – oh bittere Euphorie – als r&#246;che er die Ahnung einer anderen Richtung, die so ein vermaledeites Leben einschlagen k&#246;nne, sein innerer Jubel stieg wie Seifenblasen hinauf in den Mittagshimmel. Plop, plopp, plopp, ploppp! Si, si, Signore Tabucchi! An Land, gekr&#252;mmt die Badehose wechseln wollend, das Handtuch um die H&#252;fte geschlungen, auf einem Bein balancierend wie ein trunkener Storch, um seine Scham zu verbergen vor zwei 80 -  j&#228;hrigen Damen, richtete er sich wieder auf, als der altbekannte Schmerz ihn durchscho&#223;, so heftig wie schon lange nicht mehr, dieser miese Schmerz sich wie ein Messer zwischen seine abgescheuerten Wirbel bohrte und der Atem still stand, erkl&#228;rt Ernst Albert.</p>
<p>Einige hundert Meter weiter musste man das Rad und sein Leben schieben. Eine Bank. Albert und Mahler verharren. B&#228;r entspannt. Aufrechtgeher leicht panisch. Sitzversuch. Gehen. Sitzversuch. Gehen. Hilflos warten. Zu sich zu kommen. Versuch. Tabletten. Bier. Ein nun sehr lauter Fluch, feucht im Augenwinkel. Archibald Mahler, nebenberuflich ein erfahrener Tr&#246;ster, greift zum Herrn Brecht. Man mag ihn eigentlich nicht, den eitlen Sack, der – immer noch &#8211; Leitstern f&#252;r etliche eitle Monomanixe im Zirkus Musentempel. Dennoch: manchmal h&#246;rt man den Alten gern:</p>
<p style="text-align: center"><strong><em>Alles wandelt sich</em></strong></p>
<p><em> </em></p>
<p style="text-align: center"><em>Alles wandelt sich. Neu beginnen / Kannst du mit dem letzten Atemzug. / Aber was geschehen, ist geschehen. Und das Wasser / Das du in den Wein gossest, kannst du  / Nicht mehr heraussch&#252;tten.</em></p>
<p><em> </em></p>
<p style="text-align: center"><em>Was geschehen, ist geschehen. Das Wasser / Das du in den Wein gossest, kannst du / Nicht mehr heraussch&#252;tten, aber / Alles wandelt sich. Neu beginnen / Kannst du mit dem letzten Atemzug.</em></p>
<p>Das Bier ward leer. Der R&#252;cken antwortete wieder. Etwa acht Kilometer noch von dieser Bank aus zur&#252;ck nach Hause – die H&#228;lfte davon ist Kopfsteinpflaster. Halleluja! Man &#252;berlebte im ersten Gang. Jetzt liegt der Malade im Bett und die Medizin beginnt zu wirken.</p>
<p>„Herr Albert, ich lasse Sie jetzt alleine!“</p>
<p>„Wohin?“</p>
<p>„Ich gehe nach Kummersdorf!“</p>
<p>„Nicht &#252;bertreiben! Wird schon wieder!“</p>
<p>„Nein, keine Symbolik. Die Schleuse ist mein Ziel!“</p>
<p>„Ach, dort hinter Philadelphia!“</p>
<p>„Ja. Ich will den Schleusenw&#228;rter besuchen. Vielleicht lerne ich was.“</p>
<p>„Wie?“</p>
<p>„Also, Niveau senken und wieder heben und senken. Den ganzen Tag!“</p>
<p>„Das ist gut!“</p>
<p>„Ruhen Sie sich aus. Und das unten noch f&#252;r Sie. Bis bald!“</p>
<p style="text-align: center"><strong><em>Kummersdorfer Klugschei&#223;erei von Archibald f&#252;r Ernst</em></strong></p>
<p><em> </em></p>
<p style="text-align: center"><em>Und die Frage bleibt / warum das sich b&#252;cken / geschmeidig / der Schwerkraft folgt, / w&#228;hrend der stechende / Schmerz beim Versuch, / sich wieder aufzurichten, / hohnlacht. / Dieser miese Hund.</em></p>
<p style="text-align: left"><em><img class="alignnone size-full wp-image-7551" title="wolz_14" src="http://archibalds-weltde.webtagebuch.net/files/2014/08/wolz_14.jpg" alt="wolz_14" width="515" height="204" /><br />
</em></p>
]]></content:encoded>
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		<item>
		<title>Wolziger Seelegien / Sechs / Wind</title>
		<link>http://archibalds-weltde.webtagebuch.net/2014/08/07/wolziger-seelegien-sechs-wind/</link>
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		<pubDate>Thu, 07 Aug 2014 10:58:51 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Christian Lugerth</dc:creator>
				<category><![CDATA[Wolziger Seelegien]]></category>

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		<description><![CDATA[
Biegst du, &#252;ber den alten Plattenweg von G&#246;nsdorf her kommend, am Dorfplatz von Klein Schauen (Kopfsteinpflaster, Dorfeiche, Feuerwehrhaus mit Storchennest, Kirche, Bushaltestelle) rechts ab, kommst du nach Gro&#223; Schauen. Durchquerst du – dich links haltend – den dortigen Dorfplatz (Kopfsteinpflaster, Dorfeiche, Feuerwehrhaus mit Storchennest, Kirche, Bushaltestelle), befindest du dich wieder in einem Kiefernwald. Fahr weiter [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img class="alignnone size-full wp-image-7531" title="wolz_11" src="http://archibalds-weltde.webtagebuch.net/files/2014/08/wolz_11.jpg" alt="wolz_11" width="515" height="232" /></p>
<p>Biegst du, &#252;ber den alten Plattenweg von G&#246;nsdorf her kommend, am Dorfplatz von Klein Schauen (Kopfsteinpflaster, Dorfeiche, Feuerwehrhaus mit Storchennest, Kirche, Bushaltestelle) rechts ab, kommst du nach Gro&#223; Schauen. Durchquerst du – dich links haltend – den dortigen Dorfplatz (Kopfsteinpflaster, Dorfeiche, Feuerwehrhaus mit Storchennest, Kirche, Bushaltestelle), befindest du dich wieder in einem Kiefernwald. Fahr weiter und geradeaus Richtung SSW. Nach einem oder vielleicht zwei Kilometern stellst du dein Rad ab, nimmst den Trampelpfad linker Hand durch kniehohe Wiesen und Felder, bereitest dich auf einen Gro&#223;angriff hungriger Stechm&#252;cken vor und findest nach einer halben Stunde den Turm.</p>
<p>Archibald Mahler sa&#223; auf dem Holzgel&#228;nder, welches die oberste Aussichtplattform des Turmes sicherte, gesch&#228;tzte zwanzig Meter &#252;ber den Erdboden. Man sollte anmerken, da&#223; im Laufe des Tages ein t&#252;ckisch b&#246;iger Nordost – Wind eingesetzt hatte. Dieser unberechenbare – noch direkt von vorne kommende &#8211; Wind dr&#252;ckte Mahler gegen den Pfosten, an den ihn Herr Ernst Albert mit der ihm eigenen Risikobereitschaft (ja, nat&#252;rlich steigt da der eh schon zu hohe Blutdruck &#228;ngstlich an) gesetzt hatte. Herr Mahler war aber zu besch&#228;ftigt mit dem gro&#223;en Schauen, als da&#223; er sich der existentiellen Wackeligkeit seiner Position bewu&#223;t werden konnte. Weites Land. Leeres Land. Stilles Land. Keine Aufrechtgeher. Nun gut, die Spuren eines fetten Jeeps unten im Gras sichtbar und den Turm mu&#223; ja auch jemand gebaut haben … egal!</p>
<p>Ernst Albert griff behende zu, in jenem Moment als eine seitliche B&#246;e den besten aller B&#228;ren schon ergriffen hatte und in den j&#228;hen Abgrund schleudern wollte, mu&#223;te aber daf&#252;r das Notizheft, welches er bei sich f&#252;hrte, um Eindr&#252;cke und Hirnskizzen festzuhalten, au&#223;er acht lassen und einige lose Bl&#228;tter segelten Richtung Abgrund oder … nun: irgendwohin. Dummerweise hatte der Wind die ersten Seiten der allerersten Notate, die im ICE kurz hinter Stendal zur Niederschrift gebracht wurden, erfa&#223;t. Keine gro&#223;e Kunst, eher Dokument eines nicht wirklich erfreulichen Zustandes von Leib und Seele, aber nun mal notiert und ein Beginn und der Vollst&#228;ndigkeit halber durchaus von gewisser, auch emotionaler Bedeutung. Dreimal den Turm hoch und runter, Mahler inzwischen windfest verstaut. Etliche Fl&#252;che, dumme Selbstbeschimpfungen trug der Wind &#252;ber den Schauener See. Dem war es gleich. Die Suche blieb erfolglos.</p>
<p>Archibald Mahler bot ein kleines St&#252;ckchen &#220;berbr&#252;ckungsvers an.</p>
<p style="text-align: center"><em><strong>Heimat eins</strong></em></p>
<p><em> </em></p>
<p style="text-align: center"><em>Ich mag nicht mehr vergleichen. / Ich mag dort sein, / wo ich gewesen war. / Bleiben, / wo ich sein werde. / Der Wind weht mich ins / Nirgends. / &#220;berall.</em></p>
<p>Ernst Mahler dankte, unwirsch noch, doch erfreut &#252;ber einen Denkansto&#223;. &#220;bers Reisen, die Heimat, Aufbr&#252;che, Abbr&#252;che und Wiederkehr, Scheitern, die Kunst und die Worte generell galt es noch intensiv nachzusinnen. Aber erst nach M&#228;rkisch Buchholz. Ein vierter Abstieg vom Turm, man brach auf.</p>
<p>„Herr Albert, schauen Sie mal, was da im Gras liegt.“</p>
<p>„Wahnsinn, ich glaube es nicht. Vom Turm bis zu diesem W&#228;ldchen, das sind ja fast zweihundert Meter. Unfa&#223;bar!“</p>
<p>„Herr Albert, bitte messen Sie dem Fund Ihrer Notate keine allzu gro&#223;e Bedeutung bei! Dank gen&#252;gt“</p>
<p>„Ja, Gott sei Dank! Sie, bester Mahler, w&#228;ren bestimmt nicht so weit geflogen!“</p>
<p>„Wer wei&#223;?“</p>
<p><img class="alignnone size-full wp-image-7532" title="wolz_12" src="http://archibalds-weltde.webtagebuch.net/files/2014/08/wolz_12.jpg" alt="wolz_12" width="515" height="196" /></p>
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		</item>
		<item>
		<title>Wolziger Seelegien / F&#252;nf / &#196;pfel</title>
		<link>http://archibalds-weltde.webtagebuch.net/2014/08/06/wolziger-seelegien-fuenf-aepfel/</link>
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		<pubDate>Wed, 06 Aug 2014 10:07:24 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Christian Lugerth</dc:creator>
				<category><![CDATA[Wolziger Seelegien]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://archibalds-weltde.webtagebuch.net/?p=7513</guid>
		<description><![CDATA[
Nat&#252;rlich l&#228;uteten keine Kirchenglocken den Weg zu weisen in den W&#228;ldern zwischen Klein – Eichholz, Streganz und Selchow, in den knirschend trockenen W&#228;ldern, die Archibald Mahler auf dem Gep&#228;cktr&#228;ger eines Mietrades querte, froh gelaunt, offenen Auges, lauschenden Ohres, keineswegs leidend unter der gl&#252;henden Hitze, die selbst in die letzten Zipfel des Waldschattens gekrochen war, Stamm, [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img class="alignnone size-full wp-image-7514" title="wolz_09" src="http://archibalds-weltde.webtagebuch.net/files/2014/08/wolz_09.jpg" alt="wolz_09" width="515" height="232" /></p>
<p>Nat&#252;rlich l&#228;uteten keine Kirchenglocken den Weg zu weisen in den W&#228;ldern zwischen Klein – Eichholz, Streganz und Selchow, in den knirschend trockenen W&#228;ldern, die Archibald Mahler auf dem Gep&#228;cktr&#228;ger eines Mietrades querte, froh gelaunt, offenen Auges, lauschenden Ohres, keineswegs leidend unter der gl&#252;henden Hitze, die selbst in die letzten Zipfel des Waldschattens gekrochen war, Stamm, Ast, Laub, Nadel, Moos, Gr&#228;ser, alles d&#246;rrte und zerm&#252;rbte, doch nicht das Hirn des B&#228;ren, denn Mahler wu&#223;te, wer unterwegs ist, kommt irgendwo an, ben&#246;tigt keine Hinweise, sei es auf Tafeln, von oben nicht oder unten oder sonstwo her, es gen&#252;gt dem Impuls zu folgen und weiter geht man. Erst jener, der sich verlaufen hat, macht die Augen auf. Und so fand Mahler eine unbeschilderte Kreuzung im tiefen Forst weitaus interessanter als eine ausf&#252;hrlich beschilderte.</p>
<p>Ernst Albert h&#228;tte Archibald Mahler da gerne r&#252;ckhaltlos zugestimmt, aber der R&#252;cken, die Oberschenkel, der brennende Nacken, das klebende Hemd sowie Alter, Herkunft und Werdegang meldeten Bedenken an. Kontrolle! Plan! Pr&#228;zision! Eindeutigkeit! Der hervorgesto&#223;ene Fluch richtete sich jedoch gegen den Absender selbst und machte umgehend Platz einem vagen Wunsch, daran glauben zu k&#246;nnen, ja sogar darauf vertrauen zu k&#246;nnen, da&#223; ein Umweg zu einem neuen, gar die Augen &#246;ffnenden, vielleicht still gew&#252;nschten, erhofften Ziel f&#252;hren m&#246;ge, da&#223; eben die vielbesungene Koinzidenz, da&#223; diese, wissend, vorhersehend, den Reisenden f&#252;hrt! Von wo? Wer?</p>
<p>Selchow! Ein Stra&#223;endorf, das sich zwischen zwei W&#228;ldern durch abgeerntete Felder windet, einer bewohnten Schlange gleicht, in deren Mitte, als habe die Schlange ein gro&#223;es Kaninchen herunter gew&#252;rgt (Verzeihung f&#252;r dieses Bild, bester Herr Budnikowski!), ein ovaler Platz sich auftat, uralte Eichen, das Feuerwehrhaus mit Schlauchturm, Storchennest (unbewohnt) und die Kirche. Freundliche Ruhe, ein Traktor rattert vor&#252;ber, ein &#228;lteres Ehepaar f&#252;hrt den Hund spazieren, man gr&#252;&#223;t, entspannt. In der offenen Kirche empf&#228;ngt wohltuende K&#252;hle, einer der an der Pforte angek&#252;ndigten Engel f&#228;chelt Luft zu und reicht ein Blatt. Ein Text von Hans Dieter H&#252;sch. Ernst Albert erinnert sich an den Geschichtenerz&#228;hler und Prediger vom Niederrhein, erinnert dessen knarzende, nasale Stimme und den Sound der elektrischen Tischorgel, mit der er seine rasend vorw&#228;rts st&#252;rmenden Wortkaskaden begleitete, gliederte, durchscho&#223;. Ernst Albert las:</p>
<p style="text-align: center"><em><strong>Juni – Psalm:</strong> </em></p>
<p style="text-align: center"><em>Herr, es gibt Leute, die behaupten, der Sommer k&#228;me nicht von dir. / Und begr&#252;nden mit allerlei und vielerlei Tamtam und Wissenschaft und Hokuspokus, / da&#223; keine Jahreszeit von dir geschaffen und da&#223; ein Kindskopf jeder, der es glaubt. / Und da&#223; doch keiner dich bewiesen h&#228;tte und da&#223; du nur ein Hirngespinst./ Ich aber h&#246;r nicht drauf und h&#252;lle mich in deine W&#228;rme. / Und saug mich voll mit Sonne und la&#223; die klugen Rechner um die Wette laufen. / Ich trink den Sommer wie den Wein. Die Tage kommen gro&#223; daher / und abends kann man unter deinem Himmel sitzen und sich freuen, da&#223; wir sind und unter deinen Augen leben.</em></p>
<p>Ein Gebet sprechen? Warum nicht! F&#252;r diesen Tag galt es sich zu bedanken. Und f&#252;r den Umweg erst recht. Wo das Gl&#252;ck einen hinf&#252;hrt.</p>
<p>Archibald Mahler sa&#223; derweilen auf den Stufen vor der Pforte und besch&#228;ftigte sich mit dem Reiseproviant. &#196;pfel aus dem hiesigen Pfarrgarten. &#196;pfel! Pfarrgarten! Der Garten Eden! Die Erkenntnis! Das Feigenblatt! Paris und Helena und Aphrodite! Der Krieg um Troja! Die Odyssee! Weia! However: an apple a day, keeps the doctor away.</p>
<p>&#8220;Herr Albert, da gibt es doch so ein altes Gedicht, von dem Mann, der an die Kinder &#196;pfel verteilte und als er tot war, wuchs der Baum aus seinem Grab und das war doch auch hier irgendwo in der Gegend!“</p>
<p>„Fast, Herr Mahler, fast! Aber in diesem Gedicht handelte es sich um eine Birn’, die der gute Herr von Ribbeck auf Ribbeck an die Jungs und Dirn’ verteilte!“</p>
<p>„Kann man eigentlich, statt zu beten, auch so einen Apfel essen?“</p>
<p>Das waren die Fragen, f&#252;r die Ernst Albert seinen B&#228;ren liebte. Die &#196;pfel mundeten sehr.</p>
<p><img class="alignnone size-full wp-image-7515" title="wolz_10" src="http://archibalds-weltde.webtagebuch.net/files/2014/08/wolz_10.jpg" alt="wolz_10" width="515" height="243" /></p>
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