Beitrags-Archiv für die Kategory 'Unterwegs mit Herrn Albert'

ARCHIBALD KAM NUR BIS TÜBINGEN IV

Sonntag, 30. Oktober 2011 8:59

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No hoggd der Mahler also dert, wo selle hogge, die dert emmer hogged. Die Sonne strahlt mit jedem Tag, den er im Schwabenländle verbringt, wärmer und so esch es eh besser, wemmer sich nahhoggd und net rumhuddeled. Und er hoggd aka sitzt nun vor einer alten Gastwirtschaft in der Ecke Tübingens, wo einst die sogenannten Gogen wohnten, die Unterstädler, die Bauern, die Winzer, die Rauhen. Der Frühling im Herbst hält die Fenster der Lokalität offen und Archibald Mahler kann hören, wie sie hinter seinem Rücken angeschmeltzte Maultäschle verzehren, Käßspätzle, Wurstsalat mit Schwarzwurst, Schupfnudle mit Kraut, Spätzle mit Linsen und Saitenwürschtle und manches Viertel wird dazu geschlotzt und die Gesprächsfetzen in diesem, gern etwas zu lautem, wie durch Nebenhöhlen und entzündet klingende Gaumen gepreßten Dialekt, lassen den Bären schmunzeln. So  klang es dieses Frühjahr auch unten im Heckerland! Die Brüder der Heckerländer, die aber so gerne doch ganz anders wären. Pustekuchen! Jeder dritte Satz auch hier enthält Regeln, Hinweise, Zurechtweisungen, Organisationprinzipien für den bösen Alltag, Abgrenzungen aller Colour. Es scheint dem Bären, daß so die von der schnöden Welt befreiten geistigen Bergbesteigungen der Tübinger Denkgespenster eine unfreiwillige Erdung erfahren. „Denk Du nur, großer Geist! Wann der Trottoir gefegt und wie die Mülltonne gefüllt wird, des entscheidet immer noch mir.“ Aber irgendwie paßt das alles zusammen, das Hehre und das Profane, findet der Bär. Ätherisches Denken und kräftiges Essen, wirre Thesen und saubere Gehsteige. Gute Stadt! Nun muß der Bär nach Hause. Noch mal will er den Neckar sehen, den Turm des Friederich und denkt: „Wenn so ein Stocherkahn nun käm vorbei, und ich fragte den Stocherer, ob er ein Stück des Weges mich in Richtung Heimat? Oder einfach hin und her? Die Sonne scheint so schön.“ Der Wunsch ward ihm sogleich erfüllt.

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Postscriptum: Und als der Stocherkahn am Turm vorüberglitt, öffnete sich ein Fenster und wirren Blickes, aber gut gelaunt, sprach das Gespenst namens Friederich zum Bären: „Das noch nimmt mit. Ich schenke es Dir. Denn bald auch ich im Winterschlaf! Für immer!“

HÄLFTE DES LEBENS

Mit gelben Birnen hänget

Und voll mit wilden Rosen

Das Land in den See,

Ihr holden Schwäne,

Und trunken von Küssen

Tunkt ihr das Haupt

Ins heilignüchterne Wasser.

Weh mir, wo nehm ich, wenn

Es Winter ist, die Blumen, und wo

Den Sonnenschein,

Und Schatten der Erde?

Die Mauern stehn

Sprachlos und kalt, im Winde

Klirren die Fahnen.

(F. Hölderlin)

Thema: Musentempel, Unterwegs mit Herrn Albert | Kommentare (0) | Autor: Christian Lugerth

ARCHIBALD KAM NUR BIS TÜBINGEN III

Samstag, 29. Oktober 2011 5:42

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Mein Herz ist wie die dunkle Nacht,

wenn alle Wipfel rauschen;

da steigt der Mond in voller Pracht

aus Wolken sacht -

und sieh, der Wald verstummt in tiefem Lauschen.


Wenn ihr Freunde vergeßt,

wenn ihr den Künstler höhnt

und den tieferen Fleiß klein und gemein versteht,

Gott vergibt es. Doch stört nur

nie den Frieden der Liebenden!

(Friederich Hölderlin)

„Oh, Friederich! Oh, Hölderlin! Oh, Turmpoet und Kreisedreher! Oh, Leidenssänger, Abgrundschauer! Oh, Geistesbär und Weltverzweifler auch! Verzeih mir, daß ich Platz nahm auf Deinem Grabmal. Es ist des Bären Art zu ehren Deine Geisteskraft! Verzeih!“ Das spricht Archibald Mahler vor sich hin. Mantra! Man weiß ja nie in dieser Geisterstadt. Sonst schicken sie Gespenster, die Dich peinigen, bis daß der Schlaf Dich flieht. Doch nicht nur das Grabmal des Poeten befindet sich hier auf den Alten Stadtfriedhof. Der Bär steht auf, wandelt und schaut und flugs fällt ihn der Schwindel an. Dieser Humus emaniert Geistesatem. Schau hin, kleiner Bär! Da liegen sie die Professoren der Religionswissenschaft, der Botanik, der Philosophie, der Kunstgeschichte, der Chirurgie. Da ruhen sie, die Universitätskanzler, die Oberbürgermeister, die Theologen, die königlichen Kammerherren, die Universitätsmusikdirektoren. Dort gedenkt man der Dichter, der Sprachgelehrten, der Universitätsbibliothekaren, der Schriftsteller, der Kunsthistoriker, es findet sich sogar ein Kanzler dieser Republik, sein ärgster Gegner nur wenig Meter entfernt versenkt im Tübinger Boden, dort rechts ein Missionar aus Indien und links der Gründer des Schwäbischen Alpenvereins. Ach ungezählt die Musiker, die Oberlandesgerichtspräsidenten, die Komponisten, die Kaufleute und Professoren der Philologie und Geographie und ungekannter Wissenschaften. Und den Bären überfällt der Schwindel, sein Haupt zur Seite sich neigt, es verrutscht der Dichterkranz und eine Sehnsucht erwacht in seinem Herzen und er ruft: „Oh Ihr Götter all, und Musen Ihr, Potzrembel auch noch mal und Weia! Gebt einen Menschen mir, der mit den eig’nen Händen ein Werk erschaffen, das man mit seinem Auge sehen und mit der Tatze fühlend kann berühren. Einen Kachelofenbaumeister zum Beispiel, jetzt da der Winter an der Türe kratzt oder einfach einen Lokomotivführer, weil, wer verreist, die Heimkehr auch gesichert wissen mag. Gebt Menschen mir der Hand und nicht des Hirns. Es schwindelt mir, ob all der Geisteskraft. Habt Mitleid mit dem Bären, Götter Ihr und höret: die Einfachheit, sie schafft!“ Der Wunsch ward ihm sogleich erfüllt.

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Thema: Musentempel, Unterwegs mit Herrn Albert | Kommentare (0) | Autor: Christian Lugerth

ARCHIBALD KAM NUR BIS TÜBINGEN II

Freitag, 28. Oktober 2011 14:43

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Schwäbische Nacht. Archibald allein und zwei Äpfel. Vom selbem Stamme gefallen? Brüder? Wer weiß. Tief unten in den Eingeweiden des mittelalterlichen Hauses am Neckar, in dem Herr Mahler logiert, ein kleiner Musentempel. Herr Ernst Albert schaut gerade Probe, Probe eines Werkes aus der eigenen Feder aka Tastatur. Der Geisterstadt angemessen, ein Stück Theater voller Gespenster. Abwesender Vater, der präsenter nie war als er noch anwesend, verwaltende Mutter, Söhne auf Glatteis, viel zu viel Geld und der Abgrund wartet mit offenen Armen. Kompliziert? Muß man sich wohl selber anschauen. In Archibald Mahlers Kammer tanzen die anderen Gespenster. Die Melanchtons, Keplers, Hölderline, Schellings, Hegels, Schwabs, Hauffen, Mörikes, Sahls, Maiers, Jense, Bloche und und und. Die ehrwürdigen Mauern der von den Kriegen kaum berührten und unzerstörten Stadt sind durchdrungen von Worten, Gedanken, Axiomen und dem großen Zweifel an der Welt. Die feine Nase des Bären kann sich gar nicht satt riechen an soviel Denkwut. Vor Äonen gereimte Alexandriner und Jamben zischen durch die Nebelnachtluft und Archibald Mahler, heute Schauer der gedachten Welten, ist es gar bärig wohl in seiner Pelzhaut. Ein Ringelreihen dreht sich vor seinen staunenden Augen. Das Gestern tanzt mit dem Heute und das Morgen singt dazu ein wunderbares Lied und alles ist eins und nichts und doch ein nicht endendes Poem. Das Reimherz schlägt jauchzend in des Bären Brust und – „Licht, Luft, Atem!“ – er reißt das Fenster auf, einen Zweig des die Hauswand empor rankenden Efeus desgleichen reißt er ab und flicht sich, da’s kein anderer tut, den lang ersehnten, eig’nen Dichterkranz und schwindelnd ob der eben rauschhaft schnell erstiegenen, ätherisch pochend lichten Höhe, ruft einen Wunsch er fordernd in die Zimmernacht. „Gebt Musen mir, ein Denkmal mein und laßt mich dort, so wie ich puste Löwensamen, die Reime, die mein Hirn gebiert in stürmend drängend ewig’ Herzensnot, verstreuen in die hehre Schwabenluft. Passant, nicht eile! Gedenk des Bären, der hier thront!“ Der Wunsch ward ihm sogleich erfüllt.

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Thema: Musentempel, Unterwegs mit Herrn Albert | Kommentare (0) | Autor: Christian Lugerth

ARCHIBALD KAM NUR BIS TÜBINGEN I

Donnerstag, 27. Oktober 2011 12:20

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Im heiligsten der Stürme

Falle zusammen meine Kernerwand

Und herrlicher und freier walle

Mein Geist ins unbekannte Land

(Inschrift auf dem Grabstein Hölderlins)

Wo war Archibald Mahler stehen geblieben, bevor der ehrenwerte Herr Ernst Albert ihn gen Tübingen karriolte? Herbst. Blätter. Das farbenfrohe Sterben. Das bunte und sanfte Hinübergleiten. Kann man es schöner ausdrücken als oben festgehalten? Jedoch: muß man nun, um diese Worte zu finden, mehr als die Hälfte seines Lebens in einem Turmzimmer im Kreise herumlaufen, umtanzt und gepeinigt von Dämonen, Mythen und germanischer Geschichte oder bleibt einem nichts anderes übrig als in einem Turmzimmer unendliche Kreise zu ziehen, nachdem man diese Worte zu Papier gebracht hat? Wurschtbrot! Hühner: Eier. Eier: Hühner. Archibald Mahler hat Platz genommen auf der Neckarinsel, in seinem Rücken die altehrwürdige Geister- und Geistesstadt. Ernst Albert erzählt, wie er vor nun zwanzig Jahren einige Jahre hier ver- und gearbeitet hatte und daß ihn heute angesichts der Erinnerung, daß es damals seine Entscheidung gewesen war, den Ort zu verlassen, eine seltsame Traurigkeit befällt. Nun ja, im Herbst tanzen die Geister besonders gern durch die Herzen der Aufrechtgeher. Und während der Herr Ernst Albert so sinnt, dreht sich der Mahler um und denkt: „Einmal möchte ich in einem der alten Häuser dort wohnen und hinabschauen auf den Neckar, die Stocherkähne an mir vorbeigleiten lassen, dabei Hölderlins Runden zählen und des Nachts mit den Geistesgeistern vom nahen Tübinger Stift einen Schoppen Württemberger leeren.“ Der Wunsch ward ihm sogleich erfüllt.

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Thema: Musentempel, Unterwegs mit Herrn Albert | Kommentare (0) | Autor: Christian Lugerth