Archibald schaut Welt


DAS HAUS RUNTERBRENNEN. HUNDERTPROZENT GETRÄNKE. STRASSENHAUSTRAURIGLIED.
24. Oktober 2010, 15:29
Filed under: Musentempel

premiere

„Herr Mahler?“ (Stille. Schnarchen. Stille.) „Herr Mahler? Der fällt mir noch vom Hocker. Herr Mahler, kruzitürken!“

(Man erwacht.) „Ähem?“

„Müssten die Koffer nicht schon längst gepackt sein?“

„Da sagen Sie was! Was sagen Sie da? Ach ja! Sicher!“

„Sicher scheint mir bei Ihnen heute nur das Licher, wenn ich mir als angehender Mittelhessenpatriot diesen Kalauer erlauben darf!“

„Nun gut, bester Mister Holtby. Das Haus brannte gestern und man löscht, wo man kann!“

„Sie fallen! Haltung, Herr Mahler! Haltung und fassen Sie sich!“

„Hören Sie das Lied!“

„Der alte und verehrte Ire?“

„Wer sonst?“

„Nicht zu überhören!“

„Hundertprozent!“

„Sicher! Ich mahne lediglich ein zweites Mal. Der Koffer! Die See! Etezeh!“

„Sie haben recht.“

„Bewegung!“

„Ich erwachte des Morgens und gab mir dann ein Bier!“

„Wie meinen?“

„Strassenhaustrauriglied!“

„Von den TÜREN?“

„Von den TÜREN!“

„Na dann halten Sie Ihre Augen auf der Straße und die Hände am Lenkrad!“

„Das macht der Lokführer!“

„Da bin ich aber froh. Hauen Sie schon ab. Ich muß ans Radio. Der BVB!“

„Hömma?“

„Hömma!“

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DAS SCHWERE HERZ DES BÄREN ERLÖST DER RUF DER SEE
23. Oktober 2010, 14:40
Filed under: Musentempel

marlene2

So war es passiert. Der Bär war wieder in Liebe gefallen. Eigentlich wollte er es nicht. Aber was sollte er tun? Ihm war nicht zu helfen. Was dann geschieht, dies wissen wir alle. Das klare Denken hat ein Ende und es wird unablässig und im Kreise herum gegrübelt. Die eine Frage nur. „Warum bin ich kein Genie?“ Denn soviel hatte Archibald Mahler, Bär ins Herzensnot, begriffen: dieses Aufrechtgeherweib umgab sich gerne mit Genies, die zwar inzwischen alle tot waren, aber ein Genie mußte man aus Prinzip schon sein, wenn man länger in ihrer Nähe bleiben wollte. Oder verdammt gut Klavier spielen und den Boden wischen können, wie der Mann mit den angeklebten Haaren. Damit konnte der Bär nicht dienen, aber gescheit in die Welt schauen und davon berichten. Ob das aber reicht? Er blieb einfach mal neben dem alten Foto sitzen und staunte. Und schmachtete auch etwas. Das Foto ließ ihn gewähren. Dann schob sich die schimpfende alte Frau wieder über die Bühne und sah der Frau aus dem Buch immer ähnlicher und sang und schimpfte und sang und war traurig und wütend und sang. Und Archibald begriff langsam, daß die Frau aus dem Buch gar nicht mehr lebt und die schimpfende Frau so eine Art Stellvertreterin der Erinnerung war, aber gar nicht die Kopie der toten Frau, sondern etwas ganz eigenes, kein Abziehbild, sondern ein Echo von längst Vergangenem. Und dann sagte Ernst Albert, daß jetzt Schluß sei mit dem Rumgespiele und ein Aufrechtgeher kam und küßte die schimpfende Frau und der war ihr Mann. Und da war Archibald dann etwas verwirrt, alle Männer wären tot, hatte sie doch immer gesagt und jetzt das. Die Musentempelei barg offensichtlich noch etliche Geheimnisse, die es zu erforschen galt. Er brauchte Hilfe. Herr Albert?

Mit Herrn Ernst Albert war nun aber rein gar nichts anzufangen. Er hatte noch mal rumgemoppert und ein paar letzte Anweisungen gegeben und dann fiel er in ein Bierglas und in ein kleines Loch der Traurigkeit. Seine Arbeit war getan und jetzt sollten die schimpfende Frau, der Mann mit dem schwarzen Kasten und alle anderen, die da rumwuselten, das Schiff selber übers Meer der Unwägbarkeiten, Hoffnungen und Ungewißheiten steuern. Zeit zu gehen war es und dies fällt nun manchmal schwer, vor allem wenn es notwendig ist. Also drehte sich Herr Albert heute im Kreis. Selbst die wunderbare Eva Pelagia ließ ihren Herrn Albert vor sich hinbrutteln und – bröseln. Dann kann keiner helfen und morgen – nach der Premiere – ist es dann auch vorbei. Und wie Archibald so an die Frau seines Chefs dachte, merkte er, daß es vollkommen blödsinnig gewesen war, sich neu zu verlieben. Er war es schön längst. Wer sich so um ein abbes Bein kümmern kann! Und um Heidelbeermarmelade! Und den Lütten Stan hat sie auch in die Höhle mitgebracht! Also! Aber weil das Verliebtsein an und für sich ein kostbarer Zustand ist, ließ er sein Herz noch ein paar Minuten die sinnlose Schwere genießen und seine Bärenaugen saugten sich an diesem herrlichen Antlitz fest.

Und dann füllte sich das einsame Zimmer der schimpfenden Frau. Stimmengewirr. Gelache. Umarmungen. Ein Fieber köchelte vor und hinter den Kulissen. Lampen an und aus. Gerenne. Geschenke. Die Aufrechtgeher umarmten sich und spuckten sich gegenseitig auf den Rücken und riefen immer wieder: „TEUTEUTEU!“ Was das jetzt wieder soll? Die Luft wurde etwas dick und stickig und man starrte gebannt auf den schwarzen Kasten und das falsche Fenster im Zimmer ohne Fenster. Hinter den Wänden des Zimmers wurde die Luft elektrisch. Der Mann mit den angeklebten Haaren wischte noch mal den Boden des Zimmers, obwohl der schon total sauber war. Warum? Ernst Albert packte seinen Bären. „Komm, Archibald, wir hauen ab!“ „Wohin?“ „Das Meer will Dich sehen.“ „Auweia! So kurz vor dem Winterschlaf?“ „Und es gibt Sprotten ohne Ende!“ „Nein?“ „Und ob!“ „Dann mann tau und Leinen los, Käptn!“ „Ahoi!“

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DER MANN MIT DEN ANGEKLEBTEN HAAREN PASST AUF DIE ALTE FRAU AUF
22. Oktober 2010, 12:48
Filed under: Musentempel

marlene1a

Dann war Pause im Musentempel. Archibald guckte aus dem Tor heraus, auf das er bis gestern immer nur drauf geschaut hatte. Ein wenig stolz war er schon. In einem richtigen, kleinen Musentempel unbehelligt sitzen zu dürfen, umsonst auch noch und in die draußige Welt zu blicken! Ein Musentempelbär! Gibt es nicht so oft. Ganz vorsichtig formten Archibalds Lippen das Wort „Alleinstellungsmerkmal“, um es im selben Moment wieder zu verwerfen. Wieder so ein Aufrechtgeherschmonzes. Das einzig Alleinige an ihm war, daß er bemerkte, daß er im Moment tatsächlich allein in diesem Raum mit dem falschen Fenster war. Die schimpfende Frau und der Mann vom schwarzen Kasten rauchten und der Rest tratschte und rödelte hinter den Kulissen herum. Der schwarze Kasten, aus dem die Musik kam, der interessierte den Bären. Und da saß er nun auf diesen beweglichen weißen und schwarzen Stäben. Die Stäbe gaben unter seinem Gewicht nach und Musik quoll aus dem Kasten. Etwas unorganisiert, etwas schräg, aber – Pöter hoch, Pöter runter – durchaus rhythmisch. Der Arsch eines Bären ist nun mal kein Artur Rubinstein.

‚Marlene’! Das stand auf dem großen Buch, welches anstelle von Noten auf dem schwarzen Kasten mit dem Namen Bechstein stand. Vorsichtig schlug Archibald das schwere Buch auf und war im selben Moment versunken. Versunken im aufregenden, turbulenten, tragischen, kämpferischen und wilden Leben dieser Frau, die wohl Marlene hieß und von der das Buch erzählte. Und Fotos sah er. Fotos ohne Ende. Fotos aus einer Zeit, als die Welt der Aufrechtgeher anscheinend noch schwarz-weiß war. Und im Zentrum all der Bilder immer diese strahlende Frau, und die Männer standen um sie rum und umschwirrten sie. „Wie Motten eine Glühbirne!“ Das schoß dem Bären durch den Kopf. Diese Frau gefiel ihm. Sein Bärenherz pochte schneller als gewöhnlich, denn für alle Arten von ganz besonderer Schönheit, sind Bären ganz besonders empfänglich. Sei es jetzt ein schöner Lachs, fallende Blätter, ein glitzender Fluß im Sommerlicht oder eine Frau mit solchen Augen. Mit Augen, die die Kameras, welche sie zu Tode fotographiert hatten, aufzufressen schienen. Und ihm fiel auf, daß die alte schimpfende Frau mit dem rollenden Gestell der Frau aus dem Buch in manchen Momenten sehr, sehr ähnlich sah. Und das falsche Fenster? Und der Stuhl mit den zwei großen Rädern rechts und links? Was hatte das alles zu bedeuten?

Die Aufrechtgeher und auch Herr Ernst Albert hatten ihre Pause beendet und jetzt sollte gesungen werden. Archibald räumte seinen Platz. Der blonde Mann mit den gelb-weißen Schuhen hatte sich inzwischen die Haare mit irgendeiner Paste an seinen Kopf geklebt. Er sah ganz anders aus. Er setzte sich an den schwarzen Kasten und holte – im Gegensatz zu Archibalds Pöter – richtig schöne Musik aus den weißen und schwarzen Holzstäben. Die Frau sang. Und egal was und wie sie sang, der Mann mit den angeklebten Haaren paßte immer auf, daß die Musik an dem, was die Frau sang dran blieb und das sich alles wunderbar zusammenfügte, im Ohr und im Herzen des zuhörenden Bären und auch der Anderen. Und dann machten sie zusammen ein Lied, wo der Bär nur die Hälfte verstand, weil die Frau in fremden Zungen sang. Denn auch wenn Archibald massenhaft Verwandte in Nordwyoming oder Kamschatka hat, des Englischen oder des Russischen ist er nicht mächtig. Und in Paris gibt es Bären bestenfalls im Jardin zoologique und an seine eingesperrten Genossen und Knuts möchte er gar nicht erinnert werden. Aber schön war dieses Lied trotzdem. Aber voller Schmerz. Und so wehmütig. Und für eine gewisse Wehmut ist ein Bär, der sich innerlich auf den bevorstehenden Winterschlaf vorbereitet, durchaus anfällig. Archibald setzte sich neben Ernst Albert und fragte, ob er ihm mal – nur ganz kurz – ein Tempotaschentuch ausleihen könnte.

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21. Oktober 2010, 16:47
Filed under: I Read The News Today!

friedhof

Und weil Archibald Mahler den Alten von Bergedorf schätzen gelernt hatte, war er heute recht traurig. Die Frau des Alten ist gestern gestorben. Wenn alle Aufrechtgeher so tapfer und gerade heraus wären wie diese Frau, dann müßte sich Archibald auch nicht so oft über die Aufrechtgeher aufregen. Das dachte er. Und er dachte daran, was die alte Frau in der Musenhöhle mit dem Rollwagen gestern gesagt hatte. Daß da oben sowieso keine Engel rumschwirren würden, da dran zu glauben wäre albern, und dann könnte man sie auch in einen Müllbeutel stecken, wenn sie tot sei. Weil vorbei vorbei ist. Das Sensibelchen in Archibald zuckte da zwar etwas, aber das stimmt dann wohl und dann ist es auch tröstlich. Für den, der gegangen ist. Vorbei ist für immer vorbei. Für den, der bleiben muß oder will, ist es etwas schwieriger. Und so hoffte der Bär auch, daß die Nachricht vom Tode seiner Frau den Alten von Bergedorf nicht mitnimmt. Wohin auch immer. Das dachte der Bär heute auch noch. Und daß,  jetzt wo überall die alten Fotos von ihr zu sehen sind, diese Frau Loki Schmidt ein beeindruckend lebendiges Gesicht hatte. Ein schönes Gesicht! Ja!

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EINE ALTE FRAU SCHIMPFT, SINGT LIEDER UND DIE GRÜNE LAMPE IST TOLL
21. Oktober 2010, 13:20
Filed under: Musentempel

marlene1

Als wirklichen Profi im Musengewerbe würde sich Archibald Mahler, Bär der heute mal die Strassenseite gewechselt hatte, nicht bezeichnen. Aber etwas Erfahrung in der Darstellerei und anderen Musentempelaufgaben hatte er doch schon gesammelt, als er diesen Sommer zusammen mit Herrn von Lippstadt-Budnikowski (seit neuestem Mister Holtby genannt) unten am Lausebacher See die Sommerseespiele auf die wackligen Bretter gestellt hatte. Nach der Premiere jedoch war er sich recht sicher, daß es für einen Bären, der so gestrickt war wie er und dessen Lieblingsbeschäftigung das aus dem Fenster schauen und das über die Welt nachdenken ist, nicht zu vergessen der regelmäßige und konzentrierte Verzehr von Thunfischpizza, Heidelbeermarmelade und Honigkuchen, nur bedingt ratsam ist, in der doch recht hektischen und nervenaufreibenden Theaterwelt sein Glück zu suchen. Doch mit einem gewissen Abstand und der rosaroten Brille der verzückten Rückschau auf der empfindlichen Bärennase? Na ja, vielleicht doch.

Er hatte von seinem Fensterplatz im Hause gegenüber schon öfters mal interessiert auf dieses große Eisentor auf der anderen Strassenseite geblickt. Manchmal öffnete sich das Tor, rauchende Aufrechtgeher standen davor, seltsame Möbelstücke würden rein und raus getragen, gedämpftes, manchmal buntes Licht drang aus dem großen Raum hinter dem Tor und das am hellichten Tage. „Die sperren sich selber in einen fensterlosen Raum, die Zweibeiner und haben auch noch Spaß dabei! Seltsam!“ Gut, um einen ordentlichen Winterschlaf hinzulegen, ist das schon vernünftig sich eine fensterlose, dunkle Höhle zu suchen. Aber einfach so und sogar, wenn die Sonne scheint? Ganz schön dämlich. Nichtsdestotrotz, wunderfitzig wie der Bär nun mal war, das würde er doch gerne wissen, was hinter diesen Türen vor sich ging. Manchmal vernahm er leise Musik, Pistolenschüße, gerne auch mal wildes Gefluche und viel und gerne gelacht wurde in der Finsternis auf der anderen Seite seiner Straße offensichtlich auch. Und nun stand auch noch sein Herr und Meister, der ehrenwerte Ernst Albert seit ein paar Wochen fast jeden Tag morgens wie abends vor diesem Tor, um dann regelmäßig in der Zauberhöhle zu verschwinden. Und spät abends kam er heim und summte ein Lied. Jeden Tag ein anderes.

Jetzt also saß Archibald in der Höhle, ein großes Fenster, das gar kein Fenster war, aber wie ein Fenster aussah, leuchtete in bunten Farben, in Farben, die es draußen vor der Türe und hinter richtigen Fenstern gar nicht gibt, aber trotzdem waren es schöne Farben und der Bär guckte gerne hin, fragte sich aber trotzdem, warum die Aufrechtgeher nicht einfach einen großen Hammer nähmen und ein richtiges Fenster in die Wände dieser großen Höhle hackten. Dann müßten auch diese großen Lampen nicht immer brennen. Doch bevor er diesem Gedanken weiter nachgehen konnte – Oh diese hektischen Aufrechtgeher! – kam eine ältere Frau auf die Bühne und hielt sich an einem Eisenteil mit Rädern fest, wohl damit sie nicht umfällt, und schimpfte. Und sie sah aus, als ob sie nicht ganz gesund sei, und Archibald dachte, die wäre auch besser im Bett geblieben und hätte sich auskuriert, anstatt in einer Höhle mit falschem Fenster rumzuschimpfen. Und dann stellte sie das Rollding in die Ecke und sang ein Lied. Genau das Lied, das Ernst Albert, gestern abend als er heim kam, vor sich hergesungen hatte. Nur sang die Frau, die jetzt plötzlich ganz gesund war, das Lied viel besser! Und auf dem Tisch, wo sie saß, brannte diese Lampe. „Die will ich haben!“ Die Lampe, nicht die Frau. Weil, vor der hatte Archibald nämlich etwas Schiß, genau so wie der blonde Mann mit den gelb-weißen Schuhen, der ab und zu Musik machte, an dem riesigen schwarzen Kasten saß, wo die Musik rauskam und dort sitzend von der Frau ausgeschimpft wurde, trotzdem aber immer freundlich blieb und keine falschen Noten spielte. „Komischer Vogel!“ Das dachte der Bär.

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SAMUEL B. ERBARMT SICH DES NACHTS HERUMLIEGENDER BUCHSTABEN
20. Oktober 2010, 09:03
Filed under: Anregende Buchstaben, Archibalds Geschichte

beckett2

Neben, unter und auf dem Bücherregal, von dem aus Archibald in die Nacht schaute und verdaute, lagen etliche herrenlose Buchstaben herum. Sie waren am großen Sieb des großen Samuel B. vorbeigefallen und etwas verwirrt. Wer mit welchen anderen Buchstaben sinnvolle, erheiternde oder auch einfach nur belanglose Wörter oder Sätze bilden sollte, das war ihnen im freien Fall entfallen. Da konnten die leeren Buchhüllen, zwischen denen die meisten von ihnen lange Jahre ein Zuhause gehabt hatten, noch so aufgeregt nach ihnen winken, um sie zur Rückkehr zu bewegen. Heimatlosigkeit machte sich breit zu Füßen des Bären. Über seinem Schädel und Denkapparat schwebte gnädig und verschmitzt der adlernasige Herr B. und freute sich an dem Chaos. Archibald fand es auch gut. „Kein Sinn macht mehr Sinn.“ Das dachte er und regte sich im selben Moment darüber auf, eine gänzlich dumme und komplett gedankenlose Aufrechtgehersprechblase nachgeplappert zu haben. „Sinn machen!“ Als ob man einen Sinn machen könnte. Falls es so etwas wie Sinn außerhalb der Notwendigkeit von Thunfischpizzen, Heidelbeermarmelade und Honigkuchen überhaupt gibt, kann dieser nämliche Sinn bestenfalls einer Sache, einem Ausdruck oder einer Handlung anheften. Und der Sprecher oder Handelnde transportiert so etwas wie Sinn, sprechend, handelnd. Und die Essenz von Sinn entsteht sowieso erst beim Rezipient. Denn man kann noch so Gescheites in die Welt setzen, wenn keiner zuhören will oder kann, ist dies was bleibt, ein großer Haufen Verdautes, den man ins Gebüsch gesetzt hat. Es riecht streng. Und sonst nichts.

Der Bär blickte hinauf zur Adlernase. Das Gewimmer der heimatlosen Lettern macht ihn doch etwas nervös. Was wäre eine angebrachte Bestattungsform für herrenlose Ex-Gedanken? Ist das Biomüll, weil noch letzte Reste von Leben drin rumzucken? Einäscherung? Oh nein, sehr ungute historische Assoziationen. Seebestattung? Keine Ahnung. Herr Samuel B. half dem Denkbärchen. Mit bedächtigen und spitzen Finger griff er Buchstabe nach Buchstabe und begann mit ihnen zu spielen. „Endlich!“ Das dachte der Bär. Und das kam beim Spiel des Herrn Samuel B. heraus: „Er nimmt seine Kappe ab. Friede unseren … Ärschen! Pause. Und wieder aufsetzen. Er setzt seine Kappe wieder auf. Null zu Null. Pause. Er nimmt seine Brille ab. Putzen. Er zieht sein Taschentuch heraus und putzt damit, ohne es auseinanderzufalten, seine Brille. Und wieder aufsetzen. Er steckt sein Taschentuch wieder in die Tasche und setzt die Brille wieder auf. Es kommt. Noch ein paar Albernheiten wie diese und ich rufe. Pause. Ein bißchen Poesie. Du riefest nach… Pause. Er verbessert sich. Du flehtest nach der Nacht; sie kommt… Pause. Er verbessert sich. Sie naht; sie ist schon da. Er wiederholt es mit singendem Ton. Du flehtest nach der Nacht; sie naht: sie ist schon da. Pause. Schöne Stelle.“

Archibald war eingenickt. Weil die Stelle so schön war. Und als Ernst Albert am nächsten Morgen seinen kleinen Genossen schlafend unter dem Porträt seines verehrten Herrn Beckett liegen sah, neben ihm das ‚Endspiel’, aufgeschlagen auf den Seiten Einhundertachtundzwanzig (französisch) und Einhundertneunundzwanzig (deutsch), da weckte er den Bären. „Komm mit, Archibald!“ „Was tun?“ „Schauen!“ „Wo?“ „Auf der anderen Seite der Straße.“

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DIE NACH OBEN OFFENE MAHLER-SKALA
19. Oktober 2010, 07:46
Filed under: Anregende Buchstaben, Archibalds Geschichte

beckett

Und plötzlich war ihm, als sei der Himmel über seinem Kopf weggeflogen. Vielleicht kommt das davon, daß man gleichzeitig auf der Heizung sitzt und denkt. Ein im ersten Moment etwas seltsames Gefühl, welches sich aber innert kürzester Zeit als sehr angenehm entpuppte. Der Pöter glühte, der Kopf war dennoch kühl. Er wechselte den Platz. Er saß nun auf einem der Bücherregale in Ernst Alberts Arbeitszimmer. Seine Nase umschwirrten Hunderttausende ungelesener Buchstaben. Die waren zwischen ihren Buchdeckeln hervorgekrochen und hatten sich auf den denkenden Pelzträger gestürzt. „Lies mich! Bedenke mich! ICH bin es, der den Weg weist!“ Aber weil herumfliegende Buchstaben recht schnell die Orientierung verlieren, wußten die herumfliegenden Buchstaben bald nicht mehr aus welchem Buch sie ursprünglich gekrochen waren, um dem kleinen Bären die große Geschichte der undurchschaubaren Welt zu erzählen. Sie vermengten sich, fassten sich an den Haken und Häklein, tanzten miteinander und Archibald war es, als riechlese er ein einziges großes Aufrechtgeherbuch. Alles wichtig und alles doch vanitas. Alles gescheit und doch so unendlich dumm. Buchstaben sind gerne mal außerordentlich eitel, nur wissen sie dies oft gar nicht. Und der Himmel blieb offen. Nach oben.

Und dann waren sie weg, die eitlen und gescheiten Tänzer. Weggeflogen, nach oben, in den offen vor sich hinklaffenden Himmel. Archibald hatte einmal kräftig aus seinem Hirn rausgepustet, die Luft über seinem Räsonierschädel mit einem beherzten Ausdenker gereinigt und draußen graute ein kalter Herbsttag. Und der Bär saß vor sich hin und wußte, daß er ein Bär war und Archibald Mahler hieß, aber dies war ihm Wurst wie Schinken, denn wäre er kein Bär und hieße nicht Archibald, dann wäre er etwas anderes und das wäre dann auch nicht zu verachten. Den Himmel interessiert nicht, was unter seinem Gewölbe Spuren hinterläßt. Wichtig ist, daß man mit seinem strapazierten Schädel nicht gegen den Himmel stößt, weil man sich größer gemacht hat, als man sein sollte oder kann. Er spürte eine tiefe, wohltuende Müdigkeit durch seinen Leib kriechen. Er schaute aus dem Fenster und er mußte mit ansehen, wie schwer es die Helligkeit des Tages inzwischen hatte die kalte Nacht zu vertreiben. Und er wußte, was dies bedeutet.

Und dann rasselte und surrte es über seinem Kopf. Die Buchstaben kehrten zurück von ihrem Ausflug hinauf in die Stratosphäre der Bedeutungslosigkeit. Doch es waren sehr viel weniger Buchstaben geworden. So als wären sie bei ihrem Fall zurück zur Erde durch ein großes Sieb gerasselt.  Was man so alles nicht benötigt! Und die übrig gebliebenen Lettern formierten sich über Archibalds Kopf und er erkannte dies: „Wieder auf dem Sprung gegenüber dem unbezwinglichen Außen. Auge und Hand fiebernd nach dem Nicht-Selbst. Durch die von ihm unablässig veränderte Hand unablässig verändertes Auge. Zum Nicht-zu-Sehenden und Nicht-zu-Schaffenden vor- und zurückstoßender Blick. Ruhe im Hin und Her und Spuren dessen, was es heißt, zu sein und gegenüber zu sein. Tiefe wunde Spuren.“ Das hat der Herr Samuel Beckett geschrieben. Sagten ein paar einfache und dienende Informationsbuchstaben. Die muß es auch geben. Selbst wenn der Himmel mal weggeflogen ist.

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VOR DEM DENKEN IST NACHDENKEN! WART MAL!
18. Oktober 2010, 06:10
Filed under: Archibalds Geschichte

buddha

Und dann hat sich Archibald auf das nächtliche Fensterbrett gesetzt. Ernst Albert hatte lange und ausdauernd auf seiner Tastatur rumgetrommelt und Wein getrunken. Und dann war er müde geworden, aufgestanden und ins Bett gefallen. Die Schreibtischlampe hatte er vergessen auszuknipsen und die Karaffe mit den Weinresten ließ er einfach stehen. Auf Archibalds Fensterbrett. Neben dem kleinen dicken Mann aus rotem Stein, der so zufrieden vor sich hingrinste. Ein bißchen sah diese Figur aus wie ein komplettrasierter alter Bär. Hängebauch, Hängebrüste, Hängebacken. Fell weg, aber gut gelaunt. Archibald genoß die Ruhe. Wenn er sich konzentrierte, konnte er draußen vor dem Fenster die Blätter durch die kalte Nachtluft trudeln hören. Der Wind hatte die Straßen leer gefegt und die Aufrechtgeher zogen es vor – Oh Bärengötter, hört meine Dankgebete! – zu Hause zu bleiben. Die Nacht hatte heute Nacht Zeit und Muse, einfach nur Nacht zu sein. Kein sinnentleertes, verzweifeltes Fröhlichsein schrie durch die Dunkelheit. Die rollenden und stinkenden Blechmilben hielten ihre Räder still. Selbst der Kneipenwirt auf der anderen Seite der Straße hatte es heute Abend fertig gebracht, seinen Müll in und nicht neben die Tonne zu legen. Archibald kratzte sich Pöter, Abdomen und an der zufrieden herumschnüffelnden Nase. Eine gute Nacht. Zu gut, um zu schlafen. Eine freundliche Denknacht.

Man könnte zum Beispiel mal wieder über das Denken nachdenken. Also denken, bevor man denkt. Um das Nichts herumsinnen. Ohne Bescheid zu wissen. Kein angelesenes Viertel- oder Achtelwissen durch seine Hirnwindungen jagen und den Extrakt sich selbst als Produkt großartiger Selbstreflektion verkaufen und in die Denkvase stellen. In jene Denkvase, die man fett und gut beleuchtet auf sein Fensterbrett gestellt hat, in der Hoffnung jeder zufällig vorbeischlendernde Passant möge nun sein Haupt heben und erstarren in Bewunderung und Verzückung. Quatsch mit Soße, wie die Altvorderen gerne bemerkten. Weil, wenn Du im Zug sitzt, lecke das Messer nicht ab, denn wenn der Zug um die Ecke fährt, schneidest Du Dir Deine Wange auf. Auch daran gilt es zu denken. Und wenn Du denkst, denke nie an diejenigen, die Dein Denken vernehmen könnten. Doch wenn Sie vorbeikommen und sich freuen, daß einer denkt, der ein Bär ist und eigentlich schlafen sollte oder Fische essen und sich auf den Winterschlaf mental und leiblich vorzubereiten, dann freue Dich. Und dann kratze Dich noch mal am Pöter und sonst wo.

Die Heizung unterhalb Archibalds Fensterbrett bollerte lustig vor sich hin. Wenn das die Korrekten unter den Aufrechtgehern wüßten! Nachts! Der vergeßliche Ernst Albert und die heute – Ausnahmweise! – etwas faule Eva Pelagia bescherten dem Bären einen heißen Hintern. Gewiß denkt sich in einer Komfortzone etwas anders als zum Beispiel an der Südspitze Feuerlands. Aber sei es drum! Es war eine ruhige Nacht! Es gab keinen Grund die unsteten und hin und her mäandernden Bärengedanken irgendwelchen Komitees, Schlaumeiern oder Wichtigwissern unter die Nase zu reiben. Gegenüber des Denkbalkons namens Fensterbrett funkelten vereinzelte von Fernsehern beleuchtete Fenster. „Diese Nacht teile ich mit den ruhigen Schlaflosen!“ Das dachte Archibald Mahler, von der Insomnia geplagter Bär vom Brandplatz. Think!

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ÜBERLASS DAS DENKEN DEN PFERDEN. DIE HABEN DEN GRÖSSEREN KOPF!
17. Oktober 2010, 15:19
Filed under: Küchenschypsologie, Öffentliche Leibesübungen

schreiben

„Herr Mahler! Diese Überschrift! Wer hat’s erfunden?“

„So weit ich verstanden habe, zitierte Herr Ernst Albert eben seinen Vater.“

„Tradiertes also? Sehen Sie Zusammenhänge?“

„Ihre leichte Trauer betreffend, Herr Holtby?“

„Der Pfosten stand im Weg!“

„Nicht auch das Nachdenken über die magische ACHT?“

„ACH! Lassen Sie!“

„Jede Überraschung wird irgendwann Alltag und dann rollt der Ball den Hügel runter.“

„Klugscheißer!“

„Ein paar Törchen doch nur und noch ist nicht Weihnachten. Was kann ich zu Ihrer Erheiterung beitragen?“

„Sie können sich ein Loch ins Knie hacken und einen Christbaum reinpflanzen.“

„Huch! Was eine altvordere, politisch inkorrekte Brachialität in Ihrer heutigen Ausdrucksweise!“

„Ich zitiere lediglich dieselbe Quelle, aus deren verstorbenem Mund obige Überschrift stammt! Und ich bin müde.“

„Sie hatten keinen Schlaf gefunden?“

„Die rotglänzenden, speckigen Gesichter der bayrischen Führungstroika haben meine Alpträume bis in die letzten Ecken des mich seit gestern quälenden Zweifels ausgeleuchtet. Horrible!“

„Sehen Sie den Realitäten doch ins blinde Auge!“

„Ausgerechnet der dämliche Flaschenwerfer Guerrero. Exbayer!“

„Holtby! Fassung, sage ich! Holtby! Fassung!“

„Fast! Einmal noch! Und ganz laut: SCHEIBENKLEISTER! So jetzt ist gut. Themawechsel!“

„Die Kälte?“

„Mich trifft sie nicht so wie Sie, vermute ich!“

„Wahre Worte. Als Sie ihre rotgesichtigen Alpträume durchschritten, saß ich vor der geöffneten Kühlschranktür. Schinken, Marmeladenbrot, Oliven, Pizzareste, Thunfisch, Chips und Marmorkuchen. Es gilt alle Speicher aufzufüllen. Die genetische Disposition klingelt unerbittlich und mir ist schlecht. Als sei ich schwanger!“

„Ich kann es nicht gewesen sein! Hihihi!“

„Schweinepriester!!“

„Vielleicht ist schwanger nicht der überfüllte Abdomen, sondern schwanger ist das ratternde Hirn. Geschehen, gesehen und schon gesät. Wintergetreide. Ein langes, ein neues, ein ungewohntes Jahr des Denkens und Schauens liegt hinter Ihnen, manchmal uns. Da bleibt viel und da wächst das eine und das andere Denkkeimchen!“

„ACH!“

„Sehen Sie Herrn Ernst Albert, wie er im Hintergrund wild in seine Tastatur hämmert. Und die dicke Strickjacke. Sie sind nicht alleine, mein verehrter Herr Mahler!“

„Ja. Wie schön! Die Blätter! Heute fliegen sie wieder! Offene Türen! Gedanken rein! Gedanken raus!”

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IMMER GIBT ES NICHT WAS MAN WILL, ABER AB UND ZU WAS MAN BRAUCHT!
16. Oktober 2010, 14:20
Filed under: Küchenschypsologie, Öffentliche Leibesübungen

einheit

„Was tun wir, Herr Mahler!“

„Nichts!“

„Ausgezeichnet!“

(Stille. Konzentrierte Stille. Im Hintergrund tobt Herr Jagger über die Bühne. ‚Bitch’. Die Stille befindet sich demnach im Inneren der Anwesenden. Dorthin verortet, wie man heutzutage sagt.)

„Herr Holtby!“

„Ich höre!“

„Achtmal ist’s den Mainzern recht?“

„Erinnern Sie mich nicht an meine offene Wunde Nervosität!“

„Ich drücke den nicht vorhandenen Daumen.“

„Die Pfoten zum Himmel, Herr Mahler! Und sonst?“

„Man kann der Wäsche beim Trocknen zusehen, aber dadurch ist nicht gewährleistet, daß die Wäsche schneller trocknet!“

„Ist Schauen in diesem Zusammenhang Tätigkeit?“

„Interpretationssache!“

(Noch mehr Stille. Auch Keith Richard lebt noch. ‚Happy’. Die Stille inside vertieft sich. Man ist erfreut.)

„Und überhaupt? Wie geht’s denn so?“

„Man ist froh, bester Thomas Adam!“

„Holtby!“

„Ich weiß, ich weiß! Haben wir ACHT vor den Rekorden!“

„Nein. Ich meinte Sie, Mahlerbär!“

„Huch! Intimität?“

„Nein! Restalkohol!“

„Auweia!”

„Zurück zu Ihrer Antwort!“

„Man kriegt nicht immer, was man will, aber wenn man es eine Zeit lang versucht – Stichwort: konzentrierte Stille – ist es durchaus möglich, daß man rausfindet, was man tatsächlich benötigt!“

„Wer sagt das?“

„Ich!“

„Dortmund ist auch in Ordnung!“

„Diese Gedankenhoppelei sei Ihrer Hasennatur zugeschrieben!“

„Herr Mahler! Heute ist Samstag!“

„Schweigen wir und lassen die Wäsche trocknen!“

„Ein Witz noch! Bitte!“

„Gerne!“

„Ich höre!“

„Treffen sich zwei Narzißten.“

(Ganz intensive Stille. Die Wäsche trocknet unbeobachtet. Steine rollen und kriegen nicht, was sie wollen. Morgen ist Sonntag.)

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