Archibald schaut Welt


Wie Johnny Cash Archibald in den Schlaf sang
5. März 2010, 08:51
Filed under: Robert Zimmermann

cash_DP_sz3Archibald hatte beschlossen, den Winterschlaf wieder aufzunehmen. Nicht als Demonstration gegen die für Anfang März beinahe unflätigen Temperaturen draußen vor dem Fenster – da konnte der Himmel noch so blau strahlen – nein, aus Ernst Alberts Zimmer drang seit gestern unaufhörlich die tiefe, zerkratzte, hin und wieder brechende Stimme eines Mannes, der vor Jahren, schwer erkrankt und trotzdem voller Zuversicht, seiner geliebten Frau in die ewige Grand Ole Opera gefolgt war. So lauschte Archibald den letzten Songs des großen schwarzen Mannes. Und er hörte: “There ain’t no grave can hold my body down / There ain’t no grave can hold my body down / When i hear that trumpet sound / I gonna rise right out of the ground / Ain’t no grave can hold my body down / Well look way down the river / What do you think i see / I see a band of angels / And they coming after me / Ain’t no grave can hold my body down / There ain’t no grave can hold my body down / Well look down yonder Gabriel / Put your feet on the land and sea / But Gabriel don`t you blow your trumpet / Until you hear from me / There ain’t no grave can hold my body down / Ain’t no grave can hold my body down / Well meet me Jesus meet me / Meet me in the middle of the air / And if these wings don`t fail me / I will meet you anywhere / Ain’t no grave can hold my body down / There ain’t no grave can hold my body down / Well meet me mother and father / Meet me down the river road / And mama you know that i`ll be there / When i check in my load / Ain’t no grave can hold my body down / There ain’t no grave can hold my body down / There ain’t no grave can hold my body down”. Und er hörte: “How many times have you heard someone say / “If I had his money I’d do things my way.” / But little they know that it’s so hard to find / One rich man in ten with a satisfied mind. / Once I was winning in fortune and fame / Everything that I dreamed for to get a start in lifes game / But suddenly it happened, I lost every dime / But I’m richer by far with a satisfied mind / Money can’t buy back your youth when you’re old / Or a friend when you’re lonely or a love that’s grown cold / The wealthiest person is a pauper at times / Compared to the man with a satisfied mind. / When life has ended, my time has run out / My friends and my loved ones I’ll leave, there’s no doubt / But one thing for certain, when it comes my time / I’ll leave this old world with a satisfied mind.” Sang da ein Bärengott? Und von wo? Nachdenken! Später! Archibald kuschelte sich zusammen und schlief ein. Pssst!

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Wie Archibald beim Frühlingsriechen Russisch lernt und an seiner Herkunft zu zweifeln beginnt
4. März 2010, 09:37
Filed under: Draußen vor der Tür

kissen1Archibald atmete ein, Archibald atmete aus. Jeden Kubikzentimeter Luft sog er gewissenhaft durch seine Vibrissae und ließ ihn prüfend auf der Nasenschleimhaut zergehen. Ein wildes Gemisch schlug Archibald entgegen: der unvermeidliche stechende Geruch der Autoabgase, der Schweiß gehetzter Menschen auf dem Weg zur Arbeit, penetrante Duschgels, die den Angstschweiß übertünchen sollen und tausendfach verschieden duftende Atemluft, auf deren Flügeln tausendmal mehr unnötige Worte in die Luft entlassen werden. Und die können ordentlich stinken. Potzrembel aber auch! Archibald ging in sich, kam wieder heraus und hatte beschlossen, bevor er das schon angerissene Szenario “Das abbe Bein/Die Anoperation”  zu Ende führen würde, noch mal drüber nachzudenken, wieviel seiner Worte er sich in Zukunft sparen könnte. Dann roch er Alkohol, Zigaretten, Schweiß. Nein, nicht Ernst Albert, sondern vor dem Fenster standen sie wieder: Die Russen. Immer um diese Zeit fanden sie sich zusammen auf dem kleinen Platz in der Nähe der Höhle, tranken ihr gebranntes Kartoffelwasser, dazu extrem süße Fruchtsäfte und spülten das Ganze mit dem billigsten Bier, das es zu kaufen gab, herunter. Sie rauchten und tranken und lachten. Zwei bis drei Stunden später brüllten sie sich an und waren kurz danach verschwunden. Und jedesmal, wenn Archibald die rauhe, gurgelnde Sprache dieser Menschen vernahm, die aus hundert verschiedenen s-, ch- und sch- Lauten zu bestehen schien, wurde ihm ganz seltsam zu Mute. Zwar war Archibalds Vergangenheit bis heute noch ein ziemlich dunkles Loch, doch in den letzten Wochen, als da drüben in den Bergen jenseits des Meeres Menschen Metallscheiben um die Hälse gehängt worden waren, dachte Archibald oft, dort endlich das Land seiner Vorfahren gefunden zu haben. Doch der Klang der Worte dieser Trunkenbolde! “Sdrasstwujti, wissna! Dasswidan`ja sima!” Altbekannte Glöcklein begannen zu klingeln. Konnte es vielleicht sein, daß er eigentlich? Archibald stutzte. Doch bevor ihn das Nachdenken über seine Wurzeln in eine veritable Identitätskrise stürzen sollte, besann er sich auf seine Aufgabe und atmete ein und atmete aus, konzentriert und ausdauernd. Doch so sehr er sich bemühte, den Frühling, ihn roch er nicht. Im Gegenteil, Schnee lag in der Luft. Morgen, übermorgen vielleicht. Nun gut, soll er kommen.  Die Sonne blinzelte durch ein Wolkenloch und Archibald fletschte die Zähne. Denn die Zähne nehmen am schnellsten das für Knochen und Beißerchen lebenswichtige Vitamin D auf, so etwas weiß nun jeder Bär, egal ob aus dem Westen oder dem Osten stammend. Man sieht zwar mit gefletschten Zähnen etwas dämlich aus, das fand auch Archibald, aber man will ja auch noch morgen kraftvoll zubeissen können. “Wissna! Sskutschjaju!”  Da hörte Archibald in der Höhle  einen alten Mann Lieder singen. Von Trost und Hoffnung und Morgen! Morgen! “Wissna! Sskutschjaju!”

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Archibald will nicht in spätrömischer Dekadenz enden und wird offizieller Frühlingsriecher
3. März 2010, 08:17
Filed under: Draußen vor der Tür

kissen2Archibald saß wieder am Fenster, die liebevoll strenge Ermahnung des Alten von Bergedorf noch im Ohr. Er war gewillt heute Welt zu schauen, konzentriert und ausdauernd. Da Bären aber durchaus in der Lage sind, einen Mittelweg zwischen Disziplin und Bequemlichkeit zu finden, hatte er sich ein Kissen unter seine Bärenellenbogen geschoben, ein altbewährtes und anerkanntes Hilfsmittel beim konzentrierten und ausdauerden Weltschauen. Der Himmel schimmerte hellblau und nachts war die Kälte zurückgekehrt. Fünf neue Schneeglöckchen waren in Nachbars Garten dazu gekommen. Archibald blickte auf seine Pfoten, an denen er gestern hingebungsvoll gesaugt hatte, und mußte herzhaft über die Dummheit der Menschen lachen. Im alten Rom und bis hinein in die Neuzeit glaubten die Menschen, Bären würden ihren Winterschlaf nur überleben, weil sie die sogenannte Bärenmilch in ihren Tatzen hätten. Den langen Winter über würden sie gelegentlich an diesen saugen und so überleben. Und der Geheimrat hat sich einen Reim darauf gemacht. Schlaumeier, aber fleißig. Beängstigend fleißig. Und wie er so über Tatzen und Fleiß und Rom nachsinnierte, schoß es Archibald eiskalt ins Hirn: “Bin ich denn, hier auf meinem Kissen Welt schauend, ein nutzloser spätrömischer Dekadenzbär?  Ein schmarotzendes Etwas, das den Solidarpakt mit den Fleißigen da draußen, welche unentwegt Tüten und Taschen voller Lebensmittel, Elektroartikel, Kleidungsstücke und Kopfschmerztabletten in ihre Höhlen schleppen, aufgekündigt hat?” Mein Gott. Doch was sollte der erschrockene Bär tun? Die herumliegenden Äste in Nachbars Garten aufsammeln? Die Hundekackehaufen auf der Straße markieren? Die Autos im Halteverbot verpetzen? Schwänzende Kinder zurück in die Schule jagen? Den Fleißigen nach dem Einkauf die Preisschilder von der Ware kratzen? Die Welt nichts als Frage und Vorwurf!

Doch bevor Archibald vollends der Verzweiflung über sein gesamtgesellschaftlich unverantwortliches Dasein anheimfiel, schenkten ihm die Bärengötter (Die Götter der Bären! Unbedingt mal drüber nachdenken! Wichtiger zur Zeit als Anoperation und so!) die rettende Idee. Archibald beschloß der erste offizielle Frühlingsriecher zu werden. Er hatte in den letzten Tagen bei Ernst Albert und Eva Pelagia eine gewisse Unruhe gespürt. Dieser Winter ist lang und hartnäckig gewesen und jeder harrt der Ankunft des Frühlings. Archibalds feine Nase würde den armen Hoffenden verläßlich melden können, ob er denn naht, der Herr Lenz. Und so streckte der Bär sein empfindsames Organ aus dem Fenster und atmete ein und wieder aus, ein und wieder aus, konzentriert und ausdauernd. Die Luft begann zu vibrieren.

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Herr Schmidt hilft Archibald und Ernst Albert dabei sich etwas aus den Pfoten zu saugen
2. März 2010, 13:45
Filed under: Küchenschypsologie

tagesschauEin Schriftsteller aus Hessen, den alle nur den Geheimrat nennen, schrieb: “Dichter gleichen Bären, die immer an eignen Pfoten zehren.” Archibald war sehr froh, daß dieser Herr Geheimrat – man sagt, kein anderer Schreiber auf der ganzen Welt habe so viele Buchstaben auf Papier gebannt wie er – tiefes Verständnis für seinen Zustand hatte. Und der war heute in der Tat etwas desolat. Früh schon hatte Archibald sich an Fenster gesetzt, die Sonne schien, die Luft war kalt und klar.  Eigentlich ein guter Tag weiter an der Ordnung im Gedankenschrank zu arbeiten. Pustetorte. In Archibalds Kopf sah es aus wie in Nachbars Garten, wo wild durcheinander die Hinterlassenschaften des Orkans, der vorletzte Nacht über die Stadt gefegt war, herumlagen: abgebrochene Äste, Zeitungen, Plastiktüten, Kinderspielzeug und ein paar Dachziegel. Das gefiel ihm nicht. Archibald schloß die Augen und er sah unzählige, ineinander verwobene Gedanken, die völlig unsortiert vor seinem Gedankenschrank lagen und nach Einordnung schrieen. Archibald öffnete die Augen. Wo war die Unordnung größer, draußen oder drinnen? Manchmal ist die Welt ein großes Ach und der Himmel fällt einem auf den Kopf. “Sterben – schlafen – vielleicht auch träumen! Ja, da liegts: Was in dem Schlaf für Träume kommen mögen, wenn wir die irdische Verstrickung lösten, das zwingt uns stillzustehn.”, brummte er leise vor sich hin und wußte im selben Moment nicht, welcher Wind ihm diese Worte eines Prinzen aus Dänemark in den Kopf geweht hatte. In einer warmen Höhle, tief im Wald, liegen und schlafen, das war es was Archibald heute wollte und er beschloß, daß der Winterschlaf dieses Jahr doch etwas zu kurz aufgefallen war und die Welt  ihm heute gestohlen bleiben könne. Sollen andere hinschauen.

Ernst Albert saß im Nebenzimmer vor seiner aufklappbaren Schreib- und Bildermaschine und hatte begonnen eine neue Spielvorlage für die Musentempel zu verfassen. Er machte dabei den Eindruck, als habe heute auch er nur ein übelst verknotetes Wollknäuel im Kopf. Wie das Gescherr, so der Herr. Und so beschlossen die zwei Wirren die Flucht vor der Leere und setzen sich – der Reflex aller Faulpelze – vor den Bilderapparat. Doch sie hatten die Rechnung ohne den ehemaligen Abgeordneten aus Bergedorf gemacht. Der alte Mann saß im Bilderapparat, beantwortete geduldig Fragen, rauchte dabei eine Zigarette nach der anderen, rieb sich dazwischen Schnupftabak in die Nasenlöcher, trank etwa 8 Liter Kaffee mit geschätzten 125 Stück Würfelzucker darin und sprach, als der Fragesteller ihn bat, sein Lieblingsgedicht zu rezitieren:  “Des Waldes Dunkel zieht mich an, doch muss zu meinem Wort ich steh’n, und Meilen geh’n bevor ich schlafen kann, und Meilen geh’n bevor ich schlafen kann.”

Selten wurde ein Bilderapparat so schnell ausgeschaltet und Ernst Albert und Archibald machten sich an die Arbeit. Ernst Albert kämpfte wieder mit den Worten und Archibald begann an seinen Pfoten zu saugen und siehe da. Doch davon später.

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Von lachenden Menschen und fliegenden Gummischeiben
1. März 2010, 08:28
Filed under: Öffentliche Leibesübungen

kanadaEin alter Zirkusbär aus Minnesota hat mal gesagt: “Wenn ein Mensch mit einem Schießgewehr hinter Dir her ist, hast Du immer noch eine Chance. Wenn er aber beginnt über Dich zu lachen, hast Du endgültig verschissen.” So ähnlich fühlte sich Archibald. Er lag auf dem Fußboden und schnüffelte verzückt an diesem Buch über den Anzugbären, während die herbeigeeilte Eva Pelagia und der erwachte Ernst Albert herzlichst über die neuesten Sperenzien ihres Haus- und Hofbären lachten. “Er mutiert wohl gerade zum Intellektuellen.”, meinte Ernst Albert, hielt sich aber Gott sei Dank nicht länger mit dieser Angelegenheit auf, da er unbedingt seinen Bilderapparat anstellen mußte. Es war der letzte Tag mit Eis und Schnee und Bergen in dem Land jenseits des Meeres. Eva Pelagia war darüber rechtschaffen froh und ging ins Bett. “Gute Nacht, Jungs.” Draußen rüttelte ein wilder Sturm an den Fensterläden.

Ernst Albert öffnete ein Konzentrations- und Nervenberuhigungsbier und Archibald, nun glücklicherweise an den Rand des Fokus und darüber hinaus gerückt, konnte in Ruhe nachdenken. Diese neue Erfahrung, die er eben gemacht hatte, galt es genauer zu analysieren. Wie konnte es sein, daß eine Ansammlung schwarzer Punkte auf streng riechendem Papier, das bestenfalls ausgehungerten Mäusen als Mahlzeit dienen könnte, in Archibalds Hirn einen solchen Sturm von Bildern und Empfindungen ausgelöst hatte? Archibald war und blieb verwirrt, als auch ihn langsam das Geschehen in Ernst Albert Bilderapparat in den Bann zog. Auf einem zugefrorenen Teich, über den ein riesiges Haus gebaut worden war, rasten viereckige Gestalten auf kleinen Eisenstangen, die an ihren Füßen klebten, über die Eisfläche und prügelten in wahnsinnigem Tempo mit einem Holzbengel auf eine Gummischeibe ein. Oder sie fuhren aufeinander zu und rammten sich mit großer Freude gegenseitig an den Zaun, den man um den zugefrorenen Teich gebaut hatte. “Wie leicht kann man dabei ein Bein verlieren!”, dachte Archibald. “Und wer soll es dann in diesen Tohuwabohu wieder ordentlich anoperieren?” Und hinter dem Zaun saßen hunderte ausgelassener Menschen, die meisten weiß und rot kostümiert mit einen riesigen roten Blatt auf der Brust und schrieen sich die Seele aus dem Hals, besonders dann, wenn die pfeilschnelle Gummischeibe sich in einem der zwei Netze verfing, die rechts und links des Teiches aufgestellt waren und vor denen jeweils eine ganz besonders große und furchterregend aussehende viereckige Gestalt stand. Wenn der  Teich im Frühjahr wieder aufgetaut sein würde, könnte man mit diesen Netzen bestimmt riesige Lachse fangen, dachte sich Archibald. Am Ende haben die Rotweißen mehr Gummis ins Netz gemacht als die anderen, die blau und rot mit Sternen kostümiert waren und alle sind total durchgedreht. Auch Ernst Albert. “Wahnsinn. Der Young schaut zu und der Crosby macht das entscheidende Ding.” Archibald verstand kein Wort und begann am mentalen Zustand seines Chefs zu zweifeln. Und dann begann Ernst Albert zu erzählen, wie sein Vater, der nicht mehr lebte, vor langer langer Zeit in diesem rotweißen Land, wo die Bären wohnen, gearbeitet habe.  Er habe dort drüben Bäume umgesägt und klein gehackt. Wie der wilde Sturm, der heute nacht vor dem Fenster der Höhle tobte. Aber das ist eine neue Geschichte.

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Archibald entdeckt das Buchstabenriechen
28. Februar 2010, 17:57
Filed under: Anregende Buchstaben

kotzwinkleDa stand also Archibald vor dem roten Sofa, auf dem Ernst Albert laut und regelmäßig vor sich hin röchelte. Ein aufgeschlagenes Buch lag auf dem Bauch des Schläfers und hob und senkte sich im Rhythmus der Atemzüge. Vom Titelblatt des hoch und runter tanzenden Buches blickte Archibald ein Bär entgegen. Kein gewöhnlicher Bär, der einen Lachs fing oder durch die Wälder schlenderte, nein, ein Bär, der einen Anzug und dazu Hemd und Schlips trug. Ein großer, nicht überragend intelligent aussehender Bär im Anzug, mit Hemd und Schlips in den Straßen einer offensichtlich größeren Stadt zwischen vielen und kleineren Menschen. Menschen und Straßen, und das aus leidvoller Erfahrung, kannte Archibald. Doch angezogene Tiere fand Archibald schon immer entsetzlich. Manchmal peinigten Archibald Alpträume, in denen er als ganz, ganz junger Bär zwischen etlichen Bären, Hunden und anderen Viechern saß, von denen die Hälfte angezogen waren wie Menschen. Er träumte, daß Kinder und Erwachsene ihn anstarrten und mit dem Finger auf  ihn zeigten oder ihn gar betatschten. Als ob ein einstmals abbes Bein, von dem es noch zu berichten gilt, nicht schon Bärentrauma genug sei. “Hallo? Was ist denn das für ein Bär? Anzug geht ja so was von gar nicht. Oberpeinlich.” Archibald bemerkte, daß er vor lauter posttraumatischer Empörung in eine Art von eigentlich herzlichst verachteten Jugendslang verfiel, als Ernst Albert sich grunzend auf die Seite wälzte und das Buch vor Archibalds Tatzen fiel.

Archibald war innerlich schon wieder auf dem Rückmarsch zu seiner Fensterbank gewesen, wollte den Schnarcher und den Peinlichbär im Anzug ihrem Schicksal überlassen, als sich seine Nase meldete. Sapperdautz. Sie zuckte und zitterte und zwang Archibald, diese seine Nase, wie von Geisterhand bewegt, zwischen die mit unzähligen kleinen schwarzen Mäusespuren bedeckten Seiten zu stecken. Und Archibald roch. Und er roch nicht nur, für einen normalen Bären keine große Sache, die Bäume, die gefällt worden waren, um das Papier herzustellen, die stählernen, gut geölten Maschinen, welche die kleinen schwarzen Mäusespuren auf das Papier gepreßt hatten, den Schweiß des Mannes, der sich die Anordnung der Mäusespuren ausgedacht hatte, die Zigaretten und die Gläser roten Weines, die er beim Denken und Schreiben zu sich genommen hatte, mehr noch: Archibald roch eine Geschichte. Archibald roch die Geschichte eines Bären, der auf der Suche nach einer Torte in einer Aktentasche mitten im Wald ein fast fertiges Buch findet, welches ein Schriftsteller dort versteckt hatte. Aus was für Gründen auch immer. Um präzise zu bleiben, er roch sogar, daß man solch ein so gut wie fertiges Buch Manuskript nennt. Archibald roch, wie der Bär, erst darüber enttäuscht nicht Freßbares gefunden zu haben, nach und nach Gefallen an den Worten in diesem fast fertigen Buch findet und es also mitnimmt, wie der Bär zu seinem Anzug kommt, wie er in eine Stadt geht, wie er einen Verleger für das Buch findet, wie er Frauen kennenlernt und mit ihnen unglaubliche Dinge tut, und wie er reich und berühmt und verliebt und plötzlich wacht Ernst August auf und er glaubt nicht, was er da sieht: “Liebste! Kommst Du mal bitte. Das hier mußt Du Dir anschauen! Unfaßbar!”

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Herr Kotzwinkle schrieb: “Der Bär lief über den Berg und schaute, was es zu sehen gab…”
26. Februar 2010, 11:58
Filed under: Anregende Buchstaben

vorne_1“Bärenviech!” Ab und an ließ Ernst Alberts Ausdrucksweise zu wünschen übrig. Dies zumindest fand Archibald. “Bärenviech?” Nun gut, man hätte meinen können, Archibald als Vertreter einer Gattung, die sich gerne mal mit Aas den Magen füllt und dann, um als Dessert ein paar Löffelchen Honig zu genießen, einen kompletten Bienenstock samt Bienenhaus in alle Einzelteile zerlegt und bei Bedarf den dazugehörigen Imker auf den nächsten Baum jagt, könne eine etwas rauhere Ausdrucksweise locker wegstecken. Prinzipiell schon. Heute jedoch nicht, denn Archibald durchströmten Zerbrechlichkeit und Hypersensitivität. Und an solch einem Tag beschlich Archibald das untrügliche Gefühl sehr, sehr einsam zu sein auf diesem Planeten voller Trampel, Rohlingen und Ignoranten. Dazu gesellte sich, daß das seit Tagen herrschende feuchtmilde Wetter die Anoperationsnarbe an seinem rechten Bein pochen und schmerzen ließ. Das machte ihn zusätzlich unleidig. Und nun auch noch Herr Ernst Albert.

Herr Ernst Albert wiederum, anstatt Buße zu tun für die unflätige Äußerung in Bezug auf seinen Lieblingsbären, lag auf dem roten Sofa und lachte. Archibald versuchte dies alles nicht persönlich zu nehmen, blickte konzentriert aus dem Fenster und entdeckte im Garten der Nachbarn die ersten Schneeglöckchen. Klein, scheu und weiß. Ein weiterer Beweis für seine Sensitivität, fand Archibald. Ernst Albert kicherte und gluckste ohne Unterlaß. Schuld daran war ein Buch. Ab und zu las er Eva Pelagia, die durch die Wohnung stürmte und das, was sie gestern nach links geräumt hatte, heute wieder nach rechts legte, daraus vor. Archibald, der auch als Bär, wenn er will, durchaus multitaskingfähig ist, also über Schneeglöckchen meditieren und gleichzeitig das Geschehen im Nebenraum überwachen kann, vernahm also, daß sich Ernst Albert wohl königlich über einen Bären amüsierte von dem das Buch, welches er las, erzählte. Es gab da viel Sex, das Fangen von Lachsen und das Verspeisen von Torten kamen auch nicht zu kurz und der Bär, der die Hauptrolle in der Geschichte spielte, mußte wohl ein symphatischer und sehr lustiger Geselle sein. “Auch das noch. Man lacht sich schlapp über einen anderen Bären. Na danke!” Archibald brummte zornig in sich hinein. Doch er bemerkte auch, wie  aufkommende Neugier die bohrende Eifersucht in seinem Bärenherzen besiegte. Der Sache mußte er auf den Grund gehen.

Wenig später vernahm Archibald, daß Ernst Albert auf seinem roten Sofa über der Lektüre eingeschlafen war. Sein gleichmäßiges Röcheln hätte einem ausgewachsenen Kodiakbären im tiefsten Winterschlaf zur Ehre gereicht. Eva Pelagia war unterwegs. Sie hatte beschlossen nicht nur die Wohnhöhle neu zu gestalten, sondern auch sich selbst und hatte einen Termin beim Friseur. Archibald faßte einen Entschluß. “Jetzt oder nie.” Vorsichtig,  denn das rechte Bein schmerzte – heute würde er im übrigen kein Wort mehr über diese Anoperation fallen lassen, das nur nebenbei – ließ er sich von seiner Fensterbank gleiten und machte sich auf in Richtung rotes Sofa. “Ein kleiner Schritt für die Menschheit, aber ein großer Schritt für Archibald.”, dachte der Bär. Er hielt inne. “Den Satz muß ich mir merken. Man weiß ja nie.”

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Von Lachseintopf, Aufräumen und Bärennasen
25. Februar 2010, 08:10
Filed under: Küchenschypsologie

vorne_2Archibald hatte die Augen aufgeschlagen und seine Zunge schmeckte die Reste eines geträumten Lachseintopfes mit Heidelbeeren. Was sah er? Vor dem Fenster regnete es. Immer noch? Wieder? Keine Veränderung also draußen. Gut. Oder doch? Mit seiner Bärennase, die einhunderttausendmal besser riechen kann als eine Menschennase, roch er, wie in nicht allzu weiter Ferne die Wasser der Flüsse und Bäche gewaltig anschwollen und dabei so einiges an winterlichem Unrat mit sich fortrissen. Es wird aufgeräumt. Wie gestern Eva Pelagia es tat, als sie, nachdem der neue Schrank aufgebaut war, stundenlang durch die Höhle gestürmt war, jenes von hier nach dort, dieses von da nach hier und wieder zurück räumte und dabei häufig zweifelnd ihre wunderschöne Stirn furchte. Archibald hatte vollstes Verständnis. Bewegung und Veränderung. Auch wenn es nur ein neuer Schrank ist, der hinzutritt, ein altbewährtes Gefüge muß sich neu zusammenrütteln. Der Blick bleibt als erstes am Eindringling, auch wenn man ihn noch so herbeigesehnt hat, haften. Neue Bäume wachsen langsam und schieben sich unmerklich in das Auge des Betrachters, aber so ein Schrank: eine halbe Stunde Hämmern und Fluchen und Schrauben, zwei gepflasterte Daumen von Ernst Albert später und da steht er nun: neu, fordernd, frech. “Füll mich! Nutze mich! Schau mich an.” Und dann dieser neufremde Geruch. Archibalds einhunderttausendmal empfindlichere Nase roch noch die Maschinen, welche die Bretter in Paßform gesägt hatten, den Schweiß der Arbeiter, die die Bretter in Plastikfolie und Pappendeckel eingepackt hatten und das vergossene Blut Ernst Alberts. Prinzipiell ist so eine feine Bärennase eine sehr sinnvolle Einrichtung. Zum Beispiel im Frühjahr, wenn sie in kilometerweiter Entfernung das Aas riechen kann, die Opfer eines harten Winters, die dem Bären dazu dienen, wieder zu Kräften zu kommen nach dem langen Schlaf. Aber so eine Bärennase kann auch eine rechte Qual sein. Wenn gar ein neuer Bär im Wald auftaucht und Ansprüche erhebt auf Aasstücke, Beerensträucher, Bienenwaben, kann sich das zur olfaktorischen Folter auswachsen. Über Kilometer hinweg weht der sensiblen Bärennase der Dunst des neuen Rivalen entgegen. Da werden selbst quadratmeilengroße nordische Wälder zur gefühlten Einraumwohnung ohne Fenster. Das einzige, was die Bärennase dann beruhigen kann, ist das Wissen darum, daß die neue Nase im Revier ähnliches erleidet. Jawoll, auch die Bärengötter sind gerecht. Und da schoß es Archibald ins Hirn. Der Verlust des Beines damals, vielleicht die Folgen eines Kampfes? Um Aasstücke? Beerensträucher? Bienenwaben? Dunkle Ahnungen, ein bedrohliches Echo aus längst vergangener Zeit. Groß und fordernd im Raum: die Vergangenheit.

Ernst Albert kam zurück von einem Spaziergang. Er hatte seine verletzten Daumen und sein Hirn ausgelüftet, war bester Laune und rief, die Türklinke noch in der Hand: “Beste, schau mal, was ich gefunden habe. Da wird das Bärenviech aber Augen machen.” Und wäre beinahe gegen den neuen Schrank gerannt. Rumms! Und Archibald hatte wieder etwas vergessen.

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Die Geschichte vor der Geschichte bleibt dunkel
24. Februar 2010, 13:02
Filed under: Archibalds Geschichte

hinten2Eine alte Bärenweisheit aus Kamschatka lautet: “Betrachte jeden Fluß von beiden Ufern aus.”  Archibald setzte sich um. Auch wenn es Bären im Allgemeinen und Archibald im Besonderen schwerfällt liebe Gewohnheiten zu ändern oder gar aufzugeben. Nun blickte er von der anderen Seite aus dem Fenster. Jedoch die Welt draußen hatte sich nicht umgesetzt. Der Regen fiel weiterhin gleichmäßig aus einem grausuppigen Himmel und die allerletzten schmutzigen Schneereste verschwanden im Gulli. Regen bleibt nun mal Regen, ob von rechts oder links betrachtet. “Da hätte ich auch auf der anderen Seite sitzen bleiben können.”, hörte Archibald  seine bärengenetische Faulheit protestieren. Doch das Gleichmaß der fallenden Tropfen versetzte ihn innert kürzester Zeit in einen angenehmen Zustand der Weltergebenheit. Er saß. Es regnete. Ob von rechts oder von links betrachtet, ganz egal. Und er dachte ebenso gleichmäßig und weltergeben darüber nach, ob es tatsächlich eine sinnvolle Angelegenheit sei, in der alten Rumpelkammer namens Erinnerung rumzukramen. Und ob es denn wirklich wesentlich sei , jene Geschichte vor der Geschichte aus irgendeinem alten muffigen Pappkarton rauszuziehen, falls sie da überhaupt noch drinliegt. Dies liefe letztendlich rein küchenschypsologisch immer darauf hinaus, daß man einen Schuldigen suche und auch finde. In 90% der Fälle wäre der Schuldige dann Papa Bär, der den armen Bärenjungen nicht ordentlich genug liebgehabt hat, weil er lieber vergorenes Obst fraß und Fremdbärinnen hinterher rannte oder den armen Bärenjungen anfauchte, wenn der zu blöd war, sich selber einen Lachs aus dem Bach zu holen. Aber da ein Papa Bär sich sowieso nie um seinen Nachwuchs kümmert, hatte sich das hiermit erledigt. Das abbe Bein war wieder dran und viel wichtiger als den Abmacher zu verurteilen und bloßzustellen, ist es doch den Anoperierer zu ehren. Oder? Oder vielleicht doch nicht? Archibald kratzte sich an seinem Hinterteil. Bären sind manchmal sehr wankelmütig. Da hörte er aus dem Nebenzimmer ein Hämmern, Fluchen und Schrauben. Ernst Albert und Eva Pelagia bauten ihren neuen Schrank zusammen. Archibald schloß die Augen und hörte nur noch zu. Der Regen und das Hämmern, Fluchen und Schrauben verschmolzen zu einem  Rhythmus. Drinnen und draußen, gestern und heute, ab und an: alles ein großer wohlschmeckender Eintopf.

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Archibald und die Geschichte vor der Geschichte
23. Februar 2010, 09:29
Filed under: Archibalds Geschichte

hinten1Bären neigen manchmal zu einer gewissen selbstzerstörerischen Ehrpusseligkeit. Wenn sie bemerken, daß etwas nicht so verläuft, wie erwünscht und erhofft, suchen sie den Fehler. Unermüdlich und meistens bei sich selber. Also saß Archibald wieder auf seiner Fensterbank und war nicht wirklich konzentriert, was den Blick in die Welt hinaus betraf. Er dachte darüber nach, warum er es einfach nicht schaffte, das zu erzählen, was er seit Tagen versprochen hatte. Klar, es ist viel auf ihn eingestürmt seit Aschermittwoch, trotzdem: so eine große Sache ist das mit dem abben Bein auch wieder nicht. Und er mußte daran denken, wie ihn Ernst Albert damals aus der Kneipe in seine Höhle geschleppt, ihn dort auf einen kleinen Tisch in seinem Schlafzimmer gesetzt hatte und das abbe Bein so neben Archibalds Rumpf gelegt hatte, daß es aus der Ferne aussah, als ob das abbe Bein wieder dran wäre. Ernst Albert war in jenen Tagen nicht in allerbester Verfassung gewesen, schlug sich fast jede Nacht um die Ohren und hatte nicht viel Zeit, sich um einen, wenn auch schwerverletzten Bären zu kümmern. Wobei, ältere Herren und Bären: ein heikles Thema. Aber Ernst Albert gewährte Archibald immerhin Asyl. Archibald saß also auf diesem Tischlein, lehnte an einem Blumentopf mit einer Pflanze, die sich über Gießwasser sehr gefreut hätte, spürte das etwas mit seinem rechten Bein nicht stimmte, obwohl es sich wieder an der fast richtigen Stelle befand, die Zeit verging wie im Fluge und graue Staubflocken  sammelten sich auf seinem Bärenhaupt. Doch er war froh nicht mehr zweigeteilt auf der Straße zu liegen, es war schön warm in Ernst Alberts Höhle und überhaupt: er hatte komplett vergessen, wie es eigentlich dazu gekommen war, daß sein rechtes Bein etwa 70 Meter entfernt von ihm auf einer vorsommerlichen Straße in Mittelhessen gelegen hatte. Und da schoß es Archibald durch den Bärenschädel. Wie solle er denn die Geschichte der Anoperation des abben Beines erzählen, wenn er gar nicht mehr wußte, wie das Bein abgegangen war? Da war keine Erinnerung, da war nur ein großes, rotgerandetes Loch. Was war damals geschehen? Vor der Straße? Lange vor der Anoperation? Wer den zweiten Schritt vor dem ersten tut, fällt auf die Nase und blamiert sich. Und wenn Bären etwas nicht mögen, ist es sich zu blamieren. Also, dachte Archibald, ist es nicht angebracht sich jeden Tag zu entschuldigen wegen der fehlenden Schilderung der Anoperation. Erstmal müsse er über die Geschichte vor der Geschichte nachdenken. Grundsätzlich. Jawoll! Befriedung machte sich in seinem Bärenherzen breit und er schaute aus seinem Fenster. Konzentriert. Und sah Dinge.

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