Hoy und Woj / Der Osten / Und Gundi hilft XI

hoywoy21

Auf der eben noch ordentlich durchnäßten kleinen Terrasse vor der überschaubar großen, freundlichen Pension am Rande des Waldfriedhofs entspinnt sich ein vorläufig letztes Gespräch der Genossen Hoy und Woj vor Ort.

„Psijasel Bär, Sie blicken sehr nachdenklich!“

„Es regnet!“

„Aber das ist doch gut. Da freuen sich die Kiefer und der Sand.“

„Und die örtlichen Feuerwehren auch, Brigader Lampe!“

„Reisen wir nun ab?“

„Wir machen erstmal Feierabend!“

„Unser Wochenende wird länger als ein Sonntag?“

„Befürchte es!“

Schweigen. Regen plätschert. Wind bläst ins Geäst. Ein letzter Schnaps fällt ins Glas. Ernst Albert klampft ein Lied.

„Da denke ich oft drüber nach, wie es ist, wenn der Riß durch die Familie geht, Freund Woj! Schweige dort alles Ideologische. Hier wohnten doch die vom Westen so lauthals besungenen Brüder und Schwestern.“

„Ach, Meister Hoy, Sie wissen doch von der Lieblingsmarotte der Aufrechtgeher namens Vergeßlichkeit. Mögen Sie die – vorläufig – letzte Zuflüsterung von Gundi hören?“

„Towaris Lütten Stan; darum bitte ich!“

„Also: ‚Heimatanalyse II (Schrauben): Ich schreite nun zum systemanalytischen Versuch Heimat zu definieren. Es ist ja schwierig, nicht? Da ich in einem technischen Beruf arbeite, erkläre ich mir immer alles technisch. Also, ich glaube ich komme aus, komme aus einem Schraubenkasten, da stand drauf: Mit Linksgewinde. Und vor zwei, drei Jahren wurden wir alle umgeschüttet aus dem einen Kasten in einen anderen, da stand drauf: Mit Rechtsgewinde. Es ging die Legende in dem neuen Kasten ginge es lustig zu und der Terror hätte ein Ende. Weit gefehlt! Weil in dem Kasten mit Linksgewinde galt immer noch: Die Gedanken sind frei. Wir mußten uns zwar einspannen und das Gewinde wurde einem aufgedrängelt, aber wir konnten dabei immer noch mit den Zähnen knirschen. In dem Kasten mit Rechtsgewinde erwartet man ein hohes Maß an Eigenrotation von uns, wenn es dann ans Gewindeschneiden geht. Die Sache mit dem von den einen Kasten in den anderen ist so ähnlich wie vom Regen in die Traufe. Das schönste ist die trockene Sekunde dazwischen. Als ich sozusagen auf der Kante zwischen den beiden Kästen saß und überblickte erstmals den Kasten aus dem ich kam und konnte noch sagen: Na ja!! Und überblickte letztmals den Kasten in den ich gleich fallen sollte und konnte noch sagen: Na ja!! Das also war die kenntnisreichste Sekunde meines Lebens. Deshalb sollte sie auch möglichst kurz gehalten werden von Seiten des großen Umschütters. Aber weil ich clever bin und in einem technischen Beruf arbeite, habe ich mir Notizen gemacht, die ich immer zum Vortrag bin, wenn ich in Erkner bin.’ Also das mit Erkner kapier ich nicht, aber ein philosophischer Geist isser, nu?“

„Gewiß. Wissen Sie, was ich gelernt habe hier zwischen den Platten?“

„Leg auf!“

„Blödhase, bleiben Sie ernsthaftig!“

„Verzeihung, Zähne auseinander, Sensibelfell!“

„Sie wissen, wie lange ich haderte, ob ich nun aus Kamschatka oder Wyoming stammel… Verzeihung… stamme?“

„Oh ja! Und?“

„Ich beantrage einen Reisepaß, der Kamschatka als meinen Geburtsort ausweist!“

„Dann iss aber Schluß mit Kalifornien und Brötchen mit Fleischklops!“

Fischbrötchen sind eh leckerer! Lassen Sie uns noch mal an den Grabstein! Danken wir dem Geist, der Sie beflüsterte!“

„Und wann geht es weiter? Wir sind noch lange nicht zu Ende!“

„Noch lange nicht. Gewiß!”

„Wer liegt da neben Gundi?“

Ein guter Mann!“

hoywoy22

Tags »

Autor: Christian Lugerth
Datum: Samstag, 24. August 2019 16:07
Trackback: Trackback-URL Themengebiet: Hoy und Woy und Gundis Geist

Feed zum Beitrag: RSS 2.0 Diesen Artikel kommentieren.
Pingen ist momentan nicht möglich.

Kommentar abgeben