Aussem Fenster gelehnt nachem Spieltach 24

Ich sach mal so: der Herr Mahler hat sich im neuen Bärenjahr bisher nich wirklich als Plaudertäschken gezeicht. Iss halt noch kalendarischer Winter. Wird mental noch geschlafen. Kannse nichts machen tun. Meine Wenigkeit und Seele kriecht Motten annem Hintern, wennse solidarisch am schweigefasten sein muß, weil: et wird wieder gepöhlt. Getz hat et sogar Großkloppo auffe Kappe gestickt. „Pöhler“. Sach ich doch seit Ewigkeiten. Pöhlen tut Pöhlen heißen tun. Nenn dat Kind beim Namen, bevor et innen Brunnen fallen wiard, weil dat muß et sowieso. Zurück annet Thema.
Der Hase an sich selbst iss ja berüchticht und berühmt wegen seine zaghafte Herangehensweise anne weltliche Geschehnisse und die Tabellarien der Pöhlerei. Kannse auch Feichheit nennen tun. Obwohl dat eine Definition von einer gewissen Unpräzissichkeit iss. Sach ich mal so, denn Deine DNS bisse leider nicht selba am festlegen. Kannse mich betrachten tun. Zum Beispiel von meine (ehemals) weiße Fellfarbe her: Königliche Trikotage angeboren? REAL MADRID? Und wat iss die REALität? Mit die selbsternannten weißen Ballettkompanien kannse mich mit vonne Fernsehergerätschaften von wech jagen. Ronaldo Mesut Mourinho? Philipp Fronck Robben? Brauch ich nich. Heißt eben Pöhlen un nich Ewent. Tunse in Nordösterreich halt einfach nich kapieren tun. Wat ich nich beklage. Sollen se mal rummoppern mit ihre roten Ohren und Gesichtspattien. Sieben Punkte iss nich die Erlösung. Weder vorre Brust noch hinterm Arsch. Arbeiten tun!!!! Sonst? Die annere Borussia muss woll erst mit die ultimativen Lobhudeleien umgehen lernen. Normal. Die Blauen ausse Nachbargemeinde? Premierenfeier immer erst nache letzte Vorstellung! Kleiner Tip!
Ach, wat ich nich vergessen soll. Der ehrenwerte Herr Mahler hat mich die Wochenenden überlassen, weil die Bärengewerkschaften verlautbaren lassen, dat annem Wochenenden ein Bär sich selber gehören tun muß. Getz macht dat also der Lütten Stan mit die Wochenenden. Wenn der Sonntach inne neue Woche übergehen tut, dreht er sich in seine Wenichkeit zurück, schaut noch mal auffe Grünen Wiesen und sacht was. So wie heute. Die Brille bleibt weiterhin inne schwatt-gelbe Einfärbung. Gelegentlich könnten andere Ballspielvereine peripher beäugt werden. Gittet keine Gewißsichkeit nich. Wichtich iss dat alles keineswegs, aber Spass haben wollen, dat schadet nich. Und nich vergessen:
Rollt die Kirsche übern Acker,
Iss dat nur ein Kinderspiel.
Liecht die Pille auf der Linie,
Bleibe ruhig, bleibe wacker.
Schalt Dich ab, wennet zuviel.
Ergebenst grüßt (auch den unteren Teil der Tabellarien) Euren Lütten Stan
„Ja, mach nur einen Plan,…

…sei nur ein großes Licht und mach dann noch ‘nen zweiten Plan, gehn tun sie beide nicht.“
Es ist März. Ohne Heizung geht es noch nicht. Fragen gibt es zuhauf. Antworten keine. Zitate vielleicht. Bertolt Brecht ließ es singen in der Dreigroschenoper. Der Kreislauf des erwachenden Bären läuft noch unrund. Versiegelte Lippen. Extreme Sparsamkeit im Ausdruck. Wenn wer spricht, dann der Lütten Stan.
„Hömma, Fellman! Also dat hier zwischen uns verbales Champagnergeperle stattfinden tut, kannse heute ja kaum behaupten tun. Wobei ich getz auch nich inne Postion der Drängelei hineingeraten will, aber gittet Planungen fürret neue Bärenjahr? Frach ich mal in meine Verantwortung als Vorlagendenker in Ihre hochheilige, internetze Veröffentlichungsseite. Skizzen? Wegbeschreibungen? Tendenzungen? Oder isset der Plan des verehrten Mahlers, sich inne Manierung des hochverehrten Meisters Leonard Cohen auffen Berg der Schweigsamkeit zurückzuziehen und die Täler des Jammerns und Klagens denen zu überlassen, die Hoeneß heißen oder klüger scheißen? Alte Ideen oder neuet Singen? (lange, sehr sehr lange Pause. Wir bitten den Lesenden bis einhundertdreiundsiebzig zu zählen.) Gut, ich sach mal so, dat Schweigen iss eine Perle im Schweinetrog der Geschwätzigkeiten.“
(Es regt sich etwas in, um und um den Bären herum. Mundwinkel hoch. Mundwinkel runter. Ein fast kompletter Satz hinein in den meteorologischen Frühling.)
„Die Wochenenden Ihnen, Herr von und zu Lippstadt-Budnikowski!“
Tulipa agenensis is calling (oranje boven?)

Temperaturen zweistellig stabil. Bär sitzt. So aufrecht wie es nach 48 Stunden im Wachmodus geht. Herr von Lippstadt – Budnikowski hühnert rum. Quatsch! Haast rum. Singt sogar, da der Vogel im Baume vor dem Fenster noch nicht Platz genommen hat. In C – Dur.
„Wenn der Frühling kommt dann schenke ich Ihnen, Mahlerchen, Tulpen aus….“
(Der Leib des Bären bewegt sich. Unwillig. Der Hase hält inne. Singt nun nicht mehr, sondern spricht. Nach gegebener Pause.)
„Ich sach mal so. Et iss ja in Sachen Pöhlerei kein nich unbedeutendes Jahr, in das Sie sich reinerwachen tun, Herr Mahler. Getz gestern zum Beispiel, wie die Tulpenhersteller sich präsentieren tun auffe grüne Wiese und unsere Nationale Pöhlergruppe sich inne Vormärzeuphorie selber annet Schienbein pieselt im Weserbogen. Verzeihung! Ich weiß dat Sie dat nich so interessieren tut. Aber können Sie sich vorstellen, wat anne innere Einsamkeit wachsen kann in einem Hasenherz, wennse den langen Winter auf tiefschlafatmendes Bärenfell schauen mußt.“
(Dem Bären ist, als wären seine Synapsen in Bewegung geraten. Frisch entpackte Gedanken machen sich auf den Weg in Richtung Gaumen / Zunge / Lippe. Wir hören Mahlers erste Worte 2012.)
„Ach was!“
Der Frühlingsflüsterer kommt am Schalttag

Sie lassen Dich nicht schlafen. Andererseits kann das Jahr nicht warten bis es vorüber ist. Es gibt immer Gründe. Vor Wochenfrist noch trieben Eisschollen die Lahn hinab. Heute wölbt sich ein grauer, eintöniger Himmel über zweistellige Plusgrade. Der Frühlingsflüsterer tritt auf. Hören wir zu!
„Hömma!“
(Noch rührt sich nichts.)
„Hömma! Mahler!“
(Immer noch nichts. Keine Bewegung im Bären.)
„Mahler! Hömma! Die Tulpe!“
(Stille. Im Bären. Um den Bären herum: sachte Bewegung.)
„Bär! Lasset mich folgendermaßen formulieren tun: Aschermittwoch ist schon durchen Kalender gerauscht und Sie befinden sich inne Phase von Überfälligkeit. Also wat Ihren Aufwachprozeß betreffen tut.“
(Der Bär denkt nicht daran dem neuen Jahr seine Referenz zu erweisen.)
„Ich sach mal so, als Sie innen wohlverdienten Schlaf fielen, waren wir noch sieben Punkte hintendran, getz sind dat vier Punkte voran. Wenn dat nich Grund genuch iss sich inne Weltenlauf zurück zu begeben. Und die Tulpe! Ne, wat iss die schön.“
(Die Körpersprache des Bären signalisiert dem Frühlingsflüsterer, daß ihn weder der BVB noch eine Tulpenblüte interessieren. Zumindest heute noch nicht. )
Wir blenden uns aus. Wir lassen Herrn Mahler noch etwas schlafen. Heute ist sowieso der Tag, den es eigentlich gar nicht gibt. Der alle vier Jahre dazwischen geschaltete Tag. Weil sonst die Uhren nicht mehr rundlaufen und die Kalender eiern. Als ob dies einen Bären jemals interessiert hätte. Über die Tulpe jedoch könnte man nachdenken. Archibald Mahler träumt schon mal vor.
WENN DAS EINE JAHR EINGESCHLAFEN, ERWACHT EIN NÄCHSTES (GEWISS?)

Ob er das sieht, was er hier sieht? Ob er das hört, was er hier hört? Ob er was denkt, falls er noch kann? Ob er der ist, der er dieses Jahr war? Und dann? Nächstes Jahr? Wer wird er sein? Wird er er sein? Wird er Bär sein? Kann oder will er sein, was er war oder sein wollte? Bleibt er Bär? Und wo er ist hier eigentlich? Ist er hier tatsächlich oder ist es schon der erste der vielen Träume dieses Winters? Ein kurzes Erwachen vielleicht? Ein fremdes Land? Braucht er ein Visum gar? Fliegen schon wieder die Kamele, wo er gerade eingenickt? Es rumpelt ihm im Magen. Es dröhnt ihm das Ohr. Es juckt ihm der Pelz. Es zieht ihn hinab. Archibald Mahler, Bär vom Brandplatz im Winterschlaf, ist es, als schlingere er zwischen den Welten hin und her. Weia!
Tja, so wird es wohl sein. Dreh Dich um, kratze Dich am Pöter und schlafe weiter, mein kleiner Freund! Wir machen hier lediglich einen kurzen Zwischenstopp auf dem Weg nach Hause. Keine Sorge und bis die Tage!
Dein ehrenwerter Herr Ernst Albert
SECHS SÄTZE AN DEN WASSERN UND EINER GEHT EINFACH (NICHT SCHLIMM)

„Mahler! Hallo! Herr Mahler!“
„Lassen Sie mich! Man schläft!“
„Keineswegs! Die letzten Sätze! Bär! Zusagen!“
„Aufkommende kalte Winde befreien einen Bären von allen Zusagen!“
„Das denken nur Sie.“ (Man tritt dem Bären beherzt ans Knie.)
„Seehase, elender! Dann beginnen Sie und ich drehe mich kurz noch mal auf die andere Seite. Ein Viertelstündchen!“
„Handeln Sie nicht mit mir, dies hier ist kein Denkbasar!“
„Entschleunigung! Entdeckung der Langsamkeit! Stan zu Lütten, gehen Sie in sich!“
„Ab morgen sei Ruh. Endspurt! Man scheitert oft genug am letzten Pinselstrich!“
„Potzrembel die Waldfee, Sie Laus im Pelz. Dann stellen Sie das Ohr in den Wind und hören Sie!“ (Der Bär atmet ein, sein schweres Haupt sinkt auf die Brust, beinahe fast, der Hase hebt das Bein zum neuerlichen Tritt, der Bär erbärt sich und spricht.) „Die selbstgerechte Anhäufung von Geld, Macht und Schuldzuweisung im germanischen Lande ließ dieses Jahr den Griechen in mir wiederauferstehen. Das vierzehnte Jahresgehalt ist allgemeines Bärenrecht! Nummero Eins! Jetzt Sie!“
„Meista gestern, Meista auch morgen, der Rotkopp tut sich schon Baldrian besorgen. Ich wage die Wette und wenn et nich klappen tut, dann 2013 und allet is gut. Woll! Gebe zu, die klappert verheerend, die Nummer Zwei. Bleibt aber so stehen. Ran an den Speck, Herr Bär.“
„Wenn die Stürme die Wälder abholzen, die Fluten durch die Straßen jagen und die strahlenden Fische die Tiefen der Meere beleuchten, geht der Gemeine Aufrechtgeher sich erstmal die Nägel machen lassen. Nummer Drei. Stan zu Lütten, übernehmen Sie!“
„Wenn in den Tiefen der Wälder die Zeit stehen bleibt, mußt Du die Schnauze halten! Länger ist meine Nummero vier nicht. Nach Ihnen, Mahler!“
„Sieh hier! Kaum Wasser!
Dort rufen sie um Hilfe!
Ein Berg schwimmt vorbei.“
„Geschafft, bester Mahler! Ihrer Fünf folgt meine Sechs! Manchmal ist es höflicher aufzustehen und einfach zu gehen.“
(Herr von Lippstadt – Budnikowski erhebt sich. Warum nicht noch ein wenig am Strand entlang schlendern. Man hat ja nun genügend Zeit. Archibald Mahler ist dabei, eine imaginäre Linie zu überschreiten. Wacht er noch, schläft er schon? Es färbt sich vor seinem Auge Meer, Land und Luft, ein Arm packt ihn, er schwebt, es drudelt und – hört er recht? – in der Ferne rufen Glocken. Mächtige Glocken. Nur wo! Die See liegt still. Der Bär murmelt vor sich hin. Was hat er gesagt?)
„War ein schönes Jahr! Danke, Ihr Bärengötter! Finster wird es! Weia!“

LANDGANG, STRAND UND MÜDE SEIN

„Leichtmatrose Stan von Lütten bittet an Land gehen zu dürfen!“
„Ja, was soll ich denn dazu sagen?“
„Leichtmatrose Stan von Lütten, im Namen aller überstandenen Winde, kommen Sie an Land!“
„Warum?“
„Rituale, Sie Landei.“
„Komm von dem Kahn runter, Du Hase, mir ist kalt am Pöter und ich bin müde!“
„Von dieser Begrüßung träumte mir in den Kurischen Wäldern!“
„Träume können auch wahr werden. Schön Sie wieder zu sehen, auch wenn das Auge vor Müdigkeit tränt!“
„Ha! Sentimentbär!“
„Der Name des Schiffes, nur eine kurze Anmerkung, ist ein Frontalangriff auf meine empfindliche Bärenseele. Sie sehen mich nachdenken über den Zufall. Ich biege um das Eck und dann: Kehrheim!“
„Verzeihung, Mahler, und Sie werden mir es nicht glauben: es fiel mir erst auf, als ich von Bord gegangen war!“
„Glaube! Hiebe! Winterschlaf!“
„Was halten Sie davon, wenn wir uns ein wenig die Pfoten und Tatzen vertreten und jahresabschließend aufs Wasser blicken?“
„Genehmigung erteilt. Was hätten Sie zu berichten?“
„Nichts! Sie haben die Karten gelesen?“
„Große Freude!“
„Dann schweigen wir eine Runde und basteln uns eine Sanduhr!“
(Es wird freudig erregt ob des Wiedersehens geschwiegen. Kann man auch mal machen. Gestern war ja gestern. Dann spricht der Bär.)
„Und morgen? Kleines Spiel?“
„Gerne, Herr Bär! Vorschlag!“
„Jeder hat drei Jahreszusammenfassungssätze zur Verfügung!“
„Länge vorgegeben? Form definiert? Reimgebot?“
„Wurschtbrot!“
„Fein!“
(Es wird freudig erregt ob der allerletzten Aufgabe geschwiegen. Kann man auch mal machen. Wer denkt, moppert nicht rum. Dann spricht der Bär.)
„Ich bin recht müde!“
„Dürfen Sie sein, Herr Mahler!“

POST AUS LITAUEN / ABSCHLUSSBERICHT

Lieber Herr Mahler!
Bin an Bord und glaube es noch nicht. Heute morgen noch in den Wäldern. Einen letzten Elch doch bitte! Die Elche haben aber anderes zu tun und die Götter, die ich anrufe, auch. Kurische Stillen! Ich sitze, in mir verloren, zwischen diesen herrlichen Bäumen, halte Ausschau und – gebe es zu – genieße ein letztes geistiges Wässerchen und will nicht fort. Dann aber muß ich. Schlendere gen Fischerhütte, die mir so lange Unterkunft gewesen. Vor der Türe wild gestikulierend meine Wirtin, meine Reisehabseligkeiten in ihrer Hand haltend. Ein Wortschwall, litauisch, russisch, englisch, deutsch, ergießt sich über meine Ohren. Weia die Waldfee! Hatte ich wohl heute mit morgen verwechselt. Die Fähre “Kehrheim” steht also schon mit rauchendem Kamin in Klaipeda an der Mole. „Blitztransfer! Blitztransfer!“ Mehr der Wirtinnenworte verstehe ich nicht. Ich drücke der lieben Frau meine letzten Litas in die Hand und an selbiger nimmt mich der Taxifahrer ihres Vertrauens und uns bleibt eine knappe Stunde bis zum Hafen. Wie ich schon in einer meiner ersten Postkarten erwähnte, kennt der litauische Taxipilot nur die Gegenfahrbahn. Ich halte mir die langen Ohren vor die Augen und singe irgendwelche Lieder. Der Taxifahrer flucht fröhlich vor sich hin – litauisch, russisch, englisch, deutsch – und mir fällt der Text des Vaterunsers wieder ein. Fünfzehn Minuten bevor das Schiff in See stechen soll, bin ich an Bord. Leinen los! Sirene heult! Die Kamine rauchen und ich trinke ein letztes Svyturys. Und vielleicht noch ein geistiges Wässerchen. Rein in den dicken Nebel. Bis gleich!
Herzlichst Ihr treuer Herr von Lippstadt – Budnikowski
DANN IST DAS SCHIFF DA UND MAN GLAUBT ES NICHT (KEIN ZUFALL)

Da wären die schönen Schiffe. Die alten Schiffe. Die Schiffe aus Holz. Aber die segeln nicht mehr. Oder nur an Festtagen und dann wischen sich alle die Tränen aus den Augen und jammern ob der guten, alten Zeiten. Wer es eilig hat! Und da fällt dem Bären etwas auf. Seit Tagen sitzt er nun hier oben an der See und es regt sich kein Lüftchen. Der Wind hat sich hinter einer Düne schlafen gelegt und läßt die trübkalte Luft in Ruhe über den Wassern stehen. Archibald Mahler erinnert sich an das letzte Jahr hier oben, als der Sturm dermaßen übers Meer jagte, daß er den ehrenwerten Herrn Ernst Albert bitten mußte, ihn festzuhalten, damit er nicht hinausfliegt auf das offene Meer und am Ende sogar noch das Schwimmen hätte lernen müssen. Können täten hätte er es schon gekonnt, das Schwimmen, aber wollen müssen, daß wäre ihm nicht recht gewesen. Die Nähe zum Aufrechtgeher macht bisweilen bequem. Und jetzt? Bewegen sich die salzigen Lüfte? Nüscht! Die alten bunten Holzboote haben ihre Segel gerefft, dümpeln vor sich hin und sogar die Möwen sitzen mißmutig auf der Mole. Es trägt sie nicht der Wind, sie müssen selber fliegen. Blödblöd! Und nirgendwo eine Hinweistafel, auf der etwa stünde: „Abholer für Anreisende aus Litauen bitte hier warten und in aller Ruhe ein Fischbrötchen verzehren!“ Leere und Stillstand, wohin die Nase riecht. Archibald Mahler ist ja prinzipiell ein großer Anhänger der Unhektik, aber man muß es nicht übertreiben. Er vertritt sich die Tatzen und biegt ums Eck, als ihn der Schlag tritt. Der Schlag des Zufalls, der natürlich kein Zufall ist. Denn wenn der Bär auf Reisen ist, passiert ständig so etwas. Das kommt vom die Augen offenhalten. Erhebet Euch von Euren Sitzen und stimmet an das Lied von der Coincidencia! Ist dies etwa das Schiff, welches die Heimkehr des lange in Litauen weilenden Herrn von Lippstadt – Budnikowski bewerkstelligen soll? Den rechten Namen trägt es wohl. Warten wir es ab!
Auf den Wassern liegt
Der schlafende Wind. Es knarrt
Die lose Planke.

WENN EIN SCHIFF DA IST, HEISST DAS GAR NICHTS (WENN ES WEITERFÄHRT)

Und dann ist es plötzlich da. Es schält sich aus dem Nebelbrei. Man hatte es nicht kommen hören können, nicht kommen sehen können. Zack! Riesig! Ist es das richtige Schiff? Zumindest das erste Schiff ist es. Archibald Mahler hatte gerade Spaß am Warten gefunden. Das Schiff kommt zu früh. Viel zu früh. Man hatte gesagt morgen oder eher übermorgen. Aber wenn es das jetzt schon ist? Man wäre noch nicht bereit. Oder will mittlerweile doch ein anderes Schiff haben, auf das man warten möchte. Das Leben ist der neidvolle Blick auf den Teller des Mitessers. Warum habe ich das eigentlich nicht bestellt? Zu spät. Jetzt hört man – das Schiff ist nah genug – das Stampfen der Maschine des Schiffes. Weit weg. Vernebelt. Gedämpft. Fremd. Das Schiff macht keine Anstalten zu halten. He! Hallo! Komisch. Ich habe doch gewunken. Dann ist es das Schiff nicht, auf welches Archibald Mahler warten will. Fahr weiter! Nimm mein Winken als Abschiedsgruß. Entscheidung! Aber morgen dann nicht rumjammern. Hätte und wäre und wenn! Archibald Mahler denkt nach. Ihm fällt was ein. Weia! Ist er etwa schon so winterschlafdusselig im Kopf, daß er schon komplett vergessen hat, ob heute heute oder vielleicht nicht doch gestern oder gar schon morgen ist? Vielleicht war dies schon das nächste Schiff. Das von morgen. Und das richtige Schiff ist schon längst vor Anker und man wartet. Das kommt davon, wenn man vergessen hat, die Fahrpläne zu studieren und sich mal so an den Strand setzt, weil da hinten im tiefsten Nebel, am Ende des Wassers Litauen liegen soll und man jemanden erwartet. Vielleicht ist es doch angeraten einen Hafen zu suchen. Sonst fahren die Schiffe einfach weiter. Der Bär macht sich auf den Weg. Er geht am Ufer entlang. Ein ganzes Stück. Er erblickt, was er gesucht. „Ha! Wußte ich es doch! Man ist ja kein Blödbär!“ Das spricht Herr Mahler und nimmt Platz. Eventuell ist morgen ja tatsächlich morgen.
Neben den Wassern
Kein Land. Hör auf zu winken.
Bau einen Hafen.
