Anleihen. Ansinnen. Anleid(t)ungen. Neun.

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Kurz und gut die Geschichte erzählen, die kein Ende findet

Es war eine lange Nacht geworden, draußen war der Wind eingeschlafen, hatte sich zur Ruhe gelegt, keine Ruhe gefunden, sich hin und her gewälzt, konnte sich nicht entscheiden, auf welcher Seite er die Ruhe finden könnte, bis er, als der Morgen graute, sich auf West drehte, sanft wurde, fast milde und so dem Lenz die Türe aufhielt, zumindest einen Spalt breit.

Die zwei Reisenden hatten kein Auge zugetan. Das Buch hatte sie in Beschlag genommen und so sprangen sie die ganze Nacht zwischen den Geschichten umher, in jenem Buch das eine Geschichte nach der anderen anriß, in die Luft warf, tanzen ließ und kein Ende finden wollte und sie wurden nicht müde zwischen diesen fremd nichtfremden Worten und sie warfen sie sich zu wie altvertraute Bälle.

Mal der eine, über einen Erzähler, den man Kurz und Gut rief:

„(…) Also kurz und gut, sagte er dann: viele kurze Geschichten ergeben auch eine lange, ist vielleicht auch interessanter. Wobei das Ende einer Geschichte bei ihm immer schon der Anfang der nächsten war, die wiederum im Anfang einer neuen Geschichte endete, immer auf einem Atem gesprochen, in langen, endlosen Sätzen, die abrupt abbrachen: Jeder Mensch hat eben so seine Art zu erzählen, und vor allem hat er nur seine Geschichte, für ihn die einzige, und jede Geschichte ist einzigartig, und alle Geschichten zusammen ergeben überhaupt erst die wirkliche Geschichte, die ist ja gar nicht zu verstehen ohne die Geschichten der Menschen, die da drin versteckt sind. Ist wie das Wechselgeld auf einen Hunderter, man hat viele abgegriffene Münzen in der Hand, da sieht man erst, was so ein Hunderter bedeutet, sonst steckst du die Blüte ja so weg, ist einfach ein Hunderter. (…)“

Dann der andere, der davon las, wie Kurz und Gut den Maitre Camus zu Wort kommen ließ.

„(…) Camus: Ein Mensch, der nur einen einzigen Tag gelebt hat, könnte mühelos hundert Jahre in einem Gefängnis leben, er hätte genug Erinnerungen. Das war ein Gedanke, der ihn faszinierte, der ihn mit der Welt versöhnte, der ihm half, seine Tage und Nächte zu leben: Leben ist Erinnerung und sonst nichts. Ohne Erinnerung wären wir vergessene Sterne, Schall und Rauch. Die Dinge haben keine Bedeutung, wenn sie keine Geschichte haben. Vielleicht haben sie noch eine Beziehung, pro forma, aber was bedeuten sie? Erst eine Geschichte gibt allem um uns herum die Bedeutung, die wir verstehen. Ist wie der Anker an einem Boot, ohne Anker treibt es weg, ist nicht mehr vorhanden. Dann such mal dein Boot, sagte Kurz und Gut, ohne einen Ankerplatz stehst du mit den Füßen im Wasser. (…)“

Bis schließlich einer aufstand und meinte, nun sei es an der Zeit wieder nach der See zu schauen. Die alte Uhr unten an der Strandpromenade zeigte einen jungen Tag an, ein freundlicher Morgen glitt über den Strand und es herrschte Flut. Rechte Zeit nach einem Boot zu suchen.

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(text / fotos: christian lugerth)

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Autor: Christian Lugerth
Datum: Sonntag, 25. März 2018 17:43
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