Beiträge vom 12. Mai 2010

„Yassou, Eyjafjallajökull! Ti kanis? Isse kala?“

Mittwoch, 12. Mai 2010 9:49

dino2

Es wurde gelüftet. Archibald schwang sich auf das Fensterbrett. Feuchtkalte Luft schlug ihm entgegen, und jener Geruch, der Hunde kläffen läßt und sensible Bären nachdenken: der Geruch des Angstschweißes der Aufrechtgeher. Und glitzerten nicht schon wieder kleine Aschepartikel im diffusen Morgenlicht, wie einst im Heckerland, als der Himmel tagelang nicht von Kondensstreifen zerkritzt und zerkratzt wurde? Ja, es roch stechend, es roch aggressiv und laut da draußen. Die Buchstaben auf den Titelseiten der Mitteilungsblätter, welche am Kiosk auf der anderen Straßenseite aushingen, waren so groß und rot, daß sie von der Seite zu rutschen drohten. Wenn die alte Bärenseele in ihm es nicht besser gewußt hätte, hätte Archibald Herrn Ernst Albert heute gebeten ihm ein One Way Ticket auf der Arche Noah zu buchen – falls sie noch in Betrieb ist. Nur wohin ginge dann die Reise? Die alte fadenscheinige Hoffnung der Zweibeiner, es gäbe irgendwo auf dieser Welt einen Ort, an dem man sich vor sich selbst in Sicherheit bringen könnte: Pustekuchen, um es mal salopp und präzise auszudrücken. Denn das hatte Archibald begriffen, die Frage: „Poo kostisi afto?“, stellt der Aufrechtgeher nach dem Genuß gar nicht gern. Aber irgendwann kommt der Ober oder der Vulkan, die Bohrinsel oder der Gletscher, das überstrapazierte Konto oder ein letzter Rest von Verstand und spricht: „Ella, ton logariasmo, parakalo!“ Und der Schnitter steht am Horizont, winkt und ruft: “Kalinichta!“

Was machte nun ihn, Archibald frösteln? Er dachte nach. Eins war gewiß, nie mehr wollte er zweigeteilt auf einem Platz im Zentrum einer kleinen häßlichen Stadt in Mittelhessen liegen. Nie mehr nicht Einer und schon gar ein Anderer, als der, der er nun ist, sein. Nicht seinem abben Bein hinterher jagen, oder spüren, wie ein abbes Bein ihn verfolgt. Nein, das auf keinen Fall. Und das Morgen sollte ihm nicht allzuviel Sorgen bereiten – gut, ein Leben ohne Ernst Albert, Eva Pelagia und dem geheimen Fieberthermometerhalter, das wollte er sich lieber nicht vorstellen – aber Archibald war sich klar, als Weltschauer sind seine Eingriffsmöglichkeiten in Sachen Lauf der Dinge sehr begrenzt und das Einsortieren aller Vergangenheiten und der daraus gezogenen Schlüsse in den Gedankenschrank, das schien ihm Arbeit genug. Der Himmel verfinsterte sich gänzlich unmaienhaft. Man schloß die Fenster.

Im Warmen auf der Heizung sitzend, kam Archibald eine Erkenntnis. Und was, wenn die größte Angst der Aufrechtgeher ist, von ihrer Ängsten aufgefressen zu werden? Oder vielleicht doch von einem Sauropoden? Im Rahmen des selbst auferlegten Auftrags, sich von heut an zu organinizieren, beschloß er für morgen eine Expedition auszurüsten, eine Expedition auf der Suche nach der Angst der zahlungsunwilligen Zweibeiner. Morgen, wohlgemerkt, morgen. Falls es nicht zu heftig regnet. Solange machte er es sich erstmal auf der Heizung bequem. Er schlief ein. Er träumte unruhig. Aaaarghhh!

Thema: Draußen vor der Tür, Küchenschypsologie | Kommentare deaktiviert | Autor: Christian Lugerth