NAH DEM SPIEGEL, FERN DEM GESICHT!

Und wenn alles ganz anders ist? Das denkt der Bär und verabschiedet sich im selben Moment von dem Gedanken, jemals in seinem Leben zum Beispiel Flugzeuge entwerfen oder bauen zu wollen. Bei seiner manischen Bedenkerei würden die wahrscheinlich gleichzeitig vorwärts und rückwärts fliegen, Gurken hobeln, Kaffee zubereiten, Strümpfe stopfen und Kurznachrichten versenden können. Warum eigentlich nicht? Gedanken können das ja auch. Egal! Zurück zum Thema. Was war das Thema? Nähe und Ferne und ein Problem. Genau! In der Ferne geschieht etwas. Etwas Fürchterliches. Etwas Bedrohliches. Da will man hingucken. Will etwas verstehen, falls man nicht zur Gattung derjenigen gehört, die ohne den wohligen Schauer der täglichen Katastrophe gar nicht mehr leben können. Ok, also hingucken. Aber warum sehe ich nichts, da hinten? Ach so. Da steht ein Spiegel vor meiner Nase. Ei gucke mal, wie traurig ich schaue! Ei sieh, wie ich beeindruckt bin! Ach all dieses Leiden! Schau doch! Und wohin mit dem Blick? Wohin? Sieh mich an! Gut! Eine Frage nur. Wem gehört eigentlich dieses Gesicht? Mir? Pustekuchen und Potzrembel die Waldfee, dreimal nein! NEIN! NEIN! UND NEIN! Die Götter haben Dir ein Gesicht verliehen, auf daß Dich der Andere vom wieder Anderen und dem ganz Anderen unterscheiden kann. Und Du, mein Herr? Spieglein, Spieglein an der Wand, wer fühlt am feinsten im reichen Land? Ach und ach! Drück Dir meinethalben einen Pickel aus, dann verhänge den Spiegel oder stell ihn zur Seite. Breche durch! Da hinterm Spiegel die Ferne! Da geschieht etwas! Das denkt der Bär. Und wenn Bären über Aufrechtgeher nachdenken, denken sie auch noch nach über sich. Erhobenen Haupts und mit juckendem Pöter. Heureka! Und dann fällt dem Bären dies ein:
Er möchte wandern.
Zwischen ihm und dem Spiegel,
unendliche Rast.
NAHT AUF DEM HERZ UND FERNER ROCK

Denken kann auch schon mal traurig machen. An Fernes denken. Über Fernes denken. Schweifen wollen. Nicht näher kommen. Kreiseln. In, um und um das Problem herum. Und dann? Das Denken wird blau und hängt sich auf im Kreis. Und dann? Dann macht man sich ein Lied. Oder ein anderer macht sich darauf einen Reim. Und ein Lied. Und manchmal ist das Lied so traurig, daß es schon wieder heiter ist. Und falls ein Herz sich mal wieder in mehrere Teile aufteilen möchte, ein trauriges Lied kann einiges wieder zusammennähen. Wie ein abbes Bein wieder an einen traumatisierten Bär dran. Zum Beispiel. Wenn man ordentlich zuhört natürlich nur. Denkt sich der Bär. Immerhin ist Lenz und da kann man mal ein oder zwei Sekündchen sentimental werden? Einwände? Gut! Nicht nur Aufrechtgeher haben Wünsche. Auch Archibald Mahler im Alpinarium eines Botanischen Gartens zu Mittelhessen. Er weiß zwar nicht so genau, was genau und warum er sich etwas wünschen solle, denn die Sonne scheint, der Pöter ist warm und es riecht nach frischem Grün in mannigfacher Variation. Doch wenn Herr Robert Zimmermann dieses Lied in weiter, sehr weiter Ferne singt, dann ist dem Bären wohltuend traurig um den Bauch. Da fällt ihm ein, daß er auch sonst noch Hunger hat. Ganz viele verschiedene Hungers. Und möchte sich am liebsten ein Schiff, ein Pferd oder ein Motorrad kaufen und einfach losfliegen. Woher der Bär weiß, daß Herr Zimmermann das erste Mal in dieser fernen, fernen Stadt, wo immer der legendäre Sack Reis umfällt, singt? Weil er es weiß. Also hört er das Lied. Das traurige, das blaue Lied. „Ich mag ihn, den Herrn Zimmermann.“ Denkt sich der Bär. Und dann fällt dem Bären dies ein:
Da hinten. Ein Lied.
Ganz weit dort hinten. Ein Lied.
Ich höre das Lied.
DAS NAHE HEMD UND DER FERNE ROCK

Heute spürt der nachsinnende Bär einen Hauch von Mitleid in sich wachsen. Mitleid mit dem Gemeinen Aufrechtgeher. Warum? Der hat kein Fell, der hat nur seine Haut. Und diese Haut ist verdammt dünn. Und je weißer und reicher diese Haut, um so dünner umspannt sie die Innereien. Da friert es sich leicht. Da wird gebibbert. Kälte. Angst. Langeweile. Da muß ein Hemd her. Eine Jacke. Ein Mantel. Einer? Viele, viele und noch viel mehr. Farben. Stoffe. Für morgens. Für abends und nur für den Schrank. Fürs eigene und das fremde Auge. Das Fell eines Bären reicht ein langes Leben lang. Wenn ein Artgenosse sich in seinem Fell verbeißt: ein paar Narben, der Rest wächst nach. Eine Farbe. Eine Farbe nur ein langes Leben lang. Dafür ist man Bär. Hat man jemals einen Bären gesehen, der sich Strähnchen? Also bitte! Das denkt der Bär. Aufrechtgeher, hat der Bär aufgeschnappt, behaupten nun aber, daß das Hemd ihnen näher sei als der Rock. Jener Rock womit man früher das bezeichnete, was heute eine Jacke oder eine Art Mantel wäre. Das irritiert den Bären. Ein Hemd wärmt mehr als ein Rock, in welchem sogar manchmal das Fell eines Bären verarbeitet wurde? Seltsame Zweibeinerlogik. Aber warum dann der Gedanke? Der Bär kratzt sich den Pöter. Ah! Fell! Sehr gut! Zwar schon ein wenig fadenscheinig vom vielen Sitzen auf Felsblöcken, Pollern, Baumstämmen und Stegen. Aber wo es sich gut denkt, muß der Arsch dran glauben. Oder so ähnlich. Weiterdenken! Vielleicht ist das so: Nur mit dem Hemd auf der Haut ist dem Aufrechtgeher meist kalt. Aber ein Hemd kostet nicht soviel wie ein Rock. Und irgendwo in der Ferne machen sie Röcke, viele Röcke, bunte Röcke, billige Röcke. Röcke, die billig sind, obwohl in ihnen manchmal das Fell eines Bären verarbeitet wurde. Und so etwas würde ein Aufrechtgeher mit weißer und reicher Haut niemals tun. Ist der süüüß! Nun gut, wenn da irgendwo in der Ferne jemand auf die Idee kommt und wir gerade frieren. So weit, so Knut! Die ideale weiße Weste! Und man auch noch ein bißchen Strom braucht? In der Ferne wird so manches gut, was einen zu Hause in Angst und Schrecken versetzt. Seltsame Aufrechtgehergeschäfte. Was man so denkt, wenn die Sonne scheint. Aber schön ist es hier. Grüner wird es, von Tag zu Tag. Machen wir eine kleines Denkmoratorium. Auf dem Hügel, den wir bewohnen. Denkt sich der Bär. Und dann fällt dem Bären dies ein:
Meine Haut. Meine!
Ich verkaufe die Wolle.
Nimm! Bezahle! Geh!
BLEIBE MIR FERN, ICH KOMME DIR NAH!

Das Ferne nähert sich. Tut es dies wirklich? Oder ist es nicht vielleicht andersrum? Man rast auf das Ferne zu, es zu verschlingen, zu erdrücken, sich einzuverleiben. Der gewaltige und ferne Schmerz ruht so in den eigenen Eingeweiden. Sicher! Sicher? Man weint und greint. Um wen? Köpfe rollen. Wehe, wer nicht rechtzeitig auf den Zug gesprungen, der vor ein paar Wochen zur Fahrt angesetzt hat. Unvermutet! Unvermutet? Und der Bär denkt darüber nach, ob es so sinnvoll ist den Verstand, den man vor Abfahrt des Zuges meist unbenutzt im Schrank liegen hatte, nun sofort wieder an der Garderobe abzugeben. Die zuckersüßen Tränen. Die Zeitenwende. Die Wände zwischen den Zeiten. Was vorgestern war, habe ich schon vergessen. Auf die Säcke wird eingedroschen, die Esel traben ruhig weiter. Kollektive Amnesie. Triumphgeschrei. Keine Gebete. Keine Rückzugsmöglichkeiten. Die Abschaffung der Nacht. Die Städte der Aufrechtgeher bleiben hell erleuchtet. Heller noch glänzt aber sie, die neu entdeckte, die schaumgeborene, die Moral. Der Bär drückt ganz fest seine Augen zu. Bei soviel Glanz und Wissenwissen fällt es schwer sich auf das Denken zu konzentrieren. Mehr Dunkelheit! Und wenn man der Ferne wenigstens ein bißchen ihres Schmerzes, ihrer Verzweiflung und ihrer Trauer ließe? Wessen Wunde ist es eigentlich die schmerzt? Das denkt der Bär in seinem Garten, in den er sich zurückgezogen, um sich einem Problem zu nähern. Oder kommt es auf ihn zu? Und dann fällt dem Bären dies ein:
Ein heller Morgen.
Eine Kerze brennt im Tempel.
Ein Windhauch. Dunkel.
WIE WEIT IST WEG UND WANN IST NAH?

Wo ist der Bär? Draußen ist der Bär. Was macht der Bär? Er denkt nach, der Bär. Über was denkt der Bär nach? Über die Sache mit der Entfernung denkt der Bär nach. Dinge geschehen weit weg. Weit weg heißt manchmal Kilometer, Seemeilen, andere Baustelle oder nur um die Ecke, aber nicht einsehbar. Man muß es nicht gesehen haben. Denken die Aufrechtgeher so? Um dann zu wissen? Früher sagten Lichtgestalten, daß wenn in Peking Fahrräder oder Säcke voller Reis umfallen, dies hier zu Lande niemanden störe, aufschrecke oder aus der Ruhe bringe. Heute ist das Gegenteil der Fall. Was hat sich verändert? Ist mehr umgefallen als ein Fahrrad oder ein Sack voller Reis? Wahrscheinlich. Viel fällt um. Dieser Tage fällt sehr viel um. Zuerst da hinten am anderen Ende der Welt und drei Sekunden später hier. Selbst in Mittelhessen. Archibald spürt das. Unruhe. Die Angst fliegt schneller als das Licht. Und als der Verstand. Die Angeln der Türen der Wahrnehmung knarzen laut und vernehmlich. Näher kommen. Archibald beschleicht das Gefühl, daß es nicht unklug ist, sich den fernen Sachen ein klein wenig langsamer zu nähern. Keine Hysterie, kein Snobismus, keine Sentimentalität. Archibald greift auf ein bewährtes Mittel zurück. Erste Zeile: fünf Silben. Zweite Zeile: sieben Silben. Wieder fünf Silben in der dritten Zeile. Das beruhigt. Ein Bär ist nicht so schnell wie der Gemeine Aufrechtgeher. Will es nicht sein. Ein Haiku macht Luft im Bärenkopp. Ein Problem rennt nicht weg. Es tut auch nicht so, als sei es gestern noch nicht da gewesen. Heute zu wissen, was gestern nicht bedacht wurde, ist nicht abendfüllend. Wie weit ist weg und wann ist nah? Und dann fällt dem Bären dies ein:
Ein Fahrrad fällt um.
Gestern keine Sonne. Schau!
Wellen! Hast Du Reis?
HÖMMA REVISITED / COUNTDOWN TO THE FORBIDDEN WORD I

Ich sach mal so: getz isset raus dat verbotene Wort, dat Wort, dat wenn Du dat erwähnen tust inne Nähe des ehrenwerten Herrn von und immer Kloppo, er Dich seine ganze vulkanisierte Emotionalität spüren lassen tut. Der ehrenwerte Herr Großkreutz hattet gesacht, dat dat jetzt erledigt wird, ebens die Sache mit dem verbotenen Wort. Aber eines sach ich Euch gleich, hier wirse dat verbotene Wort keinesfalls ins lesende Aüglein serviert bekommen, da iss noch eine gerüttelte Portion vonne tiefsitzende Abergläubigkeit drinne in dem Hasenherz des ehrenwerten Lütten Stan, wat meine Wenigkeit sein tut. Selbst wennet rechnerisch und der ganze Pippikram. Nä, Rechnungsende iss nach Abpfiff und wenn die Tabelle offiziell inne Medien im endgültigen und absoluten Endstadium publiziert wird. Sechs Mal noch ein Sammestach, heißa dann iss verbotenes Wort? Dat sehen wir dann woll früh genuch! Nich denken, einfach Spiele gucken. Weil bei alle Erfreulichkeiten und Rekorde von diese Saison, dat dat auch ein einsamer Rekord iss, der Rekord mit die verömmelten Changsen, dat iss mal eine einsame Wahrheit. Soviel Changsen kannse gar nicht kreieren tun, wie dat der abgetretene Tulpengeneral immer am formulieren iss, wie unsere ehrenwerten Anwärter auf dat verbotene Wort inne ergebnisfreie Zone ballern tun ab und an. Meine Nerven. Aber wenn dat dann wie gestern gegen diese AOL – Truppe aus Schrödertown mit dem ehemaligen Blauhemdübungsleiter wieder so funktionieren tut, da will ich auch nich weiter rummoppern. Da hasse die Grinsekatze im Gesicht und dat Pilsken schmeckt doppelt lecker beie Pöhlerei. Und wie kannse Dich freuen, wenn sich dat Gesicht vom teuren Herr Uli H. (Wurstfabrikant Nummer Eins!) inne Fahne der Volksrepublik China verwandeln tut, wenn er dann inne gelbe Unterwäsche steigen muß. Nä, wat sind dat doch für schöne Schmerzen.
Watt anneres. Mir sitzt ja getz noch der Schwindel zwischen den gereckten Öhrskes, wenn ich an dat Karusselgefahre der Herren Vorsitzenden vonne Ersten Bundespöhlerei in Sachen Übungsleiters denken tu. Tja, watt soll ich sagen zu die blauen Hemdträger aussem Nachbardorf? Nur weiter so, dann iss bis zum jüngsten Tach nur Gucken und nicht anfassen. Peching, Herr Wurstfabrikant Nummer Zwei! Und auch wenn der Blick des ehrenwerten Herrn Kuno “Stan” Theophil von Lippstadt – Budnikowski zu Datteln, wat die vollständige Bezeichnung von meine Weinigkeit iss, dieses Jahr eher inne höheren Tabellenregionen verweilen tut, wennet am Ende ohne dat Automobildorf, die rot – schwatten Adlerträger ausse Finanzkapitale (Kann mir mal wer dat erklären tun, dat mit die Reaktivierung vonnem Rumpelstilzchen vom Bosporus?) und ohne die Hauptstadt vonne Neue Gruene Bewegung (Vorschlach: Dat Erzgebirge von Aue macht inne Relegation den Herrn Labbadia ganz, ganz traurich!) inne nächsten Saisong gehen täte, würde durchaus noch ein zusätzliches Pilsken vernichtet. Wobei sich der Chef vonne Regierung der Neuen Gutbuergerlichkeit ja bestens inne zweite Liga auskennen tut. Schließlich ham die ja ganze dreißig Jahre gebraucht umme Regierungsschale mal innen strahlenden Himmel hinein halten dürfen zu tun. Ich hoffe nur, dat die keinen Antrag stellen dat unser Shinji Kagawa dieses Jahr nicht mehr auffe Stadionwiesen treten darf oder nur dann, wennse dat ganze Stadion mit Geigerzähler versehen tun undsoweiter. Weil der ja Verwandschaft auffe Strahleninsel haben tut. Weia! Ruhe getz, denn dat sinn so die Themen, wo der ehrenwerte Herr Archibald Mahler, dessen Platz ich heute dankenswerterweise einnehmen tu, seine Wütereien mit anfeuern tut in seine philosophischen Wälder. Dat iss mich Jacke wie Hose!
Also sitz ich getz die nächsten Sonntage bis dat verbotene Wort eine Wahrheit werden kann hier auffem Ausguck und schaue auffet Gruen. Dat tu ich gerne mal innem kleinen Pöhlerstadion, wo der kleine Bruder vonne ehrenwerte Frau Eva Pelagia außerordentlich talentiert, aber mit Hang zu dem wat der Experte eine gewisse Trainingsfaulheit nennen kann, gegen die Pille vonne Hessenliga am Treten iss. Und da gittet Bratwurst und Flaschbier und Du kanns hören, wie die Schiedsrichters und Spielers noch handverlesen und persönlich beleidigt werden und wie die Schiedsrichters und Spielers dat auch hören tun. Und Du kanns Dich langweilen und wennse dat Tor verpaßt hast, Peching sach ich mal. Wiederholung iss nich im Leben dat lebendich iss. Und wennse dann nach Hause kommst, dann hat der BVB mal wieder, na ja. Aber dat sehen wir ja dann. Ich sach mal so: nachem Spiel iss vorrem verbotenen Wort und bis die Tage bleib ich:
Euren ehrenwerten Lütten Stan
ERDNUESSE, ERDNÜSSE, ERDNUEßE, ERDNÜßE UND VOM FASTENBRECHEN

(Herr von Lippstadt – Budnikowski aka der Lütte Stan ist froh, daß ab heute Abend wieder die Liga pöhlt, wo es um was geht und nicht nur freundschaftlich und gesamtdeutsch übers Gruene oder das Grüne getrabt wird. Also hat er sich vom Acker gemacht. A. M. bleibt alleine zurück und schaut konzentriert in eine Schüssel voller Arachis hypogaea. Er bemerkt nicht, daß ihm beim Denken zugehört wird.)
„Liebe Eßdinger da unten in der Schüssel. Wahrscheinlich ist dies das erste Mal in Eurem kurzen Leben, daß Euch ein Bär, der zudem Hunger hat, persönlich anspricht. Ich könnte mir vorstellen, Ihr liegt da Schale an Schale und bereitet Euch auf Eurer Ende vor, habt Euch wahrscheinlich schon längst mit diesem Ende abgefunden, da Ihr keine Aufrechtgeher seid, die, wären sie eine Aschantinuß, eventuell die Behauptung aufstellen könnten, eine Aschantinuß diene nicht dem Verzehr, sondern sei in erster Linie ein Dekorationsgegenstand. Was natürlich absurd ist. Aber ich möchte Euch oder auch Ihnen – falls dies angemessener erscheint – nicht verschweigen, daß mir heute so einiges durchs Bärenhirn geht. Noch vor wenigen Tagen wäre diese Schüssel schon längst geleert. Doch nun, da alle oder zumindest viele Aufrechtgeher um mich herum der Welt und so auch mir kundtun, sie hätten erkannt, daß es so nicht weiter gehe und es gäbe Zäsuren und Einsichten und jetzt aber Hallo, will ich auch nicht unreflektiert meine Zähne in Ihre oder Eure Schale bohren. Wobei natürlich bekannt sein dürfte, wenn ich Euch fresse, dann mit allem Drum und Dran. Jedenfalls geht es um das Verzichten. Also das Verzichten geht mir durch das Hirn. Nicht über das Denken denke ich nach und daß man darauf verzichtet. Das Tun ist es. Also daß man zum Beispiel auch mal zum Reformhaus läuft und nicht mit dem Porsche Cayenne hinfährt oder sein Mobiltelefon an den Dynamo vom Fahrrad anschließt oder jetzt die nächsten zwei Monate wartet bis es wirklich Erdbeeren gibt oder solche Sachen. Erkenntnisse. Ich möchte Teil einer Bewegung sein. Ich möchte nicht mehr ein einsamer, grübelnder Bär sein, ich möchte schwimmen mit dem Strome gleichgesinnter und fest entschlossener Aufrechtgeher – vielleicht nenne ich sie dann auch nicht mehr Aufrechtgeher, sondern eventuell Mitwesen, Co-atmer, Denkgenossen oder einfach nur: Die Familie! (Meine Welt? Deine Welt? Unsere Welt!) – und noch ein letztes Nachhaken, Ihr geehrten Eßdinger. So sagt mir doch, äße ich Euch nicht heute zum Beispiel, hätte ich dann soviel Verzicht geübt, daß ich Euch dann morgen? Vielleicht?“
(In der Schale unter Archibald Mahlers empfindlicher Nase macht sich Unruhe breit. Die Arachiae reiben ihren Schalen aneinander und murren vernehmlich. Auch sie denken nach. Und auch das kann man hören.)
„Liebe Bärennase, da oben über uns. Wahrscheinlich ist dies das erste Mal in Deinem Leben, daß Dich eine Gruppe von Kamerunnüssen, auf die Du zudem einen monströsen Appetit hast, persönlich anspricht. Eine Frage nur: Willst Du jetzt einen auf Aufrechtgeher machen? Willst Du jetzt vielleicht sogar noch darüber nachdenken, wie man uns präzise zu benennen habe? Erdnuesse, Erdnüsse, Erdnueße oder Erdnüße? Um vor aller Welt Dein feines und politisch exaktes und der jeweiligen Situation angepaßtes Gedenke zu feiern? Es wird Dir nicht gelingen. Man frißt uns. Und zwar gerne! Dies ist unsere Bestimmung. Unsere Laufzeiten sind nicht verlängerbar. Und ob Du oder Sie – falls dies angemessener erscheint – uns heute oder morgen frißt, dies ist uns so was von Potzrembel die Waldfee, daß Du das gar nicht glauben kannst. Also nicht vergessen: wenn der Aufrechtgeher in sich geht, dann denkst Du besser: APRIL, APRIL und des weiteren sagst Du Dir selbst: Guten Appetit! Leerer Magen denkt nicht gern! Hau rein, Alter!“
(Archibald Mahler, fast ein Fastenbär, riecht an einem Spanischen Nüssli. Köstlich! Er streichelt über die Schale: Es knistert. Vermehrter Speichelfluß! Und führe mich nicht in Versuchung! Wenn nicht ich, dann doch der! Malmende Zähne! Wohlgeruch! Ein Bär ist auch nur ein Aufrechtgeher! Vielleicht wählt er das nächste Mal wieder die Gelbe Partei. Dann muß man sich wenigstens keine Gedanken über Um- und Esslaute machen. Oder etwa doch? Sein Mobiltelefon klingelt. Ein Aufrechtgeher ist empört. Der Bär pfeift sich einen. Zeit in die Wälder zurückzukehren.)
ES GRUENT SO GRUEN UND WARUM DER LENZ EIN HEUCHLER IST!

„Herr Mahler? Wieder zurück?“
„Gewiß, Herr Thomas Adam Holtby! Oder jetzt doch Herr Kuno Ramon Kloppios?
„Ach, Herr Mahler. Nennen Sie mich wie gehabt! Launen waren dies. Das Hoch und das Runter. Tabellenstände. Damit verknüpfte Hoffnung! Erlösung gar?“
„Schürfen Sie nicht zu tief, Herr von Lippstadt – Budnikowski!“
„Mag sein. Noch sieben Spieltage. Reden wir nicht von den Nerven. Und Sie? Die Wälder? Die Wiesen?“
„Es gruent so gruen!“
„Weshalb diese althergebrachte Sprechweise? Gruen?“
„Ist dies nicht die Stimmung, die den Buerger Aufrechtgeher seit Sonntagabend euphorisiert?“
„Ein Grund zur Miesepetrigkeit, mein Herr?“
„Keinesfalls. Durchaus Freude.“
„Doch das große Mahlersche ABER, nicht wahr? Sie haben noch keine einzige Nuß zu sich genommen.“
„Es ist nicht die Schuld der Nuesse! Es sind die Heuchler.“
„Wo? Wer? Alle? Die Aufrechtgeher?“
„Lassen Sie es mich so sagen, auch der Lenz ist ein Luegenbeutel. Kommt her, schwellt die Brust, blaest warm durch das Gebein und behauptet: Jetzt wird es. Behauptet sogar: Jetzt wird es nicht nur, sondern jetzt wird es richtig gut. Es soll Aufrechtgeher geben, die daraufhin ihre Wintermaentel in den Altkleidercontainer werfen. Oder gar behaupten, sie haetten noch nie in ihrem ganzen Leben ueberhaupt einen Wintermantel besessen.“
„Na ja, man freut sich halt! Oder geht mit der Zeit.“
„Zu frueh! Zu frueh! Zu spaet! Zu spaet!“
„Aber es verändert sich doch etwas!“
„Gewiß, vielleicht, man mag es hoffen. Doch warten wir auf den Tag, an dem man die Türe oeffnet und den wichtigsten Gast zum Festmahl bittet.“
„Und der wäre!“
„Meister Verzicht!“
„Deshalb noch keine einzige Nuß?“
„Irgendwer muß ja anfangen!“
„Ich habe damit, Herr Mahler, kein Problem. Die Nuß ist mir fremd. Läge hier die Karotte, sie würden diese nicht mehr sehen!“
„Herr von Lippstadt – Budnikowski, darf ich eine Frage stellen?“
„Sie? Das ist ja das Neueste!“
„Man lernt. Also: wenn Sie zwei Menschen vor dem Verhungern retten koennten durch einen Verzicht, wuerden Sie das tun?“
„Logo!“
„Um jeden Preis?“
„Selbstredend!“
„Also: der BVB wird nur Dritter und Meister wird wie immer der Verein aus dem Sueden.“
„Hömma, Du Wahnsinnsei, hat da draußen auffe Waldexpedition von Ihre Hochwertichkeit ein tollwütiger Fuchs seine Zähne hineingebohrt in Ihren Bärenpöter und so die Hirnmasse inne bedenkliche Ausnahmesituation befördert? Wat is datt denn für eine moralische Verquickerei von zwei Themenblöcken, die sowenig miteinander zu tun haben wie Gelsenkirchen – Nord und dat gegenwärtige Team der Freude? Ja lüch ich denn?“
„Das, bester Freund, ist – und ich befuerchte es selber – das wahre Wesen des Verzichts. Das unmoeglich Erscheinende. Das den Bauchnabel Transzendendierende. Im Übrigen habe ich einen immensen Hunger.“
„Ich schaue weg!“
„Sie wissen, wie sehr ich Erdnüsse liebe!“
(Wir verlassen die zwei Herrschaften, bevor wir Zeuge einer der weiteren Billionen Inkonsequenzen im Leben eines jeden Aufrecht – oder Gebücktgehers werden. Und weil die Wahrhaftigkeit uns heute umweht wie die lauen Winde des Herrn Lenz: Den Anstoß zum Nachhirnen über die Heuchelei gab Herr Johan Schloemann, der einen wunderbaren Artikel im Feuilleton der heutigen SZ – by the way: Auch er hat sich gefreut über den Sonntagabend! – mit folgenden Worten beendete: „Behaupte nur keiner, das neue grüne Bürgertum sei der Sieg einer neuen Aufrichtigkeit!“ Vor dem Reformhaus vis-a-vis parkt ein Porsche Cayenne.)
WER AUF DEM ZWEITEN PFERD SITZEN MÖGE, DAS IST A. M. EINE FRAGE WERT!

Bevor Chief Little Bear dann wirklich losreitet, hält er inne. Und denkt nach. Ist ja sein Job. Halt! Präzision! Ernsthaftigkeit! Hat er sich seit Aschermittwoch letzten Jahres zur Aufgabe gemacht! Das Nachdenken! Ob es gelungen? Manitou schweigt! Noch! Was denkt er, The Honorable Little Chief Bear? Worüber denkt er nach, wenn dann überhaupt gedacht wird? Feldwegverhältnisse? Haferpreise? Umleitungen in Richtung Sonnenuntergang? Nein! Er denkt darüber nach, wer denn nun bitte auf dem Rücken des zweiten Pferdes Platz nehmen möge. Und ob das dann unbedingt ein Blutsbruder sein muß. Denn: der Herr Lenz ist da. Und nicht nur in den Lüften, sondern auch in den Lenden. Jajajaja, sogar in den Lenden des Bären – formerly known as A.M., Bear from the Fireplace in Watering, Middlehassonia – der gerade so was von gar nicht weiß, wie er jemals auf den Rücken dieses Riesenviechs – called Wise Raven – hinaufklettern kann, soll und hat jemand schon mal einen Indianerbären auf dem Rücken eines Pferdes? Selbst angesichts der Tatsache, daß dieses Viech ein virtuelles Viech ist? Aber da will der Bär jetzt kein großes Faß aufmachen, sein Privatleben heißt Privatleben, weil es ein Privatleben ist und bleibt. Oder wollen Sie wirklich wissen, ob Herr Fliesenmann jetzt geheiratet hat oder nicht? Also denkt der Bär, der seit gestern ein Häuptling der Durchreisenden von Stamme der Cree ist, darüber nach, wer aufs zweite Pferd rauf soll. Wobei ihm beim Nachdenken auffällt, daß sich der eine und der andere und die restlichen Aufrechtgeher auch öfters mal den einen und den anderen und die restlichen Gedanken durch ihr Hirn rauschen lassen sollten, bevor sie das eine oder andere oder eben ein übriggebliebenes Pferd besteigen. Wegen Restrisiko und Qualen und Wahlen! Lebensrodeo! Kennen die noch den Mann, den sie Pferd nannten? Yiieehhha!
Ho, Brauner, ho! Silent Dove wollte eigentlich schon lostraben. Obwohl sie niemanden auf dem Sattel sitzen hat. Weil der Bär noch nachdenkt. Also: Blutsbruder muß nicht. Wie wäre es mit einer Blutsschwester? Gibt es so etwas überhaupt? Und was stellt man so mit einer Blutsschwester an? Wenn man mal Pause macht? Beim Reisen und Reiten? Oder bei Zeiten? Oder nachts? Oder sonst? Der Bär ist ein wenig verwirrt! Blöder Lenz! “Eigentlich bin ich nur, weil ich mir Grünzeug und Rohkost einverleiben wollte, hinaus in die Wälder. Die Gedanken aus den Wäldern sind doch nur ein Nebenprodukt. Magen first. Followed bei Leber und Darm. Kurz: Hirn follows Nachtisch! Aber jetzt mal ehrlich: Ist das nicht ein schönes Lied, das Lied aus dem Wald?”
Archibald war dann einfach losgelaufen, während sein Kopp auf Wise Raven und Silent Dove über Ebenen ritt, die jenseits von Dorlar lagen, so jenseits von Dorlar lagen, daß, sie ins Leben zu rufen, jedweder Schreiberling die ein oder andere und wahrscheinlich auch die restlichen Stunden und so weiter und so fort benötigt hätte. Wie bitte? Diese Geschichte kommt auch noch, später. Also sitzt Archibald Mahler, Bär vom Brandplatz und inzwischen abgeschminkt, dort, wo er vor zwei Wochen gesessen ist, den Lenz begrüßte und die ersten Gedanken aus dem Wald heraus in die Welt hinein dachte. Eva Pelagia läuft über die Wiese vor der Grillhütte. Sie hält einen Einkaufsbeutel in der Hand. „Mein Bus fährt gleich!“ Das denkt der Bär. „Komm! Nach Hause!“ Das sagt Eva Pelagia. Und summt ein Lied. Ein schönes Lied!
CHIEF LITTLE BEAR SCHEITERT AN DER FÜNFPROZENTHÜRDE

Vielleicht sind es ja auch keine Raben -, sondern Taubenfedern. Archibald Mahler ist sich da nicht ganz sicher. Mit ein klein wenig Harz sind die Federn schnell und sicher am Hinterkopf befestigt. Wer bemerkt da ein ‚IGITT’? Das wächst sich raus und zur Not muß halt Eva Pelagia ran, mit Nagellackentferner oder so was. Kann sie schließlich! Archibald Mahler muß sich eingestehen, daß etwas tief in ihm sich noch nicht wirklich von den Segnungen der Zivilisation und der gelegentlichen Notwendigkeit helfender weiblicher Hände verabschiedet hat. Wollte er eigentlich nicht das ganze restliche Jahr allein in den Wäldern verbringen? Die Ambivalenzen! Er muß an Heidelbeermarmelade denken. An Lachsfilet mit Feigensenf. Oder an das rote Sofa und den Lütten Stan und der guckt Pöhlerei im Bilderapparat und regt sich schrecklich drüber auf. Na ja. Ein andermal. Jetzt hat der Bär Federn an seinem Kopp und ist erstmal ein richtiger Durchreisender. Ein Durchreisender vom Stamme der Cree. Zum einen, weil die Cree gesagt haben sollen, daß man lieber Bäume essen möge statt Pferde und nicht in die Flüsse reinpinkeln, weil sonst alles in die Binsen geht und Brötchen mit Geldscheinen drauf zum Frühstück auch nicht der Knaller sind. Oder so ähnlich. Aber wahrscheinlich stimmt das alles gar nicht, aber das ist Archibald egal. Weil, was da zitiert wird, gar nicht dumm ist, auch wenn es ausgelutscht ist und die sogenannten Weissagungen der Cree als Aufkleber auf hunderttausend alten vergammelten Blechmilben kleben und klebten. Auch doof. Dann sollen die doch besser laufen, die Schlaulis. Und müssen sich nicht über E 10 erregen. Dösbattel! Aber vor allem die Cree, weil der Chef von den Cree einen Herrn Archibald Mahler – Pardon: ab sofort Chief Little Bear bitte! – sehr angemessenen Namen hat. Hugh! Der Bär hat gewählt!
Was man ja von den meisten Aufrechtgehern, also den reichen, weißhäutigen, seelisch halbvernarbten Luxus – und Klagezweibeinern, leider nicht sagen kann. Während sich in anderen Teilen der Welt dieser Tage Aufrechtgeher über den Haufen knallen lassen, weil sie unter Einsatz ihres Lebens dafür kämpfen, zumindest ein wenig Einfluß auf die Gestaltung ihres Landes ausüben zu dürfen, gefällt sich der hiesige Aufrechtgeher im großen „Bringt doch alles nix!“ oder im allwissenden „Einer korrupter als der andere!“ und regt sich am liebsten und längsten über das auf, was ihm tief im Grunde seines leeren Herzens meilenweit am gut beheizten und pensionsgesicherten Arsch vorbeigeht. Oder – was noch schlimmer ist – hat den Löffel schon komplett abgeben und schaut nur noch achselzuckend zu, wie ihm von den Altvorderen erkämpfte Rechte Tag für Tag unter dem Hintern weggezogen werden. Chief Little Bear würde also am liebsten eine Partei gründen, die dafür sorgen will, daß, wer dreimal hintereinander an der Wahlurne zetternd oder naserümpfend vorbeischlendert, bitte sein Wahlrecht zurückgeben möge. Für immer. Wie alte Tatteriche den Führerschein. Könnten ja dann in Syrien, Jemen oder Weißrußland einen neuen Führer – bzw. Wahlschein machen. Viel Spaß dabei. Und wie Chief Little Bear – formerly known as Archibald Mahler, Bear from the Fireplace in Watering, Middlehassonia (just say: ARMBEAF!) – darüber nachdenkt, wo und wie man so einen Verein gründet, merkt er, wie dieser Gedanke an seiner inneren Fünfprozenthürde scheitert. Und besinnt sich auf die wahren Bedürfnisse eines Durchreisenden.
Als erstes braucht man ein Pferd. Ein starkes Pferd. Oder besser noch, zwei Pferde. Eines für sich und eines fürs Gepäck oder falls man unterwegs mal Hunger bekommt. „Ach so! Pferde soll man nicht essen?“ Dann könnte man auf das andere Pferd jemanden draufsetzen. Einen Blutsbruder zum Beispiel. Aber nur wenn der nicht so viel quasselt, hier draußen in den Wäldern. Und dann geht es los. Wenn man nicht weiß wohin, am besten das Pferd machen lassen. Oder, immer richtig: in Richtung untergehende Sonne reiten. Hugh! Und Chief Little Bear sattelt seine zwei Pferde – nennen wir sie Wise Raven und Silent Dove – und reitet los. In seinem Bärenkopp. Da ruft man ihn.