Beiträge vom 4. November 2010

EIN TANZ MIT DEM VERGEHENDEN JAHR

Donnerstag, 4. November 2010 13:17

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Hatte ihn wer gerufen? Der Bär stand auf, rutschte von seinem Felsen herab. Da, von dort vorne hatte jemand seinen Namen gerufen. Er ging den Strand entlang. Und was er nun erblickte, gefiel ihm sehr. „Magisch!“ Das dachte er. Nun vernahm er die Stimme ganz deutlich und nah. Sie sprach: „Moin, moin!“ Und: „Schön, daß Du zu meiner kleinen Geburtstagfeier gekommen bist!“ Archibald blickte um sich. Niemand zu sehen. Zumindest kein Aufrechtgeher, dem man diese Stimme zuordnen könnte. Lediglich ein ganze Reihe kleiner Steinmännlein. Von wegen lediglich. „Das ist bestimmt der geheime Garten eines Zauberers. Und die Steinmännlein sind seine Zauberlehrlinge und die haben Blödsinn gemacht und dann hat der Zauberer sie zur Strafe versteinert.“ Und dann hörte er Musik. Und die Stimme sprach: „Zwar habe ich heute Geburtstag, aber Du, weil Du von so weit hergekommen bist, Du darfst Dir heute etwas wünschen.“ „Darf ich kurz nachdenken, Herr Unbekannt?“

Und Archibald hatte sich gewünscht zu diesem Lied tanzen zu dürfen und der Herr Unbekannt möge doch, so lange dieses schöne Lied läuft, die versteinerten Zauberlehrlinge lebendig machen, auf daß sie mittanzten und er nicht so alleine wäre. Und Archibald Mahler begann sich im Kreis zu drehen wie ein alter Derwisch und Sufimeister und die Steinmännchen drehten sich mit ihm. Und sie fragten den Bären, was er dieses Jahr denn so alles erlebt habe. Und der Bär dachte nach und schon begann das ganze vergangene Weltschaujahr mitzutanzen, mit ihm und um ihn herum. Und es war ein großes Hallo und Grüß Gott und Ach gucke mal und der Bär staunte, was dieses Jahr, das auf einer mittelhessischen Fensterbank begonnen hatte und sich nun im Garten eines Magiers am Strand von Strande seinem Ende zu neigte, so alles mit sich geführt hatte. Da war er an der Lahn gesessen und hat von Meister Basho das genaue  Hinschauen gelernt. Da hat er Tage in einer Höhle im Wald zugebracht und eine Thunfischdose nicht aufbekommen. Da hat der den magischen Robert Zimmermann tanzen und singen gesehen. Da hat er mit seinem Kumpan, dem ehrenwerten Herrn von Lippstadt – Budnikowski, die Bretter, die die Welt bedeuten erobert und sich auf der anderen Seite der Straße, in Ernst Alberts Musentempel, in die Frau mit dem Rollator verliebt. Da hat er gedacht, bis das Bärenhirn qualmte und manchmal auch was rausgefunden. Da hat er unten im Heckerland zweimal Geburtstag gefeiert, erst mit Eva Pelagia und dann mit Ernst Albert und das Paradekissen wurde auch besessen. Da ist er auf den Spuren des Geheimrats in Ernst Albert Vergangenheit eingetaucht. Da saß er auf der Motorhaube seines geliebten Simca und hat so einiges an Zweibeinerdummheit kennenlernen dürfen. Da hat er sich aufgeregt, über die Dummheit und die Aufrechtgeher. Da hat er mit dem Lütten Stan die Großen Pöhlerei Festspiele besprochen. Da hat er rausgefunden, wer er eigentlich ist und sich seinen Namen zugelegt. Da hat er das Buchstabenriechen erlernt und neue Welten kennengelernt. Und jetzt ist er hier.

Dann war das Lied verklungen. Die Steinmännchen blickten hinaus auf Meer. Von dort näherte sich eine gewaltige Finsternis. „Au Backe und Potzrembel die Waldfee! Höchste Zeit aber auch!“

Thema: Archibalds Geschichte, Kieloben | Kommentare deaktiviert | Autor: Christian Lugerth

ARCHIBALD SCHAUT AUF SEINEN RÜCKEN

Donnerstag, 4. November 2010 11:55

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Das war ihm zuerst gar nicht aufgefallen. Die Faszination überwog. Soviel Wasser. Kilometer, Meilen, Seemeilen schauen und schauen. Und er ganz alleine am Strand von Strande. Kein Teich, kein Tümpel, kein träge dahinkriechendes Flüßlein, kein Vergleich. Nichts gegen Mittelhessen, aber das hier ermöglichte eine gediegene Wassermeditation auf einem ganz anderen Level. Dann schaute Archibald Mahler, Strandbär, etwas genauer hin. Und sieh einer an: das Wasser war rund. Seltsam! Die Teiche und Tümpel und Fließgewässer da unten in Mittelhessen sind alle gerade. Also die Linie am Horizont, wobei sie da gar nicht hinreichen, bis an den Horizont. Nein, genauer, die Oberfläche, die ist gerade. Normalerweise und in Mittelhessen. Muß ja auch sein, sonst läuft der Tümpel aus, auf die Wiese oder in die Straßen der Stadt. Und das wäre doof. Aber hier, hier oben im Norden, hier ist das Meer rund. Also der Horizont, der hier nur noch aus Wasser besteht, ist gekrümmt und das kann man ganz genau sehen, wenn das Bärenauge von rechts nach links und wieder zurück schweift. Das Wasser ist rund.

Und er sah noch etwas. Wenn sich ganz weit draußen ein Schiff näherte, sah man zuerst den Rauch, dann einen Schornstein, dann die Brücke des Kapitän und ganz zum Schluß Bug und Rumpf und also den ganzen Pott. Es sah aus, als gäbe es ganz dort hinten, wo das Wasser aufhört, eine Art Aufzug, der die Schiffe aus einer Unterwassertiefgarage über den Horizont hebt und dann aufs Wasser setzt. Und dann nehmen sie Fahrt auf. Richtung Archibalds Strand. Und wenn die Schiffe von der Förde her kommen und Richtung offenes Meer fahren? Dann sind sie plötzlich weg. Also Stück für Stück. Und zuletzt der Rauch. Wie vom Himmel gefallen. Plumps!

Dies galt es genauer zu erforschen. Archibald erklomm den höchsten Stein, den der Strand zu bieten hatte. Großartig. Noch mehr Wasser. Noch mehr Blick. Gewaltige Meditationstiefe. Aber kein Ende abzusehen. Kein Ende des Wassers. Es bleibt weiter rund. Rechts, links und auch nach hinten hin. Nur vorne, das Ufer, an das die Wellen schlagen, das ist gerade. Zumindest von hier aus gesehen. Und so konzentrierte sich der Bär und schickte einen gewaltigen Blick hinaus auf das unendliche Wasser. Und der Blick sauste los. Und Archibald schaute hinterher und hinterher und hinterher. Und als es Abend ward, da erblickte Archibald seinen eigenen Rücken. Am Strand von Strande. Und so hatte er gelernt, daß die Erde rund ist. Und Caspar David Friedrich hätte ihn gerne gemalt, den Bären. Hier auf seinem Steine sitzend und Blicke sendend. Wenn er denn noch gelebt hätte.

Thema: Kieloben | Kommentare deaktiviert | Autor: Christian Lugerth