AUF MEINEM BALKON IN DER WIEHRE 12

„Herr Mahler?“
„Hier!“
„Wo? Ich sehe nichts!“
„Das ist ja wohl das zentrale Problem der Aufrechtgeher. Erst wird die Nacht weltweit abgeschafft und wenn es dann doch mal irgendwo dunkel wird, sieht man nichts mehr. Vielleicht wäre es ratsam mal die eine oder andere Nacht auf alle künstliche Helligkeit zu verzichten, die durch Quellen gespeist wird, vor denen ihr Herren und Damen Aufrechtgeher soviel Angst habt seit einigen Wochen. Einfach mal konsequent abschalten, was man so gerne abschalten würde, wenn man könnte. Und alle stinkenden Blechmilben in deren Tanks fossile Säfte gluckern, die man von bösen Männern aus Nordafrika gekauft hat, die bleiben einfach stehen. Und ihr Scheinwerferlicht zerschneidet nicht mehr hupend und baßvibrierend die Dunkelheit und die Stille, die die Götter einst dem hellen Getriebe der Tage entgegengesetzt hatten. Einfach mal ausprobieren. Weniger Geglänze bitte. Vom Schweigen ganz zu schweigen. Und auch die funkelnden Bilderapparate der kleinen Permanentsprechgeräte besinnen sich darauf, daß sie Energien von unvorstellbarem Ausmaß in sich aufsaugen. Tags und in der Zeit, die früher mal eine Nacht war. Herr, gib mir düsteres Schweigen. Bitte! Mehr Finsternis vor dem Auge verhindert vielleicht die Entstehung der Finsternis in den Eingeweiden und Denkapparaten. Denk ich mal so. Hier draußen. Ach, um Ihre Frage zu beantworten, lieber Herr Albert und Chef, ich sitze unbeleuchtet auf dem Balkon. Und bitte, kippen Sie doch die Schalter in ihrem Zimmer hinter meinen Balkon in die Ausposition. Soeben sah ich noch die Sterne funkeln. Das hat mir gefallen. Ich will da weitergucken. Und so widerspreche ich gerne dem lieben Herrn Geheimrat und bitte um mehr Dunkelheit. Um das Licht zu sehen. Geht das?“
„Oh verzeihen Sie, mein Freund!“
„Nichts für ungut. Was macht Mittelhessen!“
„Das erzähle ich Ihnen, wenn das Kunstlicht gelöscht!“
„Danke!“
HÖMMA REVISITED / COUNTDOWN TO THE (FROM NOW ON NOT) FORBIDDEN WORD V

Ich sach mal so: Meista! Meista! Meista! Meista! Meista! Meista! Meista! Meista! Meista! Meista! Meista! Meista! Meista! Meista! Meista! Meista! Meista! Meista! Meista! Meista! Meista! Meista! Meista! Meista! Meista! Meista! Meista! Meista! Meista! Meista! Meista! Meista! Wennse nachzählen willst, zweiundreissich mal für jeden Spieltach, an dem dat Aussprechen vonnem verbotenen Wort vom Herrn von und zu Meistakloppo mit drei zusätzliche Übungseinheiten bestraft wurde. Und weil getz die ganze Pöhlernation am gratulieren iss, nur kurz: dat iss mit weitem Abstand dat verdienteste und angenehmste Meistateam seit die Aufzeichnung vonne Tabellarien im Erstligagepöhle.
Et geht mein Dank für erstklassig meistaliche Unterhaltung und meistaliches Nervengekitzle an die Herren Weidenfeller; Roman - Focher, Johannes – Langerak, Mitchell – Dede - Felipe Santana – Hornschuh, Marc – Hummels, Mats – Owomoyela, Patrick – Piszczek, Lukasz – Schmelzer, Marcel – Sobiech, Lasse – Subotic, Neven – Bender, Sven – Blaszczykowski, Jakub – da Silva, Antonio – Feulner, Markus – Götze, Mario – Großkreutz, Kevin – Kagawa, Shinji – Kehl, Sebastian – Kringe, Florian – Sahin, Nuri – Barrios, Lucas – Ginczek, Daniel – Le Tallec, Damien – Lewandowski, Robert – Stiepermann, Marco – Zidan, Mohamed – Zeljko Buvac – Peter Krawietz – Wolfgang de Beer – Oliver Bartlett – Florian Wangler und den herzerfrischenden Klopp, Jürgen. Und vergessen wir nich die Herrn Watzke und ‘Susi’ Zorc. Wech mit dem Größenwahn und schöne Grüße nach Nordösterreich. Meistaabo iss nich, woll! Möge 96 noch an Euch vorbeiziehen! Und noch eine kurze Verbeugung in Sachen Dankbarkeit inne Richtung der Karnevalschaoten ausse Domstadt und deren Aluminiumgestänge inne Arena. Aber ansonsten hab ihr nich nur ein, sondern etliche Räder ab, ihr Heiopeis! Un an die Herren aus dem blauen Nachbarsdorf: Meistaschale angucken iss doch auch watt un viel Spassss im Old Trafford dann auch!
So getz noch einen paar Kannen vom Meistabier und dann fall ich ab. Bis die Tage.
Euren ehrenwerten Lütten Stanmeista
AUF MEINEM BALKON IN DER WIEHRE 11

„Herr Albert?“
„Wo sind Sie, Herr Mahler?“
„Hier!“
„Ach da. Warum?“
„Später. Im übrigen: Ich habe verstanden!“
„Was?“
„Warum die Aufrechtgeher hier unten so sind, wie sind!“
„Nach knappen zwei Wochen, mein kleiner Genosse? Ich werde nun bald fünfundfünfzig Lenze alt, bin in diesen Breiten aufgewachsen und begreife es immer noch nicht!“
„Sehen Sie dort unten die Straßenbahnhaltestelle, an der sie nun Morgen für Morgen und Abend für Abend in den Musentempel fahren. Dort, schauen Sie, diese Werbetafel für ein lokales Biergetränk. Dort spricht sinngemäß das Bild eines Bieres zum potentiellen Käufer: ‘Ich bin cool, ich bin das Bier, welches heißt wie die Stadt, ich bin bodenständig, wie die Stadt, nach der ich benannt wurde.’ Hören Sie nun, alles wird ganz einfach! Cool: Ausdruck zeitgenössischer Ignoranz und täglich upgedateter Oberflächlichkeit, sonnenbebrillte leere Fassade, empathiefreies Bauchnabelpuhlen. Bodenständig: lokal bedingte Borniertheit, selbstgerechte sich im Kreisedreherei, geistiger Stillstand, der behauptet etwas zu bewahren, was niemanden interessiert, außer jene, die es besitzen. Geistige Abstiegsgefahr. Und jetzt, lieber Chef und Herr Albert, stellen Sie sich vor COOL und BODENSTÄNDIG zeugen Nachkommen. Weia! Eine Frage nur: wie schmeckt dieses Getränk für welches dort geworben?“
„Da lobe ich mir ein Licher! Aber der Durst zwingt es rein! Aber warum immer noch im Efeu, mein Bär?“
„Das Gewitter ist ein Landregen geworden, was ich prinzipiell begrüße. Auch im Bären wohnt ein Gärtner. Andererseits feuchtes Fell den Bär nicht freut. Und – nicht unwesentlich – man läßt mich nun zwei Tage alleine hier im Heckerland. Ich möchte verhindern, daß einer der hiesigen Aufrechtgeher in einem Anfall von übertriebener Sorglichkeit mich adoptiert und einem seiner vielen Vereine einverleibt. Da bleibt man lieber im Busch. Gute Reise und grüßen Sie den Lütten Stan und die Wunderbare und bis die Tage! Jetzt guck ich Heiraten!“
AUF MEINEM BALKON IN DER WIEHRE 10

„Und heute, Herr Mahler?“
„Manchmal denke ich die Aufrechtgeher da unten in der Stadt müssen Fürchterliches durchlebt und erlitten haben.“
„Wie das?“
„Sie haben ihre Sprache verloren!“
„Mir scheint es, die quatschen immer und müssen jeden Scheißdreck bis zum geht nicht mehr ausdiskutieren!“
„Und dann schweigen sie aber. In wesentlichen Situationen. Wenn ein Aufrechtgeher vor einem Regal in der Kaufbude steht und der Andere dahinter und will auch was haben, drückt er den Vorderen weg mit sicherem Griff. Auf den Gehwegen, wenn Einer langsamer, kommt der Schnelle von hinten und fährt seinen Pöter aus und hat Platz. In den Bahnen und Bussen, der Platz neben dem Einen frei, ein Zipfel des Mantels oder Rockes im fremden Gelände, der Dazukömmling setzt sich darauf. Die Schlange vor einem Schalter wo auch immer, der Eilige von hinten, Körpertäuschung, Plätze gewonnen, vorne eingereiht. Ein freier Tisch im Garten des Bieres, zwei Paare nähern sich, beschleunigt Schritte, rast zu den Stühlen. Besetzung. Reise nach Jerusalem. Der Pedalritter entgegenkommend auf fremdem Terrain, keine Bremse, kein Zögern, nur ein wortloses Beiseitespringen rettet Bänder und Kapseln. Und hier wie bei allen vorher beschriebenen Vorgängen: Lippen schweigen, kein Bitte, kein Verzeihung, gar Entschuldigung, nur schweigender, fordernder, zeigefingeriger Bodycheck, wortlos, satzlos, nicht einmal ein dezentes Fuchteln der Erklärung. Schweigende Begegnungen allenthalben. Bodycheck auf Bodycheck! Schlimm!“
„Da wundert es mich, daß der Eishockeymeister nicht aus dem Heckerland kommt!“
„Nein, Herr Ernst Albert, das sind alles Synchronschwimmer!“
„Warum?”
„Weil sie bei ihren Bodychecks unentwegt grinsen. Erschreckend!“
„Deswegen haben Sie sich in den Efeu zurückgezogen?“
„Quatsch! Ein Gewitter zieht auf. Endlich!“
AUF MEINEM BALKON IN DER WIEHRE 09

„Tschüß dann, Herr von Lippstadt – Budnikowski.“
„Mehr nicht?“
„Meine Lefzen hängen auf halbmast. Die Hitze!“
„Man möchte kein Blatt sein in diesem Frühjahr!“
„Da sagen Sie was, Arkadien ist ein Scheißdreck dagegen.“
„Aber, aber, Herr Mahler! Die Ausdrucksweise!“
„Vergessen Sie nicht, ich bin Pelzträger und ab zwanzig Celsius wird es eng im Fell!“
„Aber die weißen Stangen sprießen!“
„Benehmen Sie sich, Hase!“
„Ich bitte Sie: der Spargel.“
„Gewiß! Herrlich, göttlich, unfaßbar, delikat, zart, bombofurzionös. Wenn er denn aus Opfingen!“
„Und diese unaussprechliche Beilage. Dieses ausgebackene Götterteil mit der Betonung auf der ersten Silbe! Helfen Sie, Herr Mahler!“
„Kratzete! Man möge meine Höhle damit polstern!“
„Auch wenn jetzt noch der Schädel, aber dies noch: Chardonnay vom Tuniberg! Man wußte gar nicht, daß es dort einen gibt!“
„Jetzt wissen sie es, werter Lippstadt – Budnikowski!“
„Ach! Sehen Sie das welke Blatt dort, so früh im Jahr! Wer muß Gießen?“
„Der, der es tut! Der Schinken war in Ordnung?“
„Keine Klagen! Die Waden schmerzen!“
„Ei!“
„Schönberg hoch, Schönberg runter! Diritissima!“
„Bauernbratwürste nicht vergessen!“
„Kalbshaxenscheiben. Flammkuchen. Pollen ohne Ende.“
„Schönheitsfehler! Ich denke, Sie müssen. Die wunderbare Frau Eva Pelagia ruft!“
„Also, ich hau mal in den Sack!“
„Nerven bewahren! Gelle!“
„Die machen das, die Jungs! Kümmern Sie sich mal um die Welt und ihre Musentempel! Tschüßkes!“
(Und dann ist Archibald Mahler, Bär auf Dienstreise im Heckerland, wieder alleine. Auf seinem Balkon. Mal schauen. Oder so.)
HÖMMA REVISITED / COUNTDOWN TO THE FORBIDDEN WORD IV

Ich sach mal so: meine sehr verehrten Herren Jungpöhler oder liebe Jungs, wie Euch Euer Übungsleiter Herrn von und zu Kloppo gerne benennen tut. Ich glaubet ja nich, dat ihr inne nächsten drei entscheidenden Wochen Zeit habt, meine Worte vonne Bedenklichkeit Euch zum Gemüte zu führen. Trotzdem: also, dat wo mein Körper drin hängen tut, dat iss eine Tornetz. Innem Tornetz – wohlgemerkt innem Tornetz vonne gegnerische Partei – da soll sich die Kirsche verfangen oder zappeln oder wat auch immer. Dat nennt man dann Tor oder Hütte oder ebens eingenetzt. Wennse die Kirsche annet Aluminium oder innes blaue Himmelszelt oder gar auffe Zuschauersitze trittst, iss dat zwar auch unterhaltsam, aber nicht inne Statistik aka dat, wat man allgemeinhin Tabelle nennen tut, eingegangen. Dat zählt nich und gitt kein Punkte! Woll! Ich will nich rummoppern! Et iss nur dat Nervenkostüm! Fünnef Punkte auf Vizekusen iss immer noch ein Vorsprung, wose in Nordösterreich diesen Jahr von träumen tun. Aber inne Spezialtabelle mitte Überschriftszeile Changsenverwertung iss der Anwärter auffet verbotene Wort irgenswo zwischen Platz dreizehn un fünfzehn eingeordnet. Dat kann mir durchaus dat eine oder andere Tränchen entlocken, meine Herren!
Apropos die Heulerei. Dat hat ja getz Konjunktur. Da wird woanners mit Vertragspapieren gewunken, wo die Gutschriften auffem sowieso schon ordentlich gefüllten Konto explosionsartig inne sechsstelligen Bereich abheben tun. Und dann musse alte Schwüre inne Tonne kloppen. Und wennse willst, dat Dich trotzdem alle noch im Herzen behalten? Da wird die Träne innet Mikrophon und inne Fernsehkamera verspritzt. Also nä! Nix dagegen, dat wennse Deine Liebste verlassen tust, begreifst wat Du an ihr hattest und lieben tust und Dich dann die große Traurigkeit ergreifen tut. Aber kannse dat nicht mit der Liebsten oder die Fans und wat auch immer inne stille Kämmerlein erledigen tun? Ich will dat nich sehn, diese rot geheulten Äuglein. Iss, sach ich mal, Privatsache. Auffem Rasen wenn et passiert, da guck ich hin, woll! Iss wie Theater! Tu mich nix erzählen, zeich mir watt Du willst!
Und dann war ich noch am träumen inne letzte Nacht, dat getz die Saisong mal wegen außerordentliche Umstände beendet werden könnte. Dat iss doch, wat Generationen sich erträumt haben. Und getz steht dat da inne offizielle Tabellarium. Vorne auffe EINS und Inhaber des verbotenen Wortes unsere Jungs. Dann auffe angestammte Position Nummer Zwei die Herren von Vizekusen unter Don Jupp, gefolgt vonne Depressionsüberwindungstruppe 96. Auf Platz vier – Die ganze Republik erhebt sich grinsend ausse Fernsehsessels und spendet wohlmeinenden Applaus! – Ulis Komödiantenstadel. Und die Kloppoklone aussem Karnevalsverein sind auch inne europäische Ligen. Dat iss doch ein Traum! Wenn dat noch in drei Wochen, glaub ich dat? Aber dat sehen wir ja dann. Ich sach mal so: nachem Spiel iss vorrem verbotenen Wort und bis die Tage bleib ich:
Euren ehrenwerten Lütten Stan
AUF MEINEM BALKON IN DER WIEHRE 08

„Herzlich willkommen im Süden, Herr von Lippstadt – Budnikowski!“
„Gerne folgte ich Ihrer Einladung, Herr Mahler. Sie haben Ihren Balkon verlassen?“
„Der Bär auf dem Balkon ist Alleinstellungsmerkmal. Bären, Zen und hohe Balkone quasi. Kommuniziert wird im Garten!“
“Eine Bemerkung nur, dieser Garten mutet japanisch an.”
“Kein Zufall. Auch nicht Überraschung. Man geht dorthin, wohin einen der Weg führt.”
„Wohl gesprochen, jedoch: Balkon? Garten? Ist der Wohlstand ausgebrochen?“
„Man nimmt mit, was sich anbietet. Sturmfreie Bude über die Feiertage und noch länger.“
„Nobel! Wieviel Zimmer?“
„Noch nicht gezählt! Sieben vielleicht? Acht? Diverse Sanitäranlagen. Man braucht es nicht. Aber schaden tut es auf keinen Fall. Und Mittelhessen?“
„Bleibt weiterhin bescheiden!“
„Erfreulich! Ach, das Ding in unserem Rücken, ein Mitbringsel von Ihnen anläßlich des heutigen Tages?“
„Scherzkeks Mahler. Fühle mich leider nicht im Stande für jedes Ei dieser Welt eine Verantwortung zu übernehmen. Dennoch: was mag es beinhalten?“
„Überraschungen? Oder einfach gar nüscht!“
„Was ja oft dasselbe ist!“
„Sie sagen es, Herr von Lippstadt – Budnikowski. Oder gar die Meisterschale?“
„Herr Mahler, rühren Sie nicht an diesem Nerv. Ich werde mich in meiner Funktion als Lütten Stan morgen ausführlich dazu äußern.“
„Man ist etwas gereizt, nicht wahr?“
„Reichen Sie mir einfach ein hart gekochtes Ei und lassen Sie uns die ersten Regentropfen seit Wochen genießen.“
„Ihr Wunsch sei mir Befehl. Sie sind der Gast! Was hatten wir noch vergessen?“
„Allen frohe Ostern zu wünschen.“
„Dann tun wir das doch!“
AUF MEINEM BALKON IN DER WIEHRE 07

„Darf ich, werter Herr Archibald Mahler?“
„Woher die Förmlichkeit?“
„Morgen ist Ostern!“
„Meinethalben!“
„Noch mal von vorne. Was war heute?“
„Ich mache mir Sorgen. Doppelt. Beziehungsweise zwiefach! Zum ersten: der Frühling legt los als sei er ein Sommer. Ich befürchte, wer durch die Hinrunde rast und so tut als gäbe es keine Rückrunde, wird scheitern. Na ja! Des weiteren: an den Bäumen, an die man unlängst die Warnung vor den Killerkatzen applizierte, hängen neue Informationen. In diesem Viertel werden nun seit Tagen per Aushang vermißte Kater gesucht. Nicht nur einer, sondern etliche. Man bittet die Bevölkerung in ihren Kellern und Gärten und sonstwo nachzusehen. Was hat das zu bedeuten? Die Kater ohne Glocken um den Hals, man jagt sie? Wer tut das? Ornithologische Fanatiker? Kretschmanns Jünger? Guido Guttenberg? Joschka Kohl? Wer steht auf wessen Seite? Seit Tagen sah ich tatsächlich kaum mehr Kater das Haus, welches meinen Balkon festhält, umrunden. Warum, Herr Albert? Keine Antwort, nur vielleicht ein Hinweis! Mein Gott, war das heute warm hier! Unter meinem Pöter spür ich nur Kakteen! Verzeihung! Keine Abschweifung! Die Kater?“
„Lieber Herr Mahler! Ich denke, wer zuviel Whiskas und zu wenig Vögel frißt, wird blöd und landet in Kellern, fremden Gärten, träumt von Orientierung und verläuft sich sonst wohin.“
„Man soll sich nicht von Aufrechtgehern abhängig machen. Meinen Sie das?“
„Strike!“
„Frohe Ostern!“
(Es klingelt. Der Lütte Stan und Frau Eva Pelagia, die Wunderbare, stehen vor der Tür in der Wiehre. Ostern auch. Eva Pelagia freut sich. Der Lütte Stan ist sauer. Davon morgen mehr.)
AUF MEINEM BALKON IN DER WIEHRE 06

„Und heute, Herr Mahler?“
„Sie meinen gestern, Herr Albert?“
„Huch, so spät schon!“
„Früh! Früh bitte!“
„Also?“
„Karfreitag war gestern.“
„Das heißt?“
„Macht der Aufrechtgeher auch mal Pause?“
„Wie meinen Sie das?“
„Da steigt dieses in Ehren und Pensionsanspruch ergraute Paar in die Straßenbahn. In Barbour gewandet. Festgeld gestählt. Die Abfahrt verzögert sich. Anschluß und Umsteiger. Das Paar wird ungeduldig hinter Sonnenbrillen. Die Wanderschuhe von Loewe scharren ungeduldig. Stimmung leicht gereizt. Er täuscht vor die Souveränität eines Autofahrers, der seit wenigen Wochen gerne öffentliche Verkehrsmittel benutzt. Vielleicht wechselt ja die Regierung. Sie hätte wohl lieber FDP gewählt. Es ist warm, fast schon heiß. Im Straßenbahnwaggon. Da spricht sie zu ihm.“
„Und was sagt sie zu ihm?“
„Das lehne ich ab, dieses unwürdige Warten!“
„Das sagt sie zu ihm?“
„Das sagt sie zu ihm!“
„Ist die Straßenbahn dann losgefahren, werter Bär?“
„Leider!“
AUF MEINEM BALKON IN DER WIEHRE 05

„So früh, so wach schon, Herr Mahler?“
„Ach, so manches treibt mich um.“
„Teilen Sie sich mit, Bär!”
„Ich sorge mich, sorge mich um Sie. Die ganze Nacht, umweht von unruhigem Schlaf, beschäftigt mich das gestrige Ereignis. Und dann erwacht der Tag und ich sehe Sie jeden Morgen dieses Haus mit meinem Balkon verlassen, hinaustreten auf die Fahrbahnen und – schlimmer noch – die Gehsteige dieser Stadt und sehe Sie gejagt, gejagt von den Rittern der Selbstgerechtigkeit auf Ihren Drahtrössern, überholt, umrundet, an die Bordkante gedrängt, sehe es, wie unmöglich es ist für Sie und Ihre Mitgeher gedankenlos zu schlendern in den erwachenden Tag hinein, denn nein, immer den Kopf oben halten müssen Sie, es schwirrt und hummelt um Sie herum, klingellos, grinsend, distanzlos, blöde: die Befreier der Welt, die Pedalritter mit Mission, rettend eine Welt, von der sie zu glauben wissen, das Sie untergehen wird, wenn sie nicht unermüdlich die Pedale treten und jagen, jagen die letzten Fußgänger, ohne Angesicht Ihres Alters, ihrer Gebrechlichkeit oder ihrer Tagträumereien! Hugh!“
„Finden Sie nicht das Sie maßlos übertreiben, bester kleiner Freund!“
„Ich dachte, in dieser Stadt macht man das so!“