Archibald schaut Welt


Hömma, wat ich grad am Denken bin! (Folge 3)
23. Mai 2010, 10:31
Filed under: Hömma, wat ich grad am Denken bin

wm_sieg

Ich sach ma so: wenn die ganze Chose vorbei is, is die Weisheit ja immer löffelweise verzehrt worden und alle Welt is genau am wissen, warum dat Ding innen Teich gesetzt wurde. Also bleib ich getz mal strikt anne Chronologie von die Notate von meine Gedankenspiele orientiert. Ersma habet ich et geschafft tatsächlich erst um eine Minute vor Anpfiff kernerfrei anne Fernbedienung zu greifen. Die Strafe is auf den Fuss gefolcht, weil der Kommentator in die ersten Minuten einen Durchfall am labern is, wie dat aufgeregte Hühnchen vor die Einschulung. Die Sehnsucht nach Rudi Michel is im Herz am wachsen. Die Mannschaft von Pommes Schranke stürzt sich auffe Pille und hat nach ein paar Minütkes schon 70 Prozent Pillenbesitz. Ich bin am denken, dat schon lange keine von die deutschen Mannschaften zur Pille so eine Art vonne freundschaftliche Beziehung am aufbauen gewesen is. Dat is Verdienst von dem Herrn van Gaal. Robben is nach 12 Minuten dreimal schon vonne schnelle Beine geholt und et scheint mir, dat ihn dat beeindrucken tut, wie der Chivu mit die Mütze auffe Pläte ihn auffe Pelle rückt. Die erste Changse von Pommes Schranke hat der Altintop. Dat Problem is nur, dat der Butt dat Ding aus die Ecke fischen muß. Pillenbesitz allein isset nich und die Schwattblauen sind nich nur anne eigene Strafraum gekettet, wie et allenthalben zu lesen war. Mourinho is am rumdackeln anne Außenlinie, der Holländer am stoischen Sitzen. Robben is nach dreißig Minuten innet Schauspielerfach übergewechselt, weil er am begreifen is, dat er nich gegen Bremen am pöhlen is. Lucio is der Turm inne Schlacht, Demichelis is dat genaue Gegenteil und der Milito fackelt nich lange und ich war am denken, dat et dat war. Und wenn der Fuss, der am kommentieren is, wie wenn er für jedet ausgeatmete Wort einen Euro zusätzlich auffet Konto kriegen tut, mich fragen täte, dann könnte ich ihm erklären, dat der Catenaccio die Sperrkette gewesen is, mit der die alten Venezianer oder Genovesen ihre Einfahrten von die Häfen gegen die Gegners oder Piraten am sichern waren. Also hat dat eine lange Tradition, dat hinten die italienische Null am stehen is. Inne Minute Vierzig dick unterstrichen auf meine Gedankenzettel: Wo is Olic? Wo is Müller? Und der Butt – Hömma Herr Löw: dat is meine Nummer 1 A! – is dat sichere zweite Ding von den Sneijder am festhalten.

Halbzeit is dann die Nacht der lebenden Leichen. Dat ganze Werbegedöns mit die gegelte Dackel, die wo nich am Teilhaben sind: Ronaldo, Kuranyi und der kaputte Ballack. Ich bin eine Petition anne UEFA und anne FIFA am schreiben, dat Kicker, die unter excessive Mißbrauch von Haarpflegemittel leiden, für alle Zeit vonne Pöhlerei ausgeschlossen werden.

Ausse Kabine kommt Pommes Schranke wie vonne Tarantel gepickst und dat Ding muß der Müller machen. Nach geschätzte hunnertzwanzich Sekunden is dat Feuer gelöscht und ein Deja wüh is mich am Befallen: letzten Samstach, zweite Halbzeit und Bremen hat seine zwei Minütkes. Und so isset. Im Gegenzuch darf sich Butt wieder dem Herrn Löw innet Notizbuch schreiben. Dat is die Minute im Spiel, wo der Herr van Gaal seinen Allerwertesten dat erste mal vonne Sitzbank heben tut. Anne Seitenlinie bin ich ein Gespenst am erblicken. Is dat Klose, der da Werbung für Antidepressiva machen tut? Et is soweit: Altintop hat getz dat ersemal auffet richtige, nämlich et schwattblaue Tor geschossen. Und ich bin mich und den Herrn Löw am fragen: Wo is Schweinsteiger? Robben macht seine Namen als der Gläserne alle Ehre. Dat von rechts inne Mitte Reingekurve is durchsichtich wie Glas nache Besuch von die Fensterputzers. Inne sechzigste Minute wird der fleißige Altintop vonne Wiese genommen und dat Gespenst kommt. Robben is einen Kunstschuß am plazieren, Caesar (Brasilianer, woll!) inne schwattblaue Kiste souverän. Nach Demichelis is getz auch van Buyten inne Form der Hinrunde und dat war et endgültich. Milito die zweite. Wat sind die Verteidiger von Pommes Schranke für Bratbären. Lucio is am Grinsen. Der Kommentator is die Wunder am Herbeisingen. Dat nervt. Ich bin dat zweite Gespenst am erblicken: Gomez. Trotz seines excessiven Haarpflegemittelmißbrauchs wird er gegen den komplett abgetauchten Olic getauscht. Der Labberfuss is am bemerken: “Jetzt muß Lazarus ein Münchner sein. Aber Zanetti ist schlau.“ Mourinho reagiert auffe Einwechslung vonne deutschen Nationalsturm und bringt einen Verteidiger von Ghana. Dat is wahrscheinlich mit dem Herrn Löw abgesprochen wegen die schwierige Vorbereitung auffe WM. Robben is inne Zwischenzeit komplett am Verkrampfen und setzt einen Freistoß inne Mauer. Der alte Passelack Materazzi kriecht seinen Einsatz fünf Minuten vor Ende und van Gaal is Mourinho schon am die Hände schütteln. Getz fällt mir auf, dat ich vergessen habe zu fragen: Wo is Lahm? Dat deutsche Stürmerduo beläßt et bei einem Ballkontakt. Kopfball von Klose. Triple kannse inne Tonne kloppen, dat heißt getz TRIPLETE. Verdient, souverän, sauber, da gibbet kein Vertun. Abpfiff.

Nach drei Stunden Werbung Nachbereitung mit Pannemann Kerner und die Lichtgestalt, die sacht, dat mit dem „Ribberi“ der Siech sicher gewesen wäre. Wat ein Kokolores! Und van Gaal is ein Sprachgenie: „Normalerweise ist Müller ein kalter Frosch.“ Dat hat Klasse. Und der Mourinho antwortet zweimal mit eine kurze „Si“, als der Oberfatzke Kerner ihn fragen tut, ob dat dat letzte Spiel für Mailand und ob dann Madrid. Dat hat Klasse! Und dem Moderatorenclown is die Unterlippe am auffe Tischplatte fallen. Und deshalb oben dat Bildken für den Siech.

Also: Schicht im Schacht und ich danke Sie für heute. Et grüßt Euren „Lütten Stan“

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Spuren. Suchen. Ilmenau. (Geheimrat edit)
22. Mai 2010, 11:09
Filed under: Eastward ho!, Musentempel

ilm2_1„Heraus in eure Schatten, rege Wipfel / des alten, heil’gen, dicht belaubten Haines / wie in der Göttin stilles Heiligtum / tret ich noch jetzt mit schauderndem Gefühl / als wenn ich sie zum erstenmal beträte / und es gewöhnt sich nicht mein Geist hierher.“ Fremde, wohlklingende Worte. Wer sprach? Es war das Gespenst der Iphigenie des Herrn Geheimrat. Die zwei Reisenden standen vor der Grabplatte einer Mimin, der Schröterin. Diese hatte einst zusammen mit dem Geheimrat auf der Bühne gestanden, sie als Iphigenie, er der Orest. Offensichtlich hatte die Dame noch heute Verehrer, denn frische Blumen zierten die liebevoll gestaltete Grabplatte. Archibald dachte kurz darüber nach, ob er sich der Arbeit am Musentempel verschreiben sollte, verwarf den Gedanken aber sofort. Nein, solch Leben war ihm dann doch von zu vielen Unwägbarkeiten bestimmt und rechte Zeit zum Weltschauen ließ es auch nicht. Nee, lieber bin ich mein eigner Bär! Ernst Albert jedoch erinnerte sich mit Freuden daran, wie er im Jahr nach dem Fall der Mauern zwischen den BRÜDERN UND SCHWESTERN unter der Spielleitung eines Musentempelrecken aus dem Osten an einem Theater in Süden den Thoas gegeben hatte. Eine seiner schönsten Arbeiten überhaupt. Hunger meldete sich und der wollene Mantel, den er trug, begann an den Ärmeln zu tropfen, so hatte er sich mit Wasser vollgesaugt. Die Gespenster weinten. Ernst Albert teilte seiner Mutter mit, wo er sich gerade befand. Sie freute sich von ihrer Heimat zu hören. Und der Regen regnete wie jeden Tag in diesem fatalen Mai.

ilm2_2Sie stiegen hinab in den Ort, kleine Sturzbäche rechts und links des Weges begleiteten sie. Und da saß er auf einer Bank, erstarrt in Bronze und Kupfer. „Guck mal! Er schaut Welt! Wie ich!“, rief Archibald erfreut und sprang dem Geheimrat auf den Schoß. Er war sehr stolz einen so bekannten Kumpan gefunden zu haben. Und der Geheimrat flüsterte dem Bären ins Ohr, wie er einst von seinem Fürsten den Auftrag bekommen hatte, hier in diesem kleinen Ort die alten Bergwerke in Schuß zu bringen, wie er sich in den Ort verliebt hatte, wie, da die politischen Arbeiten in der Fürstenstadt – Dichter bleib bei Deinen Leisten! – ihn gar nicht mehr erfreuten, sondern lähmten, er öfters nach Ilmenau geflohen war, um wieder an seinem dramatischen Werke zu arbeiten, im Jagdschloß Gabelbach gleich um die Ecke seine Iphigenie vollendet hatte und gar – wenige Monate bevor er starb – an den Ufern der noch jungen Ilm seinen allerletzten Geburtstag gefeiert hatte. Dieser Ort war ihm lieb gewesen. Ein paar hochoffizielle Geheimratstränen kullerten über Archibalds Rücken. „Komm Archibald, gehen wir in die Kneipe, bevor wir hier absaufen.“ „Was ein Banause, dieser Ernst Albert!“, dachte der Bär und reichte dem Geheimrat zum Abschied seine Pfote. Hessen in der Fremde müssen zusammenhalten. Die Reisenden betraten ein Gasthaus. Hundert Elefanten begrüßten sie. Man bestellte. Zwei Bier. Zwei frisch zubereitete Thüringer Klöße. Sauerkraut. Schweinebraten. (Wieviel? Der Setzer) Zehn Taler. (Glaub ich nicht!) Doch! Und es war köstlich. Beim Verdauen belauschte man das Gespräch zweier Einheimischer, die am Tresen dem mittäglichen Biergenuß der Erwerbslosen huldigten. „Frare! Meenste do Euro überläbt?“ „Awer säbforschdänsch!“ “Sischer?“ „Glor!“ “Meenste wörglisch?“ „Och, sch sare daderrdsu nüschd mähr!“ “Nu! Un do Ballag?”

ilm2_3Die Henne ist das Wappentier von Ilmenau und der Geheimrat der Ortsheilige. Der Kickelhahn ist der Hausberg von Ilmenau und an seinen Hängen stand und steht eine Schutzhütte, das Goethehäuschen. Den Turm, der auf den Gipfel des Kickelhahns errichtet wurde und das Goethehäuschen hat man im Größenverhältnis WZA (Welt zu Archibald) wirklichkeitsgetreu nachgebaut und vor dem Bahnhof aufgestellt. Archibald setzte sich auf die Bank vor der Hütte. Er war durchnäßt wie ein dreifach begossener Pittiplatsch. Sind wir denn Radieschen? Egal! Einfach ignorieren! Er ging in sich, kam wieder heraus und reimte: „Über allen Gipfeln ist Ruh / In allen Wipfeln spürest Du / kaum einen Hauch / Die Vöglein schweigen im Walde/ Warte nur balde ruhest Du auch.“ Ernst Albert lachte und sprach seine übliche Warnung aus. „Hüte Dich vor Plagiaten! Doch stehle ungeniert und lasse es alle wissen! Dem Brecht war es recht!“ Sie erblickten ein Plakat. Eine Wählerinitiative namens „Pro Bockswurst“ lud zu einer Veranstaltung ein. Sie hatten es geschafft bei der letzten Wahl in den Rat der kleinen Stadt einzuziehen. Was es nicht alles gibt! Archibald war erfreut. Das ist Weltschauen auf hohem Niveau. Es erfolgte der Aufbruch! Schade!

“He, Chef! Du hast was vergessen!” “Was denn, Archibald?” “Du wolltest Deiner Schwester noch zum Geburtstag gratulieren!” “Aah! Danke schön, Bär. Liebe Schwester: Bitte schön! Und alles Gute!”

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Spuren. Suchen. Ilmenau. (Ernst Albert edit)
22. Mai 2010, 08:17
Filed under: Eastward ho!, Öffentliche Leibesübungen

ilm1_1„In Ilmenau / da ist der Himmel blau / da tanzt der Ziegenbock / mit seiner Frau.“ Wer auch immer der Urheber dieses Reimes gewesen sein mag, heute fehlte er in Gänze. Regenmassen schütteten ohne Unterlaß auf die zwei Reisenden nieder und die Böcke blieben lieber in ihren Ställen. Also suchte Archibald suchte erst einmal einen trockenen Unterschlupf und verschaffte sich einen Überblick. Sie waren mit einem modernen Bummelzug angereist, dessen Frische und Modernität um so mehr auffiel, als der Bahnhof, an dem die Fahrt endete, wie aus aller Zeit gefallen schien. Man hatte unlängst einige neue Hinweisschilder angebracht, ansonsten hatte man das Gebäude in den letzten fünfzig Jahren sich selbst und dem Verfall überlassen. Archibald gefiel dies. Sie liefen los, Richtung Zentrum des kleinen Städtchens und die Zeit spielte verrückt. Uhren blieben stehen, dann bewegten sich die Zeiger wieder, unendlich langsam, im nächsten Moment rauschten sie rückwärts. Die Häuser der Stadt kündeten von untergegangener Zeit, sie kündeten sogar von der Zeit vor der Zeit, die vor zwanzig Jahren plötzlich und ohne großes Aufheben verschwunden war. Und es schien, als bewegten sich die Aufrechtgeher hier entschieden langsamer, sprachen langsamer, sie sahen aus, als stünde vergangene Zeit vor ihren Augen wie getönte Brillen. Auch Ernst Alberts Blick trübte sich und er spürte wie die Gespenster der Erinnerung ihn an die Hand nahmen. Das erste Mal war er hier entlang gegangen vor weit über vierzig Jahren an der Hand seines Vaters. Von den Wänden der Häuser grüßten riesige Plakate, Gemälde. Ein allgegenwärtiger Rauschebart forderte die Zweibeiner auf sich VORWÄRTS zu bewegen, hin zu Parteitagen, zu verstärktem Kampf und Einsatz im AUFBAU, im unverbrüchlichen Versprechen sich selbst, Parteien und KLASSENBEWUSSTEN gegenüber, eifrig sich zu mühen, BAUT AUF! Und der Vater, der wie die Mutter aus dieser Gegend stammte, bleute dem Jungen ein, in den Tagen des bevorstehenden Aufenthalts auf keinen Fall etwas Schlechtes zu sagen über diese Plakate, den Rauschebart und schon gar nicht über den, den man damals “Den Iwan“ nannte.

ilm1_2Sie erreichten einen kleinen Platz im Herzen der Stadt. Ein Brunnen plätscherte mit dem gnadenlosen Regen um die Wette. Sie standen vor einem mit Schieferplatten verkleideten Haus. Drei weiße Heroinnen oder Engel oder Wesen zierten die der Straße zugewandte Ecke des stolzen Gebäudes. Im unteren Geschoß verkaufte man Bücher und dies seit bald hundert Jahren. In diesem Haus wurde einst Ernst Albert gezeugt, so geht zumindest die Mär. Archibald gefiel dieses ehrwürdige Gebäude sofort, ein Brunnen vor der Haustür ist ein zusätzliches Argument. Und Ernst Albert wies auf die Fenster im obersten Stock und erzählte dem aufmerksam lauschenden, doch zunehmend durchnäßten Bär eine kleine Geschichte. Als er das erste Mal hier war, vor genau vierundvierzig Jahren, spielten jenseits des Kanales die Balltretkünstler um den Weltpokal. Die Vertreter des Teil des Landes, der sich von der kleinen Stadt aus gesehen, hinter Mauern und Stacheldraht im Westen befand, spielte im Endspiel gegen die Gastgeber. Helle Aufregung aber auch im östlichen Teil des Landes. Dieses Spiel durfte niemand verpassen, KLASSENFEIND hin oder her. Alle erwachsenen Zweibeiner zogen sich zurück unters Dach, um dort das Spiel im Bilderapparat zu schauen. Da die Bilder aber aus dem Westen gesendet wurden, war dies ein höchst konspirativer Akt, von dem aber jeder wußte. Ernst Albert und sein jüngerer Bruder mussten unten bleiben, in der Wohnung der Großmutter, Radio hören. Es war nervenzerfetzend. Die normale Spielzeit war fast zu Ende, als der göttliche Weber ausglich. Verlängerung. Der Vater holte die zwei Jungs, hinauf zum geheimen Bilderapparat. Es roch nach Schweiß, Bier, Schnaps, Wurst und tausend verbrannten Zigaretten. Plötzlich ein Schuß auf das Gehäuse der „Unseren“. Der Torwächter mit der Kappe, den Ernst Albert verehrte, streckt sich, erreicht die Kugel aber nicht. Hinter seinem Rücken fällt der Ball zu Boden: vor der Linie. Gott und der Rauschebart sei bei uns und nichts war passiert. Weiter! Dann geschieht das Unfaßbare. Der Schiedsrichter eilt zur Seitenlinie. Dort steht einer seiner Helfer, ein Vertreter des sogenannten „Der Iwan“. Man diskutiert aufgeregt. “Der Iwan” weist theatralisch zur Mittellinie und ein Sturm bricht los. „Dieser Drecksack! Typisch Iwan! Das war klar vor der Linie! Das kann doch kein Tor sein! Alles nimmt er uns, der Iwan!“ Flüche und Verwünschungen zerschnitten die rauchgeschwängerte Luft. Viel Schnaps mußte die geprellten Seelen der vereinten BRÜDER UND SCHWESTERN trösten. Ernst Albert aber erschrak zu Tode. Er dachte an die Ermahnungen des Vaters. „Nichts Schlechtes über den Iwan!“ Von diesem Moment an konnte er dem Geschehen im Bilderapparat nicht mehr folgen. Er bestand nur noch aus Ohren. Hörte er Schritte im Treppenhaus? „Gleich kommen sie uns alle holen!“

ilm1_3Sie zogen weiter, durch enge kopfsteingepflasterte Gassen und Sträßlein, die auf angenehme Weise den Schritt entschleunigten. Glitschig war es außerdem. Sie erreichten den Friedhof. John Updike hatte einst geschrieben, Erinnerung sei wie ein nicht vollständig entwickeltes Foto, wie ein Abzug auf den nur an manchen Stellen und recht wahllos etwas Entwicklerflüssigkeit gesprenkelt wurde. Ernst Albert wußte, daß seine Großeltern hier begraben waren. Gab es die Gräber noch? Er ließ sich von Gespenstern durch die Gräberreihen führen. Manchmal raunte es: „Vielleicht hier?“ Er sprach mit zwei Aufrechtgehern, die alte Kränze und Kerzen einsammelten. Sie schickten ihn in die Verwaltung. Nein, schon lange hätte man die Gräber abgeräumt. Nicht weiter schlimm, denn der „Geruch und Geschmack noch lang irrender Seelen“ allerorten. Marcel Proust hatte recht. Archibald saß auf einem Grabstein, freute sich an den tropfnassen Gespenstern, die ihn umtanzten und bekam große Lust, doch noch mal über seine Geschichte vor der Geschichte genauer nachzusinnen. Und dann mischte sich der Geheimrat ein.

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Ein Abend in einer Stadt im Osten
20. Mai 2010, 14:11
Filed under: Anregende Buchstaben, Eastward ho!

weimar2_1„Und?“ Archibald schaute Ernst Albert erwartungsvoll an, als dieser wieder zu ihm stieß. „Ich tat, was ich konnte, kleiner Bär. Man wird sich entscheiden, die Tage, irgendwann! Warten ist die wahre Zeit. Jetzt habe ich Durst!“ Aufgespannte Schirme vor einer Gaststätte, unter denen sie als einzige draußen saßen. Am Horizont baute sich ein gewaltiges Tief zusammen. (Nach Rücksprache mit der Produktionsleitung: es soll wirklich „baute“ heißen. Gruß vom Setzer) Ernst Albert bemerkte leicht verbittert, daß er letztes Jahr im November, als er mit Eva Pelagia diese Stadt besucht hatte, den gleichen Wintermantel inklusive des dicken Schals getragen hatte. Archibald sagte dazu nichts. Er war es nicht gewesen, der die Existenz von Herrn Lenz abgeleugnet hatte. Das Schwarzbier erreichte die Durstigen. Archibald steckte seine Nase in den weißgelben Schaum und erreichte innert Sekunden die Nullkommafünfpromillegrenze. Das dunkle Zeugs schmeckte ihm. Na klar, ist ja auch das Lieblingsgetränk des Geheimrats gewesen. „Zum Frühstücke zwei Kannen des köstlichen und stärkenden Schwarzbieres, dann aufgebrochen.“, schrieb er schon in seiner „Italienischen Reise”. Von einer gegenüberliegenden Hauswand grüßte ein Zitat des Allgegenwärtigen. „Das wirkliche Leben verliert oft dergestalt seinen Glanz, daß man es manchmal mit dem Firnis der Fiktion wieder auffrischen muß.“ “Ja genau, mein Trinkerfürst! Mehr Dichtung, weniger Wahrheit!” Archibald fühlte sich bereit für ein ganzes Promill. Ernst Albert jedoch warnte. Außerdem hatte er – fellfrei, wie er ist – einen kalten Arsch und Hunger. Archibald zeigte sich einsichtig, da Ernst Albert zudem die Rechnung übernahm.

weimar2_2„Und weil der Mensch ein Mensch ist, drum braucht er was zum Essen, bitte sehr – es macht ihn ein Geschwätz nicht satt, das schafft kein Essen her.“ So sangen sie einst hier. Nicht immer freiwillig. Geschenkt, denn diese runden Kugeln mußten die Götter auf die Erde gebracht haben. Archibald war fasziniert. Geruch, Geschmack, Konsistenz: ein Erlebnis. Er beschloß eine Petition an höchster Stelle einzureichen, daß in nächster Zeit neben den Lachsen auch Thüringer Klöße die Flüsse hinaufschwimmen mögen. Und man speiste, keinen fettfreien Chichikram, nein, man aß, nicht um seine Weltläufigkeit unter Beweis zu stellen, sondern man aß, um satt zu werden und also bestellte man Kost nach tradierter Art des Landes: Zwei jeweils dreihundert Gramm schwere Scheiben Rostbrätel, dazu Röstkartoffeln sowie Röstzwiebeln dick und heiß übers das in Bier gebratene Fleisch gehäuft. Zwei große und ein kleines Bier ergänzend dazu. Am Nebentisch vertilgte man Würzfleisch, übergoß dieses literweise mit Worcestersauce. Dann schob man Soljanka hinterher. In den Nebenraum wurde Schnitzel auf Schnitzel mit Mischgemüse und Salzkartoffeln getragen. Herrlich! Archibald grunzte vor Wonne, Ernst Albert schloß sich an. Sein Bruder hatte ihm am Tag seiner Abreise ein Buch über eben diese Art zu speisen geschenkt. Ein Buch auch über die Gespenster der Erinnerung, die auch aus den vollgeladenen Tellern in diesem Gasthause aufstiegen. Ein schönes Buch. Ernst Albert mochte solche Koinzidenzien. Nebenbei bemerkt: man zahlte für alles, was man verzehrt und vertrunken hatte, lächerliche dreizehn Taler. Archibald saß ermattet auf der Sitzbank. Der Kloß und der warme, freundliche Singsang der eingeborenen Zweibeiner hatten ihn wohltuend erschöpft. “Essen als Feier der Gemeinsamkeit, nicht als Zurschaustellung des kleinen bibbernden Wohlstandsego. Das muß ich mir merken.” Der Geist der Stadt im Osten, er beflügelte den Bären. “Meenste?” “Glor!” “Sischer?” “Awer säbforschdänsch!”

weimar2_3In der Nacht trommelte ein Regensturm gegen die Fenster des kleinen Hotels. Archibalds Schlaf war unruhig und von Alpträumen geplagt. Er träumte von den ehemaligen Lagern vor den Toren der Stadt, von dem dort hingerichteten Mann, der den Spitznamen „Teddy“ getragen hatte. Er träumte davon, wie er einen endlos langen Fluß entlang wanderte, auf der Suche nach der Quelle, auf der Suche nach seinem Ursprung, auf der Suche nach seiner Geschichte vor der Geschichte. Er stolperte und taumelte, er fror, überall roch es nach verschüttetem Schwarzbier, der Geheimrat bewarf ihn trunken mit Klößen und am Horizont lachten die Türme der Gier. „Archibald! Deine Mission! Die Suche!“ Stimmen riefen nach ihm. Er hatte doch einen Auftrag. Die „Angstmuzak“. Wieder stand er vor einem Kühlschrank. „Und weil der Mensch ein Mensch ist! Nieder mit dem vierten Schnitzel!“ Er öffnete die Tür. „Hey, Genosse Teddy. Da ist nur noch Wasser drin. Das Bier ist weg. War umsonst. Kaum zu glauben, nicht wahr? Komm her, die Gespenster hier wollen nichts Böses. Schlaf wieder ein. Don`t fear the reaper.“ Gitarren sangen Archibald in den Schlaf.

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Ein Tag in einer Stadt im Osten
20. Mai 2010, 11:58
Filed under: Eastward ho!, Musentempel

„Auch wenn von einer früheren Vergangenheit nichts existiert nach dem Ableben der Personen, dem Untergang der Dinge, so werden allein, zerbrechlicher, aber lebendiger, immateriell und doch haltbar, beständig und treu Geruch und Geschmack noch lange wie irrende Seelen ihr Leben weiterführen.“ Dies hatte Marcel Proust einst geschrieben. Es sollte die Überschrift werden über die nächsten zwei Tage, die Archibald Mahler, Herr Ernst Albert und all ihre Gespenster gemeinsam verbringen durften.

weimar1_1Sie waren angekommen. Der Bahnhof lag auf einer Anhöhe am Rande der Stadt im Osten. Eine schnurgerade Allee führt hinunter in die Stadt. Der Himmel war grau, bleiern. Nach wenigen Metern rechter Hand das monumentale Denkmal eines Mannes, der vor sechsundsechzig Jahren von Vertretern der übelsten Sorte Aufrechtgeher, die jemals auf diesem Planeten gewütet hatten, in einem Vernichtungslager vor den Toren der Stadt hingerichtet wurde. Nach seinem Tod diente er der Jugend im Osten des Landes als Idol. Heute bleibt er Symbol für das recht kleinlaute Scheitern eines einst großen Entwurfs. Ernst Albert freute sich, daß man dieses Denkmal nicht – wie so viele andere in den letzten zwanzig Jahren – geschleift hatte. Sie erreichten das Zentrum der Stadt. Wunderbare alte Häuser, dezent restauriert. An jedem zweiten Haus hing eine Gedenktafel. „Hier wohnte, lebte, arbeitete oder ward geboren!“ Alles atmete Geist und Gesinnung. Zu Füßen des großen Schlosses im Herzen der Stadt: eine Talsenke, ein weitläufiger Park, ein Flüßchen. Archibald bat darum seiner Lieblingstätigkeit nachgehen zu dürfen: aufs Wasser zu schauen. Man kam der Bitte nach. Er ließ die Ilm an sich vorrüberfließen, gemächlich, milde. Ernst Albert sprach: „Eine knappe Bummelzugstunde flußaufwärts von hier, in der Nähe der Quelle des Flüßchens, wurde ich gezeugt.“ Gespenster huschten durch das Ufergebüsch.

weimar1_2Der Park weitete sich nach Osten hin. Am anderen Ende erblickte man ein kleines Gartenhäuschen. Der berühmte Geheimrat und Liebhaber der Grünen Soße hatte es vor über zweihundert Jahren des öfteren als Schreibstübchen genutzt. Archibald schloß das himmelgraue Häuschen sofort ins Herz. Warum Ernst Albert dieses Häuschen nicht auf der Stelle anmiete und mit ihm, Archibald Mahler, Denkbär im Osten, hier ein beflissenes und ruhiges Leben führe, wollte er wissen. Tja, daß dies so einfach nicht sei, wurde geantwortet. Außerdem ginge so etwas ohne Eva Pelagias Zustimmung auf keinen Fall. Und Ernst Albert erzählte, daß der Geheimrat einst die hessische Händlerstadt, in der er geboren ward, fluchtartig verlassen habe, weil ihn – nach eigenen Worten – „die Geldgier und Geistlosigkeit dort rasend machte.“ Er war dem Ruf eines jungen Fürsten an den Hof in dieser Stadt gefolgt. Hier wollte er seinen literarischen Elfenbeinturm verlassen und „das wirkliche Leben wirkend gestalten.“ Und tatsächlich, der Geheimrat mühte sich als Teilzeitpolitiker um Reformen. So arbeitete er Sparprogramme aus, die den doch sehr exzessiven Lebensstil am Hofe des stürmenden und drängenden Jungfürsten in gesündere Bahnen lenken sollten. Oberste Maxime war, daß „die Staatsausgaben stets unter dem Niveau der Einnahmen“ liegen sollten. Man muß nicht erwähnen, daß dem Versuch ein grandioses Scheitern folgte. Archibald dachte an die Türme der Gier und es schien ihm, als habe sich nicht viel geändert in all der Zeit.

weimar1_3Man erreichte den Musentempel. Dies war nicht irgendein Musentempel. Lange Zeit sah man in ihm – und manche tun das noch heute – den Musentempel des Landes schlechthin. Und so stehen, Arm in Arm, der Geheimrat und sein junger, schwäbischer Freund, Mitstreiter, Konkurrent und Kritiker vor dem Gebäude und blicken bedeutungsschwanger und Ewigkeit verheißend in die deutsche Ferne. Ernst Albert verschwand hinter den Mauern der heiligen Hallen. Er war auf Arbeitssuche und geladen, sich dort zu zeigen. „Halt mir die Daumen, kleiner Freund.“ Und Archibald sah die Aufrechtgeher unter den wachsamen Augen der zwei Klassiker hin und her schlendern und er drückte Daumen, so weit das bei einem Bären eben geht. “Toi, toi, toi!”, murmelte er vor sich hin. “Toi, toi, toi?” Wer hatte ihm das nur eingeflüstert?

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Hömma, wat ich grad am Denken bin! (Extrablatt)
17. Mai 2010, 15:41
Filed under: Hömma, wat ich grad am Denken bin

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Ich sach ma so: Regeln – Ich sach nur wat zu die Neunzig Minuten auffem Platz! – musse auch mal brechen, wenn et erforderlich. Getz zum Beispiel. Also! Hömma, Boateng, selbsternannter Prinz vom Panke-Kanal, wat bis Du für eine arme Socke? Mögen Dir die Fußballgötter verzeihen und Dir die nächsten Wochen ordentlichen Dünnschiß anne Backe kleben. Und Deine Lamborschinis immer ein Platten haben. Und dann ab dafür! Strafe genuch is ja der jämmerlichst vergeigte Elfmeter. Da hätte ja meine Omma noch mit mehr Schmackes an die Kirsche getreten! Aber der Schiedsrichter, der grade mal Gelb am zeigen war für dat schwachsinnige Rumgetrete, wat is dat ein Tütenkopp? Hemd aus nach Kiste, da sinnse alle die Karten am schwenken, aber so ein Mordversuch? Dat is dann „gesunde Härte“. Mein Gott, wat dämlich! Ich kann nur hoffen, dat die heute den Ribery, der genauso bescheuert dem Franzosen von Liong auffe Socke gesprungen war, nich begnadigen, auch wenn der Rummenigge noch so sehr die Rumwinselei betreiben tut. Und ein Wort an die Trainers: holt doch endlich die Maik Fränze und Fringse und Boatengse von unserem heiligen Rasen runter und schickt die nach Kunduz. Da können sie mal mit gesunde Härte und so, die Bratpfannen, die bescheuerten. Um Sackhaaresbreite am Volldepp vorbei, aber auffem Platz die dicken Eier schwenken. Ich glaubet nich! Wat sinn dat für Schiffschaukelbremser! Und dann musse auch noch hören: „Dat is ein Männerspoat und kein Rasenhalma!“ Selbst vonne sogenannte Lichtgestalt. Fresse halten, sach ich da nur!

So, getz noch ein Gruß an den Ballack. Dat tut mir am Herzen weh, wenn ich dat höre. Wat Du schon allet wechgepackt hast in Deine Karriere! Aber ich denk mal, Du bis doch kein Totalbekloppter! Lasset sein mit der Pöhlerei! Die ganzen aufgedrehte Hormondackel, dat musse Dir nich mehr antun. Und ein Vorteil hattet doch: Getz musse Dir die Plastiksprüche vom Herrn Löw nich mehr reinziehn. Erinner Dich dran, wiee im dem bekloppten Film über dat sogenannte Sommermärchen immer die Augen am verdrehen warst, wenn die Sprüchkes, die der Bäcker aus Kalifornien und der Herr Löw am ausscheiden waren, an Deine empfindlichen Ostohren eingetroffen sind. Mit “högschter” Disziplin die Polen anne Wand klatschen für den Olli oder so! Weisse noch? Dat is hiermit überstanden. Und die von Dir inne letzten Jahre so brutal unterdrückten Jungspielers, die können getz befreit aufspielen. Is doch auch nich ohne! Und dat Bildkes oben fürre Niederlage, dat schenk ich Dir. Mir gefällt dat sehr. Dir?

Gute Besserung und et gitt Schlimmeres! Herzlichste Grüße und ein gutes altes „Zicke Zacke Zicke Zacke Heu Heu Heu“ (davon hasse ja genuch) von Deinen Lütten Stan



Von angefressenen Lachsen, dem Trend zum Viertschnitzel und nachts vor dem Kühlschrank
17. Mai 2010, 12:40
Filed under: De re publica

kuehlschrank

Dann dachte Archibald: Vielleicht ist es ja auch so. Der Aufrechtgeher hat Hunger. Er kauft ein Schnitzel. Es würde auch ein halbes Schnitzel reichen, aber man weiß ja nie. Gestern hatte er zwar schon ein Schnitzel gehabt, müßte eigentlich für die Woche reichen. Vor gar nicht so langer Zeit verzehrte der durchschnittliche Zweibeiner vor Ort am Sonntag sein Schnitzelchen, basta. Aber, das soll nicht bekrittelt werden. Vielleicht hat die Aufrechtgeherheit eine genetische Veränderung heimgesucht, die notwendig macht, daß Fünfzigjährige jetzt Baseballkappen auf dem Kopf haben müssen, daß man seit einiger Zeit Kaffee nur noch im Gehen trinken kann, ständig mittels eines ominösen “Knopf im Ohr” Musik hören muß und eben jeden Tag ein Schnitzel braucht. Obwohl Schweine und Rinder für Bären nicht unbedingt zu einer schützenswerten Gattung gehören, muß kurz eingeworfen werden, daß selbst die fettesten Bären sich gelegentlich wochenlang nur von Beeren und Blättern ernähren. Gut, jetzt hat also der Aufrechtgeher Schnitzel, aber nicht nur das auf dem Teller, im Kühlschrank wartet noch ein Sicherheitsschnitzel – weiß man was passiert? – und neben dem Teller liegt das mobile Kommunikationsgerät, mit dem man jederzeit bei der Mama anrufen kann, ob sie nicht vielleicht noch ein Schnitzel bereit halten kann, falls, denn man weiß ja nie und sicher ist sicher und der Nachbar guckt auch schon so gierig durchs Fenster. Da beschleicht den Aufrechtgeher das Gefühl, ob es nicht höchste Zeit sei, ein viertes Schnitzel zu erwerben, um es in der Tiefkühltruhe, für alle Fälle – sicher ist sicher und man weiß ja nie. Ein schneller Biß ins Schnitzel auf dem Teller, er steht auf und während der Angstschweiß seine Stirne glänzen läßt, macht er sich auf den Weg in eine Kaufbude. Unterwegs denkt er darüber nach, ob man nicht vielleicht doch Schnitzelderivate erweben sollte, die könne man im Notfall in ein fünftes Schnitzel umwandeln oder gar Anteile an einer Schweinefarm dafür erwerben. Oder? Währenddessen wird das Schnitzel auf dem Teller kalt, verrottet und der arme Aufrechtgeher spürt einen gewaltigen Hunger seine Gedärme peinigen.

Archibald war eigeschlafen, was dann geschieht, wenn seine Nachdenkerei unermüdlich um die absurden Angewohnheiten der Aufrechtgeher zu kreisen beginnt und weder Ausweg noch Erhellung am Horizont zu erkennen sind. Und er träumte von einem Fluß im fernen Alaska, an einem der Tage, an denen die Lachse zurückkehren, um zu laichen und dann zu sterben und alle Bären sich dort sammeln, um ein dionysisches Mahl zu feiern. Und er träumte wie die dicksten Grizzlys am Ufer des Flußes faul auf dem Rücken lagen, einen Knopf im Ohr, ihren Tatzen wippten zu einem entnervenden wummernden Rhythmus, ab und zu fischten sie einen Lachs aus dem Fluß, bissen ein Stückchen aus dem Fisch heraus und warfen das angefressene Flossentier angewidert zurück ins Wasser. Der Fluß färbte sich rot. Am Waldrand warteten ein paar ausgehungerte Schwarzbären, Baseballkappen mit Liebeserklärungen an die Grizzlys auf dem Kopf, in der Hoffnung, ein kleines Stückchen, gerne auch toten und verstümmelten Fisch, zu ergattern. Ab und zu stand einer der Obergrizzlys auf, tobte und brüllte und drohte in Richtung der hungrigen entfernten Verwandten, um dann in den Fluß zu urinieren. Das entspannt. Der Fluß veränderte seine Farbe, unmerklich. Er wurde braun und brauner. Die Grizzlys lachten blöde, drehten die Musik in ihren Ohren lauter und schlürften Kaffee mit Lachsgeschmack, gehend. Der Fluß trat über die Ufer und spülte stinkendes und schimmelndes Lachsaas an Land. Die Sonne brannte vom Himmel. Es stank. Es war heiß. Geier lachten. Und handelten.

Archibald begann zu schwitzen. Er wußte nicht, ob er noch schlief oder schon wachte, als er in der Küche stand, verzweifelt versuchte, die Kühlschranktüre zu öffnen und Ernst Alberts Hand sich vorsichtig auf seine linke Schulter legte. „Was machst Du denn da, Archibald?“ „Ich suche das vierte Schnitzel!“ “Und warum, wenn ich fragen darf?” „Ich will es wieder zurückbringen. Wir brauchen das nicht.“ „Ich verstehe Dich nicht!“ „Es soll wieder Frieden sein in Alaska und die Schwarzbären sollen auch was abkriegen.“ „Archibald, wir haben zur Zeit noch nicht mal ein Schnitzel im Kühlschrank und Du solltest mal Denkpause machen. Pack Deine Sachen, wir fahren in den Osten. Dort besuchen wir den Geheimrat und trinken mit ihm eine Kanne Köstritzer!“

Archibald erwachte. Ganz langsam. Er befand sich auf dem Weg zum Bahnhof der kleinen häßlichen Stadt.

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Hömma, wat ich grad am Denken bin! (Folge 2)
15. Mai 2010, 23:01
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wm_unentschieden

Ich sach mal so: Dat Schöne am Pokal is ja, dat et kein Unentschieden gitt. Dafür gibbet manchmal Verlängerung und Elfmeterschießen. Manchen is dat nervlich ja zu anstrengend. Bitte, dann soll der sich inne Flimmerkiste eine gepflechte Partie Golf reinziehen. Ich mag dat, wennse im Sekundentakt vonne Hölle in den Himmel katapultiert wirs und wieder zurück. Dat Schlimme am Pokal is aber dat Gerede von die eigenen Gesetze, die wo der Pokal ja haben soll. Ich hab, obwohl ich auch nich imma weiß, wat Ambach iss, jedenfalls noch nie wat von eine DPSVO (Deutsche Pokalspiel Verordnung) gehört oder gelesen. Ich denk ma, dat sind einfach abgezuppte Kicker, die im Pokal der Haute Volaute vom Favoritenteam gerne mal einen in die Kiste ballern. Die vor der Partie sicheren Sieger stehen dann bedröppelt am Sechszehner rum und dat Rumgebölke is groß von wegen eigene Gesetze, bloß weil man nich in die Puschen gekommen is. Unvergessen, sach ich mal, wat den Pokal betrifft: Wolfgang Schäfer, Norbert Dickel mit dem kaputten Bein, Lajos Detari, Frank Rost und Klaus Sievers. Oder wie der Assauer – Nicht anfassen, nur gucken! – den Pott demoliert hat. Und für die Rentnerkombo unter Euch: Günter Netzer, der ollen Knötterich. Wat eine Kiste! Und dann isser ab nach Spanien. Ohne inne Nostalgie zu versinken: mit dem ganzen Shampoo, wo der Bierhoff für seine Werberei gekriecht hat, hättse die Fettlocken von den Jungens damals nich gewaschen bekommen. So getz, Scherz anne Seitenlinie und volle Konzentration auf den Spoat. Und weil heute die Fischköppe gegen die Nordösterreicher am Pöhlen sind, is eigentlich Jacke wie Hose, wer gewinnen tut und deshalb steht über meine bescheidenen Anmerkungen dat Bildken für Unentschieden. Weil die wahrhafte Pöhlerei findet nur im Städtedreieck Duisburg – Recklinghausen – Dortmund statt. Der Rest is Kopie. Sach ich mal so. Bevor et losgeht, steh ich noch mal auf und lege eine Schweigeminute ein für: Westfalia Herne, Rot-Weiß Oberhausen, Rot-Weiß Essen, Schwarz-Weiß Essen, Sportfreunde Katernberg, Sportfreunde Gladbeck, SG Wattenscheid 09, Hamborn 07, Meidericher SV, TSV Marl-Hüls, SpVgg Erkenschwick, STV Horst Emscher und die Historie von meine Herkunft. Davon später mehr. Ruhe getz, et geht los. Hömma, Archibald, tu uns noch zwei Pilsken.

Hand auffet Herz, fünfzehn Minuten Vorgeplänkel war ich dann doch am anschauen. Ersma der Schock wie der DSDS-Kicker Menowin Mehzad Boateng unserm Ballack auffe Socke springt. Muß dat sein? Dann war aber noch Freude angesacht. Sacht der Kahn: „Da hab ich mich zurückerinnert gefühlt.“ Dann sacht der van Gaal: „Wenn viel Wasser auf den Rasen gefallen ist, können meine Spieler nicht Positionsspiel ausführen.“ Dann isset aber doch ganz anders gekommen.

Zum Spiel: Wenn wat eindeutich war, dann dat. Da gibbet kein Vertun, dat is Freude beim Hinschauen, so schwer dat zuzugeben is. Drei Minuten Aufgebäume nache Pause bei die Fischköppe; Özil, Pizarro und Marin mit Tarnkappe und unsichtbar in jede Beziehung; der Mertesacker Volleyball am spielen und dat alte Blumenkind Frings kurz vor Schluß mit beknackten Foul an Schweinsteiger. Dat war Werder Bremen. Da hat der Günter Grass mit dem Lemke auffe Tribüne auch nich helfen können. Sonst? Robben. Olic. Ribery. Schweinsteiger. Und allet keine zufälligen und reingestolperten Kisten. Da gibbet nix zum rumkritteln. Und der Torjubel von van Gaal? Kurz mal den Kugelschreiber zücken und eine Notiz inne Kladde notieren. Heute kein Tod, aber vier Gladiolen. Da kannse nur hoffen, dat die Holländer uns bei der Weltmeisterschaft nich im Strafraum rumlaufen. Und unsere Nationalen Spielers? Der Spinnewipp Müller dat is eine Freude, der Schweini is getz ein Herr Schweinsteiger, der Lahm konstant vorhanden und sonst gibbet anne Stirn von Herrn Löw etliche Falten und viel Sorge. Denk ich mal. Noch ein Wort für die Herren Kommentatores: Wennse schon vorm Anpfiff Gänsehaut am kriegen bist, kannse dir ein Pullöverken überziehen. Dat hilft.

Also: Schicht im Schacht und ich danke Sie für heute. Et grüßt Euren „Lütten Stan“

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„Meh wie ä Schnitzel am Tag kannsch eh it fresse!“, sagte einst am See Herr H. Maier
15. Mai 2010, 12:19
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daemmerung

Einerseits: „Da habe ich mir ja etwas an die Backe geklebt!“ und andererseits – ungewohnt salopp – „Gefickt eingeschädelt!“. Das war es, was Archibald dachte, als er im Warmen saß und beschloß das Fenster erst wieder zu öffnen, wenn Herr Lenz Zwanzig Celsiusgrade in die Luft geblasen hatte. Das Einerseits, das war seine Expedition “Angstmuzak“, ein etwas größeres Vorhaben, wie ihm gerade schwante, das Andererseits war die Tatsache, daß er den Lütten Stan überzeugen konnte, jetzt wo die Kugelhysterie wieder aus allen Ritzen zu kriechen begann, sich zu outen und die Sache mit der Balltretkunst zu übernehmen. Dies schenkte seinem Auftrag etwas mehr Zeit und damit verbunden – so jedenfalls hoffte der Denkbär – auch Tiefe. „Doch die Kälte und die intensiven Angstschweißwolken da draußen hatten ihn etwas niedergeschlagen gemacht. Was solle solch eine Expedition überhaupt? Für wen war sie gedacht? Um einen Bärengott zu erheitern? Führte er Selbstgespräche? Was war das Ziel? Selbsterkenntnis oder Selbstzweck? Es gab Momente, da erschien es ihm maßlos, dem allem, was gedacht und gesagt war und noch gesagt und gedacht werden wird, noch mehr hinzuzufügen, es sei denn, man könnte tatsächlich Erleuchtung versprechen. Für sich. Für einen anderen.“ (Schön sich bei Frau Schmidt für die Anregung bedanken! Gelle, der Setzer.) „Natürlich! Danke Frau Schmidt! Seite 83.“ Ernst Albert hatte Eva Pelagia heute morgen vorgelesen und das feine Bärenohr hatte es vernommen und Glöckchen in ihm bimmelten los. Diese Glöckchen hatte auch der Alte von Bergedorf vernommen. Mit aufmunternder Strenge nickte er Archibald Mahler, dem Expeditionsreisenden vom Brandplatz, zu und dieser machte sich an die Arbeit. Versprochen ist versprochen.

Und so blickte durch ein anderes Fenster hinaus in die Welt, das heißt, er blickte nicht, er roch sich hinaus in die Welt, seine Nase beugte sich über Ernst Alberts gesammelte Zeitungen, saugte die Buchstaben und Geschichten ein, begutachtete sie, durchleuchtete sie, verwarf vieles und legte, was wertvoll, erhellend und erheiternd schien, in den Gedankenschrank zur späteren genauen Betrachtung, oder nur so, weil ein bißchen was für den langen Winterschlaf  zu sammeln – irgendwann steht der wieder ins Haus – ist nicht dumm. Und das war einiges, was Archibald da aus den Papieren der letzten Tage entgegen schwappte. Alles verstand er nicht. Wie auch? Bären waren bis jetzt noch nicht dazu gezwungen, sich ökonomischen oder finanzpolitischen Überlegungen hinzugeben. Doch beim Einsortieren hatte er das Gefühl, es lediglich mit zwei Arten von Zweibeinern zu tun zu haben, die sich da äußerten. Da waren einmal die Apokalyptiker, die Marktschreier und Krakeeler, die Anhänger Kassandras, die mit wuchtigem Pinselstrich Menetekel nach Menetekel an die Wände malten. Ihr Gezeter zielte offensichtlich nicht auf die Hirne ihrer zuhörenden Mitzweibeiner, sondern wendete sich an die kleinen und fiesen Ängste, die Ängste vor Verlust und Niedergang, an den Neid, an die Eifersucht, an all das unreflektierte Gewürm, was durch die Adern eines jeden Aufrechtgehers fließt. Archibald verstand das nicht. Wenn man nicht weiß, was tun, ist es dann nicht besser zu schweigen und nachzudenken, als rumzupoltern und die, die versuchen nachzudenken, permanent zu stören? Aber die zweite Art erschien ihm fast noch bedrohlicher, diese ganze Bande der Aussitzer, Beschwichtiger, Hinausschieber, Kreditnehmer, Schuldenmacher, Achselzucker, Raushalter, welche mit ihren heruntergezogenen Mundwinkeln und hochgezogenen Augenbrauen es schon immer gewußt haben. Jene, die nur mit den Einen reden wollen, wenn diese wiederum nicht mit den Anderen reden. Die, welche darauf warten, daß irgendwer den Mut hat etwas zu entscheiden, um dann auf den Zug der Entscheidung aufzuspringen oder, bei Nichtgefallen – das heißt bei der Notwendigkeit des eigenen Verzichts – zur Partei der Krakeeler und Radauvögel überzuwechseln. Schon seltsam! Archibald dachte darüber nach, ob es Zweibeiner gibt, die auch bedenken, daß die Welt, auf die Archibald schaut, auch Archibalds Welt ist, selbstredend im Nanogrammbereich, aber immerhin. Dann roch er etwas, was ihn beruhigte. Aus dem Papierberg sprach die Stimme des Alten von Bergedorf. Er hat mal wieder Zeit gefunden. Er meinte nichts anderes, als daß, wenn Zeiten sich ändern, selbstverschuldet oder nicht, nur eines hilft: Ruhe bewahren und Arbeiten. Warum ist das aber anscheinend so schwer? Archibalds Ehrgeiz war angestachelt. Die Expedition wird fortgesetzt. Das wußte er nun. Und er ahnte, daß diese ganze Angstsuppe irgendwas zu haben mußte mit dem einem Schnitzel am Tag, von dem Ernst Albert heute morgen beim Frühstück seiner besten Eva Pelagia erzählt hatte.

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Hömma, wat ich grad am Denken bin! (Folge 1)
14. Mai 2010, 08:44
Filed under: Hömma, wat ich grad am Denken bin

wm_sieg

Ich sach mal so, der Siech is erfolgt. Drei zu null. Gegen Malta, dat auch mal von unserem Sigi trainiert worden is. Frach mich nich wann. Die deutsche Mannschaft, wo auffem Platz war, konnte den Text vonne Nationalhymne geschlossen nich mitsingen, dafür war die ganze Bank von den Trainers volle Kanne und textsicher beie Singerei dabei. Und der Podolski und der Friedrich zusammen hatten fünfmal so viele Spiele auffem Buckel wie der Rest von ihren Mitspielers. Die Hütten haben gemacht der Cacau und ein Malteser. Dat waret dann auch. Vom Podolski kannse melden, dat, wer nich gegen Malta einlocht, dat dann wohl gegen Argentinien oder Rot Weiß Ahlen erledigen muß. Wat der Uli Stein mit die Faulheit von dem Werbeprinz wohl meint? Weiß ich dat? Dann hat der Podolski mich große Freude gemacht, nachem Spiel, wie er gesacht hat: „Isch hab ein dicken Strich drüber gemacht unter die Sässong!“ Und ich mach mal einen dicken Strich drüber über dat Spiel. Und der Heiopei von Kommentator? „Schon wäre die Torchance beinahe dagewesen.“ Ja wat denn nun? Ich sach mal so: Spiel und Kommentar ham getz kein wirklichen Grund auf die Malteser runterzugucken. „Der maltesische Fußballspieler ist im Ausland nicht sehr gefragt!“ Hömma, Claus Lufen, wer fracht Dich eigentlich? Schulligung, wat ich hier eigentlich machen tu?

Getz pass auf, gekommen is dat so. Mein Kumpel, der Archibald, der hat ja nix am Hut mit der ganzen Pöhlerei. Dat is dem so was von achtnachtzich, dat glaubst Du nich. Ich sach immer, wat Teil vonne Welt is, is Teil vonne Welt, also auch die Pöhlerei. Dat sieht der Bär anners mit seine philosophische Hirnrinde. Der ist immer nur am rummoppern und kann den Spoat nur inne gesamtgesellschaftliche Verquickung betrachten. Dat is doch Kokolores! Dat hat er dann auch eingesehen. Also mach ich dat getz für den alten Brackermann. Aber ohne Sperenzken, dat Ganze. Wennse wissen willst, ob der Podolski dem Ballack wieder eine geschallert hat, dem Bierhoff sein Shampoo vom Badewannenrand gekippt is oder der Schweinsteiger eine neue Tusnelda am anbaggern is, da kannse dirn Ei drüber braten, dat gibbet hier nich. Hier is nur Pöhlerei pur. Spiel gucken, nachdenken, wat sagen, Klappe zu, Affe tot. Kaffeesatzleserei un Schmonses, nee! Allet Killefitt! Kannse inne Tonne kloppen! Auffem Platz zählt, neunzich Minuten, danach und davor vielleicht noch zehn Minütkes. Aber bei Kerner, Klinsmann und dem Kaiser fliecht die Fernbedienung inne Ecke. So schnell is noch kein Ausknopp gedrückt worden. Und wegen die optische Gestaltung von meine Äußerung noch ein Wort. Wo mein Kumpel Archibald jeden Tach mit neuen Bildkes am Aufwarten is, bei Pöhlereikommentar gibbet nur drei. Eines für Siech, eines für Niederlage, eines für Unentschieden. Und „Hömma, wat ich grad am Denken bin!“ gibbet nur nach Spielen von unsere Nationale Elf. Da gibbet kein Vertun. Gut, Ausnahme is Pokal getz am Samstach und Championsleague die Woche drauf. Obwohl Bayernspiele gucken eigentlich mit pottweitem Stadionverbot geahndet werden sollte. Is aber quasi Warmschießen für mich. Wegen dem Lederhosenblock, wennse kapierst, was ich sagen tu. (Wie wäre es mal mit vorstellen? Freundlichst: Der Setzer)

Gut, also dat is mein werter Name: Reinhard Theophil Kuno „Stan“ von Lippstadt-Budnikowski zu Datteln. Wem dat zu lang is, kann mich auch den „Lütten Stan“ nennen. Wie ich an den Namen gekommen bin, der beinahe so lang is wie der gesamte Ruhrschnellwech, dat is ein bißken längeres Döneken. Da is getz keine Zeit für.

Also: Schicht im Schacht und ich danke Sie für heute. Et grüßt Euren „Lütten Stan“

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