Ein fünfter Brief an den Ehrenwerten Hr. Albert

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Sehr geehrter Herr Ernst Albert,

man spricht gerne vom Blick, welcher irgendwo hängen blieb. Woran dann? Griff etwa der Gegenstand einer wohlwollenden oder notwendigen (meint man gerne) Betrachtung nach einem vorbeihuschenden Blick seiner Wahl? Forderte er so uneingeschränkte Zuwendung? Ließ dann einfach los auf Grund mangelnder Hingabe? Fehlender Konzentration? Oder war es die ewige Blaupause im Kopp, welche dermaßen prägt, stempelt und lenkt, daß der Blick nicht mehr frei schweift, sondern im Vorselektier – Modus und so wohl ohne Bewußtheit seiner selbst sich stürzt auf das, was er erhaschen soll, in Erwarten fast schon vorfinden muß, um seiner Blaupausigkeit willen. Und dann verkaufe man dieses Ergebnis als Neuigkeit! Da blieb ich hängen! Sieh an, schau her! Nun ist ja ein neuerlicher Krieg, eine zum Abendbrot gereichte Katastrophe, der nächste neue Clown an der Außenlinie nichts wirklich bahnbrechend Neues, aber hingeschaut werden muß. Sofort! Wirklich? Ist es nicht schon wieder mal zu spät, viel zu spät? Aber die Neugierde, die heute – bewußt? – gerne zur Neugier verkürzt wird, sie reckt den ewigen Schwanenhals. Will ich sehen, was zu sehen ich vorgebe? Da wird eine weitere Katastrophe beblickt, entsetzt als hätte man sie gestern erfunden und gleichzeitig ist man aber in der Lage den Weg, der dorthin führte, genauestens zu beschreiben. Im Garten Eden war es auch zu langweilig. Man hätte verzichten müssen. Auf die Neugierde. Die wächst und wächst und ob dieser lange Schwanenhals immer so dolle ist? Geschnüffelt wird ja gerne. Man weiß von manchem, der sogar in Tagebüchern vertrautester – eben drum wohl – Genossen rum geschnüffelt hat. Heute reicht ein moderner Fingerwischer und wer da alles noch mit schnüffelt, weiß keiner so recht. Man veräppelt sich gern und gerner selber. Was machst Du grade? Wo bist Du grade? Was denkst DU so? Was denke ich gerade? Wo war ich? Was soll ich tun, wenn sie mir über den Kopp wächst, die neuGIER. Ich wollte doch nur aus dem Fenster schauen und mich interessiert lediglich, wann die Lachse mal wieder die Gießener Fischtreppe hochklettern und ob man Bären, die dann dort fischen, gleich mit wegfischt wegen Kompetenzüberschreitung und wegen ohne Genehmigung und so. Und wie ist die Prognose für die diesjährige Blaubeerenernte? Das interessiert mich. Aber dann hüpft man von Hölzchen auf Stöckchen und wird planlos verwirrter und erregt sich und der Blick vibriert. Das ist doof. Und was ich, bester Herr Albert, immer noch nicht raus gefunden habe, ob die Dinge mich rufen oder ich auch schon so vorsortiert bin im Kopp und ob am Ende überhaupt ich derjenige bin, der da guckt aus mir raus oder nur so ein leerer Reflex mich vor sich her treibt. Und falls was Anderes und Fremdes aus mir raus guckt, was und wer ist das? Ist es mein altes Leben? Das vor dem abben Bein? Jetzt nach Jahren? Wo will das hin? Will da was hin? Ich glaube, ich sollte eine Denkführerscheinnachprüfung beantragen. Mit Guckseminar. Als Versuch nur. Klingt das brauchbar, bester Herr Albert? Also den Schwanenhals lasse ich erst mal einschrumpfen. Und such mir ein Steuer.

Bis dahin mit allerherzlichstem Bärengruß. Und nicht vergessen: Nicht jeder Spiegel ist ein Lügenbeutel!

Ihr Herr Archibald Mahler

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Autor: Christian Lugerth
Datum: Dienstag, 21. April 2015 20:39
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