Archibald schläft dem Süden entgegen, hört seltsame Worte und zweifelt
Da sind schon ganz andere eingeschlafen, wenn die Räder gleichmäßig über die Schienen rollen, draußen vor dem Fenster die Welt vorbeigespult wird und sich Anspannung und Aufregung in wohltuende Ermattung verwandeln. Archibald Mahler, Bär vom Brandplatz und bis gestern stationärer Mittelhesse und darüber nicht unglücklich, hatte es sich in einer von Ernst Alberts Reisetaschen bequem gemacht und schlief wohlgemut dem Süden entgegen. Der Süden! Dahin also ging die erste größere Reise des Bären, wobei Süden als Reiseziel und Beschreibung nun nicht wirklich konkret ist, geschweige denn „die alte Heimat“, von der Ernst Albert gesprochen hatte. Aber Archibald hatte beschlossen sich keine weitergehenden Gedanken zu machen, einen rollenden Zug hält kein Bär auf, und wenn, setzt er sich massiven Protesten der Mitreisenden aus. Daran hatte er kein Interesse und außerdem spürte er, sogar im Schlaf, daß es mit jedem Kilometer Fahrt ein klein wenig wärmer wurde und das ist für jeden Bären ein kräftiges Argument. Roll on.
Ernst Albert wachte über den Schlaf des reisenden Bärenviechs und blickte aus dem Fenster. Irgendwohin zurückzukehren stimmte ihn, wie immer, etwas melancholisch. Sein mobiles Kommunikationsteil bimmelte, ein alter Freund aus dem Süden rief an. Ernst Albert nahm das Gespräch an.
Archibald erwachte, da er neben sich einen Menschen sprechen hörte und große Zweifel stiegen in ihm auf. Wurde er vielleicht doch entführt, von einem seltsamen, ihm völlig fremden Wesen? Sicherlich, neben des Bären provisorischer Schlafstatt saß Ernst Albert und sprach in sein mobiles Dingsdabumsda. Das war nicht Besonderes. Doch was und wie er sprach! Archibald vernahm Worte aus dem Munde seines Herrn und Beschützers, die er so noch nie vernommen hatte, er hörte eine ihm völlig fremde Sprache, einen völlig fremden Klang. Es war ihm, als kämen all die Worte, die aus dem Munde dieses Menschen, der Ernst Albert immer noch sehr ähnlich sah, aber überhaupt nicht so klang, aus viel tieferen Körperregionen, als dies für gewöhnlich der Fall war, wenn dieser Aufrechtgeher da sprach. Diese neue Sprache stieg aus den tiefsten Tiefen des menschlichen Halses hervor, verschiedenartige Vokale verschmolzen ineinander und die sie sonst trennenden Konsonanten wurden von mahlenden Zähnen zu einem Brei weichgekaut. Archibald war entsetzt. Hatte Ernst Albert jemals so mit Eva Pelagia gesprochen? Nein, symbadisch klang das nicht in den Ohren des Bären.
Ernst Albert beendete das Gespräch. Seltsam, sobald er mit alten Freunden sprach, verfiel er nach kürzester Zeit in den Dialekt seiner Jugend. Der ersten Heimat entflieh man wohl nie. Er mußte lachen, als er das überraschte Gesicht seines Bären sah. „Tja, mein Lieber, daran mußt Du Dich die nächsten Wochen gewöhnen. Das geht noch weitaus schlimmer.“ Und würde Archibald seinen Reiseleiter nicht über alles lieben und verehren, er wäre nach dem Satz, der ihm dann lachend serviert wurde, aus dem fahrenden Zug gesprungen und zu Fuß zurück nach Mittelhessen. So lautete jener Satz: „Schell Dü it an seller Schelle, selli Schelle schellet it, schellescht Dü an seller Schelle, selli Schelle schellt.“ Der Vorhang zu und alle Fragen offen.
Archibald bricht auf
Einst als Indien noch Teil des British Empire war und die Aufrechtgeher keine Lust mehr verspürten, auf dem Rücken von Pferden, Eseln und Kamelen durch die Wüste oder das wilde Kurdistan zu reiten und also das Automobil erfanden, wurde dort im fernen Kalkutta ein Sadhu – so nennt man die Heiligen Männer des Landes – von einem britischen Governor zu einer kleinen Testfahrt in einem neu erworbenen Benzingefährt eingeladen. Der Heilige Mann nahm Platz, bat jedoch nach etwa zwei Kilometern Fahrt den Chauffeur die Knatterkiste zu stoppen, stieg aus, setzte sich an den Straßenrand und begann zu meditieren. Als man ihn dann fragte, warum er dies tue, antwortete er: „Mein lieber Freund, ich warte auf meine Seele. Sie ist nicht so schnell wie Euer Gefährt. Sie kommt nach.“
So ähnlich fühlte sich nun Archibald Mahler, der Bär vom Brandplatz. Er sollte verreisen, unter seinem Bärenhintern würden sich zum ersten Male Eisenstangen und daran befestigte Scheiben in Bewegung setzen. Gewiß, er hatte die Geschichte seiner Vorfahren noch nicht in Gänze studiert, aber eines wußte er: Bären auf Rädern gibt es nicht und zum Fischen und Beerensammeln ging man schon immer zu Fuß. Das hält schlank und beweglich an Kopf und Bein. Wurde ihm also schon wieder Gewalt angetan, wie einst im Monat März? Nein, denn das muß man Ernst Albert diesmal lassen, er hatte – auch nachdem Eva Pelagia ihr Einverständnis signalisiert hatte – den Bären in aller Form gefragt, ob er Interesse an einem mehrwöchigen Ausflug in den Süden und in seine, Ernst Alberts, alte Heimat habe. Und da Bären zwar faul, aber auch extrem neugierig sind und Ernst Albert gemurmelt hatte, es gäbe da draußen durchaus Orte, die etwas sehenswerter seien als die kleine häßliche Stadt und man fahre ja schließlich nicht nach Friesland, hatte der Bär gebrummt, zustimmend. Seine Aufregung jedoch konnte er nicht verbergen, keine Spur der so gerne von den Zweibeinern kolportierten Bärenruhe. So reichte Ernst Albert dem Bärenviech ein altes, vergilbtes und mehrfach geflicktes Buch, zur Beruhigung und Anregung.
Das Buch roch nach Strassen, Schienen, Meilen, Getränken und Musik. Archibald steckte seine Nase in die Buchstabensuppe und es begann: „Ich hatte gerade eine schwere Krankheit überstanden, die ich nicht weiter erwähnen will, höchstens daß sie etwas mit einer scheußlich deprimierenden Trennung zu tun hatte und mit meinem Gefühl, alles sei tot. Mit dem Auftauchen von Dean Moriarty begann der Teil meines Lebens, den man mein Leben auf den Straßen nennen könnte. Ich hatte vorher schon oft davon geträumt…“ Die Blätter des zerlesenen und bekritzelten Buches raschelten und rauschten an Archibalds Nase vorbei und ein Zug verließ die kleine häßliche Stadt. Ciao! Zahnbürste nicht vergessen! Ciao! Ciao!
“That’s the way God planned it!”
Und jemand ward faul im Staate Dänemark. Da war die Sonne gekommen, wie Herr George Harrison es besungen hatte, und das fand Archibald, der Bär vom Brandplatz, war in Ordnung, sehr sogar. So wandte er einfach all den klugen Worten und Tiraden den Rücken zu und beließ es bei transzendenter Untätigkeit. Sein Pelz saugte die Wärme auf wie die Wüste einen Regenguß, entrückt rieb der Bär seinen Rücken am Fensterrahmen und mit den Worten des Prinzen Hamlet von Dänemark flüsterte er: „An sich ist nichts weder gut noch böse, das Denken macht es erst dazu.” Also laß fahren all die Müh! Sic!
Und was sah das Auge des Bären? Auf einen Mäuerchen unten vor dem Fenster saß eine junge Maid. Sie schien auf jemand zu warten, denn obwohl sie ihr Gesicht in die Sonne streckte, sah dieses recht verdrießlich aus. Um die Ecke bog in Eile ein junger Galan und sprach: „Ich dachte, wir treffen uns am Brandplatz.“ Die Maid stand auf und recht verächtlich kam es aus ihrem Munde: „Denke nie gedacht zu haben, denn das Denken der Gedanken ist gedankenloses Denken. Wenn Du denkst Du denkst, denkst Du, daß Du denkst, doch denken tust Du nie!“ Und weg war sie und das Gesicht des jungen Mannes unbeschreiblich dämlich. Sic, die Zweite!
Zudem hatte Archibald gar nicht die Ruhe, um gehaltvoll zu denken. Er wollte tanzen. Er mußte tanzen. Nicht so wie seine Ahnen, die von den Aufrechtgehern einst an Nasenringen über Marktplätze und durch Zirkusarenen gezogen wurden und als Tanzbären ein recht klägliches Bild abgegeben hatten, nein dies nicht. Eines der Lieder, die Ernst Albert gestern beim Kofferpacken mehrmals gehört hatte, ließ den Bären nicht mehr los. Ein wuchtiges, jubilierendes und zum Schluß gar ekstatisches Lied. Und Archibald erhob sich und sein Bärenlaib begann sich zu den Klängen des Liedes, das in seinem Inneren spielte, hin und her zu wiegen. Ganz langsam, aber irgendwann gewaltig.
Die Rückkehr der Herren Lenz und Zimmermann
Archibald Mahler, der Bär vom Brandplatz und seine Gedanken setzten sich zusammen und faßten folgenden Entschluß: Anläßlich der Rückkehr des Herrn Lenz feiern wir – im übrigen vorwurfsfrei – einen Tag der Mittelhessischen Untätigkeit. So leget denn nieder Hammer, Sichel, Maus und Car und summet und singet mit uns: „Here comes the sun / here comes the sun / and I say it’s all right / Little darling, it’s been a long cold lonely winter / Little darling, it feels like years since it’s been here / Here comes the sun, here comes the sun / and I say it’s all right / Little darling, the smiles returning to the faces / Little darling, it seems like years since it’s been here / Here comes the sun, here comes the sun / and I say it’s all right / Sun, sun, sun, here it comes / Sun, sun, sun, here it comes / Sun, sun, sun, here it comes / Sun, sun, sun, here it comes / Sun, sun, sun, here it comes / Little darling, I feel that ice is slowly melting / Little darling, it seems like years since it’s been clear / Here comes the sun, here comes the sun / and I say it’s all right / It’s all right!”
Im Hintergrund beging Ernst Albert seinen monatlichen Concert-for-Bangla Desh-Tag und zog den Koffer aus dem Schrank. Archibald versuchte sich nichts anmerken zu lassen. Er summte vor sich hin. Und so ging es weiter. Damals, als Herr Zimmermann zurückkam.
Von gestempelten Eiern und daß es eigentlich um etwas ganz anderes geht
Eva Pelagia und Ernst Albert waren aufgebrochen, um ganz in der Tradition des alten Geheimrates und Grüne-Soße-Fans JWvG nachzuschauen, “ob durch des Frühlings holden, belebenden Blick Strom und Bäche vom Eise befreit seien, im Tale Hoffnungsglück grüne, da der alte Winter, in seiner Schwäche, sich in rauhe Berge zurückgezogen”. Archibald wiederum zog sich zurück auf das grüne Fensterbrett, da ihn der Geruch von frischem Basilikum beim Denken unterstützte. Hier war er Bär, hier durfte er sein.
Heute galt es nachzudenken über die hiesigen Aufrechtgeher und ihr großes Eierfest. Offensichtlich haben die Fellfreien ein sehr inniges Verhältnis zu ihren Eiern. Seit einiger Zeit beschriften sie ihre Eier mit allerlei geheimen Zeichen. Aus diesen Zeichen kann man wohl erkennen, wann das Ei gelegt wurde, von wem, wie, warum, ob draußen oder drinnen, ob der Stall beheizt oder tapeziert ist, wie weit es vom Stall bis zur nächsten Autobahnauffahrt ist, wann die Legehenne das letzte Mal den gesetzlich vorgeschriebenen Legeurlaub genommen hatte, ob der Bauer verheiratet ist oder eine Frau sucht, mit welchem LKW-Typ die Eier in welchen Markt geliefert wurden und warum und wie oft die Verkäuferin dem Kunden noch einen schönen Tag gewünscht hat. Deshalb verbringen die Zweibeiner wohl auch die Hälfte ihres Lebens in den Kaufbuden, den diese Informationsflut muß erst einmal erfaßt und verarbeitet werden. Sicher ist sicher und keine Experimente. Dafür hatte Archibald ein gewisses Verständnis, da auch er kein großer Freund von Überraschungen ist. Das muß ja nicht sein, daß dort, wo gestern noch ein mit Lachsen gefüllter Wildbach durchs Gehölz rauschte, heute eine monströse Staumauer aus Beton steht und der Wald zu einem Unterwasserpark mutiert ist. Aber dies, und soweit war Archibald schon in der Zweibeiner Denkensart eingedrungen, war wohl ein wesentlicher Bestandteil humanoider Denke: dem Anderen mit großer Freude Überraschungseier vor die Haustür zu setzen, aber im umgekehrten Fall laut aufzuschreien, daß solch eine unliebsame Bescherung einem doch gehörig auf die Eier gehe und man möge dies gefälligst unterlassen. Wobei der Andere dann wiederum darauf pocht, dies sei auf keinen Fall seine Schuld, wenn man sich mit dieser kleinen Veränderung nicht arrangieren könne. Archibald mußte an den Mann denken, der vor Tagen auf seinem Fahrrad mit mörderischer Geschwindigkeit durch die kleine, enge Straße unter seinem Fenster gerast war, so daß eine dort gehende alte Frau in letzter Sekunde zur Seite springen konnte, dabei stürzte und sich am Kopf verletzte. Der Radfahrer, ein großer, kräftiger Mann, der einen Helm auf dem Kopf hatte und aussah, als zöge er in den Krieg, half der alten Frau auf und als diese sich über den Fahrstil des Helmträgers beschwerte, beschimpfte dieser sie und meinte, wenn auch sie einen Helm trüge, würde ihr auch nichts passieren. Erhobenen und behelmten Hauptes rauschte er davon. Seltsame Vögel!
Wieder bimmelten die Kirchenglocken und Archibald hatte das Gefühl, daß es bei diesem Eierfest eigentlich gar nicht um Eier geht, sondern um etwas ganz anderes, wichtigeres, fundamentaleres. Archibald Mahler, als Bär vom Brandplatz, konnte dies nur ahnen. Wer sollte es ihm auch erklären? Die meisten Aufrechtgeher hatten es längst vergessen. Schade eigentlich. Aber das Basilikum roch noch immer gut und die Sonne schien und die Birken vor dem Fenster trugen erste Blütenkätzchen. Und dies alles schien dem Bären zuzurufen: „Fürchte Dich nicht, Archibald!“
Von langen Ohren, eiligen Hasen und heiligen Eiern
Und plötzlich überall nur noch Eier und lange Ohren. Ernst Albert und Eva Pelagia, feiertäglich gestimmt und gewiß auch mit einem Hauch von schlechtem Gewissen behaftet, was die Zumutungen, die Archibald in den letzten Tagen erleiden mußte, betrifft, hatten den Bären zum Frühstück eingeladen. Obwohl Bären nun wirklich keinen Bezug zum hartgekochten oder schokoladeumfaßten Ei haben, machte er gute Miene zum undurchschaubaren Spiel, dachte aber, daß dies für einen Solitär doch ein bißchen viel an Sozialgebimse sei. Aber was solls, von draußen schlugen Graupelkörner gegen die Fenster, man sah nix als grau.
Archibald spürte, wie ihm lange Ohren wuchsen, denn auf seinem Rücken hockte der heimliche Fieberthermometerhalter und sprach: „Bär, weil Du keine Ahnung hast, hier die Wahrheit über die eierbringenden Osterhasen. Es ist eine alte deutsche Geschichte, obwohl man behauptet Elsässer und Lothringer und alle möglichen Welschen hätten da auch mitgemischt. In ersten überlieferten Erzählungen hatte das Langohr in Sachen Eierzustellung noch Konkurrenz vom Kranich und dem Storch und dem Kuckuck über den Fuchs bis hin zum Hahn – die Hennen mußten ja die Eier legen und diese ausbrüten. Irgendwann blieb es am Hasen hängen, weil er sehr schnell rennen kann und da er viele Feinde hat, sehr vorsichtig und ängstlich ist. Zudem ist er in der Lage, sein Blickfeld auf bis zu 230 Grad zu weiten, also alles im Blick, keine Hausnummer entgeht ihm. Urkundlich wird der eierbringende Meister Lampe erstmals erwähnt in den Jahren 1638 und 1682, und zwar im Saarland, im Neckarraum und im Elsaß, unter anderem in “De ovis paschalibus – Von Oster-Eyern”, einer von einen Heidelberger Historiker verfaßten Dissertation. Zu der Zeit war das Hoppelviech mit den braunglänzenden Augen und dem flinken Geläuf also dabei sich als anerkannte Eierpost durchzusetzen. Man erzählte den Einfältigen und den Kindern, es sei der Hase, der die Eier bringe und sie verstecke, auf daß die Knaben und Mägdelein sie suchen sollten zum Ergötzen der Erwachsenen. Und so verbinden gleich zwei Symbole ihre Eigenschaften zu einem Auftritt. Einmal das Ei als Symbol für Leben und Fruchtbarkeit, dann der Hase, zumindest seit Beginn der Christenheit, als eine Art Auferstehungssysmbol. Außerdem kam hinzu, daß es im Mittelalter in deutschen Landen üblich war, Pacht und Zins oder die Steuern, vorwiegend in Naturalien zu entrichten. Und einer der beiden großen Abgabetermine war Ostern, und das war die Zeit der ersten Eierschwemme und zugleich die der schmackhaften Frühjahrshasen. Voila! So vereinen sich Ritual und Geschäft. So groß haben die Zeiten sich also nicht geändert. Eine andere Möglichkeit wäre auch diese: bei den Katholiken haben sich in der langen Fastenzeit stets sehr viele Eier angesammelt, und die mußten irgendwann mal raus. Also wurde der Eierberg zum Fastenbrechen bunt bemalt und an fromme Patenkindern verschenkt. (Höre ich da eine Anspielung auf die aktuelle Diskussion?, fragt der Setzer) Solchem Brauch allerdings mochten sich die Protestanten nicht anschließen, sie tranken ein oder vier Gläschen, säkularisierten die geweihten Eier und erfanden einem neuen Eierkurier, den bei den Kindern beliebten Meister Lampe. Alles klar, Bär? Und wenn Dich wer fragt, meine kleine Rede wurden nach dem Hegemannprinzip erstellt. Eierklau und so. Kuckuck! Und nicht vergessen: ‚Fichel, dey moiens so laud pfafe, dey höld am Owed de Hobsch.’ Ei jo, frohe Ostern dann noch!“ Weg war er.
Ernst Albert hatte sich zum Mittagessen „Geduffeln mit Grie Soß“ gewünscht und Eva Pelagia, mit den regionalen Gewohnheiten vertraut, servierte sie in gewohnter Qualität. Und Archibald hatte wieder was dazugelernt. Wo soll das nur enden?
Archibald folgt der Stimme des Herrn und Eva Pelagia beendet den Spuk
Archibald machte sich auf in die Richtung, aus welcher er die Stimme seines Herrn vernommen hatte. Er kam an einen kleinen Platz, an der drei mit Kaufbuden gesäumte Straßen zusammenliefen. Und der Platz war wüst und leer. Bis auf sechs große Betonkugeln, welche die Baumeister der kleinen häßlichen Stadt dort haben liegen lassen. Vor wenigen Wochen hatten sie den Bodenbelag des Plätzchens erneuern lassen und seitdem sahen die grauen Kugeln noch trostloser aus. Doch wie schon erwähnt legen die Einwohner der kleinen häßlichen Stadt und ihre Oberbaumeister in Sachen Negativästhetik gerne noch mal eine ordentliche Schippe drauf. Aber vielleicht sind es auch die Eier von längst verstorbenen Sauropoden und man wartet nur darauf, daß irgendwann kleine Alberto-, Tyranno- oder Guidosauren ausschlüpfen.
Ernst Albert stand im Hasenkostüm auf dem größten der Sauropodeneier. Und er sprach: „Liebe Bewohner und Bewohnerinnen von You Turbi et You Torbi! Wirtschaftsstudien zeigen in diesen Tagen, daß die Mittelschicht in Deutschland schrumpft. Seitdem die FDP auf Bundesebene nicht mehr regiert, wird die Mittelschicht dünner und die Schichten oben und unten werden breiter. Wohlsein!“ Eigentlich wollte Archibald Mahler, Bär vom Brandplatz, der Stimme seines Herrn lauschen, doch er wurde abgelenkt, denn er erblickte hinter der Scheibe einer Kaufbude gar Seltsames. „Die Osterbärchen sind da!“, stand dort und neben dem Schriftzug saßen und grinsten debil kleine aus Gummi geformte Bärenviecher. Und sie hatten lange ganz und gar unbärige Schlabberohren! Wie Ernst Albert respektive sein Kostüm. Was war das denn? Eine Mutation? Das Ergebnis eines bösartigen Laborversuches perverser Aufrechtgeher? Archibald dachte nach. Ernst Albert sprach. Eva Pelagia kaufte ein.
Dann ging alles recht schnell. Es begann zu regnen, Eva Pelagia bog um die Ecke, die drei Männer in den blauen Anzügen mit den gelben Krawatten, die dem Geschehen in sicherer Entfernung beigewohnt hatten, stürzten aus ihren Verstecken, fingen an zu schreien und zerrten ans Ernst Alberts rechtem Bein, Eva Pelagia wurde ungewohnt laut und haute einem der Anzugmänner einen Bund Lauch um die Ohren, der Wind raffte sich zu Orkanstärke auf, Ernst Albert zuckte mit den Schultern und stieg von seiner Kugel, Archibald kratzte sich am Hintern und begann zu frösteln, ein Graupelschauer überfiel die kleine häßliche Stadt und eine Minute später war der Platz mit den Kugeln wieder wüst und leer, als wäre nichts geschehen.
Klären wir die Geschichte auf. Am 1. April 2010 hatten die gegenwärtigen Regierungssesselverwalter das 1. Anti-Dekadenz-Gesetz (ADG) mit einfacher Mehrheit beschlossen und auch gleich ratifiziert. Ernst Albert, zur Zeit untätiger Musentempelarbeiter war einer der Ersten, an dem das neue Gesetz Anwendung finden sollte. Und so wurde er von den „Freiwilligen Frührömern“, einer neu ins Leben gerufenen Patrouille der Regierungssimulanten, zu Hause abgeholt, dem aktuellen Festtag entsprechend kostümiert und seiner gerechten Strafe zugeführt. Er wurde „gebeten“ eine der legendären Reden des Großen Vorsitzenden Guidosaurus Rex zu rezitieren – denn dies war für die kleine häßliche Stadt (KHS) als zentrales Züchtigungswerkzeug vorgesehen – und zwar hoch oben auf dem Kugelbrunnen. Was Ernst Albert auch artig tat, bis die Freiwilligen Frührömer (FF) bemerkten, daß das Redemanuskript leider vom vorletzten Osterfest datierte. Als die FF dann Ernst Albert vom seinem eiförmigen Rednerpult herabziehen wollten, vermutete die um die Ecke biegende Eva Pelagia einen unziemlichen Angriff auf ihren Liebsten und griff ein, kurz und knapp. Die FF schlich von dannen – “Huch, mein Anzug wird feucht!” – und Eva Pelagia packte Ernst Albert und den in nächster Nähe des Tatortes durchnäßt zitternden Archibald. Und mit den beherzten Worten: „Jeder Alptraum muß mal ein Ende haben, meine Herren!“, ging es nach Hause. Denn nichts ist so ungenießbar wie die dicken Eier vom vorletzten Ostern. (Liebe Anklicker! Beachten Sie die Flagge im linken Fenster. Frohe Ostern vom Setzer!)
Und so ging es dann weiter: Eva Pelagia buk Teighasen Nummer zwo, da Nummer eins seine Ohren verloren hatte, Ernst Albert fluchte über die Speerspitze der deutschen Kugeltretkunst und Archibald versuchte zu begreifen, warum die Aufrechtgeher kleinen Gummibären Hasenohren an den Kopf kleben. Aber es war schön warm in der Höhle.
Und es war einer da, der von der Ferne zusah (Archibald 27. 55.)
Und das war dann passiert. Der geheime Fieberthermometerhalter (Hat der keinen Kurznamen? Gruß vom Setzer) war von hinten an Archibald herangetreten und hatte ihm gesagt, daß drei Männer in blauen Anzügen mit gelben Krawatten Ernst Albert mitgenommen hatten und daß, nun da die Türe offenstand, es vielleicht klug wäre ihn zu suchen, am Tag der Buße und der Einkehr.
Archibald ging in den Park. Den kannte er. Er erinnerte sich, daß man in einer Ecke des Geländes einen Hügel aufgeschüttet hatte. Den wollte er besteigen und sich einen Überblick verschaffen. Alter Bärentrick. Man riecht besser, wenn man oben steht. Und da fing es schon an mit dem Tag der Buße. Der Kiesberg war steil und rutschig, der Wind hatte auf Nord gedreht, es war eisbärkalt und Herr Lenz schien jegliche Rückkehrabsicht ad acta gelegt zu haben. Auf bärisch: es war eine elende Plackerei, Archibalds Kondition befand sich noch im Winterschlaf und das rechte Bein pochte. Da stand er nun auf dem Gipfel, zu seinen Füßen der Park und Teile der kleinen häßlichen Stadt und seine Lungen arbeiteten im Akkord. Der Park und die ihn umgebenden Straßen waren leer. Die Aufrechtgeher lagen in den Betten. Kirchenglocken bimmelten. Wenige alte Zweibeiner ließen sich von den Glocken rufen. Archibald reckte die Nase in den Himmel. Er roch letzte Überreste eines alten Zweibeinerrituals. In weiter Ferne krähte dreimal ein Hahn. Jemand wusch seine Hände in Unschuld und Zitronenwasser. Hohngelächter und wuchtige Hammerschläge. Ein hagerer Mann trank Essig und Galle aus einem Schwamm. Die neben ihm hangen, riefen ihm zu, er möge sich selber helfen. Zu seinen Füßen würfelte man um seine Kleider. „Eli, Eli, lama asabthani? Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?“ Der Vorhang zerriß in zwei Teile.
Archibald drehte sich um. Etwas entfernt, hinter den Mauern des Parks, erblickte er eine alte Ritualstätte der Zweibeiner, einen Ort, wo sie einst die Verstorbenen in die Erde gegeben hatten, um ihrer mit aufgestellten Steinen und Holzkreuzen zu gedenken. Zwischen den Steinen sah er ein mittelaltes Ehepaar. Sie rannten und keuchten. Sie trugen schreiend bunte kurze Hosen, mit Schriftzügen versehene Hemden, die Frau hatte ihre mit bunten Strähnen gefärbten Haare mit einem Tuch zusammengebunden und hinter ihnen her rannte ein riesiges Hundeviech, dessen Fell ebenso gefärbt oder zumindest onduliert schien. Der Hund hatte Spaß daran, ab und an einen der Gedenksteine mit seinen Verdauungssäften zu benetzen, was die Frau mit hysterischem Gebrüll kommentierte, während der Mann so tat, als sei er nicht vorhanden. Archibald kratzte sich am Hintern und wunderte sich. Offensichtlich haben die Zweibeiner neue Rituale entwickelt, um den Tag der Buße zu begehen. Es grauste ihn und er wandte sich ab.
Und da sah er in der Ferne, in den Straßen zwischen den heute geschlossenen Kaufbuden, ein Viech, ein seltsames Viech mit riesigen Ohren und einem großen Wollknäuel am Hintern. Und dieses Viech sprach mit der Stimme von Ernst Albert. Oh, mein Bärengott!
Welche der Welten ist die Welt?
Archibald hat den Telefonhörer einfach fallen lassen. Es überkam ihn das Gefühl, daß es nicht die Aufgabe eines Bären ist, der angetreten war aus dem Fenster und die Welt zu schauen, mit einer Frau Dyckmans zu sprechen. Falls sie überhaupt die ist, die sie zu sein vorgibt, den heute ist offenbar ein Tag, an dem die Fellfreien zu scherzen belieben. Zudem war Archibald Mahler, Bär vom Brandplatz, der Ansicht, daß die letzten Tage ein klein wenig zuviel geboten hatten. Da wird ein Bär in aller Unschuld, weil leicht indisponiert, zur Ärztin geschleppt, durchleuchtet, klassifiziert und mit lateinischen Ausdrücken überschüttet, muß sich anschließend einer Tiroler Variante des „Ouzo-Orakels“ unterziehen, wobei der Aufrechtgeher auch noch den für den Bären vorgesehenen Anisschnaps alleine runterschüttet und zu guter Letzt ist man empört und betroffen da draußen vor dem Fenster, wohl ein Lieblingsspiel der Zweibeiner. Nicht zu vergessen, der Kugeltretpräsident am Telefon. Seltsame Welt, in die ein Bär schaut, wenn er schaut.
Archibald war klar, daß ab sofort wieder langsamer und gründlicher gedacht werden mußte, zweibeinerfrei und tief. Sonst wird das nie was mit einem ordentlich eingeräumten Gedankenschrank. Doch die Verwirrung des Bären war leider nicht zu leugnen. Welche der Welten dort draußen ist denn die Welt? Bärenwelt ist eine recht einfache Angelegenheit. Ein Lachs ist ein Lachs ist ein Lachs und zwischen Heidelbeerenstrauch und Aasfilet paßt immer noch ein Mittagsschlaf. Aber die Ruhelosen da draußen vor dem Fenster, stets beunruhigt über den Lauf der Zeit, selbst wenn sie zuviel davon zur Verfügung haben und dann nicht wissen womit sie eben jene Zeit füllen sollen, aber sich hinlegen und alles sein lassen, das wollen sie dann auch nicht. Und dann rennen und hetzen sie los und reden davon Zeit verloren zu haben, die sie aber doch gar nicht hatten und bleiben plötzlich stehen, tatenlos, gelähmt, als käme die verlorene Zeit gleich um die Ecke gebogen und spränge Ihnen zur freien Verfügung und Wiederverwertung in die Hosen- oder Handtasche. Oder leben die fellfreien Raser in dieser Welt, oder in der, welche Tag und Nacht aus den Bilderapparaten plärrt? Und glauben sie gar die Welt, die man ihnen als Spiel und Spiegel serviert, ist die Tatsächliche? Die andere jedoch, die vielleicht die Wahre ist, lassen sie verrotten, als sei das Leben ein Spiel, in dem die Karten jederzeit wieder neu gemischt und ausgeteilt werden können. Oder glauben sie dem, was sie erlesen eher als dem, was sie erleben? Und Archibald wußte gar nichts mehr und schloß die Augen. Es flimmerte hinter seinen Lidern.
Archibald bemerkte, daß es zog wie Lachssuppe. Er spürte seinen leeren Magen und daß die Haustür offenstand. „Sie sind Herr Ernst Albert?“ „Ja!“ „Mitkommen!“ Natürlich, Ernst Albert war nicht mehr da. Ganz unbärig begann sich Archibald doch etwas um den Hausherrn zu sorgen und blickte hinaus in den Hausflur. Archibald allein zu Hause. Vielleicht war es doch an der Zeit den geheimen Fieberthermometerhalter zu einem kleinen Symposium zu bitten. Das war es, was er dachte.
Wie sich die Öffentlichkeit interessierte und Archibald mit Herrn Hoeneß telefonierte
„Mer hotts it leicht, aber leicht hotts einen!“ sagen die Südbadener, die meist Unsinn erzählen, aber hier ausnahmsweise mal recht haben. Da schmeißt man ein Steinchen ins mediale Wasser und dann das. Die Öffentlichkeit interessierte sich. Die Presseticker hyperventilierten.
„(dpa) Unbescholtener Bär zum Komatrinken gezwungen. Ein zur Zeit beschäftigungsloser Musentempelarbeiter hat in einer hessischen Kleinstadt einen ihm anvertrauten Bären im Rahmen eines fragwürdigen Reinigungsrituals zum Alkoholmißbrauch gezwungen. Unter dem Vorwand die äußerst umstrittene ‘Tschurtschenthalermethode’ anzuwenden, hat er dem wehrlosen Tier etwa zehn griechische Anisgetränke eingeflößt. Zudem hat er das betrunkene Tier aufgestachelt über die sogenannten ‘Aufrechtgeher’ und ihre Ausdrucksweise herzuziehen. Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Frau Mechthild Dyckmans, hat sich des Falles angenommen.“
„(sid) Beispiellose Hetze im Netz – Speerspitze der deutschen Kugeltretkunst als ‘Die Blöden’ bezeichnet. In einem mittelhessischen Blog, der von einem Bären betrieben wird, wurde gestern die Speerspitze der deutschen Kugeltretkunst in herabsetzender Weise als ‘Die Blöden’ bezeichnet. Der Präsident des Vereins will sich des Falles persönlich annehmen. Zitat: ‘Es kann nicht angehen, daß Menschen in diesem unserem Lande wenige Stunden vor einem Spiel von nationaler Bedeutung sich in solch despektierlicher Weise über unsere Kugeltretkünstler äußern. Wir reißen uns hier den Arsch auf und ihr!’ Der DFB ließ mitteilen, daß er auf Grund momentaner Arbeitsüberlastung schwerens Herzens auf ein Ermittlungsverfahren verzichtet.”
Die Vierbuchstabenzeitung faßte es zusammen: „DENKSTE ARCHI! Stockbesoffener mißbrauchter Bär kann Sieg der ‘Blöden’ gegen Manchester nicht verhindern.“
Die Haustür klingelte. „Sie sind Herr Ernst Albert?“ „Ja!“ „Mitkommen!“ Die Haustür fällt ins Schloß. Archibald ist allein. Das Telefon klingelt. „Archibald Mahler, Bär vom Brandplatz bei Ernst Albert. Hallo?“ „Was haben Sie sich da eigentlich gedacht?“ „Wie?“ „Wir reißen uns hier den Arsch auf und Ihr?“ „Was?“ „Und das kannst Du dem Chef von dieser Truppe der taktischen Foulspieler sagen: der erste Platz gehört uns. Egal wie. Egal wo. Egal wann.“ „Wer sind sie denn?“ „Aber weil der gestrige Abend mich milde gestimmt hat: wenn Du elfmal schreibst in Deinem Blog: ‚Die Blöden sind die Speerspitze der nationalen Kugeltretkunst!’, will ich Gnade vor Recht ergehen lassen. Klar?“ Am anderen Ende der Leitung fiel der Hörer in die Gabel. (So was gibt es doch gar nicht mehr! Schönen Gruß vom Setzer)
Und weil Archibald Mahler, der Bär vom Brandplatz keine Lust hat, sich mit Herrn Hoeneß zu zoffen:
Die Blöden sind die Speerspitze der nationalen Kugeltretkunst! Die Blöden sind die Speerspitze der nationalen Kugeltretkunst! Die Blöden sind die Speerspitze der nationalen Kugeltretkunst! Die Blöden sind die Speerspitze der nationalen Kugeltretkunst! Die Blöden sind die Speerspitze der nationalen Kugeltretkunst! Die Blöden sind die Speerspitze der nationalen Kugeltretkunst! Die Blöden sind die Speerspitze der nationalen Kugeltretkunst! Die Blöden sind die Speerspitze der nationalen Kugeltretkunst! Die Blöden sind die Speerspitze der nationalen Kugeltretkunst! Die Blöden sind die Speerspitze der nationalen Kugeltretkunst! Die Blöden sind die Speerspitze der nationalen Kugeltretkunst!
„Potzrembel!“, dachte Archibald. „Wieso gerade elfmal?“ Woher sollte er auch wissen, daß Herr Hoeneß einer der Miterfinder der Konkreten Poesie ist. Das Telefon klingelte. “Hier bei Albert. Mahler am Apparat.” “Kleinen Augenblick. Ich verbinde sie mit Frau Dyckmanns!”