AUCH EINE SONNE DER ERINNERUNG WÄRMT UND DANN AUFBRUCH

Manchmal nehmen sie es aber auch sehr genau, die Herren und Damen Aufrechtgeher. Archibald Mahler, Bär vom Brandplatz unter Plagiatsverdacht, sieht sich also gezwungen das ein oder andere richtig zu stellen:
Ja, der Deutsche Wetterdienst hat vollkommen recht, wenn er den Bären darauf hinweist, daß gestern die Sonne über Mittelhessen nicht schien und wenn, dann lediglich zwischen fünfzehn und sechzehn Uhr kurz durch die Wolken lugte. Sollte zu dieser Zeit der Bär immer noch auf der Lehne des roten Sofas gesessen haben, könnte ihn niemals ein Sonnenstrahl gewärmt haben, da das Fenster des Wohnzimmers der Höhle eher gen Südosten weist. Herr Archibald Mahler gesteht hiermit ein, sich gestern vorrangig an der Sonne der Erinnerung gewärmt zu haben.
Ja, das Foto, welches den gestrigen Beitrag headerte, war schon mal auf dieser Seite veröffentlicht worden und zwar ganz genau vor einem Jahr. Allerdings ein anderer Bildausschnitt und ein anderes Format und auch thematisch in einem anderen Zusammenhang. Der Bär dankt der INFO (Internationale der Netzforscher) für den Hinweis. Außerdem möchte der Bär – um weiteren Mahnungen Vorschub zu leisten – darauf hinweisen, daß obiges Foto auch aus dem Jahre 2010 stammt (Aufnahmezeitpunkt 3. 3. 2010, 11:13h). Allerdings ist er – natürlich in enger Absprache mit dem Deutschen Wetterdienst – berechtigt, zu bemerken, daß heute in Mittelhessen die Sonne scheint, insbesondere auch zwischen elf und zwölf Uhr vormittags und somit Foto, Sonne und Text zumindest wieder in einem gewissen Sinnzusammenhang stehen.
Nein, der Bär denkt nicht an Rücktritt, sondern lediglich an Aufbruch. Er möchte dem Mann mit den angeklebten Haaren, dessen Rücktrittskonzert er vorgestern mit Frau Eva Pelagia im Bilderapparat gesehen hatte, lediglich fragen, warum er sich nicht dieses Lied für den Nachhauseweg gewünscht hat. Aber wahrscheinlich sind da zu viele Noten drin, die sich die Blaskapelle nicht merken kann. Oder diese ekelhaften Reichsparteitagsfackeln brennen nicht so lange. Oder selbst der größte Schmierenkomödiant schafft es nicht zehn Minuten lang Rührung zu spielen.
„Menno, diese Aufrechtgeher! Ganz schön anstrengend!“ Archibald kratzt sich am Pöter, wie er das nun mal gerne tat, tut und weiterhin tun wird. Ist er jetzt schon wach oder nicht? Um ihn herum samstägliches Leben. Eva Pelagia rauscht durch die Höhle und räumt. Sie bringt den Müll nach unten. Die Haustür steht offen. Archibald hadert. „Jetzt schon?“ Herr Ernst Albert röchelt hinter verschlossener Türe. Er liegt im Bett. Der Magen rumort. „Magen! Sehr gutes Stichwort!“ Es ist nun mal gute, alte Bärensitte nach dem Ende des Winterschlafes Magen und Darm einer grundsätzlichen Reinigung zu unterziehen. Ein Bär tut dies indem er in den ersten Wochen nach dem Erwachen eine Blätter – und Grasdiät hält. Also? Noch steht die Türe offen. Der Wald ruft. Eine Woche Zweibeiner reicht. Schritte im Treppenhaus. Schnell! Der Bär macht sich vom Acker.
(Nachsatz aus aktuellem bzw jetzt nicht mehr aktuellen Anlaß: Donnerstag ist natürlich nicht vorgestern und heute nicht samstägliches Treiben. Aber obiges sollte schon längst gesagt gewesen sein, doch der Netzbediener war zweieinhalb Tage außer Gefecht. Dig it!)
ARCHIBALD M. UND DIE ENTLEHNUNGEN

„Von Kamelle befreit sind Tisch und Fell
Durch der Scheibe schlierig verstaubtes Glas,
Sieh, narrenleere Straßen. Zu Ende der Spaß.
Der alte Winter, nicht allzu schnell
Zog sich in rauhe Berge zurück
Und rumpelt dort ein letztes Drohen.
Ein Sofa ist des Bären Glück.
Auf roter Lehn, vor weißer Wand,
Die Nase von der Sonn geleckt
Wacht auf ein Geist und denkt sich was,
Ein neues Jahr hat er entdeckt.
Zufrieden jauchzt er, atmet ein:
Hier bin ich Bär, hier darf ichs sein!“
Archibald Mahler hat sich aufs rote Sofa gesetzt. Wenn die Sonne scheint und der Baum vor dem Fenster noch nicht wieder vollständig beblattet ist, ist das hier ein kostenfreies Sonnenstudio. Zwischen elf und zwölf am Morgen. Genau das, was ein verpennter Denkbär braucht. Und was gibt es Schöneres als ein neues Jahr mit einem eigenständig handgedachten Poem zu begrüßen?
Ernst Albert stürmt in den Raum. „Geht das auch was dezenter?“, murmelt der Bär. Wieder wedelt Herr Albert mit einer Zeitung. Soll ihn das jetzt das ganze Jahr über begleiten, die wedelnde Printmedie? Archibald Mahler kräuselt die sonnenwarme Stirn. „Plagiate! Quellen! Fußnoten!“ Der Bär versteht kein Wort. „Der Bärenartikel von Mittwoch. Wer? Wo? Wann? Quellenangabe!“ Ernst Albert entdeckt das Jahresbegrüßungsgedicht seines kleinen Haus – und Höhlenreimers. Entsetzen. Hände schlagen über dem Haupt zusammen. Luft vibriert. „Man entlehnt! Man entlehnt dreist beim heiligen Geheimrat! Bei allen Musen dieses Erdenballes! Kaum erwacht, schon fremdgedacht!“ Reuig neigt der Bär das Haupt, jedoch sich keiner Schuld bewußt. Ernst Albert berichtet, was der Herr Mahler verschlafen. Die wundersame Geschichte von Ken und Barbie zu Guttenberg – Bismarck, welche so gerne König und Königin geworden wären, aber zu eitel waren, um so klug zu sein, sich nicht beim Bescheißen erwischen zu lassen. Von Kohorten von zukünftigen Untertanen und Speicheltrinkern, die ihre Steuerhinterziehereien, Rechtsüberholereien und sonstigen Linkereien durch den Herrn Baron und seine spendenhinterziehende Begleitpuppe im Lichte allzumenschlichem Märtyrertums gespiegelt sehen wollen. Und von schuhschwenkenden Intelligenzlern, die ihre eigenen Doktorarbeiten vielleicht doch noch einmal durchsehen sollten. Könnte ja sein?
Was das jetzt bedeute für einen Bär auf einem roten Sofa, möchte Archibald Mahler, momentan perplexer Bär vom Brandplatz, von seinem Chef und Aufrechtgeher wissen. „Alle Entlehnungen angeben, kapiert!“ Und rauscht ab der Herr. In den Musentempel. „Fängt ja gut an, dieser Berg von Jahr!“ Aber da seine geistige Integrität ihm am Herzen liegt, vermerkt der Bär folgendes: Die Erkenntnisse des Aschermittwochs über den Winterschlaf sind hier entlehnt und was kursiv im Poeme oben, hat der ehrenwerte und hochgeschätzte Geheimrat gedichtet! Weia! George Harrison hilf!
EIN ATEMZUG PRO MINUTE ENTLASTET DIE WELT

Am Aschermittwoch ist alles vorbei. So ein Quatsch aber auch! Archibald Mahler versucht – und das ist mühsam genug – zu erwachen und sein System wieder in Schwung zu bringen. Er betrachtet sich nicht als Anfänger, Wiedereinsteiger oder Neustarter, nein, er macht lediglich weiter. Er war nie weg! Er hat geschlafen. Und „alles vorbei“ ist Zweibeinerkokolores. Spurenelemente von allem, was da mal geschah, machen das aus was man nennt: Meine Identität. Zumindest bei einem nachsinnenden Bären. Aber so weit war Archibald noch gar nicht. Mental und in Sachen Tiefenschärfe. Also sitzt er auf dem Küchentisch und weil er noch nicht die Kraft und Laune hat unter dem Kamellenberg hervorzukrauchen und auch keiner der werten Aufrechtgeher in seiner Höhle es für nötig gehalten hat ihn freizubuddeln, sitzt er eben da wo er sitzt und atmet ein und wieder aus. Pustekuchen!
Ernst Albert kommt von der Arbeit. Er schwingt eine Zeitung durch die Küchenluft. „Lausche Bär, man spricht von Dir.“ Und er liest dem Bären vor: „Seinen Stoffwechsel fährt der Schwarzbär im Winter auf ein Viertel der im Sommer üblichen Rate zurück. Erstaunlicherweise sinkt seine Körpertemperatur nur um fünf oder sechs Grad auf etwa 30 Grad Celsius. Daß ein Tier bei dieser vergleichsweise hohen Körpertemperatur monatelang überleben kann, obwohl sein Stoffwechsel nur minimal arbeitet, überraschte auch die Forscher. Hinzu kommt, daß der Bär nach dem Ende seines Winterschlafes bis zu drei Wochen braucht, bis er seinen Stoffwechsel wieder vollständig auf den Sommermodus hochgefahren hat. Sehr sparsam gehen die Bären im Winter auch mit ihrem Atem um: Lediglich ein oder zwei Mal pro Minute holen sie Luft. Nur während dieses Momentes haben die Tiere eine annähernd normale Herzschlagrate von 55. Doch nach einem Atemzug können bis zu 20 Sekunden vergehen, ehe das Bärenherz erneut schlägt. Im Durchschnitt kommen die Tiere so auf einen Puls von 14.“ Tja, sogar die überregionale Presse beschäftigt sich mit dem Archibald Mahler der letzten Monate. Welche Ehre!
Der Bär, noch zu müde um stolz zu sein, bittet Herrn Albert um die nochmalige Verlesung eines bestimmten Satzes.
„Welcher denn, mein Freund!“
„Der mit dem Sommermodus!“
„Gerne! Hier: Hinzu kommt, daß der Bär nach dem Ende seines Winterschlafes bis zu drei Wochen braucht, bis er seinen Stoffwechsel wieder vollständig auf den Sommermodus hochgefahren hat!“
„Nimm Dir das zu Herzen, Chef!“
Selbstredend begreift Herr Ernst Albert den Wink seines Bären. Er hat ja selber in den nächsten Wochen ausreichend zu ackern, zu rödeln und zu sein. Da soll auch der Herr Bär sich seine Zeit nehmen. Und er liest dem andächtig lauschenden und atmenden Archibald Mahler, wieder öffentlich anwesender Bär vom Brandplatz, den restlichen Artikel vor. „Und während ein Mensch, der monatelang im Bett liegt, erheblich an Muskel- und Knochenmasse verliert, bleiben Bären von diesem Problem verschont. Unumstritten ist, daß sich Tiere aktiv auf den Winterschlaf einstellen. Die Details bleiben bisher jedoch unklar. Sicher spielt die Kombination von Tagesdauer und Außentemperatur eine Rolle – doch was genau läßt Bär oder Murmeltier im Winter einschlafen und Monate später aufwachen?“ Und irgendwo in den Tiefen seiner Synapsen verspürt Archibald schon wieder die Lust. Die Lust am Nachsinnen. Gähn! Was war da noch mit dem Atmen? Erst mal Energiesparen. Doppelgähn! Später denken, genauer denken. Archibald nickt ein.
EIN BÄR VERMISST DAS MEER

Ruhe war eingekehrt in der Höhle. Eva Pelagia war, wie jeden Morgen, früh aus dem Hause gegangen. Wenn der Turm der Stadtkirche läutet, ruft ihr Büro. Einige Stunden später hatte sich auch Ernst Albert auf den Weg gemacht. Am Abend sollte am hiesigen Musentempel für ihn ein neues Projekt beginnen. Wohlgemerkt am Abend des hilligen Rusemondaach, wie die Kölschen sagen. Heftige Verwünschungen ausstoßend, aber durchaus gutgelaunt, da ihm zur Zeit das Leben recht viel Spaß macht, polterte er das Treppenhaus hinunter und hielt einen Vortrag darüber, daß es wohl nur wenige gäbe, die das Wesentliche vom Unwesentlichen unterscheiden könnten und daran kranke der gesamte Erdball und was weiß der Teufel alles. „Mit wem redet der eigentlich gerade?“, dachte sich Archibald Mahler, der auf einem mittelhessischen Küchentisch unter karnevalistischem Wurfmaterial begraben saß und – gezwungenermaßen – gerade dabei war seinen Winterschlaf zu beenden. Doch was soll`s! Der Bär genießt die eingetretene Stille.
Der Blick eines Erwachenden richtet sich naturgemäß erst mal zurück. Entgegen aller Versprechungen der Werbung und entgegen all der Sprachhülsen von Motivationstrainern, Politikern und Kulturmanagern schaut man am Beginn eines neuen Vorhabens nicht schwungvoll in die aufgehende Sonne, sondern zuerst hirnverknotet und desorientiert nach hinten, um festzustellen, ob der Mond noch über einem steht, diese oder jene Nacht noch dunkelt und überhaupt. Dies tut auch und gerade ein Bär. Wo kam er her? Wohin hatten seine Augen geblickt, bevor sie sich für lange Wochen und Monate geschlossen hatten? Was klebte ihm noch am Fell? Und da riecht er es: Spuren von Salzkristallen. (Wer sich letztes Jahr ab und zu mit des Bären besonderen Fähigkeiten auseinandergesetzt hat, weiß um die phänomenale Empfindlichkeit einer Bärennase! Wer nicht, klicke sich durch die Archive rechter Hand! Schönen Gruß vom Setzer!) Und was spürt er auf der Haut unter seinem Fell? Reste von Sand. Algenstücke. Woher? Warum? Langsam setzt sich ein Bild zusammen, doch bevor es vor seinem inneren Auge auf die Mattscheibe des erwachenden Bewußtseins geworfen wird, trifft der Stich das Bärenherz. Ein Bär vermißt das Meer.
Die Strandkörbe, die Fischbrötchen, die Schiffe und der Wind, der sein Fell mit Sand und Salz mariniert hatte. Und der Blick einmal um die Welt und wieder zurück. Das hatte er sehr gemocht, damals, bevor ihm die Augen zufielen. Dort hatte er eigentlich auch wieder aufwachen wollen. Der Blick hinaus auf kabbelnde Wasser. Er seufzt. Auch davon wird man etwas wacher. Sein Blick fällt auf eine der vielen, vielen Postkarten, die Ernst Albert von seinen Arbeitsausflügen nach Hause geschickt hatte. Archibald sieht darauf Schiffe, große Schiffe und ein klein wenig Meer. Das tröstet. Und das wiederum macht noch ein Stückchen wacher. Im Hintergrund hört er den Lütten Stan jubeln. „Ja lüch ich denn. Dat Bärenviech iss sich die Ehre seiner neuerlichen Präzenz am Geben tun. Hömma, wat Du am verpassen warst in Deine winterliche Rekreationsphase! Neunzehn Punkte Vorsprung auffen bajuwarischen Comedyclub! Glaub ich dat woll?“ Gut zu hören und dies macht natürlich noch etwas präsenter – äh – wacher! Archibald beschließt einen nächsten Schritt zu tun. Er atmet ein, er atmet aus, kratzt sich am Pöter – wie gehabt – und sagt: „Na also.“ Die Jungs sind wieder in der Stadt.
ARCHIBALD MAHLER KRIEGT EIN KAMEL AN DEN KOPF UND WACHT AUF

Was singt da der ehrenwerte Herr Albert die ganze Zeit vor sich hin? Ein Lied, welches davon erzählt, daß am Fastenabend Kamele auf die Stadt mit dem schönsten Dom Deutschlands – Quatsch! - der ganzen Welt niederregnen? Archibald Mahler, eigentlich noch gar nicht wieder vorhandener Bär, Meditierkünstler und Weltenschauer begreift nicht, aber spürt eine Art von Erwachen. Das Ende seines Winterschlafes war auf den Aschermittwoch 2011 datiert worden und da Herrn Archibald Mahler durchaus ein Hang zur Genauigkeit und Pünktlichkeit innewohnt, waren er und sein noch schlafender Leib selbstverständlich gewillt nach Plan vorzugehen. Unverhofft kommt aber oft. Kölle Alaaf!
Der Rosenmontag ist der erste und heiligste Feiertag der Menschen in der Stadt mit dem Dom, der selbstverständlich in der Stadt bleiben muß, denn was soll er denn woanders, das hat ja keinen Sinn. Ernst Albert hatte lange Jahre dort mit Freuden und Freunden gelebt, daselbst seine Ausbildung zum Musentempler gemacht und auch sonst die ein oder andere Nacht zum Glühen gebracht. Und er hat, nach sachkundiger Einführung durch Eingeborene, auch die lokalen Feiertage gerne und ausgiebig durchlebt. Es ist schon lange her, daß Ernst Albert diese Stadt am Rhein verlassen hat, aber wenn dort oben die Trommeln wieder schlagen und die Jecken durch die Strassen ziehen, packt ihn eine Sehnsucht nach diesen Feierlichkeiten und er brabbelt pünktlich zum Startschuß elfuhrelf am Wieverfastelovend den Dialekt der Kölschen vor sich hin und singt eben auch gerne eines der vielen, vielen Lieder, die an diesen Tagen durch die Strassen, Säle und Kneipen schallen. Textsicher übrigens, wie sonst in keiner Stadt des Landes. Und ausdauernd. Es wird behauptet, Ernst Albert habe dies sogar unlängst während der Abschlußfeier seiner Musentempelarbeit oben an der Kieler Förde getan. Weia! Minsche Alaaf!
Das alles kann Archibald natürlich nicht wissen, denn die Beziehung von Bären zum Kölner Karneval ist noch nicht eindeutig erforscht oder geklärt worden. Jedenfalls findet sich der verschlafene Bär auf dem Küchentisch der Höhle in der kleinen häßlichen Stadt in Mittelhessen wieder und Kamele regnen auf ihn nieder. Durch das Küchenfenster strahlt eine kaiserliche Sonne. Ernst Albert und die teure Eva Pelagia hatten den Narrenumzug der Mittelhessen besucht, ein bißchen fade das alles, aber ein paar kleine Licher und Sunneschingk im Hätze, dann geht das auch in dieser Stadt. Und Kamele aka Kamelle aka Süßigkeiten wurden auch hier unters Volk geworfen. Und wer unter uns kein Jäger und Sammler ist, der werfe die erste Kamelle! Nun präsentierte man Archibald die reiche Ausbeute. Auch galt es Herrn Alberts Heimkehr zu feiern. Vier Monate sind eine lange Zeit. Und dann wurde noch das ein oder andere Lied skandiert und noch ein bißchen Getränk zu sich genommen. Wie heißt es doch so schön: „Drink doch ene mit, stell Dich nit so an, Du stehst he die janze Zick heröm, häste auch kein Jeld, dat ess janz egal, drink doch ein und kömmer Dich nit dröm!“ Leeve Alaaf!
ICH SCHLAFE DOCH NUR! BIS DIE TAGE!

Jetzt ist Archibald Mahler, Bär vom Brandplatz, wieder zu Hause. Die Heimreise war ziemlich entspannt. Herr Ernst Albert hatte nicht viel gesprochen, weil sein Kopf viereckig war. Der Zug war pünktlich. Man wurde abgeholt.
Jetzt sitzt der Bär in seiner Höhle in Mittelhessen, die Fensterbank ist fern, Eva Pelagia sorgt für eine angenehme Raumtemperatur in jeder Beziehung und bis Aschermittwoch 2011 ist noch was Zeit. Ordentlich Zeit! Morgen kommen die Narren. Das braucht ein Bär nicht! Man ist sich selbst Narr genug!
Jetzt schläft der Bär. Und der erste Traum des nun schlafenden Weltenschauers war der: aufzuwachen und als erstes wieder das geliebte Meer sehen zu dürfen. Und während man so schaut und wach wird, schmeißt Herr Lenz ein paar wärmende Sonnenstrahlen auf die Wasseroberfläche. Von rechts? Schaun wir mal!
Und sonst? Ich schlafe doch nur! Bis die Tage!
SCHEIDEBECHER DER MELANCHOLIE, EUPHORIE UND WARUM KEINER GEHT
9. November 2010, 16:33
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Diese Geschichte ist die vorletzte vor der Winterpause, es ist die zweihundertzwanzigste seit Beginn der Weltenschau am Aschermittwoch 2010, also ist es auf eine Art und Weise auch eine ein klein wenig stolze Geschichte und es ist eine Geschichte, bei der Herrn Archibald Mahler das Gefühl beschleichen könnte, man nehme ihm gerade das Steuer aus den Pfoten. Dem ist aber nicht so. Der Reihe nach.
Ernst Albert war, nachdem er den Bären alleine gelassen hatte, am Ufer auf- und abmarschiert und hatte sich fremde Worte ins Hirn gehauen. Erst ins Kurzzeitgedächtnis rein damit, dort alles ein bißchen abhängen lassen, dann mit Sinn und Verstand vermengen und hoffen, daß beim morgigen Transfer ins Langzeitgedächtnis noch ein wenig übrigbleibt. Das ist das mühsame Gewerbe eines Musentemplers, wenn er auf und nicht vor den Brettern tätig sein muß. Aber irgendwann reicht es selbst dem diszipliniertesten Memorierer und Ernst Albert betrat ein Fischlokal. Es war eben jenes Fischlokal, an dessen Rückseite zur selben Zeit ein Bär in Richtung Winterschlaf ein letztes Mal die obligatorischen Fettreserven updaten wollte. Es rappelten die Deckel der Mülltonnen und Ernst Albert ließ besser mal ein Auge gelegentlich aus dem Fenster blicken. Weiß man es? Das andere Auge? Was tat das?
„Fisch muß schwimmen!“ So sagt man. In diesem Fall sagten dies Ernst Alberts derzeitiger Herr Musentempeldirektor nebst Gemahlin, die es im oben genannten Lokal zu treffen galt. Man legte also einen kleinen Biertümpel in den Eingeweiden an, um dem noch in der Küche lauernden Dorsch mit Rote Beete und Kartoffeln in Senfsauce eine fröhliche Einkehr zu ermöglichen. Und der Tag war noch ziemlich jung. Vielleicht hat es damit zu tun, daß das Hinausblicken aufs Meer gleichzeitig Euphorie befeuert, aber auch eine gehörige Portion Melancholie mit sich bringt. Ein Spannungsverhältnis, welches durch Gerstengetränke zumindest abgemildert wird. Der Fisch war gut, der Durst noch nicht gestillt. Aufbruch.
Archibald Mahler protestierte heftigst, als er geweckt wurde. Typisch Aufrechtgeher! Kein Respekt vor den Ritualen und Bedürfnissen anderer Erdenbewohner. Als Ernst Albert ihn dezent auf die mit Baggern anrollenden Strandreiniger von Strande hinwies, wuchs so etwas wie Einsicht in des Bären todmüdem Hirn. Er kam mit. Unter Protest. „Ich will heim! Sofort! Heim nach Mittelhessen! Und schlafen!“ In der Hoffnung keine Klage wegen der Vernachlässigung der Aufsichtspflicht an den Hals zu bekommen und um der Wahrheit die Ehre zu geben: man kehrte noch lange nicht heim. Im Gegenteil, die Kaschemme, die man nun ansteuerte, war ein berühmt–berüchtigter Sammelpunkt für Freunde des Tagesbiergenusses. Und dies wohl schon seit Jahrzehnten. Herr Mahler saß, inzwischen gelassen vor sich hindämmernd, auf einem Schiffmodell, schaute Herr Ernst Albert, der sich der Trunkenheit in dezenten Nullkommazwoliterschritten annäherte, über die Schulter und hatte seinen Spaß.
Es wurde eine schöne Abschiedsfeier. Der Musentempeldirektor und Herr Ernst Albert sprachen hoch im Norden in ihren zutiefst heckerländischen und sauschwäbischen Dialekten miteinander und auch die anderen Gäste freuten sich des Lebens laut und feucht. Da war zum Beispiel ein Mann, der jahrelang hinter Kasernentoren eingesperrt war und der sagte, als man ihn fragte, wie lange er denn die letzte und längste Nacht getanzt habe, bis drei Uhr habe er dies getan und als man ihn weiter fragte, ob es drei Uhr Sommer- oder Winterzeit gewesen sei, sagte er: „Zu beiden Zeiten!“ Worauf Herr Ernst Albert wiederum bemerkte, ein Panzer könne ja auch nicht gleichzeitig vorwärts und rückwärts fahren und so gewänne man keinen Krieg. Was ja wiederum sehr gut sei. „So iss das dann wohl!“ Das sagte der Mann und grinste. Und als man im angeregten Gespräch feststellte, daß die Butter im Heckerland auch gerne mal der Butter genannt würde, protestierten die anwesenden Nordlichter heftigst. “Das mag ja wohl nich angehn.” Aber Herr Ernst Albert hat ihnen dann erklärt, daß die Milch, wenn sie den Euter verlässt, stante pede das männliche Geschlecht annehme. Das ist dann auch gleich eine neue Runde wert gewesen. „So ein Blödsinn aber auch. Aber lustig ist das schon!“ Archibald staunte darüber, wieviel sinnloses Zeugs fröhliche Aufrechtgeher reden können, um sich dann unbändig darüber zu freuen. Und dann dachte er noch, daß, wenn er so viele gelbe Getränke getrunken hätte, sein Abdomen schon längst explodiert wäre. Und dachte aber auch, hier machen die Aufrechtgeher zwar auch dummes Zeug wie immer, aber zumindest tun sie keinem weh. Außer sich selbst, selbstredend.
„Oin Scheidebecher nämmet mir noch!“ Wie oft er diesen Satz heute schon vernommen hatte! Archibald Mahler, Bär im Lammers Eck zu Kiel, hatte nicht mitgezählt. Fast schien es, daß diese Ankündigung eines nahenden Aufbruchs die alten Saufköpfe noch fester auf ihre Barhocker schraubte. Euphorie und Melancholie eben. Draußen dämmerte es, in den Hirnen der Thekenbelagerer auch und inzwischen hatte auch ein reger Pendelverkehr zwischen Zapfhahn und Endlagerstätte eingesetzt. Alter und Überfüllung taten ihr Werk. „Da bewegt sich ja was! Nur wie! Mehr in die Breite als nach vorn.“ Wo soll das alles nur enden?
RISIKEN UND NEBENWIRKUNGEN DES TIEFSCHLAFS
8. November 2010, 07:50
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Der ein oder andere Aufrechtgeher widersetzt sich gerne dem Lauf der Welt und glaubt offenbar noch im beginnenden November an eine Rückkehr von Fräulein Else Sommer. Hübsch! Da standen also noch einige Strandkörbe, ganz nah am Wasser, waren vorne mit einem Lattenrost verschlossen und hinter diesem Rost lagen Handtücher, Schwimmreifen, Badehosen und anderes Sommergeschirr und warteten auf einen letzten Badetag. Vergeblich wohl. Oder war dies gar einer dieser Orte, an dem sich Winterschwimmer versammelten, um ihren Leib auch in den dunklen und kalten Monaten unerbittlich in die eiskalte Ostsee zu schmeißen? Archibald Mahler, den müden Bären, interessierte das nicht weiter. Ihm gefielen die abgeschlossenen Strandkörbe und zwischen den Holzlatten, welche das Hab und Gut der Badezweibeiner sicherten, war ausreichend Platz für einen kleinen Bären um durchzuschlüpfen. Und der hier gefiel ihm besonders. Kaum Gerümpel hinter dem Lattenrost, aber ein Aufrechtgeher hatte ein originales Piratenkopftuch drinne liegen lassen. Der perfekte Kolder. Den Apfel reingeschoben ins ausgewählte Winterdomizil – ist auch ein gutes Kopfkissen so ein Notapfel! – und dann sich in das Tuch wickeln und dem alten Bärenjahr einen beherzten mentalen Tritt in den Pöter geben und ab dafür. Herr Morpheus, übernehmen Sie!
Und weil weder Eva Pelagia noch Ernst Albert in der Nähe waren – ein selbstständiger Bär braucht das auch nicht! – sang er sich mit einem Lied, welches er öfters in der mittelhessischen Höhle gehört hatte, eigenverantwortlich in den Schlaf. Und so ging das Lied. Huch! In Ordnung, hier ist ein Einschub. Doppelpunkt. Tatsache ist, daß Herr Archibald Mahler selbstredend des Englischen mächtig ist, das haben wir ja schon an anderer Stelle erwähnt. Also jetzt: das Lied: “I’m a sleepy time baby, a sleepy time boy / Work only maybe, life is a joy / We’ll have a sleepy time time / We’ll have a sleepy time time / We’ll have a sleepy time time / We’ll have a sleepy time time / Sleepy time time / Sleepy time time all the time / Asleep in the daytime, asleep at night / Life is all playtime; working ain’t right / We’ll have a sleepy time time / We’ll have a sleepy time time / We’ll have a sleepy time time / We’ll have a sleepy time time / Sleepy time time / Sleepy time time all the time / I have my Sunday, that ain’t no lie / But on Monday morning comes my favorite try / We’ll have a sleepy time time / We’ll have a sleepy time time / We’ll have a sleepy time time / We’ll have a sleepy time time / Sleepy time time / Sleepy time time all the time.” Ach, Sie glauben nicht, daß man bei solch einem Krach einschlafen kann? Man kann. Achten Sie auf den Bass!
Am Sonntagabend war er dann eingeschlafen der Herr Archibald Mahler, da oben am Strand von Strande und die Ostsee gurgelte leise vor sich hin, der wilde Sturm war eingeschlafen und die Nacht war noch angenehm mild und die ersten Stunden des Schlafes tief und fest. Kein Traum störte den Bären, das vergangene, erlebnisreiche Jahr ließ ihn in Ruhe und nichts hirnte unter dem Fell, alles atmete ruhig aus und ein. Selbst die Möwen hielten ihre kreischenden Schnäbel. Weiche und wohltuende Ruhe. Aber ein Sonntag endet und dann kommt der Montag. Und es kam nicht nur der Montag. Sondern auch der kleine Bagger. Und der Lastwagen. Und die zwei Aufrechtgeher bewaffnet mit Schaufeln und Rechen und Müllsacken und Sackkarren und und und. Und warum fahren die mit dem kleinen Bagger und ihrem Laster und den Sackkarren auf den Strand? Und warum steuerten sie mit entschlossenem Blick die letzten Strandkörbe an? Und warum als erstes diesen einen? Eben jenen? Dort wo? Auweia!
VON HIER AUS DAS NICHTS ANSTEUERN
7. November 2010, 13:17
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Er hatte so ein Ding schon mal gesehen, unten an der Lahn. Aber da gehören sie nicht hin, genau so wenig wie der dort aufgeschüttete extrem alberne Sand, der etwas unterbelichteten Aufrechtgehern den Feierabend gestalten soll, den sie wohl nicht mehr selber gestalten können auf Grund ihrer durch permanente Dauerbespaßung verkleinerten Gehirne. Aber hier gehörten diese Dinger hin, denn hier waren sie auch geboren worden. Ein Aufrechtgeher in Rostock hatte vor einhundertfünfundzwanzig Jahren für seine rheumakranke Tante so ein Ding konstruiert, damit sie bei jedem Wind und Wetter auf die Ostsee schauen kann. Und da ein Tag ohne Wind oder Sturm am Meer sehr selten ist, wollten alle anderen auch so ein Ding haben. Und jetzt kann man die sich kaufen oder mieten und es ist kuschelig warm am Pöter und vorne rollt das Meer gegen den Sand, der hier auch hingehört und gar nicht albern wirkt, sondern ganz im Gegenteil. Archibald Mahler saß das erste Mal in seinem Leben in einem Strandkorb und das gefiel ihm sehr.
Der Sturm rüttelte an seinem Korb, aber sonst war es recht gemütlich und Archibald dachte, eine bessere Höhle findet er nicht. Und jetzt den Winterschlaf beginnen und dann aufwachen und als erstes das Meer sehen, das war ab sofort sein Plan. Allerdings stand der Korb, in dem er jetzt saß, etwas ungünstig im Winde und es hatte ordentlich reingeregnet in das Ding und das wiederum gefiel ihm gar nicht. Mit nassen Pöter einzuschlafen, da ist das Rheuma vorprogrammiert und da hilft auch kein noch so schicker Strandkorb mehr. Und da sah er, weiter vorne am Strand, etwas, was ihm sehr geeignet schien. Und er packte seinen Apfel, den ihn Ernst Albert überreicht hatte und machte sich auf den Weg. Der Weg war nicht sehr lang, aber Archibald hatte das Gefühl viele, viele Meilen wandern zu müssen. Es war ihm, als balanciere er auf dem schmalen Grat zwischen Wachen und Schlaf. Aber er fiel nicht runter auf seinem Weg ins winterliche Nichts. Und er weiß immer noch nicht, wie er es dann doch geschafft hat sein Ziel zu erreichen. Aber er hat es erreicht.
Dann hat er sich vor das neue Ding gesetzt und noch mal geschaut, raus aufs Meer und ganz genau hingeschaut. Nicht mit den Augen geschaut, sondern mit jeder Pore geschaut, mit seinem Atem geschaut, mit allem geschaut, was einen Bären ausmacht. Ja, er liebte es sehr, das Meer. Und der Rhythmus der an- und abrollenden Wellen erfasste ihn und trug ihn sanft hinüber in das Land, in dem er sich die nächsten Wochen und Monate aufhalten sollte und wollte. „Hinter diesem Gatter ist besser!“ Das dachte er noch. Und er kletterte hinein. Ein Schiff fuhr in den nahen Hafen.
SOMETHING IS HAPPENING AND ARCHIBALD MAHLER KNOWS WHAT IT IS
6. November 2010, 11:21
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Es ging blitzschnell und das, was geschah, war von beeindruckender Kraft. Ungebremst fegte der Sturm über das große Wasser. Gottlob ein auflandiger Wind, sonst hätten die ungekannten Kräfte Archibald gepackt und auf die offene See hinaus geblasen. Mit aller Bärenkraft hielt er sich an dem alten Baumstamm fest, den die Aufrechtgeher der Küste vor langer, langer Zeit ins Wasser gerammt hatten, um daran ihre Boote und Schiffe festzumachen. Einen Wind von solcher Wucht kannte er nicht. Sicher, auch in Mittelhessen entwurzelt gelegentlich der entfesselte Atem des Aiolos einen Baum oder zwei. Aber hier oben kommt der Sturm unvermittelt und mächtig. Kein Grollen, kein Rauschen von Blättern, kein Klappern von Dachziegeln oder Antennen kündigt ihn an. Plötzlich ist er da und dann heißt es sich festhalten oder, wie Archibald Mahler, Bär im Wind, dies tat, indem er seine Tatzen fest in einen Riß in den Baumstamm, auf den er geklettert war, klemmte. Ein bißchen mulmig war ihm schon, aber das mußte man gesehen und gespürt haben, wie die Himmelsmächte an einem herumreißen und -zerren. Und diese Finsternis am Horizont, durchschossen von den Fingern des Belenus, dem Gott des Lichtes und der Heilung. Grandios! Ein Schauspiel ganz nach des Bären Geschmack.
Aber der Sturm sandte auch eine Botschaft, eine erste Botschaft des kalten Knaben Iwan Heribert Wintersen, der ungeduldig darauf wartete den werten Freiherr Gottfried von Herbst zu beerben. Archibald drehte sich um und siehe da, wo gestern noch buntes Blatt die Bäume im milden Lichte glitzern ließ, nur noch kahles Astwerk. Es war höchste Zeit, einen warmen und sicheren Platz aufzusuchen. Und davor vielleicht noch etwas zu sich zu nehmen.
War dort hinten am Strand von Strande nicht ein Lokal gewesen? Ein Fischlokal? Rochen die Mülltonnen an der verborgenen Rückseite des Hauses nicht verlockend nach Fischresten? Er machte sich auf den Weg. Lecker und nahrhaft! Und dann erblickte er ihn, den perfekten Ort, den Winterschlafthron, dieses Ding. Blau – weiß gestreift, überdacht, kuschelig, sicher! „Ein bißchen Schutz ist immer gut!“ Und Archibald saß erst mal Probe.