Beitrags-Archiv für die Kategory 'Archibalds Geschichte'

WENN DAS EINE JAHR EINGESCHLAFEN, ERWACHT EIN NÄCHSTES (GEWISS?)

Mittwoch, 30. November 2011 5:09

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Ob er das sieht, was er hier sieht? Ob er das hört, was er hier hört? Ob er was denkt, falls er noch kann? Ob er der ist, der er dieses Jahr war? Und dann? Nächstes Jahr? Wer wird er sein? Wird er er sein? Wird er Bär sein? Kann oder will er sein, was er war oder sein wollte? Bleibt er Bär? Und wo er ist hier eigentlich? Ist er hier tatsächlich oder ist es schon der erste der vielen Träume dieses Winters? Ein kurzes Erwachen vielleicht? Ein fremdes Land? Braucht er ein Visum gar? Fliegen schon wieder die Kamele, wo er gerade eingenickt? Es rumpelt ihm im Magen. Es dröhnt ihm das Ohr. Es juckt ihm der Pelz. Es zieht ihn hinab. Archibald Mahler, Bär vom Brandplatz im Winterschlaf, ist es, als schlingere er zwischen den Welten hin und her. Weia!

Tja, so wird es wohl sein. Dreh Dich um, kratze Dich am Pöter und schlafe weiter, mein kleiner Freund! Wir machen hier lediglich einen kurzen Zwischenstopp auf dem Weg nach Hause. Keine Sorge und bis die Tage!

Dein ehrenwerter Herr Ernst Albert

Thema: Archibalds Geschichte, Unterwegs mit Herrn Albert | Kommentare (0) | Autor: Christian Lugerth

KETTEN / SCHWERTER / WEISSE BÄNDER

Dienstag, 18. Oktober 2011 10:36

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Und dies ist die andere Geschichte aus dem Buch:

Aus irgendeinem Grunde fiel mir die Geschichte eines Mannes namens Chang aus Lin-an ein, das damals belagert wurde. Der Buddha erschien ihm im Traum und sagte zu ihm, am folgenden Tag würden Soldaten kommen und ihn töten. In einem vorigen Leben hatte Chang als Soldat während des Huang-Ch’ao-Aufstands einen Mann getötet. Dieser Mann hieß nun Li Li. Am folgenden Tag erschien ein Soldat am Tor und schwang sein Schwert. „Seid Ihr zufällig Meister Li LI?“ „Woher kennt Ihr meinen Namen?“ Chang erklärte alles. Li Li warf sein Schwert zu Boden. „Wenn ich Euch töte, dann werdet Ihr mich im nächsten Leben wieder töten. Und dann werde ich Euch wieder töten. Heute müssen wir diese Kette durchbrechen.“

So ist das wohl. Danke, ausgezeichneter Herr Eliot Weinberger! Und Archibald Mahler denkt darüber nach, woher und aus welchen vielen vergangenen Leben wohl das weiße Band hinüber reicht, das sich durch seine und die Geschichten, die er hier erzählt und denkt und schaut, zieht. Und ihm fällt auf, daß es auf die vielen, entsetzlich ungeduldig drängenden, letzten Fragen lediglich eine Art vorletzte Antwort gibt. So wie die Aufrechtgeher in Spanien immer nur ein vorletztes Bier ordern, wenn sie denn zu Bett schwanken wollen. Bestellten sie ein Letztes, fielen sie – und daran glauben sie fest – auf der Stelle vom Barhocker. Ja, so ist das wohl. Und war da nicht, auf der anderen Straßenseite, vis a vis vom Musentempel, dieses Schild? Der Bär erhebt sich.

Thema: Anregende Buchstaben, Archibalds Geschichte | Kommentare (0) | Autor: Christian Lugerth

VERGESSEN/KÖNNEN/ERINNERN/WOLLEN

Montag, 11. Juli 2011 16:47

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„Das Foto!“

„Oh, Chef und Herr Albert. Geht’s wieder?“

„Tee und Hühnersuppe und ein bißchen Chemie stellen den Aufrechtgeher wieder auf seine Beine. Geht so geht’s!“

„Man kann Sie erkennen!“

„Wie?“

„Das Foto!“

„Ja. Ich. Mein Vater. Ein Bär!“

„Damals war die Welt schwarz – weißer?“

„Vielleicht. Vielleicht liegt aber in dieser Beschränkung mehr an Farbe verborgen, als man heute für möglich hält!“

„Noch!“

„Genau! Noch!“

„Wo ist der Vater jetzt!“

„Er würde heute sechsundachtzig!“

„Das ist alt!“

„Wäre! Schade!“

„Sie sind nicht mehr blond!“

„Aber wahrscheinlich immer noch naiv! Verzeihung! Dummer Witz!“

„Aber der Bär! Er schaut seit wir in dieser Höhle wohnen hinunter auf ihren Arbeitsplatz.“

„Ist mir noch gar nicht aufgefallen!“

„Aber mir! Allerdings erst gestern. Wo ist der Bär jetzt!“

„Ich weiß es nicht mehr. Ich erinnere mich noch nicht einmal daran, daß es ihn gab.”

„Das haben Sie einfach vergessen?“

„Die Dinge an die Du nicht erinnern kannst, berichten von den Dingen, die Du nicht vergessen kannst!“

„Schön!“

„Nicht von mir. Ein Lied! Von der Zeit!“

„Auch schön! Das Lied. Ein Frage noch?“

„Ja!“

„Bin ich hier wegen des Fotos? Also weil damals schon ein Bär aus dem Fenster? Also: Landkarten und Traumpfade und Schatten und Seelenwanderung und überhaupt? Deshalb und Bedeutung gar?“

„Weiß man’s. Coincidencia rules ok.“

“Gott sei Dank. Find ich auch. Und wegen dem, was Sie mir versprochen haben auf dem Alten Friedhof noch?”

„Nicht vergessen ist, lieber Bär und Herr Mahler. Morgen. Morgen, wenn es wieder geht. In Ordnung?“

„Bitte ja! Wissen Sie, ich brauche nämlich Urlaub.“

„Genau deshalb!“

„Übrigens!“

„Ja!“

„Ich mag das alte Foto!“

„Pst!“

Thema: Archibalds Geschichte | Kommentare (0) | Autor: Christian Lugerth

SCHATTEN / BILDER / BÄREN / EINST

Sonntag, 10. Juli 2011 18:58

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Warum hatte sich Ernst Albert damals gebückt? Damals als Archibald Mahler zweigeteilt auf dem Brandplatz lag. Warum kam in diesem Augenblick (und wie lange Augenblicke waren vergangen, seitdem man oder es oder wer Archibald Mahler in zwei Teile gerissen, gerupft oder sonstwie hatte?) der ehrenwerte Herr Ernst Albert vorbei und nicht die Kehrmaschine, trunkene Jungspunde oder euphorisierte Pöhlergucker? Wer legt die unsichtbaren Spuren auf den Landkarten der Vorsehung? Und wann und warum hat man oder wer oder auch immer ein geöffnetes Auge? Hirn? Und schaut nach rechts und nicht nach links, wo lediglich Leergut und Hundescheiße über den Asphalt rollte an jenem Tag? Da bückt sich selbst Herr Ernst Albert nicht. Das denkt der Bär im Bett, als die Schatten an der Wand zu ihm zu sprechen beginnen. Ein Junge! Ein Mann! Und ein alter struppiger Bär! Der Junge, der aussieht wie der Mann! Der Mann, der den Jungen liebevoll betrachtet! Und der Bär, der sich etwas zu weit aus dem Fenster lehnt! Und sie alle schauen hinaus die Welt! Damals. Und jetzt. Aus einem Schattenreich ins Jetzt. Schau an diese Welt! Zeitsprung! Der Bär schwitzt. Draußen regnet es. Seltsamer Sommer. Eva Pelagia kocht immer noch Tee und Hühnersuppe. Aber nicht für den Bären. Denn der liegt im Bett, freut sich seiner Erkenntnisse und schaut unentwegt auf dieses Bild. Warum war ihm dies noch nie aufgefallen? Wo es doch da hängt, genau da wo immer, direkt über dem Kopf, das Bild. Eigentlich toll. Manchmal dauert das, was dauert und bis. Schönes Bild. Ein altes Foto mit einem Bären. Einem Bären aus dem Tal der Schatten.

Thema: Archibalds Geschichte | Kommentare (0) | Autor: Christian Lugerth

VERZÖGERUNGEN IM BETRIEBSABLAUF

Samstag, 9. Juli 2011 20:17

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So geschieht das manchmal. Archibald Mahler erhebt sich von seiner Bank. Weiter! War zumindest ein Plan. Schritte, einer, zwei, drei. Weia! Schwer und schwerer. Knarzende Glieder, Pudding im Kopf und zugeschwollene Nüstern, durch die keine Atemluft in die Lungen strömen will. Weia und noch mal Weia! Der Schweiß rinnt kalt übers Fell und die Stimme, welche die beobachteten Körpersensationen vermelden will, oktaventief im Keller. „Was ist los, Herr Bär?“ Keine Antwort. Man setzt sich auf einen Stein, hält inne. Eine der Nächte des Sinnens war wohl zu kalt. Bakterium nicht mehr nur ante portas, sondern mitten drin im fröstelnden Leib bei sommerlicher Temperatur. Weia! Und Wut! Aufstehen, weitertaumeln und dann ein beherzter Tritt der Empörung gegen einen vorbeikommenden Laternenpfahl. Aua! Bringt lediglich Zusatzschmerz und sonst nichts! Pause! Mist! Also erbarmt sich der ehrenwerte Herr Ernst Albert in tragender Rolle und kurz darauf liegt der Bär, wo er nun liegt. In der Höhle der Zweibeiner. Oder ist alles ganz anders? Bär mit Sommergrippe? Wer`s glaubt! Sachen gibt es! Oder leidet das Tier als Stellvertreter? Wie auch immer, Archibald Mahler ruht. Macht Spaß. Alles so schön weich hier. Und dann sieht er was. An der Wand. In der Höhle. Da hängt was! Natürlich! Archibald Mahlers Geschichte! Ahnen! Ahnungen! Zufälle! Die Zeitmaschine! Es gibt einiges zu bedenken. Geht auch im Liegen. Eva Pelagia macht derweilen Tee und Hühnersuppe. Nur für wen?

Thema: Archibalds Geschichte | Kommentare (0) | Autor: Christian Lugerth

ICH SCHLAFE DOCH NUR! BIS DIE TAGE!

Mittwoch, 10. November 2010 6:16

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Jetzt ist Archibald Mahler, Bär vom Brandplatz, wieder zu Hause. Die Heimreise war ziemlich entspannt. Herr Ernst Albert hatte nicht viel gesprochen, weil sein Kopf viereckig war. Der Zug war pünktlich. Man wurde abgeholt.

Jetzt sitzt der Bär in seiner Höhle in Mittelhessen, die Fensterbank ist fern, Eva Pelagia sorgt für eine angenehme Raumtemperatur in jeder Beziehung und bis Aschermittwoch 2011 ist noch was Zeit. Ordentlich Zeit! Morgen kommen die Narren. Das braucht ein Bär nicht! Man ist sich selbst Narr genug!

Jetzt schläft der Bär. Und der erste Traum des nun schlafenden Weltenschauers war der: aufzuwachen und als erstes wieder das geliebte Meer sehen zu dürfen. Und während man so schaut und wach wird, schmeißt Herr Lenz ein paar wärmende Sonnenstrahlen auf die Wasseroberfläche. Von rechts? Schaun wir mal!

Und sonst? Ich schlafe doch nur! Bis die Tage!

Thema: Archibalds Geschichte | Kommentare (0) | Autor: Christian Lugerth

EIN TANZ MIT DEM VERGEHENDEN JAHR

Donnerstag, 4. November 2010 13:17

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Hatte ihn wer gerufen? Der Bär stand auf, rutschte von seinem Felsen herab. Da, von dort vorne hatte jemand seinen Namen gerufen. Er ging den Strand entlang. Und was er nun erblickte, gefiel ihm sehr. „Magisch!“ Das dachte er. Nun vernahm er die Stimme ganz deutlich und nah. Sie sprach: „Moin, moin!“ Und: „Schön, daß Du zu meiner kleinen Geburtstagfeier gekommen bist!“ Archibald blickte um sich. Niemand zu sehen. Zumindest kein Aufrechtgeher, dem man diese Stimme zuordnen könnte. Lediglich ein ganze Reihe kleiner Steinmännlein. Von wegen lediglich. „Das ist bestimmt der geheime Garten eines Zauberers. Und die Steinmännlein sind seine Zauberlehrlinge und die haben Blödsinn gemacht und dann hat der Zauberer sie zur Strafe versteinert.“ Und dann hörte er Musik. Und die Stimme sprach: „Zwar habe ich heute Geburtstag, aber Du, weil Du von so weit hergekommen bist, Du darfst Dir heute etwas wünschen.“ „Darf ich kurz nachdenken, Herr Unbekannt?“

Und Archibald hatte sich gewünscht zu diesem Lied tanzen zu dürfen und der Herr Unbekannt möge doch, so lange dieses schöne Lied läuft, die versteinerten Zauberlehrlinge lebendig machen, auf daß sie mittanzten und er nicht so alleine wäre. Und Archibald Mahler begann sich im Kreis zu drehen wie ein alter Derwisch und Sufimeister und die Steinmännchen drehten sich mit ihm. Und sie fragten den Bären, was er dieses Jahr denn so alles erlebt habe. Und der Bär dachte nach und schon begann das ganze vergangene Weltschaujahr mitzutanzen, mit ihm und um ihn herum. Und es war ein großes Hallo und Grüß Gott und Ach gucke mal und der Bär staunte, was dieses Jahr, das auf einer mittelhessischen Fensterbank begonnen hatte und sich nun im Garten eines Magiers am Strand von Strande seinem Ende zu neigte, so alles mit sich geführt hatte. Da war er an der Lahn gesessen und hat von Meister Basho das genaue  Hinschauen gelernt. Da hat er Tage in einer Höhle im Wald zugebracht und eine Thunfischdose nicht aufbekommen. Da hat der den magischen Robert Zimmermann tanzen und singen gesehen. Da hat er mit seinem Kumpan, dem ehrenwerten Herrn von Lippstadt – Budnikowski, die Bretter, die die Welt bedeuten erobert und sich auf der anderen Seite der Straße, in Ernst Alberts Musentempel, in die Frau mit dem Rollator verliebt. Da hat er gedacht, bis das Bärenhirn qualmte und manchmal auch was rausgefunden. Da hat er unten im Heckerland zweimal Geburtstag gefeiert, erst mit Eva Pelagia und dann mit Ernst Albert und das Paradekissen wurde auch besessen. Da ist er auf den Spuren des Geheimrats in Ernst Albert Vergangenheit eingetaucht. Da saß er auf der Motorhaube seines geliebten Simca und hat so einiges an Zweibeinerdummheit kennenlernen dürfen. Da hat er sich aufgeregt, über die Dummheit und die Aufrechtgeher. Da hat er mit dem Lütten Stan die Großen Pöhlerei Festspiele besprochen. Da hat er rausgefunden, wer er eigentlich ist und sich seinen Namen zugelegt. Da hat er das Buchstabenriechen erlernt und neue Welten kennengelernt. Und jetzt ist er hier.

Dann war das Lied verklungen. Die Steinmännchen blickten hinaus auf Meer. Von dort näherte sich eine gewaltige Finsternis. „Au Backe und Potzrembel die Waldfee! Höchste Zeit aber auch!“

Thema: Archibalds Geschichte, Kieloben | Kommentare (0) | Autor: Christian Lugerth

DIE BADEWANNE NAMENS FANTASIE (II)

Freitag, 29. Oktober 2010 19:48

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Das erlebte Archibald Mahler, als er die Badewanne seiner Fantasie durchsegelte:

Jack London war ein Trinker. London war aber nicht nur Trinker, er war auch der Neffe des berüchtigten Captain Keith „T for Teague“ Bligh, dem unumschränkten Herrscher über alles, was im Hafen von Portsmouth ein – oder auslief.

Archibald Hawkins war kein Trinker. Archibald Hawkins, Schiffsjunge in spe, hatte unlängst auf der „Hispaniola“ für seine erste Fahrt angeheuert. Heute abend saß er im „Goldenen Haifisch“ in Begleitung seines zukünftigen Lehrherrn, dem einbeinigen Schiffskoch Long John Larsen. Man feierte den Abschied von der Heimat und Klein – Hawkins kam nicht umhin sich seinen ersten doppelten Gin zur Brust nehmen zu müssen. „Auf alle Heiligen Klabautermänner und die Hintern, die uns auf der anderen Seite des Ozeans erwarten. Und leert die Fässer, bevor sie vergammeldansken!“, rief Mick „The Gulliver“ Finn, der Steuermann, in die verräucherte Taverne hinein, nahm den zukünftigen Schiffsjunge in den Schwitzkasten und unter dem brüllenden Gelächter der versammelten Crew flößte er ihm einen zweiten Gin ein, diesmal einen vierfachen. Die Welt drehte sich so schnell wie nie zu vor.

Archibald Hawkins stand vor der Türe des „Goldenen Haifisch“, die neblige Novemberluft nahm ihm den Atem, zwischen seinen Schenkeln und in der Tiefe seines Magen drängte so manches nach außen und auf der anderen Seite der schmalen Straße wankten die Hafenmole, ein paar Poller, ein Lagerschuppen, eine dunkle Ecke, alle Erleichterung verheißend. Von rechts raste umgebremst heran der Zweispänner des volltrunkenen Jack London. Er hatte die Kontrolle über seine überhitzten Schindmähren verloren. Das rechte Bein des Archibald Hawkins, welches gerade den Straßenrand betreten hatte, kollidierte mit dem schlingernden Gefährt, trennte sich auf Grund des Aufpralls vom Leib des armen Schiffsjungen in spe und blieb auf der anderen Seite der Hafenpromenade neben einem Poller liegen. Vor der Türe des „Goldenen Haifisch“ lag der restliche Archibald. In seiner rechten Pfote hielt er, heldenhaft umkrampft, ein bemaltes Stück Bärenhaut, welches im Moment des unglücklichen Zusammenstoßes aus den Händen des Trunkenbolds Jack London durch die neblige Luft direkt in die Arme des unschuldigen Unfallopfers geflogen war. Die zwei Schindmähren und ihre Fracht lagen aber im Hafenbecken. Dies war die Stunde von Orca, dem Killerwal. Irgendwo in weiter Ferne lachte Käptn Ahab.

Long John Larsen war Schiffskoch, doch einstens war er Schiffsarzt gewesen. Allerdings hatte er, nachdem ihm bei einer ordentlichen Kneipenschlägerei der jähzornige Maschinist Sir Francis “Freitag” Fletcher ein rostiges Messer in den Oberschenkel gerammt hatte, versucht sein eigenes Bein zu amputieren. Was ihm auch gelang. Aber ein einbeiniger Schiffsarzt? Wenn es so richtig stürmt? Den Kartoffeln macht das nichts, wenn das Messer mal wegen mangelnder Standfestigkeit woanders hinschneidet als geplant. So wurde Long John Larsen, weil er von der See nicht lassen konnte, Schiffskoch. Und nun saß er im nebligen Hafen von Portsmouth auf einem Poller und nähte einem kleinen Bären, der sich in den Kopf gesetzt hatte, Schiffsjunge zu werden, sein abbes Bein an. Manchmal gibt einem das Leben die Chance etwas wiedergutzumachen. „Komm, mein Junge! Schnell an Bord! Dort im Hafenbecken treiben die abgenagten Knochen des Neffen Jack! Die Rache des Captain Bligh wird fürchterlich sein! Nichts wie weg! Leinen los!“ In weiter Ferne wünschte Columbus Glück.

Sieben lange Tage war man nun schon auf See. Madeira. Kapverden. Recife. Das Bein hielt. Man nannte ihn den Hinkebär. Das war ihm egal. Und ihm war auch nicht mehr jeden Morgen schlecht vom Auf und Ab der Wellen. Archibald Hawkins lernte die Freuden eines Lebens als Schiffsjunge kennen. Wanten hoch und Stagen runter. Rahsegel gerefft. Rahsegel geborgen. Deck geschrubbt. Nacht bewacht. Kartoffeln geschält und dann mit bloßer Hand zu Kartoffelpüree verarbeitet. Telefonbücher zerrissen. Feuerchen damit gemacht. Rauf ins Krähennest, Ausguck gehalten. Warten bis man einen Kürbis an die Rübe kriegt, dann runterklettern, Kürbis kleinhacken, Suppe mit machen, Kartoffelpüree dazu servieren. Zwei Stunden Schlaf. Klock zwei: Wanten wieder hoch. In der Ferne nur Ferne.

In Archibalds Koje, unter Gideons Bibel, die er als Kopfkissen benutzte, lag fein säuberlich gefaltet das Stück Bärenhaut, welches ihm Long John Larsen nach der Anoperation aus der Pfote klamüsert hatte. Das Stück Haut vor von oben bis unten bemalt mit Pfeilen, Wegen, Abkürzungen, angedeuteten Bergen, Flüssen, Wäldern und allerlei Heimlichkeiten. Was das alles bedeutete? Archibald war es gleich. Die Erinnerung daran überlebt zu haben: dies reichte ihm.

Ein fürchterlicher Sturm erwischte sie etwa drei Kilometer hinter dem Bermudadreieck. „Alle Mann an Bord.“ Alle? Mick „The Gulliver“ Finn stand vor des Schiffsjungen Koje. Er hielt die lang ersehnte Schatzkarte in seinen klebrigen Händen. (to be continued…perhaps)

Ernst Albert hatte Archibald alleine denken lassen. Er war etwas am Ufer hin und her geschritten und hatte sich Worte für die kommende Musentempelarbeit im Heckerland ins Hirn geklebt. Er war etwas überrascht, als er bei seiner Rückkehr den Bären in den Wanten eines kleinen Einmasters hängen sah. Der Bär war fürchterlich aufgeregt. „Die gehört mir! Verdammt noch mal. Das ist meine Schatzkarte.“ Das rief er immer wieder. „Hey Seebär in spe, mach mal langsam. Das Nordlicht hat es nicht so mit emotionalen Ausbrüchen in der Öffentlichkeit! Ich hab hier noch zu tun!“ Ernst Albert holte ihn zurück an Land. Der Bär kam zu sich. „Ich glaube, jetzt kann ich auch auf einem richtigen Schiff fahren!“ „Na dann man tau, Maat Mahler!“

Thema: Archibalds Geschichte, Kieloben | Kommentare (0) | Autor: Christian Lugerth

SAMUEL B. ERBARMT SICH DES NACHTS HERUMLIEGENDER BUCHSTABEN

Mittwoch, 20. Oktober 2010 9:03

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Neben, unter und auf dem Bücherregal, von dem aus Archibald in die Nacht schaute und verdaute, lagen etliche herrenlose Buchstaben herum. Sie waren am großen Sieb des großen Samuel B. vorbeigefallen und etwas verwirrt. Wer mit welchen anderen Buchstaben sinnvolle, erheiternde oder auch einfach nur belanglose Wörter oder Sätze bilden sollte, das war ihnen im freien Fall entfallen. Da konnten die leeren Buchhüllen, zwischen denen die meisten von ihnen lange Jahre ein Zuhause gehabt hatten, noch so aufgeregt nach ihnen winken, um sie zur Rückkehr zu bewegen. Heimatlosigkeit machte sich breit zu Füßen des Bären. Über seinem Schädel und Denkapparat schwebte gnädig und verschmitzt der adlernasige Herr B. und freute sich an dem Chaos. Archibald fand es auch gut. „Kein Sinn macht mehr Sinn.“ Das dachte er und regte sich im selben Moment darüber auf, eine gänzlich dumme und komplett gedankenlose Aufrechtgehersprechblase nachgeplappert zu haben. „Sinn machen!“ Als ob man einen Sinn machen könnte. Falls es so etwas wie Sinn außerhalb der Notwendigkeit von Thunfischpizzen, Heidelbeermarmelade und Honigkuchen überhaupt gibt, kann dieser nämliche Sinn bestenfalls einer Sache, einem Ausdruck oder einer Handlung anheften. Und der Sprecher oder Handelnde transportiert so etwas wie Sinn, sprechend, handelnd. Und die Essenz von Sinn entsteht sowieso erst beim Rezipient. Denn man kann noch so Gescheites in die Welt setzen, wenn keiner zuhören will oder kann, ist dies was bleibt, ein großer Haufen Verdautes, den man ins Gebüsch gesetzt hat. Es riecht streng. Und sonst nichts.

Der Bär blickte hinauf zur Adlernase. Das Gewimmer der heimatlosen Lettern macht ihn doch etwas nervös. Was wäre eine angebrachte Bestattungsform für herrenlose Ex-Gedanken? Ist das Biomüll, weil noch letzte Reste von Leben drin rumzucken? Einäscherung? Oh nein, sehr ungute historische Assoziationen. Seebestattung? Keine Ahnung. Herr Samuel B. half dem Denkbärchen. Mit bedächtigen und spitzen Finger griff er Buchstabe nach Buchstabe und begann mit ihnen zu spielen. „Endlich!“ Das dachte der Bär. Und das kam beim Spiel des Herrn Samuel B. heraus: „Er nimmt seine Kappe ab. Friede unseren … Ärschen! Pause. Und wieder aufsetzen. Er setzt seine Kappe wieder auf. Null zu Null. Pause. Er nimmt seine Brille ab. Putzen. Er zieht sein Taschentuch heraus und putzt damit, ohne es auseinanderzufalten, seine Brille. Und wieder aufsetzen. Er steckt sein Taschentuch wieder in die Tasche und setzt die Brille wieder auf. Es kommt. Noch ein paar Albernheiten wie diese und ich rufe. Pause. Ein bißchen Poesie. Du riefest nach… Pause. Er verbessert sich. Du flehtest nach der Nacht; sie kommt… Pause. Er verbessert sich. Sie naht; sie ist schon da. Er wiederholt es mit singendem Ton. Du flehtest nach der Nacht; sie naht: sie ist schon da. Pause. Schöne Stelle.“

Archibald war eingenickt. Weil die Stelle so schön war. Und als Ernst Albert am nächsten Morgen seinen kleinen Genossen schlafend unter dem Porträt seines verehrten Herrn Beckett liegen sah, neben ihm das ‚Endspiel’, aufgeschlagen auf den Seiten Einhundertachtundzwanzig (französisch) und Einhundertneunundzwanzig (deutsch), da weckte er den Bären. „Komm mit, Archibald!“ „Was tun?“ „Schauen!“ „Wo?“ „Auf der anderen Seite der Straße.“

Thema: Anregende Buchstaben, Archibalds Geschichte | Kommentare (0) | Autor: Christian Lugerth

DIE NACH OBEN OFFENE MAHLER-SKALA

Dienstag, 19. Oktober 2010 7:46

beckett

Und plötzlich war ihm, als sei der Himmel über seinem Kopf weggeflogen. Vielleicht kommt das davon, daß man gleichzeitig auf der Heizung sitzt und denkt. Ein im ersten Moment etwas seltsames Gefühl, welches sich aber innert kürzester Zeit als sehr angenehm entpuppte. Der Pöter glühte, der Kopf war dennoch kühl. Er wechselte den Platz. Er saß nun auf einem der Bücherregale in Ernst Alberts Arbeitszimmer. Seine Nase umschwirrten Hunderttausende ungelesener Buchstaben. Die waren zwischen ihren Buchdeckeln hervorgekrochen und hatten sich auf den denkenden Pelzträger gestürzt. „Lies mich! Bedenke mich! ICH bin es, der den Weg weist!“ Aber weil herumfliegende Buchstaben recht schnell die Orientierung verlieren, wußten die herumfliegenden Buchstaben bald nicht mehr aus welchem Buch sie ursprünglich gekrochen waren, um dem kleinen Bären die große Geschichte der undurchschaubaren Welt zu erzählen. Sie vermengten sich, fassten sich an den Haken und Häklein, tanzten miteinander und Archibald war es, als riechlese er ein einziges großes Aufrechtgeherbuch. Alles wichtig und alles doch vanitas. Alles gescheit und doch so unendlich dumm. Buchstaben sind gerne mal außerordentlich eitel, nur wissen sie dies oft gar nicht. Und der Himmel blieb offen. Nach oben.

Und dann waren sie weg, die eitlen und gescheiten Tänzer. Weggeflogen, nach oben, in den offen vor sich hinklaffenden Himmel. Archibald hatte einmal kräftig aus seinem Hirn rausgepustet, die Luft über seinem Räsonierschädel mit einem beherzten Ausdenker gereinigt und draußen graute ein kalter Herbsttag. Und der Bär saß vor sich hin und wußte, daß er ein Bär war und Archibald Mahler hieß, aber dies war ihm Wurst wie Schinken, denn wäre er kein Bär und hieße nicht Archibald, dann wäre er etwas anderes und das wäre dann auch nicht zu verachten. Den Himmel interessiert nicht, was unter seinem Gewölbe Spuren hinterläßt. Wichtig ist, daß man mit seinem strapazierten Schädel nicht gegen den Himmel stößt, weil man sich größer gemacht hat, als man sein sollte oder kann. Er spürte eine tiefe, wohltuende Müdigkeit durch seinen Leib kriechen. Er schaute aus dem Fenster und er mußte mit ansehen, wie schwer es die Helligkeit des Tages inzwischen hatte die kalte Nacht zu vertreiben. Und er wußte, was dies bedeutet.

Und dann rasselte und surrte es über seinem Kopf. Die Buchstaben kehrten zurück von ihrem Ausflug hinauf in die Stratosphäre der Bedeutungslosigkeit. Doch es waren sehr viel weniger Buchstaben geworden. So als wären sie bei ihrem Fall zurück zur Erde durch ein großes Sieb gerasselt.  Was man so alles nicht benötigt! Und die übrig gebliebenen Lettern formierten sich über Archibalds Kopf und er erkannte dies: „Wieder auf dem Sprung gegenüber dem unbezwinglichen Außen. Auge und Hand fiebernd nach dem Nicht-Selbst. Durch die von ihm unablässig veränderte Hand unablässig verändertes Auge. Zum Nicht-zu-Sehenden und Nicht-zu-Schaffenden vor- und zurückstoßender Blick. Ruhe im Hin und Her und Spuren dessen, was es heißt, zu sein und gegenüber zu sein. Tiefe wunde Spuren.“ Das hat der Herr Samuel Beckett geschrieben. Sagten ein paar einfache und dienende Informationsbuchstaben. Die muß es auch geben. Selbst wenn der Himmel mal weggeflogen ist.

Thema: Anregende Buchstaben, Archibalds Geschichte | Kommentare (0) | Autor: Christian Lugerth