VOR DEM DENKEN IST NACHDENKEN! WART MAL!
Montag, 18. Oktober 2010 6:10

Und dann hat sich Archibald auf das nächtliche Fensterbrett gesetzt. Ernst Albert hatte lange und ausdauernd auf seiner Tastatur rumgetrommelt und Wein getrunken. Und dann war er müde geworden, aufgestanden und ins Bett gefallen. Die Schreibtischlampe hatte er vergessen auszuknipsen und die Karaffe mit den Weinresten ließ er einfach stehen. Auf Archibalds Fensterbrett. Neben dem kleinen dicken Mann aus rotem Stein, der so zufrieden vor sich hingrinste. Ein bißchen sah diese Figur aus wie ein komplettrasierter alter Bär. Hängebauch, Hängebrüste, Hängebacken. Fell weg, aber gut gelaunt. Archibald genoß die Ruhe. Wenn er sich konzentrierte, konnte er draußen vor dem Fenster die Blätter durch die kalte Nachtluft trudeln hören. Der Wind hatte die Straßen leer gefegt und die Aufrechtgeher zogen es vor – Oh Bärengötter, hört meine Dankgebete! – zu Hause zu bleiben. Die Nacht hatte heute Nacht Zeit und Muse, einfach nur Nacht zu sein. Kein sinnentleertes, verzweifeltes Fröhlichsein schrie durch die Dunkelheit. Die rollenden und stinkenden Blechmilben hielten ihre Räder still. Selbst der Kneipenwirt auf der anderen Seite der Straße hatte es heute Abend fertig gebracht, seinen Müll in und nicht neben die Tonne zu legen. Archibald kratzte sich Pöter, Abdomen und an der zufrieden herumschnüffelnden Nase. Eine gute Nacht. Zu gut, um zu schlafen. Eine freundliche Denknacht.
Man könnte zum Beispiel mal wieder über das Denken nachdenken. Also denken, bevor man denkt. Um das Nichts herumsinnen. Ohne Bescheid zu wissen. Kein angelesenes Viertel- oder Achtelwissen durch seine Hirnwindungen jagen und den Extrakt sich selbst als Produkt großartiger Selbstreflektion verkaufen und in die Denkvase stellen. In jene Denkvase, die man fett und gut beleuchtet auf sein Fensterbrett gestellt hat, in der Hoffnung jeder zufällig vorbeischlendernde Passant möge nun sein Haupt heben und erstarren in Bewunderung und Verzückung. Quatsch mit Soße, wie die Altvorderen gerne bemerkten. Weil, wenn Du im Zug sitzt, lecke das Messer nicht ab, denn wenn der Zug um die Ecke fährt, schneidest Du Dir Deine Wange auf. Auch daran gilt es zu denken. Und wenn Du denkst, denke nie an diejenigen, die Dein Denken vernehmen könnten. Doch wenn Sie vorbeikommen und sich freuen, daß einer denkt, der ein Bär ist und eigentlich schlafen sollte oder Fische essen und sich auf den Winterschlaf mental und leiblich vorzubereiten, dann freue Dich. Und dann kratze Dich noch mal am Pöter und sonst wo.
Die Heizung unterhalb Archibalds Fensterbrett bollerte lustig vor sich hin. Wenn das die Korrekten unter den Aufrechtgehern wüßten! Nachts! Der vergeßliche Ernst Albert und die heute – Ausnahmweise! – etwas faule Eva Pelagia bescherten dem Bären einen heißen Hintern. Gewiß denkt sich in einer Komfortzone etwas anders als zum Beispiel an der Südspitze Feuerlands. Aber sei es drum! Es war eine ruhige Nacht! Es gab keinen Grund die unsteten und hin und her mäandernden Bärengedanken irgendwelchen Komitees, Schlaumeiern oder Wichtigwissern unter die Nase zu reiben. Gegenüber des Denkbalkons namens Fensterbrett funkelten vereinzelte von Fernsehern beleuchtete Fenster. „Diese Nacht teile ich mit den ruhigen Schlaflosen!“ Das dachte Archibald Mahler, von der Insomnia geplagter Bär vom Brandplatz. Think!
Thema: Archibalds Geschichte | Kommentare (0) | Autor: Christian Lugerth



Er stand vor seinem Gedankenschrank. Er dachte nach. Er versuchte dies zumindest. Die Nachwirkungen der letzten Feierlichkeiten waren nicht mehr zu spüren. Kaum noch, um präzise zu bleiben. Was war zu tun? Die Expedition
Ganz anders! Alles anders! Archibald reckte seine Nase in die Luft und er roch den nahen kleinen Fluß, der die kleine häßliche Stadt bisweilen entscheidend erträglicher macht. Und er wußte im selben Moment, daß ein einfacher
Der Aufbruch erfolgte schnell, aber ohne Hektik. Archibald bat Ernst Albert um einen alten Schal. Dieser sollte ihm als Decke, Schlafsack oder Regenmantel dienen. Eigentlich eines richtigen Bären nicht würdig, aber Herr Lenz ist dieses Jahr nun mal eine kalte und nasse Drecksau und als Hausbär ist in Sachen Abhärtung doch noch einiges zu tun. Eva Pelagia steckte ihm zwei Büchsen mit Thunfisch sowie ein angebrochenes Glas mit Heidelbeermarmelade zu und bat den Bären inständig auf seine neuen Anoperationsnarben achtzugeben. Dem Lütten Stan versprach Archibald pünktlich zum Beginn der „Großen Pöhlerei Festspielwochen“ wieder in der gemeinsamen Höhle aufzutauchen. High five und Abmarsch! Und dann gab Archibald Gas. Die Dampfwalze Welt rumpelte langsam Richtung Fluß. Archibald hielt das Steuer fest in seiner Hand, anfangs etwas unsicher, doch jeder Meter brachte ihn ein Stück weiter. Er pfiff ein Lied vor sich hin. Nein, nein: nicht das Lied des lustigen Mädchens vom Samstagabend. 

„Es wird hohe Zeit, daß ich beginne mich zu organinizieren!“ Dies hatte einst der berühmteste Taxifahrer der Welt namens
Nach dem Eingriff ist man schlauer. Nach der Wahl auch. Und erst recht am letzten Spieltag. Davor ist viel Lärm. Aber das ist nunmal die Art der Aufrechtgeher, mit dem kurzem Hemd den langen Wind zu machen, davor, egal um was es sich auch handelt. Prognosen, Spekulationen, dick geschnürte Angstpakete und mahnende Zeigefinger. Archibald jedoch hatte keinen Grund zu klagen, jetzt da alles vorüber. Der Eingriff war nur noch Erinnerung, Eva Pelagias sorgende Hände hatten sauber gearbeitet und wat mutt, dat mutt eben. Die Nachversorgung war zu seiner Zufriedenheit bestellt. Honig fürs Interne, außen Franzbranntwein, Talismänner für die Seele und – das war neu – die sagenumwobene Schlußkonferenz.
Erstens: Die maximal intime, dennoch aus medizinischer Notwendigkeit heraus entstandene, sowie die Verletzung präzise und emotionsfrei ablichtende Variante? Sie spart das Gesicht des Patienten aus, konzentriert sich auf die arbeitenden Hände der Heilerin, zeigt einen Schritt im Prozeß des zunähenden Eingriffs und verleugnet nicht den Schmerz. Wir weisen daraufhin, daß alle Eingriffe im Haushalt Albert / Pelagia / Mahler & Co ohne Anästhesie stattfinden. Nur wer sich dem unverwässerten, klaren Schmerz stellt, lernt dazu. Der Rest merkelt rum und legt jeden Lernprozeß nachfolgenden Generationen auf die noch schwachen Schultern.
Zweitens: Die anrüchige, leicht sexuell aufgeladene und trotzdem Mitleid erregende Fassung, die versucht Bloßstellung und Wahrung der Würde des Patienten zu wahren? Bei dieser Abbildung steht – neben der Entschlossenheit des Photographen, sich ein solches Motiv nicht entgehen zu lassen – im Mittelpunkt der optische Hinweis auf die Schmerz verursachende, aber langzeitstabilsierende Dicke des Faden. Auch der, der Farbe des Pelzes fast deckungsgleich angepaßte Braunton des Garnes fällt angenehm auf. Das Mitleid der meisten Betrachter erregt die unnatürliche, gewiß nicht druckfreie Haltung des Kopfes, die allzu aggressive Präsentation des Bärenhinterteils und das ängstliche Funkeln im Auge des Bären. Ruhe jedoch strahlt aus der, wie gewohnt, sichere und wissende Griff der Hände der operierenden Frau Eva Pelagia. Das Leben im OP-Saal ist nunmal kein Ponyhof.
Drittens: Die Variante, die aus dem Schmerz und damit verbundenen kleinen Katastrophen, versucht das, wahlweise, Spektakuläre oder auch durchaus Komische zu ziehen? Der Patient und somit seine und unser aller Welt steht Kopf, trotzdem scheint ein Grinsen die Lippen des Bären zu umspielen. Der Eingriff wird zur Nebensache. Aus jedem Schmerz läßt sich noch ein Tröpfchen Lustigkeit pressen. Diese Art der Abbildung korreliert wahrscheinlich am ehesten mit der uns Aufrechtgehern angeborenen Haltung aus Fehlern, Krankheiten und ähnlichen Unpäßlichkeiten nicht unbedingt Schlüsse ziehen zu wollen. Aussitzen, weitermachen und hoffen, daß es trotzdem etwas zu lachen gibt. We love to entertain you! Legal, jedoch nicht abendfüllend. Entscheiden Sie selbst!