Archibald schaut Welt


Archibalds Intertextualität kommt beinahe mit Herrn William Kotzwinkle ins Gehege, Mann!
22. Februar 2010, 15:04
Filed under: Anregende Buchstaben

dorkie“Mann Bärchen, hast Du sie noch alle?” Ernst Albert war ins Zimmer geplatzt. Und dies ausgerechnet am heiligen Potzrembel-Tag. Ernst Albert war auf der Suche nach seiner Sonnenbrille, weil die ganze Nacht  Stahlzigarren zu gucken und dabei alternierend Grauburgunder von Aldi und Cabernet Sauvignon von Lidl zu trinken nicht nur das Hirn gehörig verspannt, sondern auch die Lichtempfindlichkeit schmerzhaft verstärkt. Übellaunigkeit erfüllte das Zimmer. “Originalität gibt`s sowieso nicht, nur Echtheit? Pustekuchen, Herr Plagiator! Da sei der göttliche Horse Badorties vor!”, sprach also Ernst Albert, riß Archibald die Brille von der Bärenschnauze und hielt seinem Hausbär ein vergilbtes, kaffeebeflecktes und freudig zerlesenes Buch unter die Nase. “Mir scheint da will wohl ein Bär nach oben. Hier! Lese! Bär!” Und weg war er. Die Haustür fiel knackend ins Schloß.

Da saß nun Archibald, ein speckiges Buch in den Tatzen und wußte nicht wie ihm geschehen war. “Horse Badorties! Plagiator! Lesebär!” Er verstand kein Wort. Sicher, wenn sich die Blätter in der Heimat der Bären dort jenseits der Meere rot, gelb und bunt färben und nachts die ersten Pfützen zufrieren, ist es sinnvoll Beeren und Blätter und Käfer und Mäuse zu lesen, um sie zu verspeisen und Fett anzusetzen. Aber was hat dies mit dieser gelblichen Ansammlung wahrscheinlich übel schmeckender Blätter zu tun? Archibald kratzte sich an seinem Bärenhintern, was Bären nun mal machen, wenn sie angestrengt über etwas nachdenken. Er schlug das Büchlein auf und sah viele verschiedene schwarze Punkte und Zeichen auf dem gelben Papier, wobei  jede Seite ein etwas anderes Gesicht hatte. Bald jedoch stieß er auf eine sehr seltsame Seite, ach was, sechs, sieben solcher Seiten hintereinander. Er sah vor sich eine Ansammlung immer gleicher schwarzer Zeichen, die sich wiederholten und wiederholten und wiederholten, als sei eine gigantische Mäuseschar über das sandige Ufer eines Baches gelaufen. Fasziniert blickte er auf diese Mäusespuren, immer und immer wieder und fiel nach kurzer Zeit in einen tiefen Schlaf. Und es träumte ihn, wie er in einem knallgrünen Sommerwald Heidelbeeren las und Käfer und Larven, als er plötzlich am Ufer eines Baches voller Mäusespuren, die aussahen wie die Mäusespuren aus Ernst Alberts gelben Buch, einen alten bärtigern Mann erblickte, der sich, als Archibald gebannt auf ihn zutapperte, als ein Herr William Kotzwinkle vorstellte und ihm ein vergilbtes und mit Kaffeeflecken garniertes Buch überreichte und dabei sprach: “Fang am besten damit an, mein kleiner Lesebär.” Woraufhin der bärtige Mann aufstand und im knallgrünen Wald verschwand, tiefer und tiefer. Und Archibald konnte noch in der Ferne hören, wie Herr William Kotzwinkle dabei lachend ein einziges Wort vor sich hersagte. Immer und immer wieder. “Dorkie!” Ja! “Dorkie! Dorkie! Dorkie! Dorkie!” Archibald erwachte. Erfrischt. Aber er hatte auch das  Gefühl, daß er seit Tagen eigentlich etwas ganz anderes erzählen wollte. Und sein rechtes Bein fing an zu jucken. Wie damals nach der Anoperation.

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Es ist mal wieder Potzrembel-Tag!
22. Februar 2010, 10:37
Filed under: Archibalds Geschichte

potzrembeltagArchibald spürte eine mittelschwere Verbitterung in sich aufsteigen. Der gestrige Schnee, so schnell er gekommen war, so schnell hatte er sich weggetaut. Und wenn ein Bär etwas nicht leiden kann sind es Sprunghaftigkeit und Unzuverlässigkeit. So beschloß also Archibald heute seinen allmonatlichen Potzrembel-Tag einzulegen. Der Potzrembel-Tag ist ein Ritual der Soquatschi-Indianer, die in der alten Bärenheimat jenseits der Meere leben. Durch fortwährende Wiederholung des Wortes Potzrembel reinigt man sein Bewußtsein, befreit es von den drin angehäuften Trümmern und Spinnweben. Und heute war ein guter Tag für einen Potzrembel-Tag. Also lieh sich Archibald von Ernst Albert, der immer noch schlief, weil er bis in die frühen Morgenstunden Stahlzigarren in einer Rinne aus Eis in seinem Bilderapparat geschaut hat, eine Sonnenbrille, setze sie auf und sprach:

Potzrembel Potzrembel Potzrembel Potzrembel Potzrembel Potzrembel Potzrembel  Potzrembel Potzrembel Potzrembel Potzrembel Potzrembel (Archibalds Gewissen klopft an) Potzrembel Potzrembel Potzrembel Potzrembel Potzrembel Potzrembel Potzrembel Potzrembel Potzrembel Potzrembel  Potzrembel Potzrembel Potzrembel Potzrembel Potzrembel Potzrembel Potzrembel Potzrembel Potzrembel Potzrembel (Du wolltest) Potzrembel (etwas erzählen) Potzrembel Potzrembel Potzrembel Potzrembel Potzrembel Potzrembel Potzrembel Potzrembel Potzrembel Potzrembel Potzrembel Potzrembel Potzrembel Potzrembel Potzrembel Potzrembel  Potzrembel (Das abbe Bein) Potzrembel Potzrembel (Die Anoperation) Potzrembel Potzrembel Mann! Mann?

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Archibald beginnt sich zu sortieren
21. Februar 2010, 10:08
Filed under: Draußen vor der Tür

schnee2Archibald war gestern nicht wirklich in der Lage gewesen aus dem Fenster zu blicken. Das heißt, er schaute durchaus hinaus, aber was er sah hinterließ keinen Eindruck, es rauschte durch seine Iris über die Synapsen ins Kleinhirn und von dort aus mit jedem Ausatmer durch die Nasenlöcher wieder hinaus in die Welt. Die Stahlzigarren, die fallenden Mädchen und der ganze Unsinn in den Bergen auf der anderen Seite des Meeres ließen ihn nicht los. Er spürte, wie seine Bärenruhe zu einer Art Hundehibbeligkeit mutierte. Das mochte er nicht. Ihm war, als verklebten Spinnweben die Furchen seines Hirnes. Doch es rettete den Bären Eva Pelagia. Eva Pelagia teilt sich in Archibalds Behausung – und das sollte man wissen – mit Ernst Albert Bett und Tisch und vieles mehr. Sie hole jetzt den neuen Schrank ab, rief sie Ernst Albert zu und verließ die Wohnung.

Durch Archibalds Schädel wehte ein belebender Wind.  Schrank! Schrank! Schrank! Da war sie die Lösung. Archibald beschloß sich einen Gedankenschrank zu bauen mit vielen Fächern und Regalen. Und in diese Fächer und Regale würde er dann seine Gedanken einordnen und sortieren. Wichtige, ganz wichtige, nutzlose, vollkommen sinnlose und fundamental brauchbare Gedanken. Und so baute Archibald im Dienste der Wiederherstellung seiner Bärenruhe vor seinem inneren Bärenauge einen wunderschönen Gedankenschrank. Nach erfolgreicher Bauabnahme des Gedankenschrankes begann Archibald als erstes die Stahlzigarren, die fallenden Mädchen und den ganzen Unsinn in den Bergen auf der anderen Seite des Meeres in das Fach “vollkommen sinnlos”  einzusortieren. Und wie er nun abheftete, ablegte, ordnete und sortierte, erschrak er ganz gewaltig, als er zur Entspannung kurz aus dem Fenster blickte. Draußen vor der Tür zogen nichtendenwollende Menschenschlangen vorbei und schleppten Tüten und Taschen voller Lebensmittel, Elektroartikel, Kleidungsstücke und Kopfschmerztabletten in ihre Höhlen. Ein Bär tut dies nur, wenn der Winter sich ankündigt. Potzrembel! Ein Gedanke verdrängte alle anderen Gedanken in Archibalds Kopf. Doppelt Potzrembel! Der Winter kommt, es gilt sich vorzubereiten! Und so ließ Archibald das Abheften, Ablegen, Ordnen und Sortieren sein, konzentrierte sich auf die kommende Jahreszeit und schlief darüber ein, verwirrt. Und als Archibald heute morgen aufwachte, da war er da, gekommen über Nacht wie es so seine Art: der Winter. Archibald stutzte. War Väterchen Frost nicht schon vor einigen Tagen zu Besuch gewesen? Und dies für längere Wochen und Monate? Hieße dies nun, Archibald habe den ganzen Sommer verschlafen? Einen Sommerschlaf getätigt und somit erfunden? Archibald schaute an sich herauf und herab, konnte aber keinerlei Anzeichen einer Alterung an Fell und Tatze feststellen. Auch fühlte er sich putz und munter. Nur sein Kopf dröhnte ein wenig vom Denken. Sapperdautz, dachte Archibald, jetzt habe ich aber ein fundamentales Problem, welches es zu bedenken gibt, bevor ich es abhefte, ablege, ordne und sortiere. Und so vergaß er ganz, was er heute eigentlich erzählen wollte, nämlich wie damals sein abbes Bein anoperiert wurde. Aber morgen ist auch noch ein Tag.

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Besser ans Fenster, denkt Archibald
19. Februar 2010, 12:55
Filed under: Öffentliche Leibesübungen

archi_fenster2Das ist so eine Sache mit dem Eis und den Bergen und den Schlitten. Da war Ernst Albert schon längst im Bett, als Archibald sich immer noch die Augen viereckig schaute mit Eis und Bergen und Schlitten und dann noch mehr Zeugs mit Eis und Bergen, aber auch ohne Schlitten. Da war zum Beispiel  eine Frau, die ist mit langen Brettern an den Füßen und vier gebrochenen Rippen und – was immer das sein mag, dachte sich Archibald – einem Lungenfellriss  in die Wälder gerannt, tiefer und tiefer, ist dann wieder rausgekommen und umgefallen und konnte gar nicht mehr laufen. Weder mit Brettern, noch mit den eigenen Beinen. Und sprechen konnte sie auch nicht mehr. Und dann war da eine Rinne voll mit Eis und da rasten Stahlzigarren runter, mit Menschen drin und dann fielen die Stahlzigarren um und die Menschen lagen darunter und mußten rausgezogen werden. Woraufhin der Mann im Bilderapparat, der immer zwischen den Filmen mit Eis und Bergen und Schlitten sprach, sagte, da dürfe man nicht drüber reden oder schimpfen, weil alles gut sei und ein Fahrfehler. Fahrfehler, dachte Archibald, wenn man sein Bein verliert, ist das auch ein Fahrfehler? Und am Schluß hat dann einer, der wohl keinen Fahrfehler gemacht hat, ein Stück Metall umgehängt bekommen, und weil alle ein Foto vom ihm machen wollten mit dem Metallstück um seinen Hals, hat er reingebissen in das Metallstück und ein Zahn ist ihm abgebrochen. Seltsam, seltsam.  Archibald spürte auf seiner Bärenstirn ein massives Bärengrübeln wachsen. Wer noch nie ein Bein verloren hat, macht offenbar gerne seltsame Dinge, sagte er leise vor sich hin und merkte gar nicht, daß er gerade dabei war das Sprechen der Menschen zu beginnen. Aber davon später.

Besser ans Fenster, dachte nun Archibald und räumte das rote Sofa vor dem Bilderapparat, nicht ohne vorher die Erdnüsse, die Ernst Albert dort hatte liegen lassen, aufzuessen. Bären dürfen das. Für die ordentliche Beseitigung von Lebensmittelresten ist seit jeher der Mensch zuständig, nicht der Bär. In der ursprünglichen Heimat der Bären ist dies sogar ein Gesetz.

Nun denn, wollen wir heute kein Gescheitbär sein, murmelte Archibald und nahm wieder Platz auf seiner Fensterbank, um nachzudenken. Zum Beispiel darüber, wie das jetzt genau vorgegangen ist, damals, als sein abbes Bein wieder anoperiert wurde. Da sah er jenseits der Fensterscheibe, daß dort wo vor wenigen Stunden noch der Schnee geglitzert hatte, nun alles voller grüner und brauner Pfützen war. Und überall  lagen Zigarettenkippen und Konfettireste und Hundekackhaufen. Und dann sah er, wie auf der anderen Straßenseite ein Kind aus der Haustüre kam, und hinter dem Kind eine Frau. Und die Frau hat dem Kind eine Tasche hinterher getragen. Daß dies die Tasche von dem Kind war, konnte Archibald sehen, denn auf der Tasche waren lauter bunte und verkleidete Bären – igitt – und sie war rosa. Und so eine Tasche, dies weiß sogar ein Bär in Mittelhessen, besitzt kein erwachsener Mensch. Und warum die Mama dem Kind die Tasche trägt, die doch ganz klein und leicht und leider potthäßlich war, hat Archibald nicht verstanden. Darüber ist er eingeschlafen. Und ihm träumte, daß er morgen die Geschichte erzählen würde, wie sein abbes Bein anoperiert wurde. Ganz sicher!

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Archibald schaut weiter hin
18. Februar 2010, 11:17
Filed under: Öffentliche Leibesübungen

archi_olympischAlso hatte Archibald aus dem Fenster geschaut, aufmerksam. Viel hatte sich nicht getan. Der Schnee lag entspannt und sonnenbestrahlt auf der Erde rum. Zwei schwarze Vögel pickten kleine schwarze Löcher in die weiße Oberfläche. Dann zog der Himmel sich zu, grau und feucht, und in Archibalds Bärenkopf bummerte das heranziehende Tief. Bären und Tauwetter haben keine wirklich innige Beziehung zueinander. Tauwetter heißt für Bären nichts anderes als Aufstehen und Dinge tun zu müssen. Archibald fing an über den Frühling nachzudenken. Dann wurde es hinter seinem Rücken laut. Er drehte sich um. Ernst Albert schaute  in seinem Bilderapparat ein alle vier Jahre stattfindendes Sportereignis. Er fluchte vor sich hin. Das tut er meistens, wenn er diesen Bilderapparat angestellt hat. Selbst dann, wenn er kein Bier beim Gucken trinkt. Mädchen und Frauen fuhren einen sehr steilen Berg herunter und viele fielen hin. Weil der Berg zu steil und zu schnell war. Archibald erschrak. Er weiß nämlich aus eigener Erfahrung, wie leicht man ein Bein verlieren kann. Und als das alles zu Ende war und eine gewonnen hatte, weil das ist ja das Wichtigste, daß da immer wer gewinnt, haben sie im Apparat noch mal Bilder gezeigt von den herumfallenden Mädchen und Frauen. Das sah etwas unbeholfen aus. Und der Ansager machte dazu dann lustig gemeinte  Bemerkungen. Die waren aber nicht lustig. Ernst Albert fluchte: “Zynischer Schwachkopf. Diesen  Quatschsack sollte man in einen gelben Sack stecken und den Berg runterkugeln lassen. Dann hat er seine spätrömische Dekadenz. Hier und Heute. Panem et Circenses.” Archibald verstand das alles nicht. Aber es gefiel ihm, wie Ernst August fluchte.  Jedoch vergaß er darüber, was er eigentlich erzählen wollte. Nämlich wie sein abbes Bein wieder anoperiert wurde. Da mußte er jetzt noch mal richtig drüber nachdenken. Aber dann kam noch mehr mit Eis und Bergen und Schlitten in Ernst Alberts Bilderapparat. Und Archibald hat hingeschaut.

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Archibald schaut aus dem Fenster
17. Februar 2010, 16:51
Filed under: Archibalds Geschichte

archi_fensterDer Aschermittwoch ist ein guter Tag, um damit zu beginnen. Also beschloß Archibald nun öfters aus dem Fenster zu schauen. Zuletzt war er meist ruhig in seiner Ecke gesessen und ließ die Welt durch sich hindurchwehen wie Zugluft. Denn ihm war nicht wirklich nach der Welt da draußen und damit verbundener Erkenntnis, solange er sich tief in seinem Herzen noch wie eine Fundsache fühlte. Menschen aus Fleisch und Blut mögen dies vielleicht Trauma nennen. Archibald jedoch fühlte sich eben wie eine Fundsache. Und dies war er nun mal auch.

Vor einiger Zeit, genauer gesagt im Mai des Jahres 2006, hatte Ernst Albert, sein jetziger Chef und Besitzer, ihn auf der Straße gefunden. Und um präzise zu bleiben, Ernst Albert hatte zuerst das abgetrennte rechte Bein des Bären Archibald auf der Strasse entdeckt, es fragend aufgehoben, um dann etliche Meter weiter in einem Gebüsch am Straßenrand den dazu gehörigen Besitzer des Beines  zu entdecken, dieses braune Ding aus Stoff und Holzwolle, welches, um auch hier präzise zu bleiben, erst  Monate später auf den Namen Archibald getauft wurde. Da Ernst Albert an diesen Tag betrunken war, was er – der Wahrheit die Ehre – manchmal ist, hat er den zweiteiligen Bären in seine Jackentasche gesteckt und mit in die nächste Kneipe getragen. Und beinahe hätte er Archibald den Einbeinigen inklusive Zweitbein dort einer Bedienung geschenkt, auf die er zu dieser Zeit sein trübes Auge geworfen hatte. Doch da war die Vorsehung vor. Und Eva Pelagia ante portas.

Aber das ist eine neue Geschichte. Und solange schaut Archibald erst mal aus dem Fenster. Langsam, ganz langsam.

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