Wer keine Heimat mehr hat, hatte mal eine Heimat!
Noch in der Mitte der Siebzigerjahre des vorherigen Jahrhunderts hatte der Begriff „Heimat“ reichlich Patina angesetzt und leuchtete im wesentlichen in den Farben Rudolf Prack und Braun. Ernst Albert und Konsorten wollten sich damit nicht abfinden. Die kleine reiche eingebildete Stadt liegt an der Spitze einer dicht bewaldeten Landzunge. Im Norden der Halbinsel fällt das Ufer steil ab in den von Gletschern ausgewaschenen Überlinger See. Im Süden dümpelt der flache Untersee. Dazwischen: Wälder, Wiesen, Obstbäume, Sümpfe, ein paar kleine Ortschaften, Gehöfte, Dorfgasthäuser und in der Mitte der Landzunge ein verwunschener See. Dieses Stück Land galt es zu erobern. Linksherum! Achternbusch und Bierbichler trugen die Fahne voran. „Ich bleib hier solange, bis die merken, daß es mich gibt! Prost!“ Auch ohne Kniebundhosen und rote Wadenstrümpfe Flora und Fauna die Ehre bezeugen. Durch die Wälder laufen ohne Ziel und Gesinnung. Zurückeroberung des Dialektes. Der Berg ruft auch den Unrasierten! Und auf Bänken mit grandioser Aussicht kifft es sich einfach besser als in versifften Wohngemeinschaftszimmern. Archibald blickte auf den verwunschenen See. Nur ein einziger Steg führt in den göttlichen Mindelsee. Ganz allein, der Steg und er! Ernst Albert sagte nichts. War auch nicht nötig. Wer hier einmal gesessen ist, der versteht!
„Unser Britisch Kolumbien“ nannte man die Gegend hier oben. Wenn sie auf der Blumeninsel schon die Tulpen zählten, lag hier noch Schnee. Irgendwann hatte einer die Idee hier Bisons zu züchten. Und die Tiere auch zu schlachten und in der kleinen Gaststube am Rande des Geheges zu verwursten und zu verzehren. Für Ernst Albert und die Markgrafenbande war es ein festes Ritual, sich den Gestank der durchfeierten Samstagnächte am Sonntagnachmittag hier oben aus den Klamotten zu laufen. Nachdem beim Frühstück aka Zähneputzen der feierliche Schwur geleistet worden war, den Rest des Lebens ohne die Einnahme von indischen Heilkräutern, ROTHHÄNDLE und dem unerreichten und mehrfach geseichten Ruppaner zu vollbringen, suchte man hier oben eine preisgekrönte KB – vulgo Kifferbank – auf und brachte das ermattete Gehirn wieder auf Betriebstemperatur. Den Körper stärkten anschließend Bisonwürste und etliche halbe Liter Gelbgetränk. Oder unten im Tal: der Schweinebraten im legendären Liggeringer Adler. Auf viereckigen Tellern serviert von der dicksten und freundlichsten „Frau Wirtschaft“ unter der badischen Sonne. „Ihr honnt schon lang nint Anständigs me gehabt, oderr? Wennt ihr Dünnele no Spätzle? Bierle no?“ „Ä Runde nemme mer noch!“ Die Käfer und Enten fuhren damals schließlich im Autopilotmodus nach Hause. Archibald betrachtete die wandelnden Riesensteaks mit hungrigem Interesse. Roh? Gesotten? Gebraten? Als Wurst? Das Kleine hinten links! Am Spieß! Alle halbe Stunde mit Met begießen! „Gefällt es Dir hier, Archibald?“ „Und wie!“ “Deshalb müssen wir jetzt gehen. Komm!“
Ab und an verabredete sich die Markgrafenbande mit angrenzenden Freunden in der alten Ruine Bodman, zehn Laufminuten von den Bisons entfernt. Es galt der Dame „Lucy in the Sky with Diamonds“ die Referenz zu erweisen und die Nächte mit den Erscheinungen der erhitzten Jungmännerimagination – reale Damen waren damals eher selten geladen! – durchzutanzen. Das konnte sehr anstrengend werden. Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie am besten sich selbst! Eines Morgens erwachten die Feierbiester aus ihrem Rausch. Unten der ewige See. Einer sagt: “Zuviel Idyll hier! Aufbruch tut not! Und klares Hirn.“ Es wird genickt. Zustimmung. Abschiede. Der Eine fuhr nach Kreta, erntete Tomaten und fand die Frau für den langen Rest seines Lebens. Ein Anderer ging nach Portugal, kaufte sich einen Esel und buk Brot. Einer flog über den großen Teich und lernte, wie man die Bretter, die die Welt bedeuten, ins rechte Licht setzt. Der kleine Lehrer unterrichtete fortan in Afrika und nahm ein junges Mädel mit. Noch einer emigrierte auf die Gemüseinsel und zeugte Kindlein. Der, der nach Graz zog, das Pianoforte zu studieren, war bald wieder da und stimmte die Klaviere, statt sie zu spielen. Einige blieben vor Ort und wurden nicht mehr gesehen. Wiederum andere verbrannten ihre Vergangenheit, gingen zum Barbier und rauchten fortan ihre Kontoauszüge. Gestorben wurde auch. Die Götter des Rausches fordern ihre Opfer. Ernst Albert brach auf, um den Beruf des Musentemplers zu erlernen. Und Archibald? Der schaut sich das alles an, denkt, was man als Bär so denkt und ist zufrieden, wenn der Chef zufrieden auf seinen See blickt und der Vergangenheit ein Kerzlein anzündet. Und findet durchaus, daß Gott der Herr, bei der Gestaltung dieser Gegend hier in großer Form gewesen sein muß. Film ab!
Hinter Kaltbrunn und nahe Freudental kommt es zu einer Begegnung
Wer mit Ernst Albert reist, der ist vor Überraschungen nicht gefeit. Archibald hat sich daran gewöhnt. Aber hier und heute. Sein Bärenherz pocht immer noch. Freude. Aufregung. Ein wenig Furcht. Das, was da aus dem Gebüsch auf ihn zuraste. Der heiße Atem des Urvaters klebt jetzt noch an seinem Fell. Was für eine Stimme! Welche Kraft! Was eine Begegnung! Darüber hat Archibald vergessen, was er heute sonst noch alles erlebt hat, all die Geschichten, die er noch erzählen wollte. Jetzt muß er sich erst mal eine Büchse Thunfisch aufmachen (lassen). “Kann ich da ein bißchen Honig dazu haben und eine Karotte?” “Geht klar, Herr Mahler! Guten Appetit!”
„Non scolae sed vitae discimus“ oder von Ernst Alberts Bildungspfaden
Der letzte Fischer von der reichen Au war nett. Aber eine Lehrstelle hatte er nicht im Angebot. „I honn etz prinzipiell nix degegge, daß en Bär uff meim Boot hockt, aber hosch etz Du Abi gmacht?“ Archibald mußte verneinen. Ernst Albert tröstete. „Nicht traurig sein, kleiner Genosse. Erworbene Bildung und späterer Werdegang gehen nicht immer Hand in Hand. Umwege sind durchaus möglich. Das Erkennen von Talent ist eher selten eine Fähigkeit der Leichtgebücktgeher. Schaun wir mal!“ Und so schritten sie gemeinsam Ernst Alberts Bildungspfad durch die kleine reiche eingebildete Stadt ab.
„Morgen! Setzen! Tafeln raus! Diktat!” So oder so ähnlich fing das alles an. Einschulung im Jahre Neunzehnhundertdreiundsechzig. Kein Spaß! Gewiß hatten die Lehrer Namen. Einer hieß Obermüller. Einer hieß Söll. Waren sie alt damals, oder sahen sie nur fürchterlich alt aus? Die Erinnerung an den letzten Krieg lastete schwer auf ihren Schultern. Und viele von ihnen hatten etwas in diesem Krieg verloren. Ein Auge, einen Arm, ein Bein, die Geduld, den Respekt vor ihren Zöglingen, die Fähigkeit zu lieben. In der Ecke stehen, Schläge mit dem Rohrstock auf die Handinnenflächen, Nachsitzen, Strafarbeiten: alltägliche Verziehungsmittelchen. Einmal in der Woche gab es einen halben Liter Milch und nach den Sommerferien wurde erwartet, daß man seine Geranie preiswürdig zum Blühen gebracht hatte. In der Pause prügelte man sich wegen geklauter Köllnflockenbilder und wenn man sich zu Hause beklagte, wurde der Satz: „Dann wehr Dich halt!“ gerne auch mal mit einer kleinen Ohrfeige dekoriert. Der Schulweg führte durch eine Schrebergartenkolonie. Die Kirschen aus Nachbars Garten schmeckten lecker. Wenn man schnell wegrennen konnte. Keine Narben. Jede Zeit hat ihre Unwägbarkeiten.
Die folgende Zeit war jene, die den sogenannten Arbeiterkindern den Zugang zur höheren Bildung ermöglichen sollte. Die erste Große Koalition. Plisch und Plum! Willy ante portas! Latein! Agricola puellam ad cenam expectat! Sagen des klassischen Altertums! Mondlandung! Aus Cassius Clay wird Muhammad Ali! Der Wecker klingelt morgens um vier! Haare wachsen mit Bedeutung, sogar in tiefster Provinz! Dann geht es schnell. Vater kann nicht mehr und die Welt ist Feind! Schülerzeitung! Versammlungen! SMV! Stufensprecher! Machine Gun! Vietnam! Südafrika! Chile! Wo liegt das bitte? Hier, vor der Haustür, auf dem Schulhof! Macht kaputt, aber nicht was Euch kaputt macht, sondern einfach so! Oder Euch selbst! Die Lehrer hatten Namen. Der gütige Lins mit der Vokabelbeule. Der eitle Göpfrich. Der aufrechte Reichrath. Der verpeilte Brüstle. Der wehrlose Krucker aka die „Sandale“. „Zimpel“ Zimmermann, der geographische Leuchturm. Berger, der fummelnde Zeichenlehrer. Und der kleine große Generalist -“Ist Ihnen Georg Elser ein Begriff? Lesen Sie Hesse besser nicht!”- und Kommunikator Lehn. „Lassen sie uns heute über die Berechtigung des Tyrannenmordes sprechen! Und, meine Herren, über den Widerspruch zwischen Ihren großen Worten und Ihrer Angst, von der Sie keine Ahnung haben können! Über Jamben und den Daktylus informieren Sie sich bitte selbstständig!” Die Lehranstalt war Herrn Alexander von Humboldt gewidmet. Keine Narben. Ganz im Gegenteil. Irgendwann rutschte der Notenschnitt in den Keller. Ursache? Auch das Zusatzstudium an der Lebensuniversität auf der anderen Seite der Straße.
“Costa del Sol” war der Name des Tempels. Der erste Billardtisch. Stierkampfplakate an den Wänden. Die Einführung des Schwänzens. „Ruppaner Bier: unerreicht! Zwei gsoffe, drei geseicht!“ Die Lehrer hießen nun Pepe, Emilio, Andres und Tonio. Unser Lernziel: una hara oder una ganja! Halbe oder Kleines! Tortilla! Gambas! Boquerones! Fisseplatte! „Des Zeugs hier, des kann doch kei Sau fresse.“ Alle tun es aber! Grundlagen schaffen! Und es ist billig! Drei Ebenen hatte das Kellerlokal! Jede Ebene hatte einen eigenen Stammtisch! Unten DKP, SDAJ und MSB Spartacus am großen runden Tisch. Eine Ebene höher die neuen Sekten und der Eleve Ernst Albert: KBW, KPD/ML. Und der eine kleine Tisch ganz oben im Eck: die KPD/AO. Beschimpfungen fliegen hin und her. „Revisionist! Spalter! Trotzkist! Volksfeind! Säckel! Du schuldescht mir noch ä Halbe!“ Nach dem dritten bis sechsten Bier: „Die Holländer, wosch, die honnt halt me Spielkultur, aber mir honnt de Müller. So einfach isch des! Pepe kumm, etz mach mal die Kischte an!“ Pepe steht auf. Zwei Minuten bis zum Anpfiff. Rechts oben auf dem Regalbrett der altehrwürdige Fernsehapparat. Eine karierte Decke schützt ihn vor dem Rauch der allgegenwärtigen ROTHHÄNDLE. Diese zwei Minuten benötigt das Gerät, um warm zu werden. Rudi Michels Begrüßungsworte retten den kleinen, stolzen Spanier vor der Steinigung. Weniger ungeduldige Naturen hatten die zwei Minuten genutzt. Man stand vor der Türe und prüfte die Qualität der unlängst in der kleinen, damals noch armen, aber auch schon sehr eingebildeten Stadt, eingetroffenen indischen Heilkräuter. „Du, Lugi? Hosch Du noch ä Busfahrkärtle für en Filter!“ Tief einatmen! “Roll another one!” Anpfiff! Weltmeister! Dann zurück über die Straße. Die paar Monate schaffen wir auch noch, gell! Genau! Abitur bestanden! Schnitt: Drei zu Null! Archibald hatte aufmerksam gelauscht. Er war erleichtert. Irgendwas geht immer! Fortsetzung folgt!
Archibald ist reich für die Insel!
Für jeden ernsthaften Weltbetrachter ist es ein Gebot der Professionalität sich zuerst einen Überblick zu verschaffen, auf daß das Bild, welches man sich von den Verhältnissen macht, nicht zu arg aus dem Rahmen fällt. Was sah Archibald? Ein Eiland mit dem sprechenden Namen die Au der Reichen, von den lokalen Leichtgebücktgehern auch die Gemüseinsel genannt, im Gegensatz zu der von Sachsen, Brandenburgern, Südkoreanern und Schweden bevölkerten und zudem komplett vernachlässigbaren sogenannten Blumeninsel in einen anderen Teil des Sees. Gewächshäuser, überbordernde Felder, rauschhaft blühende Rabatten, Ferienwohnungen, noch mehr Gewächshäuser, überbordende Felder, rauschhaft blühende Rabatten, Ferienwohnungen und dies soweit das Auge reich(t). Kein Quadratzentimeterchen ungenutzt! „Zwische zwei Tomatestecke passet zehn Tourischtensäcke! Ho Narro!“ Wie war Archibald hierher gelangt? Das schwarze, glänzende und röhrende Ding zwischen Ernst Alberts Beinen nennen Zweibeiner einen Motorroller, für Archibald Mahler, Badenbär auf Abruf, war dies jedoch eine mobile Teilzeitwinterschlafhöhle. Eine Sitzbank wird hochgeklappt, man wird hinein gebettet, am rechten Ohr gluckert betäubend riechender Petrolsaft, unter dem Bärenpöter vibriert und heizt ein Motor und nach dem Herunterklappen der Sitzbank ist es dunkel wie im Enddarm eines Kodiakbären. Der seltsame Benzingeruch, na ja, aber sonst eine angenehme Art zu reisen, fand der Bär. Und wenn man auf hocher Wart solch Panorama serviert bekommt – keine Klagen! „Komm, Herr Bär, suchen wir Reste der alten Au!“
Der Erfinder der empirischen Floralmeditation war begeistert. Ein altes Gewächshaus und hunderte kleiner Setzlinge im postembryonalen Zustand. Sitzenbleiben und sehen und hören und riechen bis die Frucht zur Ernte ruft. Und den armen Böhnchen und Fenchelchens und Salatileins Zeit lassen, allen Dünger verbannen aus der alten Wachshütte, nur Wasser und Sonne und den Geschmack aus sich selber entstehen lassen. Da kommt der Bauer. Er hat einen großen Kanister in der Hand. Da steht Bayer Leverkusen drauf. Ist es Rudi Völler, der Gurken für seine Truppe einkaufen will? Nein, im Juni der Bauer den Dünger draufhaut! Ab August werden die Etiketten gedruckt. “Biogemüse vom Bodensee”. Ungespritzt gelogen! Glaub es oder nicht! Ein Reisebus parkt zwischen endlosen Reihen roten und grünen Blattsalates. Beetkunst. Sprachgewirr. Vertraute Töne. „Ei verbibsch! Nu gugge die Salade! Und dort spriesst de Tomade! Und die Ferienwohnung is auch noch zu hom, Muddi!“ Ernst Albert mahnte zum Aufbruch. Platz ist auf der kleinsten Insel!
Insula Opulenta divida est in partes tres, qui sunt: Oberzell. Mittelzell. Unterzell. Jeden Teil schmückt eine alte Kirche. Ernst Alberts Lieblingskirche steht in Unterzell. St. Peter und Paul. Karg. Bescheiden. Fromm. „Komm mit ans Ufer! Ich zeige Dir etwas, was Dein Bärenherz höher schlagen läßt!“ Da saß Archibald in einem der letzten Fischerboote, welche es noch auf der Insel gibt. Zwei, drei Fischer können noch leben von ihrem Gewerbe. Der See ist ziemlich leergefischt. Die Fischer sagen, es seien die bösen Kormorane gewesen und wollen sie durch das Blasen von Uweseelas aus ihren Nistgebieten vertreiben. Kormorane sind aber taub und sehr hungrig. Schuld ist letztlich die Geldgier. Jeder Tourist will halt sein obligatorisches Bodenseefelchen. Die meisten Fische aber, die auf den Tellern der Sachsen, Brandenburger, Südkoreaner und Schweden landen, bestehen seit Jahren aus Formfisch, den flinke Kinderhände in Pakistan in die ursprüngliche Form geknetet haben. Sagt man! Nichtsdestotrotz: Archibald fühlte sich großartig zwischen Anker, Netz, Köder und Angelschnur. Sein Magen knurrte so laut, daß sich Frau Noelle-Neumann auf der anderen Seeseite im Grabe umdrehte. Morgen würde er den letzten Fischer auf der Au fragen, ob er eine Lehrstelle anzubieten habe. Petri Heil!
Archibald fällt den Entschluß, daß dort wo das Heckerland endet, es beginnt!
Die Feierlichkeiten waren mehr als zufriedenstellend verlaufen. Vier Hütten hatten die allgegenwärtige Furcht vor schneller Heimreise vertrieben, die Sonne am Ehrentag der Holden den fiesen Sonntagsregen, Ernst Alberts Familie hatte die Angereisten hochleben lassen und dabei Fleischberge verzehrt und Getränkekisten geleert. Allgemeine Zufriedenheit. Eva Pelagia, Führende der Wettrangliste für einen Tag, war in Begleitung des Lütten Stan – “Hömma Kumpel, inne freie Natur is meine Konzentriertheit auffe Pöhlerei in bedenkliche Gefahr!” – leider schon wieder auf dem Heimweg. Der Wind wehte schwül, doch kühl über den See. Zeit, Fell und Hirn zu lüften. Die zwei am See verbliebenen Herrschaften betraten ein Stück Land, am östlichsten Rand der Stadt gelegen. Ein großes (noch) unverbautes Seegrundstück. Eine alte Adlige hatte dieses Kleinod einstens der kleinen reichen eingebildeten Stadt vermacht, damit die Einheimischen hier baden und sich in der Sonne aalen können. Einzige Auflage der Schenkung: niemals Eintritt zu verlangen und das freie Gelände nie zu verbauen. Und wie schwer dies den geldgierigen Zweibeinern dieser Stadt fällt, davon könnte Ernst Albert Lieder singen. Tat er aber nicht. Herrn Archibald Mahler, momentan Seebär und kontemplativer Aquatheoretiker, juckte das alles nicht die Bohne. Sein erfreutes Bärenherz erspähte Wasser. Und was für herrliches Wasser. So groß erstreckt sich hier der See, daß man am Horizont die Erdkrümmung erkennen kann. Was sah er noch? Da vorn das Horn, oder wie der lokale Aufrechtgeher bemerken würde: da vörnle `s Hörnle. (Aha, man beliebt zu scherzen! Der Setzer!)
Ein großartiger Blick. Seegras. Ein Rettungsboot. Ein Badefloß. Ein kleiner Leuchtturm. Ruhig dahin ziehende Schiffe. Eine übers Wasser hinweg grüßende Bergkette. Allerlei schwimmendes Getier, nahrhaft gewiß. Der Bär genießt und schweigt. Auf dem Stein am Ufer, seinem Meditationssessel, seltsame Schriftzeichen. Knallrot. „Nur für DLRG!“ Was mag das bedeuten? Ernst Albert kann man nicht fragen, denn der organisiert gerade ein neues Gefährt. DLRG? Welche geheime Botschaft verbirgt sich hinter den Lettern? Das Leben rudert gerne? Der letzte Regen ging? Dortmund lobt rackernde Gelsenkirchner? Die Liebe regiert Gedärm? Dolby, Longplay, Rush & Gong? Dieter leert Rotweingläser? Der Löw ruft Gomez? Die Liegewiese regelmäßig gießen? Danke liebe Randgruppe? Der Lugerth rätselt gerne? Keine Ahnung! Doch eines war gewiß, Archibalds nachdenklicher Bärenpöter hatte bisher keinen schöneren Platz besessen. Die Luft strömte klar und kraftvoll bis in die letzten Lungenspitzen hinunter und das Hirn arbeitete leise, präzise, unaufgeregt. Jawohl, der rechte Ort nur für Die Letztlich Richtigen Gedanken!
„Das letschte Zipfele vom Heckerland!“ So sagen sie hier. Seltsam! Wo doch der Hecker mit seiner recht erfolglosen Truppe einstens hier losgegangen war. Andererseits haben damals alle drei lokalen Blätter mit keinem Wort den Marsch der – sehr dezenten – Revolutionäre erwähnt. Eine Angewohnheit, welche die Seehasen – so nennen sich die hier Ansässigen gerne mal – bis heute erfolgreich konserviert haben. „Paris? Da hont se de Eiffelturm. Des woss i au. Da brauch i it na! Und überhaupt: lonnt uns in Ruh. Wa wennt etz ihr scho widder?“ Soll die Welt da draußen machen, was sie will, der Seehas schweigt und erhöht die Preise. Ist die Ampel aber rot, wird ein zeternder Leserbrief verfasst. Natürlich hatte Ernst Albert – gebürtiger Seehas und begeisterter Nestbeschmutzer - dies gestern gegenüber Eva Pelagia in einem seiner ausufernden Vorträge erwähnt. Übrigens Angewohnheit der Familie, wie Archibald unlängst feststellen durfte. Aber auch der Bär hört da gerne zu und merkt sich das ein oder andere. Und dann denkt er nach. Also: wieso nicht das erste Zipfelchen? Wenige Meter entfernt, im knöcheltiefen Wasser, erblickt er einen Stein. Ein Boot ist dort mit einer Kette befestigt. Ein Sprung. Da saß er. Vor dem “letschten Zipfele”. Und er beschloß, daß von hier aus das Heckerland seinen Anfang nehme. Denn merke: ein Schritt genügt und aus dem, was da endet, erwächst Beginn. Ha, genug gedacht für heute! Seltsame Geräusche von hinten! Uweseelas? Nein! Was für ein röhrendes schwarzes Ding hat der Ernst Albert denn da zwischen seinen Beinen?
Hömma, wat ich grad am Denken bin! (Folge 6)

Ich sach mal so: inne Spielminute fünfzig haut der Neuer in seine Beschäftigungslosigkeit einen Abschlag über die Mittellinie und drei Zentimeters vor die rechte Auslinie hält der Herr Thomas Müller die Kirsche mit die Hacke im Spiel. Da brauchse nichts beifügen, dat is Spaß anne Pöhlerei trotz Getröte. Herr Müller, vor ihre Unverschämheit und anarchische Ballbehandlung tu ich meine Mütze lüften! Und wenn Meister Özil seine Pässe aussem argentinischen Fußgelenk auffe Reise schickt, vergesse ich in Gnade die glitschigen Treter von Herrn Miroslav „Wat is die Welt so traurich“ Klose. Mit der Rübe klapptet ja, auch wenn et mich sehr nerven tut, daß et phasenweise die Erscheinung hat, die Nationale Jugendbande is sonne Art von Klosewiederaufbereitungsanlage. Dat sollen se mal schön bleiben lassen, dat humorlose hohe Bälle innen Strafraum Gekloppe, nee: flach, schnell, rein, so is dat richtig und dat Blitztor von dem Cacau hat gezeigt, wie et geht. Sonst? Herr Schweinsteiger is inne Mutation begriffen. Dat Selbstbewußtsein und die Haarschnittigkeit von Herrn Effenberg selich hat er schon. Und der kleine Wuselkäpten Lahm tut den Worten beeindruckende Tat folgen lassen. Respekt! Keine Klagen über keinen von die Kerls, wobei ich den Herrn Friedrich und Mitglieder von die Argentiniers oder Holländers in eine gemeinsame Strafraum lieber nur in meine Alpträume sehen will. Aber der Junior Badstuber tut seine Arbeit in die hinteren Bereichen so unauffällig verrichten, dat et schon wieder auffällt. Dat beruhicht. Noch wat? Ach, dat Problem inne Beschreibung von unsere Pöhlerjugend – die arch begrenzten Fähigkeiten von die Freizeitsportskameraden aus Down under mal vorre Türe gelassen – ist dat, dat puret saren, wat da zu sehen war, leicht innet euphorische Fach abrutschen kann. Und dat lass ich mal schön bleiben. Dat Schlußwort gebührt dem Werbeprinz aus Karnevalcity, wo man sich wohl fragen tut, warum er sich plötzlich wieder bewegen kann. „Wir haben alles auf dem Platz wiedergefunden, was wir uns vorgenommen haben.“ Dat is große Balltretkunst gemixt mit die Konkrete Poesie. Und dat keiner von unsere Hoffnungsträgers auffe Pomade, die ausse Haarpracht von die mexikanischen Referees auffe Grünfläche getropft is, ausgerutscht is, dat freut dat verletzungsgepeinigte nationale Herz. Weiter so, die Herren! Viermal is Özil recht!
Also: Schicht im Schacht und ich danke Sie für heute. Et grüßt Euren „Lütten Stan“
Manche Tage sind ganz besondere Tage und dieser Tag hier ist ein ganz besonderer, sagen wir hier!
Sehr geehrte Frau Eva Pelagia!
Es regnet am See.
Das soll so nicht sein!
Aber es ist egal!
Wir verbeugen uns freudig in gratulierender Haltung!
Die Herren A.M. (BvB) und Stan, der Lütte Pöhler VierNull!
Ein Lied, zwo, drei, vier!
Aufbruch, schauerlich – frohes Lied und tausend tote Dinge erwecken eine Stadt zum Leben
Das war neu. Mit einer von Petrolsaft angetriebenen Blechmilbe war man noch nie verreist. Und zudem in Begleitung des geheimen Fieberthermometerhalters aka Herr Reinhard Kuno Theophil „Stan“ von Lippstadt-Budnikowski zu Datteln. Doch angesichts der Tatsache, daß Eva Pelagia am Volant saß und sich nicht am üblichen Hasenrennen auf den Betonpisten beteiligte, verlief die Reise für alle Insassen ruhig und angenehm. Archibald und der Lütten Stan im Heck vertieft ins Gespräch. Man diskutierte eine Idee. Sollte man als Duo gelegentlich die „Großen Pöhlerei Festspiele“ analytisch bereden, sich gegenseitig Ball und kritisches oder jubelndes Wort zuwerfen? Einigung fand noch nicht statt, da keiner der beiden sich bereit erklärte, die Perücke Marke „Netzers Günter“ überzustülpen. Der Wagen stoppte. Auf einem Hügel in der Nähe einer Gelehrten- und Studentenstadt, in der Ernst Albert einst im dortigen Musentempel gewirkt hatte, ein leuchtend weißes kleines Gotteshaus. Anstieg in atemraubender Schwüle und Gipfelrast mit belegtem Brote. (Man hatte dazugelernt!) Grandiose Aussicht! Manch ein Dichter hatte den Weg von der nahen Stadt des Geistes hierher gefunden. Uhland auch. Ernst Albert sang für Eva Pelagia eine alte Weise:
„Droben stehet die Kapelle / schauet still ins Tal hinab / drunten singt bei Wies und Quelle / froh und hell der Hirtenknab. / Traurig tönt das Glöcklein nieder / schauerlich der Leichenchor / Stille sind die frohen Lieder / und der Knabe lauscht empor. / Droben bringt man sie zu Grabe, / die sich freuten in dem Tal. / Hirtenknabe, Hirtenknabe, / dir auch singt man dort einmal.“ Wo war Archibald? Der Bär hatte eine Höhle gerochen. Düster, klamm, der Atem kondensierte, brennende Kerzen erhellten schemenhaft. Ein ausgemergelter Mann, ein Spitzenkissen unter dem dornig bekrönten Kopf, lag nackend in der kalten Höhle. Stille, andächtig gesenkte Stimmen. Die Aufrechtgeher pilgern alle Jahre den steilen Berg hinauf, bitten den vom Kreuze Abgenommenen um Vergebung, Hilfe. Manche tun das zumindest. Archibald dachte nach. Seltsam, daß erst sein Tod diesen Menschen – Ecce homo! – ins Zentrum der Verehrung durch die Zweibeiner gerückt hat. Geht es bei den Bärengöttern auch stets um Schuld, Buße und Vergebung? Vielleicht ein Thema? Trotz erheblicher Zweifel an den seltsamen Glaubensritualen der Felllosen, Archibald genoß die Atmosphäre in der düsteren Höhle. Kurz faltete er seine Pfoten, falls dies eine Bärenpfote zuläßt. Aufbruch.
Eine Stunde später roch Archibald die Nähe eines Sees, eines großen Sees. Solch einen großen See hatte er noch nie in seiner Nase gehabt. Der See bestand aus mehreren Teilen, diese verbunden durch einen Fluß, der den See speist und an dessen Ufer die kleine reiche eingebildete Stadt liegt, in der Ernst Albert aufgewachsen ist. Da saßen sie nun am Ufer des Seerheins, zu zweit. Archibald versuchte den Fachmann in Sachen Pöhlerei in die Grundlagen einer ausgleichenden und trotzdem stimulierenden Wasserrandmeditation einzuführen. Er scheiterte. In den Ohren des Lütten Stan die nervenzerfetzenden Uweseelas, in seinem Herzen Vorfreude und etwas Furcht vor dem heutigen Abend. Doch auch Archibald fand nicht die nötige Ruhe. Zum einen der morgige Ehrentag einer zentralen Person in seinem Leben und letzte Fragen der Organisation und zum anderen die kochende, übervolle kleine reiche eingebildete Stadt in seinem Rücken. Einmal im Jahr räumen die Einwohner und ihre Nachbarn aus dem Umland ihre modrigen Keller leer, legen alles, was sie schon fünfmal weggeschmissen haben, an den Straßenrand, in der Hoffnung, jemand kauft es ihnen ab, um es in den Keller zu bringen oder wegzuschmeißen und das ganze Gerümpel im Folgejahr wieder an den Straßenrand zu legen. Dafür bezahlt man eine happige Gebühr. Die Aufrechtgeher nennen das Flohmarkt. Dieser hier ist zwölf Kilometer lang und reicht bis ins Land des Nachbarn hinein. Archibald dachte, ob das etwa mit dem Ritual in der kalten Höhle auf dem Berg zu tun hatte. Wegschmeißen, sterben lassen und so entsteht Wert. Von Dingen, Beziehungen, Hoffnungen, Lieben. Seltsam, diese Zweibeiner! Der Bilderapparat rief. „Einigkeit und…“ Wieviele singen mit?
Ein Samstag im Juni am Ufer des Flußes

Für eine ganze Weile
an den Ufern geborgen.
Es bleiben Ziele.
…..
Archibald fühlte sich erfrischt. Die letzten Tage hatten gut getan. Und doch, das erste Mal beschlich ihn Heimweh, als seine Pfote sich auf die Schulter der holden Statue legte, die er am Rande des morgendlichen Flußes entdeckt hatte. Er dachte nach. Was tun, wohin nun die Gedanken lenken, welche neue Ecke der Welt betrachten und erfassen, da die Wassertage sich dem Ende zuneigten? Hic Rhodos, hic salta! Jetzt zeig, was die Ruhe Dich gelehrt hat!
Ernst Alberts Hand legte sich auf die Bärenschulter. “Da bist Du also! Komm mit! Eva Pelagia hat Geburtstag und um das zu feiern, fahren wir an einen See, an den See schlechthin, an meinen See, ganz unten im Heckerland. Auf, auf!” Und wieder einmal waren es wohlwollende Umstände, die Herrn Archibald Mahler, Zenbär vom Brandplatz, vor allzu anstrengender Denkarbeit bewahrten. Er stand auf, verneigte sich gen Osten, dankte dem Meister Basho so für die Hilfe und Inspiration in den letzten Tagen und begann sich zu freuen. Eine Reise zu Ehren des Weibes! Gut so! In der Ferne röhrten Uweseelas und der Lütten Stan scharrte mit den Hufen!
Ein Freitag im Juni am Ufer des Teiches

Nahender Sommer.
Milder Wind spielt mit den Halmen.
Wer hatte gerufen?