DAS PARADEKISSEN IST NICHT DER GIPFEL DER WELT, ABER SEHR BEQUEM

„Herr Mahler!“
„Ich höre, Mister Holtby!“
„Die Dame und der Herr dieses Hotelzimmers treiben sich herum!“
„Mir schwant Übles!“
„Nachmittags bei hellem Sonnenschein in dunklen Kaschemmen? Meinen Sie dies?“
„Das ist es, was ich befürchte!“
„Suser? Oktoberfestbier? Grauburgunder? Spätburgunder?”
„Exakt in dieser Reihenfolge und danach wild gemixt. Bis das Aufrechtgeherhirn pocht!”
„Ist das vernünftig?“
„Nein! Aber lustig!“
„Draußen auf dem Balkon steht ein Rothaus Märzen. Dies hat Herr Ernst Albert vergessen. Was sagen Sie, Herr Mahler?“
„Die Türe ist lediglich angelehnt!“
„Oh Gott! Wenn uns nun jemand stiehlt?“
„Quatschen Sie nicht! Holen Sie das Bier rein, Mister Holtby!“
„Zählen wir ab!“
„Meinetwegen! Wie heißen Sie?“
„Was tut das zur Sache und außerdem wissen Sie es. Endlich!“
„H! O! L! T! B! Ypsilon! Herr Holtby hat ins Bett geschissen, mitten aufs Paradekissen, Herr Mahler hat’s gesehen, Herr Holtby muß drum gehen!“
„Schweinerei! Würde ich nie tun!“
„Ist nur ein tradierter Abzählreim! Regen Sie sich ab! Sie haben trotzdem verloren!“
„Sie wissen genau, daß Frau Eva Pelagia solche anrüchigen Worte nicht gerne vernimmt.“
„Ha, bester Holtby! Erstens trinkt sie zur Zeit in heckerländ’schen Kaschemmen Grauburgunder und zweitens – erinnere ich – hat sie heute morgen in diesem Hotelzimmer diesen Reim in unserer unschuldigen Gegenwart eigenmündig und so weiter!“
„Da schlief ich noch!“
„Eben! Beweg er seinen Pöter. Ihr Paradekissen ist kein Thron!“
„Momentan jedoch der Gipfel meiner kleinen Welt!“
„Ein stinkfauler Romantiker sind Sie, sonst nichts. Raus!“
„Moralist! Aber nur, wenn Sie mir ein Lied singen!“
„Musik!“
„Aber bitte von Sahne!“
„Zwo, drei, vier!“
(Die Herren Archibald Mahler und Thomas Adam Holtby widmen sich dem Spitzenprodukt der Badischen Staatsbrauerei. Quasi als Co-Geburtstagsfeierbiester.)
„Hömma Mahlerbär. Dat iss doch erste Sahne!”
„Die Dröhnung im Abdomen? Oder die Dröhnung im Ohr?“
„Peides! Pär!“
„Göstlich! Garniggel!“
„Warum getz dat Rumgekicher?“
„Paradekissen! Und dann der unerwartete Reim! Herrlich! Wohlsein!“
„Stößchen, Mahlerchen!“
(Im Schloß dreht sich ein Schlüssel. Schwankende Heimkehr. Oweia!)
“AS I WALKED OUT, FOUND MY OWN NEED JUST BEGINNING!” SINGT JACK BRUCE!

“Jetzt schauen wir!”
“Und sehen nichts, Herr Mahler!“
„Aber steht dort nicht: ’Schauinsland’?“
„Durchdringt Ihr Auge etwa diesen unfaßbaren Nebel?“
„Warten wir!“
„Auf was? Die Sonne?“
„Nein! Auf Herrn Ernst Albert!“
„Findet er hier vorbei? In diesem unfaßbaren Nebel?“
„Ich sah schon Schemen huschen!“
„Schemen und Visionen! Ich weiß! Etwas vage das Ganze!“
„Dann singen wir ein Lied!“
„Als Geschenk?“
„Sozusagen!“
„Wie heißt das Lied?“
„Weißer Raum!“
„Hat dies etwas mit diesem unfaßbaren Nebel hier oben zu tun!“
„Nein!“
„Was ist dann der Sinn?“
„Der ehrenwerte Herr Ernst Albert mag das Lied.“
„Ich mag Herrn Albert auch ganz gerne!“
„Ich auch und heute hat er ja Geburtstag.”
„Also Musik?“
„Zwo, drei, vier!“
„Diese Musikgruppe ist aber auch allererste Sahne!“
„Der mit den vier Saiten vor allem!“
„Aber auch der mit den sechs Saiten!“
„Nicht zu vergessen der wahnsinnige Trommler!”
„Da sagen Sie was, Herr Mahler!“
(Ernst Albert und Eva Pelagia schälen sich im Hintergrund aus dem dichten Nebel, der an diesem Tag den Gipfel des Schauinsland drunten im Heckerland einhüllt. Noch. Doch die Kraft der Sonne wird reichen, den Nebel zu vertreiben. Das wissen wir.)
WIR FAHR’N FAHR’N FAHR’N AUF DER AUTOBAHN VOR UNS LIEGT……

„Werter Herr Mahler, wohin fahren wir?“
„Wir fahren hinunter ins Heckerland.“
„Weshalb?“
„Aus Gründen!“
„Was werden wir dort tun?“
„Wir schaun ins Land!“
„Und wenn Nebel iss?“
„Dann trotzdem, mein lieber Mister Thomas Adam Holtby!“
„Danke!“
„Keine Ursache!“
„Nun denn?“
„Was schlagen Sie vor?“
„Kehren wir auf die Rückbank zurück! Ich habe zwei Karotten dabei!“
„Musik!“
„Zwo, drei, vier!“
„Sie sind mir ja ein richtiges emotionales Kraftwerk! Her mit der Karotte!“
WHY ARE THE LEAVES LEAVING AND WILL THEY EVER COME BACK?

Dann war er wieder draußen. Außerhalb seiner selbst und doch mittendrin dabei in der Welt. Er schaute und sah dabei auch etwas. Die Blätter an den Bäumen im Hinterhof waren gelb und sie hatten kaum mehr Kraft sich an den Ästen zu halten. Der Wind spielte mit ihnen. „Na, krieg ich Dich?“ Können Blätter Angst vor dem Fallen haben? „Und tschüß!“ Kleine gelbe Choreographien zerschnitten taumelnd die spätsommerliche Luft. Es trudelte so vor sich hin. Archibald schaute und schaute und schaute und wurde traurig. Die schönen Blätter. So gelb, so rot und dann liegen sie auf der Erde und werden – Zackzack! – braun wie ein ungewaschener Bärenpöter. Seine Knopfaugen feucht, das Haupt geneigt und so manchen Seufzer in den spätsommerlichen Himmel sendend, so fand ihn Ernst Albert vor, als er von der Probe nach Hause kam. „Schwermut, mein Bär?“ „Das ist doch sehr bedenkenswert, daß die Blätter jetzt so schön sind wie das ganze Jahr nicht und dann sind sie zwei Minuten später pfutsch und kommen nicht mehr wieder. Ziemlich doof ist das!“ Und Ernst Albert holte sich ein Bier aus dem Kühlschrank, setzte sich zu seinem von der Herbstmelancholie erfaßten Bären und erzählte ihm eine kleine Geschichte.
Er erzählte ihm, daß er vor genau zehn Jahren einen Herbst erlebt hatte, der so ein gewaltiger Herbst war, so ein Herbst, in dem alle, aber wirklich alle Blätter von wirklich allen Bäumen herunter krachten und es ihm damals erschien, als ob es nie wieder Blätter geben würde und alle Hoffnung auf ein Ende des Zerfalls und des Vergehens oder gar die Wiederkehr eines Frühlings mit den fallenden Blättern dieses einen Herbstes ein für alle mal zu sterben schien. Und daß ihn damals nichts und niemand trösten konnte und jeder Hinweis eines Anderen, irgendwann werde es gewiß wieder Blätter geben, das sei der Lauf der Welt und der nächste Frühling scharre schon ungeduldig mit den Hufen, ihn nur noch tiefer in einen Zustand heilloser Verzweiflung stürzte. Dabei hatte er bis dahin den Herbst und ganz besonders den Monat Oktober, welcher der Monat seiner Geburt ist, so geliebt. Letzte warme Tage, malende Blätter, das finale Aufbäumen der Säfte, das reife Platzen, das vergangene Jahr wird vergoren und sorgt für einen ersten Rausch. Es ist nicht kalt. Es ist nur frisch. Aber damals, vor zehn Jahren, in diesem Herbst voller Panik und Verrat und Ausweglosigkeit und schmächtigen Lügen war ihm das Fallen der Blätter nur entsetzliches Menetekel. „Ja, ja, so war das!“ Und Ernst Albert holte sich noch ein zweites Bier. Und dann hat der Bär gedacht, daß Herr Ernst Albert heute wohl einen sehr sentimentalen Anfall hat. Das brachte ihn dazu zu grinsen.
„Geht doch, Herr Bär!“ Ernst Albert mag den tiefen Ernst, mit dem sein kleiner Genosse in die Welt schaut, aber er freut sich auch, wenn der mal grinst und nicht hinter allem die ganz große Frage sucht oder gar zu sehen glaubt. Und dann sagte Ernst Albert zu Herrn Archibald Mahler, daß es wohl seine Bedeutung habe, wenn die Blätter in vollster Schönheit fallen und sterben. Wenn etwas zu Ende geht, meinen ja alle immer, dies sei auf jeden Fall das Schönste, was ihnen bis heute geschehen sei. Und dann wird rumgemoppert und genöhlt und getrauert. Dabei hatten sie davor das nun unwiederbringlich Verschwundene oft gar nicht bemerkt. „Aha!“ Das begriff der Bär. In Ansätzen. „Genau! Der Baum will sich ja auch mal erholen! Das ganze Zeugs monatelang in der Luft zu halten! Ganz schön anstrengend! Und warum hab ich jetzt schon wieder Hunger?“ Ernst Albert war verschwunden. Er war in der Küche. Eva Pelagia briet Pfeffersteaks. Hatte sie früher auch nie gegessen. So ist das eben, wenn die Blätter fallen.
ARCHIBALD GEHT IN SICH UND GUCKT DANN WIEDER HERAUS!

Und dann war er drin. Er schaute nach rechts, er schaute nach links. Und er dachte: „Aha!“ Oder: „So sieht es also aus in einem Bären!“ Und dann schaute er nach oben, und dann schaute er nach unten. Da hörte der Bär auf. Weil er da endete. In seinen Tatzen. Den Hinteren. Und wieder dachte er. Diesmal: „Soso!“ Und: „Hä?“ Oder: „Was mach ich eigentlich hier?“ Und er erinnerte sich. Vor wenigen Tagen, unten am Schrottplatz rechter Hand der Lahn, hatte er in einer der Zeitungen, welche ihm Herr Ernst Albert da gelassen hatte – eigentlich als Behelfskolder gedacht, aber man kann ja mal reinriechen – einen bemerkenswerten Satz erblickt. Der hieß so: „ZEIG MIR DEINE WUNDE!“ Und sogleich fing sein ehemals abbes Bein an zu jucken. Und er dachte auch gleich, daß das ein ziemlich schwachsinniges Aufrechtgehergeschwurbel sei. Weil er – obwohl eine traumatisierte Fundsache – nie auf die Idee käme, jedem dahergelaufenen Zweibeiner seine Anoperationsnarbe zu zeigen. Die kriegt Eva Pelagia einmal im Jahr zu sehen und dann wird das von ihr repariert und fertig ist. Aber man weiß ja nie. Also ist er dann doch mal in sich gekrochen. Vielleicht findet man ja was.
„Komisch!“ Das war jetzt ein neuer Gedanke von Archibald Mahler, dem Bären im Innern. Er schaute sich um. Viel Dunkelheit in so einem Bären drinnen. Man ahnt was! Es gibt Ecken, die etwas streng riechen. Unten. Oder in den Extremitäten. Es pocht. Gleichmäßige Schläge. Regelmäßig und rhythmisch. Blut rauscht. Pocht weiter. Den Bärengöttern sei Dank. Verdauungsaktivitäten. Auch gut! Und sonst? „Aha!“ Wenn man nach oben guckt, ganz nach oben, da wird am härtesten gearbeitet. Hirn heißt das Ding. „Arbeitet das oder stört das nur? Zwecks Verdauung benötigt man es nicht!“ Unterhalb des Hirns drangen Lichtstrahlen in das finstere Innere. Das erregte des Bären Aufmerksamkeit. Und froh über ein wenig Helligkeit war er auch. Schließlich war er ohne Taschenlampe in sein Innerstes aufgebrochen. Archibald kletterte nach oben und blickte aus seinen eigenen Augen hinaus. Die Augen hinter den eigenen Augen. Sie schweiften umher. „Soso! Ernst Alberts und Eva Pelagias Küche! Aha! Die sind weg!“ Der Blick glitt nach unten. Vor seinem kleinen, langsam anschwellenden Bärenranzen lag auf dem Küchentisch eine Zeitung. Aufgeschlagen. Da war ein Artikel zu sehen. Man befragte einen alternden Mimen. Man fragte ihn zum Beispiel, was er an Blättern so spannend fände. Und der antwortete: „Blätter bewegen und verändern sich laufend, die machen wunderbare Geräusche und Reflexe mit Licht. Das ist etwas, was einen sehr beschäftigen kann, ohne daß man dazu poetisch veranlagt sein muß.“ Da hat er ganz recht, der Bruno! Archibald zuckte. Kurz. “War der nicht auch mal Bär? Problematisch sogar?”
Und dann hatte er sich hingesetzt. Und war verwirrt. Er hatte das Gespür für die Zeit verloren. Dachte er zumindest. Weil das durchaus passieren kann, wenn man sich zu lange im eigenen Innern aufhält. Dann wird eine Stunde gerne mal zum Jahr. Und dann geht es immer wieder von vorne los. Und man denkt einen Satz. Und dann wieder den einen Satz. „Ich bin in mir selber drinnen!“ Und wie kommt man da wieder raus? Archibald kratzte sich am Pöter. Und – das ist normal im Monat Oktober – bekam Hunger. Das ist gut, wenn man Hunger hat. Dann bewegt man den Pöter. Und: was den Hunger stillt ist draußen! Weil sonst müßte man sich ja selber aufessen. Das wäre ziemlich doof. Auch wenn viele Aufrechtgeher dies tun und dann dämliche Wortgeschöpfe wie „ZEIG MIR DEINE WUNDE!“ in die arme Welt setzen. Wo doch gerade die Blätter so schön fallen. „SCHWEB! ZITTER! GLEIT UND PFFFF!“ Draußen passierte etwas. Und der Bär brach auf. Raus! Noch fallen die Blätter!
SPIEGLEIN, SPIEGLEIN DOCH NUR WAND!

Also wollte Archibald nachdenken. Er setzte sich vor einen Spiegel. Regungslos. Dann kam der erste Gedanke vorbei. Und es war kein Radfahrer, obwohl es vom Zufall her betrachtet schon möglich gewesen wäre, daß ein Radfahrer vorbeikommt, wenn man am FÜNFTEN Oktober anfängt zu denken. Wobei auch an jedem anderen Tag ein Radfahrer an einem Bären vorbeifahren könnte. Ob der jetzt denkt oder nicht. Archibald aber dachte. Nach! Wäre es zum Beispiel angebracht, die Art und Weise in der er sich seit Aschermittwoch ZWEITAUSENDZEHN in den Netzen der weiten Welt bewegt, zu ändern? Dem gebeugten Leser – Nein! Wir denken noch nicht einmal daran Sie zu duzen! – seine Weis- und Dummheiten aus der Sicht des Icherzählers auf den Monitor zu kleckern? Der Abdomen rumort und im Gedärm Schwärme der Empörung, aufsteigend und bitter. Bärengötter Ihr! So haltet den Zaum und meine lallende Zunge! Bundesweltweit blogtechnisch verglichen ist hier vor Ort das güldne Wortlein (Absicht!) ICH in Unterzahl geblieben und dies soll so bleiben bis der Winterschlaf den Bären. Genau!
Jetzt die Augen auf Schlitz gestellt und tiefer und tiefer und noch tiefer hinein. Nur wohin? Wälder, Felder, Wiesen, Väter? Mütter, Nacht und Stunden später? Nur Verrat! Ach wie schad! Es drücken die Rücken! Mein Pöter? Entzücken! Ein Bär dem einstens in Sonneberg ein Knopfauge aufs Fell genäht: Schlitzaugen? Analytische Weltenschau? So schön gelb die Blätter vor dem Fenster und fallen oder nicht und hängen noch und doch am Baum und drohen nur. „In fünf Minuten, Bär, wenn Du nichts hinblickst! SCHWEB! ZITTER! GLEIT UND PFFFF!“ Von ferne klingt ein Saxophon. Ein altes Lied. Man kennt es schon. Andererseits wäre es schade bei diesen Temperaturen die Fenster zu schließen. Vielleicht kommt jetzt ein Radfahrer vorbei. Aber er tut es nicht. Dann eben der Flieger. Grüß mir die Sterne und die Hefeteige, die aufgegangen. Jetzt schiebt einer sein Fahrrad vorbei. Wenn viele Blätter auf dem Boden liegen und der Regen! Jawoll! Vernunft! Nun die Korrekturen! Spiel doch Klavier! Kann er nicht, der Bär!
Archibald hatte recht schnell herausgefunden, daß er nicht der ANDERE ist. Der aus dem Spiegel. Der Rübergucker. Angucker. Gegenstarrer. Außerdem hatte der Sprecher seiner Krankenversicherung, Herr Thomas Adam Holtby von der Bärensozialkasse ihm gerade schriftlich mitgeteilt, daß eine wie auch immer geartete Therapie in den nächsten zehn bis dreizehn Jahren keinerlei Chance auf Gewährung hätte. „Ich brauche mehr Heidelbeermarmelade und zwar sofort!“ Keinerlei Bewegung im Raum! Weder drinnen, noch auf der anderen Seite. Nicht einmal ein Radfahrer schiebte vorbei. Archibald bemerkte, wie wunderbar sinnlos es ist, Forderungen in einen Spiegel zu brüllen. Vehemenz! Und Rainer hat geguckt! Wenigstens der! Der hat’s auch sonst recht schwer! Als der Patient war weggerannt, da sprach der Arzt von Larmoyanz! Archibald Mahler, heute seinen literarischen Werkeltag begehend, neigte sein Bärenhaupt zur Seite. Von dort drang Musik an sein Ohr. Ernst Albert wühlte im historischen Plattenschrank. Archibald klopfte an seinem Bauchnabel an. Man gewährte Einlaß. Er ging in sich.
EINIGKEIT UND RECHT UND FEHLT WAS?

„Wie geht es Ihnen da drüben, Herr von Lippstadt-Budnikowski?“
„Ich verstehe Sie nicht!“
„Wie es Ihnen da drüben geht, Herr von Lippstadt-Budnikowski?“
„Ich verstehe Sie nicht!“
„Nun ja, so weit weg sind Sie nun auch wieder nicht!“
„Als ob es darum ginge, lieber Herr Mahler!“
„Klären Sie mich auf!“
„Zu spät. Oswald Kolle ist tot!“
„Der heutige Tag ist kein Scherz!“
„Manche empfinden dies aber so!
„Sie etwa auch?“
„Nein! Keineswegs! Es ist nur eine Frage der Ansprache!“
„Habe ich etwas verpaßt?“
„Davon wäre auszugehen!“
„Auweia! Habe ich vielleicht zu tief im eigenen Nabel gepult?“
„Auch!“
„Helfen Sie mir! Bitte!“
„Achtzig Prozent der Bürger des alten Westens schafften es im Laufe der letzten zwanzig Jahre nicht, dem Osten einen Besuch abzustatten.“
„Uff! Der Gegenwert!“
„Über neunzig Prozent der Einwohner des alten Ostens waren schon drüben im Besserwesten. Der Rest wohnt eh dort.“
„Und was hat dies mit Ihnen zu tun?“
„Nichts!“
„Und?“
„Es geht ums Hinhören!“
„Potzrembel und elendige Unaufmerksamkeit! Vergebung, bester Herr Thomas Adam Holtby, darum bitte ich Sie! Vergebung!“
„Machen Sie keine große Sache daraus! Jedoch, wer sich einen neuen Namen zugelegt hat, möchte auch mit diesem angesprochen werden!“
„Sie denken, ich habe noch einmal die Kurve gekriegt, bester Herr Thomas Adam Holtby?“
„Spät, doch nicht zu spät.“
„Uff! Sie sehen mich erleichtert! Feiern wir?“
„Wer singt die gemeinsame Hymne?“
„Diejenigen, welche sich damit brüsten!“
„Nicht wir, denke ich mal!“
„Also feiern wir nicht?“
„Wir denken weiterhin nach!“
„Und schauen?“
„Und schauen hin!“
„Da sind wir uns ja einig! Und sonst?“
„Der BVB führt mit zwei zu null!“
„LISTEN GI, YOUR BÄR IS BACK IN TOWN!“

Nicht daß es notwendig wäre, eine Hotline einzurichten. Jedoch: es gab Anrufe, sorgenvolle Anrufe. „Der arme Kerl! Die Kälte! Der Herbst! Regen! Nebel! Die Lage vor Ort und generell! Wer macht die Musik, wenn dieses Jahr zu Ende geht? Vielleicht wird der Schrottplatz rechter Hand der Lahn untertunnelt und man denkt an leitender Stelle beim Bären auf der Stoßstange des alten roten SIMCA handele es sich um einen Besetzer. Und mit dem Tränengas ist das Kapital heute auch schon wieder so schnell bei der Hand wie anno dutschkemal. Heiligsblechle aber au!“ Dem Bär war das alles nicht bewußt. Aber gefroren hat er dann schon. Nichts gegen Kälte! Aber die Nässe! Wenn einem im Schlaf alles unter dem Pöter wegglitscht. Kein Halt! Potzrembel und Auweia aber auch!
In der Höhle in der Archibald Mahler, dem Bären auf gelegentlichen Abwegen, normalerweise Kost und Logis gewährt werden, gibt es eher selten verbale Auseinandersetzungen. Aber als unlängst der Regen von Osten kommend quer gegen die Fenster schlug, sah sich Eva Pelagia, die Sorgenvolle, veranlaßt Herrn Ernst Albert auf seine Verantwortung in der Causa „Kleiner Bär nachts alleine auf einem Schrottplatz rechter Hand der Lahn und der Herbst ist längst schon da und alles kann einem nicht Wurscht sein, auch wenn die Mimen ständig rummoppern und Pflege brauchen, Herr Regisseur! Auch wenn ich mich da wiederhole!“ hinzuweisen. Ernst Albert mußte selbstredend der Dame seines Herzens und Verstands recht geben. Aber leider hatte er Probe. Und wer bestieg dann das regennasse Fahrrad, fuhr hinunter an die Lahn und verhinderte in letzter Sekunde, daß ein kleiner frierender, aber trotzdem noch produktiv denkender Bär in einem Anfall von Müdigkeit von der Stoßstange eines vor sich hinrostenden SIMCA geglitten und beinahe in eine septemberliche Pfütze gefallen wäre? Oder gar eine Kastanie oder ein armer Bullizist im Auftrag eines der bundesweiten BauRÄUSCHE einen Schlag? Lassen wir das!
In Your Town. Bei Ernst Albert (und natürlich Eva Pelagia, der wahren Hüterin der Ordnung und Wärme) läuft immer lustige Musik. Und die gute alte Fensterbank ist auch schon wieder beheizt. Und wenn man rausguckt aus dem Fenster ist die Kleine Häßliche Stadt immer noch da. Und gegenüber der Höhle, auf der anderen Seite der Straße: die kleine Dependance des Musentempels lebt. Da arbeitet zur Zeit Ernst Albert und winkt manchmal hoch in Richtung beheizter (sic!) Fensterbank. Sonst? Was der Aufkleber an seiner Seite soll, weiß der Bär nicht. Aber der Aufkleber stört ihn auch nicht. Aufrechtgeher bespiegeln sich gerne! Sonst? Viel hat sich nicht verändert auf der Fensterbank seit der Bär zurückgekehrt ist vom Schrottplatz rechter Hand der Lahn. Doch! Hinschauen und Hinhören! Eines noch! Der Lütte Stan hat sich einen neuen Namen zugelegt. Er möchte jetzt mit THOMAS ADAM HOLTBY angesprochen werden. Was dies nun wieder zu bedeuten hat? Das wird der Bär auch noch rauskriegen. Aber jetzt serviert Eva Pelagia erstmal Chips mit Marillenmarmelade und Thunfisch mit Äpfeln. Geht alles rein in so einen Bärenbauch. Bald ißt Winter. Hä? Wie meinen? Bald ist Winter. Oder? Und im Bilderapparat läuft Pöhlerei. Obwohl Ernst Albert tote Hühner kocht! Und alle reden von einem Lewis Holtby. „Das ist ja interessant!“ Aber eigentlich ist Archibald heute nur eines: müde! „Tor! Tor! Tor! Tor! Spitzenreiter! Immer noch!“
Fische springen nicht, die Baumwolle wächst nicht mehr und Schluß mit dem einfachen Leben!

„Freiherr Gottfried von Herbst ließ die Nebel aus der Lahn an Land kriechen. Spinnennetze funkelten.“ Noch mal: „Freiherr Gottfried von Herbst ließ die Nebel aus der Lahn an Land kriechen. Spinnennetze funkelten. Leise klackerten die Früchte des Kastanienbaumes rhythmisch aufs Blech!“ Das stimmt so nicht. Again: „Freiherr Gottfried von Herbst ließ die Nebel aus der Lahn an Land kriechen. Spinnennetze funkelten. Leise klackerten die Früchte des Kastanienbaumes rhythmisch aufs Blech. Meinen Leib verläßt er nun: der Augenblick. Er wird nicht verweilen.“ Also, so geht das ja wohl gar nicht! Nimm Dich zusammen! Freeze! Jetzt: „Freiherr Gottfried von Herbst ließ die Nebel aus der Lahn an Land kriechen. Spinnennetze funkelten. Leise klackerten die Früchte des Kastanienbaumes rhythmisch aufs Blech. Meinen Leib verläßt er nun: der Augenblick. Er wird nicht verweilen. So schön war dieses Jahr jetzt auch wieder nicht.“ Mein Gott! Einen Versuch hast Du noch! Kneif die lyrischen Pöterbacken zusammen! Es reicht doch, wenn Dein Perfektionswahn keinen Humor hat. Also: „Freiherr Gottfried von Herbst ließ die Nebel aus der Lahn an Land kriechen. Spinnennetze funkelten. Leise klackerten die Früchte des Kastanienbaumes rhythmisch aufs Blech. Meinen Leib verläßt er nun: der Augenblick. Er wird nicht verweilen. So schön war dieses Jahr jetzt auch wieder nicht. Das Röckchen der Else Sommer: Selten ward es gelüpft!“
Bären dichten nicht oder reimen gar rum. Wenn sie dichten oder gar rumreimen, tun sie dies im Schlaf. Archibald schlief. Also dichtete er. Und reimte. Jedoch war ihm klar, daß es höchste Zeit war seinen frierenden Pöter wieder auf die beheizte Fensterbank in Ernst Alberts und Eva Pelagias Höhle zu setzen und den Schrottplatz rechter Hand der Lahn zu verlassen. Für immer? „Immer mußt Du übertreiben!“ Soweit war des kleinen Bären Bewußtsein schon fortgeschritten, daß er ab und zu seinem Unterbewußtsein eine kleine Rüge erteilen konnte. „Kann ich noch ein Gedicht?“ Das Unterbewußtsein war seinerseits so verfroren, daß es nicht in der Lage war zu antworten. Also dichtete Archibald noch mal. Für Else Sommer! Und den Sommer ohne Else! Einatmen. Ausatmen. „Sommer! Else lupft das Röckchen. Dann ist einfaches Leben angesagt. Fische springen rum. Hohe Baumwolle auch. Papa ist reich. Mama sieht total scharf aus. Kein Grund zu weinen. Und wenn es dann hell wird, singst Du ein Lied. Weil Mama und Papa auf Dich aufpassen.“ Archibald Mahler, Freizeitpoet, begann an der Dichtkunst zu zweifeln. Prinzipiell. Aber man kann solch einen Quatsch zumindest schön singen.
Dann ist er aufgewacht und herabgefallen. War es die überfrierende Nässe? Er hatte beschlossen gehabt, die letzte Nacht im Schrottplatz rechter Hand der Lahn auf der Stoßstange seines geliebten roten Simca zu verbringen. Der Schlaf war ein unruhiger gewesen. Normal! Unter seinem Pöter glitschte es plötzlich. Nacht rechts! Nacht links! Dann war es passiert. Stop! Halt! Nicht wirklich! Kurz bevor es tatsächlich passierte, war Eva Pelagia zur Stelle. Und das ist, was sie sang: (…)
I Read The News Today! OH BOY! (A Preview)

Da lagen einige Zeitungen zu seinen Tatzen. Ernst Albert hatte sie liegen lassen. Absicht? Mer waahses net! Mer munkelt’s blues! Des Bären Nase bemühte sich. Anstrengend das Ganze. Erst im Lenze des Jahres Zwanzigzehn hatte er die Kunst des Buchstabenriechens entdeckt und diese – Hier sei es gestanden! – ob der so viel angenehmeren Welt- und Waldbetrachtung, der Großen Pöhlerei Festspiele und dem zeitweiligen Wirbeln auf den Weltspielbrettern etwas bis fundamental vernachlässigt. Doch jetzt gab es kein Halten mehr. Seine Nase vibrierte und saugte ein, die Schleimhäute sortierten und interpretierten, die Synapsen trommelten Informationen in die Nervenbahnen. Es wurde gelesen. Buchstabensalate, dazwischen gegossene Meinungsdressings und meist ganz erschröcklich lieblose Bildchen sprangen dem Bären entgegen. Auf jedem zweiten Bild in den lokalen Gazetten eine kleine, bebrillte, breit grinsende Frau mit Doppelmoppelnamen – Ist das eine Studentin im 36. Semester? – beim Bierfaßanstechen, Kinderstreicheln oder Werbetafeln hochhaltend! Warum? Das reizte alle seine Rezeptoren. Intern, extern, subkutan! Der Bär mußte niesen. Die Zeitungen flogen in die Höhe, segelten herab wie übergroßes Herbstlaub. Ein neuer Mix lag zu seinen Tatzen. Gestern, heute, morgen und noch ein Tag im Leben eines Bären. I Read The News Today! OH BOY!
„Da steht ja etwas über den Musentempel, an dem Ernst Albert zur Zeit arbeitet! Das ist ja interessant! Huch! Da ist ja einer wütend! Ganz schön frech! Und da steht ja noch was! Das ist aber eine andere Zeitung. Die eine ist rot, die mit der Wut und dem Tamtam. Die jetzt hier ist blau. Und beide natürlich schwarz-weiß. Von den Buchstaben und dem Papier drum herum. In der Blauen regen sich jetzt die Anderen auf, über den, der sich so aufgeregt hatte in der Roten! Auweiah! Große Worte! Scharfe Schwerter! Uff! Wenigstens keine Fotos von der kleinen Frau dabei! Aber ganz viel Aufregung. Und warum? Muß ich mal Ernst Albert fragen, ob der mir das erkären kann!“ Archibald Mahler, mittelhessische Lokalpossen studierender Bär, begriff rein gar nichts. Oder nur soviel: Wenn der Herbst kommt, ist es sinnvoll Zeitungen in seiner Reichweite zu haben. Man deckt sich damit zu und sie wärmen den Bären mit Katastrophen, Geschwätz und einem Haufen Zweibeinerhysterie. Aber noch hingen Reste von Sommerwärme in der Luft über dem Schrottplatz rechter Hand der Lahn und streichelten den Bären und seine Nase löste sich vom Geschwurbel der Aufrechtgeher und der Trittbrettsitzer ward ganz Ohr.
Bären neigen zur Wiederholung. Das wurde hier schon mehrfach erwähnt. Sie neigen zur Wiederholung, und zwar aus Überzeugung. Honig, Aas, Lachs. Heidelbeeren, sich am Pöter kratzen, Löcher in die Luft denken, schlafen und noch mehr schlafen. Und dann wieder von vorne. Gelegentlich über Aufrechtgeher rummoppern. Zum Beispiel über ihren krankhaft doofen Hang zur masturbativen Lärmerzeugung. Wo es doch auch richtig schönen Lärm gibt! Zum Beispiel den hier, welchen er gerade vernahm. Peng! Dengel! Dongel! Plock! Pock! Tock! Pengel! Neben dem Schrottplatz rechter Hand der Lahn steht ein großer Kastanienbaum. Ist es nicht herrlich, wenn die reifen Früchte herabfallen und knallen, direktemang auf das Blech der ausrangierten Kisten, die Archibald in den letzten Tagen Asyl geboten hatten? Peng! Dengel! Dongel! Plock! Pock! Tock! Pengel! Und der Bär wurde sein eigenes kleines Wettbüro. „Die nächste Kastanie in siebzehn Sekunden! Und dann wieder eine in drei Minuten!“ Archibald grinste vor sich hin. „Das ist doch ein schönes Spiel: sich einen ganzen langen und doch noch recht warmen und freundlichen Sonntagnachmittag mit seinen Irrtümern zu beschäftigen. Ob das die Leute am Musentempel auch manchmal machen?“ Mer waahses net! Mer munkelt’s blues! Peng! Dengel! Dongel! Plock! Pock! Tock! Pengel! Und so kam die Nacht! „Gut, daß man heute eine Zeitung neben sich liegen hat.“ Das dachte der Bär.