DR. A. MAHLERS GESAMMELTE BÄNKE X

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Archibald Mahler ist entzückt. Alles so schöne Bänke hier. Er kann sich gar nicht entscheiden. Bänke und Ruhe. Weiße Schäfchenwolken jagen über den vorpfingstblauen Himmel. Warum war er hier noch nie gesessen? Den ehrenwerten Ernst Albert kann man nicht mehr fragen. Der hat den Bären hierher geführt und jetzt ist er weg. Eva Pelagia wird bald – halt, keine Zahlen! – jedenfalls feiert sie demnächstens einen sehr runden Geburtstag. Viel zu tun für jemanden, der liebt. „Jetzt sitz ich endlich hier! Gut so!“ Archibald Mahler bleibt entzückt. Der Bär läßt die Blicke schweifen über all diese Sitz – und Denkangebote auf dem Alten Friedhof der hier und heute überhaupt nicht Häßlichen Kleinen Stadt in Mittelhessen. Welche Perspektiven! Sich treiben zu lassen von Bank zu Bank und über jenen, die hier ruhen, hirnen über Vergangenes und Morgiges und überhaupt. Und die Ruhe! Und die Bäume so alt und die Steine und die Erinnerungen und knirschender Kies unter den Pfoten beim Gang von Bank zu Bank. Und – nicht vergessen – der Sammlung der Bänke des Herrn Mahler wahrhaftige Perlen hinzufügen zu dürfen. Der Bär euphorisiert gerade etwas vor sich hin. Hebt er ab? Keine Sorge, denn da ist der Aufrechtgeher vor. In diesem Fall eine Aufrechtgeherin in Begleitung eines kleinen Vierbeiners, der natürlich nicht an den Ausgehstrick gebunden. Freiheit, Du kostbares Gut! Hier mag man sich austoben! Wo die Toten wollen ruhn! Der kleine Vierbeiner – Ernst Albert hätte ihn wohl, politisch unkorrekt, jedoch in allen anderen Belangen auf den Punkt, als Genitalstimulierdackel bezeichnet (Wieso schreibet ihr it eifach Vozzelecker? Gruß vum Säzzer!) – scheint auf der Flucht zu sein. Verständlich! Die übers Kies stöckelnde Aufrechtgeherin ruft das arme Viech in einem Gemisch aus deutschen, englischen und spanischen Wortfetzen zur Raison. Sie versucht es zumindest! Nun, wer in Mittelhessen leben muß, möchte wenigstens beim öffentlichen Erziehen eines Dackels eine gewisse Weltläufigkeit an den Tag legen. Und jetzt? Archibald Mahler kneift die Augen zusammen. Glaubt er das? Er muß, denn er sieht es. Das Viech wird zum Dreibeiner, einer seiner vier Laufstecken schwebt über einen Grab. Es wird doch nicht, das Viech? Der Bär schließt die Augen. Der Schändung einer gottgeweihten Ruhestätte möchte er nicht beiwohnen. Schändlich! Und da fällt ihm eine Geschichte ein. Er öffnet die Augen. Die hysterische Stöckeltante ist verschwunden, ebenso das Tier. Hat man es getan? Vielleicht! Und die Geschichte? Was ist mit der? Ab morgen. Erst mal eine neue Bank!

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Autor: Christian Lugerth
Datum: Samstag, 11. Juni 2011 16:40
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