Archibald schaut Welt


Ein toter Philosoph spricht gescheit, aber man kann ihn kaum hören, denn es ist viel zu laut
23. September 2010, 19:48
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Wenn die Nacht den Schlaf gestohlen hat, weil sie den Lärm der Aufrechtgeher und den vollen Mond sandte, muß der Tag als Ausgleich herhalten. Es war heller Nachmittag, als Archibald erwachte. Der alte Schal lag neben ihm, weggestrampelt und durchgeschwitzt. Wilde Träume hatten Hitzewallungen durch seinen Laib gejagt. Und die unerwartet heftige Rückkehr von Fräulein Else Sommer. Prinzipiell keine Einwände gegen die Wärme, aber wer schon mal im prallen Sonnenschein eingeschlafen ist, weiß wie der Schädel dann beim Erwachen bummert und glüht. Der Bär kroch in den Schatten. Das war ein Fehler. Nicht der Schatten, sondern der Tank des alten Kleinlasters auf dem er, noch nicht richtig erwacht, saß. Der stechende Geruch verdampfenden Diesels reizte seine hochempfindliche Nase und ließ einen bösen Kopfschmerz gegen die Innenseite seines Schädels pochen. Über die Brücke, welche in seinem Rücken den Fluß überspannte, rollten unaufhörlich die Blechmilben der Zweibeiner. Flugzeuge zerschnitten den Himmel und Jungvolk schrie hysterisch in seine Mobilfunkteile. „Können diese Aufrechtgeher denn nicht einmal ihre kollektive Lärmemission auf Null drehen! Hier hat ein heute leider sehr empfindlicher Bär und Ästhet der Stille Hirnweh! Potzrembel und f&%$%§&%k die Waldfee aber auch!“ Da half dem Bär kein Fluchen. Es gibt Tage, die widmen die Götter der Pein!

Ernst Albert saß am Ufer der Lahn. Er wollte mal bei seinem kleinen Kumpan nach dem Rechten schauen. Zum einen, weil er ein schlechtes Gewissen hatte, hatte er doch den Herrn Archibald Mahler in letzter Zeit ob der vielen Arbeit am Musentempel etwas vernachlässigt und zum anderen wollte er die wahrscheinlich letzten sommerlichen Stunden des Jahres genießen und hatte für den heutigen Abend probenfrei verordnet. Sich und den Anderen. Manchmal kann man das, und dann soll man das auch tun. Ernst Albert saß also am Ufer der Lahn, ließ sich von der Sonne bescheinen und las Zeitungen. Die Böse Zeitung und die Gute Zeitung! (Aber über dieses Tamm-Tamm ein andermal!) Der Bär erblickte seinen Meister. Er freute sich, soweit sein Hirnweh eben Freude erlaubte. Dann widmete er sich den zwei Karotten. Immer wieder ein Genuß. Langsam entspann sich ein Gespräch.

„Morgen soll es kalt und regnerisch werden. Der Sommer ist wohl vorbei.“

„Das heißt?“

„Na ja, ich will ja hier nicht den Schlaumeier und Erziehungsberechtigten raushängen lassen, aber vielleicht wäre eine Rückkehr in die Höhle angebracht!“

„Ich will ein Aspirin!“

„Bären und Schmerzmittel? Also ich weiß nicht so recht!“

„Könnt Ihr eigentlich auch mal leise sein?“

„Wer Ihr?“

„Ihr Aufrechtgeher!“

„Ist das nicht ein bißchen pauschal? Ihr Aufrechtgeher! Es gibt solche und solchige!“

„Glaub ich nicht!“

„Doch. Ich les Dir mal was vor! Von einem Mann, der Schopenhauer hieß. Steht in der Zeitung!”

“Der Guten oder der Bösen?”

“Wie man’s nimmt! Paß auf: ‚Ich hege wirklich längst die Meinung, daß die Quantität Lärm, die jeder unbeschwert vertragen kann, in umgekehrten Verhältnis zu seinen Geisteskräften steht und daher als das ungefähre Maß derselben betrachtet werden kann.’ Nicht schlecht! Oder?“

„Danke für das Kompliment!“

Dann wurde geschwiegen. Man muß dem Getöse ja nicht ständig etwas hinzufügen. Und weil der Bär – nahendes Tief hin oder her – noch etwas bleiben wollte auf seinem Schrottplatz rechter Hand der Lahn,  stand Ernst Albert auf und zog los, sich etwas Lärm zu kaufen. Feinen Lärm. Eine neue Platte mit alten Liedern des ehrenwerten Herrn Zimmermann. Dig it. Und Archibald begann sich mit den Zeitungen, die Ernst Albert ihm dagelassen hatte, zu beschäftigen. Es galt  ja auch eine neue Aufgabe zu finden. Für die letzten Tage, bevor der Winterschlaf ihn von der Bühne der Eitelkeiten nehmen würde. Seine Nase flitzte über das Buchstabengewimmel. „Das ist ja interessant!“

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In der Nacht wär’ der Bär ganz gern alleine!
20. September 2010, 21:09
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Er wollte nur schlafen. Aber es ging nicht. Der Tag war überraschend warm gewesen. Die alte Blechkiste unter seinem Pöter hatte sich auf hochsommerliche Temperatur erhitzt. Die Dämmerung kam früh und die Nacht folgte mit gliederlähmender Kälte. Der Magen war randvoll. Fünfzehn Äpfel sind viel, aber bis zum Winterschlaf ist es auch nicht mehr so lange hin und wenn die Gene ab September „Fressen! Und zwar ordentlich!“ brüllen, was soll man da als armer Bär tun? Fressen eben! Na also! Und dann waren da ja noch die Herren und Damen Aufrechtgeher, die Archibald Mahler, den sich auf den Winterschlaf vorbereitenden und letzte Denkaufgaben erledigenden Bär vom Brandplatz z.Z. c/o Schrottplatz rechter Hand der Lahn, an der wohlverdienten Nachtruhe hinderten. Nein, es waren nicht die zugedröhnten Jungschen, die, nachdem sie ein Wochenende “durchgechillt”  hatten, sich mülltonnenstürzend und blumenkübelbespeiend in Richtung mütterliche Schutzburg trollten. Deren Äuglein waren nicht mehr in der Lage einen Bären auf der Motorhaube eines Kadett B, Bj. ca 1971, zu orten und diesen dann zu belästigen. Sie zogen vorbei und ließen ein paar verstümmelte Sprachfetzen in der kalten Nachtluft hängen. Und es war auch nicht die Besitzerin eines der schwarz-silbernen Panzer, die vis a vis vor dem verschlossenen Tiefgaragentor stand, verzweifelt und mit schriller Prinzessinnenstimme versuchte von irgendwoher Hilfe herbei zu telefonieren und nebenher ihrer Freundin oder der armen Mutter vom heute Abend in den Sand gesetzten Rendevouz mit einer Internetbekanntschaft berichtete. Da guckt ein Bär doch gerne zu! Und hört auch zu! Nichts ist amüsanter als die öffentlich kundgetane Verzweiflung der Satten. Es war schlimmer!

„Kann denn da endlich mal einer das Licht ausknipsen!“ Archibald hat nichts gegen Straßenlaternen einzuwenden. Er bräuchte so etwas nicht, und die Sterne sieht man  auch nicht, wenn man eine Laterne über dem Kopf hat, aber da die Zweibeiner in den Städten wohl alle Schisser sind: geschenkt. Aber dieses von Studienabbrechern der Architektur zusammengeschusterte Einkaufstempelchen auf der anderen Seite des Flusses! Archibald hüpfte wütend auf der weißen, inzwischen pöterkalten Motorhaube auf und ab. Das beruhigte und man wärmt sich so auf in kalter, schlafloser Nacht. Und noch mal ein Fluch. „Kann denn da endlich mal einer das Licht ausknipsen!“ Diese grauenhafte Kaufbude! Tagsüber schon eine Häßlichkeit, die den Ästheten im Bären unendliche Pein bereitete, aber erst des Nachts! Gibt es nur einen einzigen, ansatzweise auch für einen naiven Bären nachvollziehbaren Grund, warum niemand auf die Idee kommt bei den schreienden und dummbunten Neonwerbetafeln mal den Stecker rauszuziehen. „Ich will nachts schlafen oder denken und nichts kaufen, ihr Schwachmaten! Macht das Licht aus! Potzrembel aber auch!“ Archibald war selber ein wenig überrascht über die Heftigkeit seines Ausbruchs. Na ja, die Kälte und vielleicht war ja bei den Äpfeln ein fauler dabei gewesen. Über der Tiefgarage öffnete sich ein Fenster. Die eben noch telefonierende Dame hatte Einlaß gefunden und konnte wohl auch nicht schlafen. „Was ist denn das hier für eine Gegend, eine runterverkommene? Ruhe, sonst will ich schlafen, denn ich hole die Polizei!“ Das hat sie wirklich gesagt! Warum? Weiß ich nicht! Vielleicht ist sie ja Dörnröschen?

Dann war es still. Und es blieb still. Nur die Äpfel taten ab und an kund, daß sie nun verdaut würden. Der Morgen graute und Archibald schlief ein. Und er träumte davon, wie er aufbrach, um DEN GROSSEN STECKER zu suchen. Und wie er den Stecker, wenn er ihn denn gefunden hätte, am Ende der Welt, dort im TAL DER VERNUNFT, einfach rausziehen würde. Peng! Finster! Und dann wachte er auf, dachte über den Traum nach und eine Stimme sprach: „Reg Dich nicht auf, Bär. Wenn die Schwachmaten so weitermachen, erledigt sich das über kurz oder lang von selbst!“ So ist das wohl. Und da sah er, daß jemand zwei Karotten auf die Motorhaube seines Kadett B gelegt hatte. Und er bemerkte, daß man ihn zugedeckt hatte, mit einem alten Schal. Den kannte er.

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Irgendwo da draußen muß es Kaffee geben!
18. September 2010, 20:40
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Wenn Archibald von seinem Schrottplatz rechter Hand der Lahn nach links schaut, sieht er ein Haus. Ein neues Haus. Ein Haus, das so neu ist, daß es noch gar nicht fertig ist. Aber ein paar Aufrechtgeher wohnen schon drin, weil das Wichtigste schon fertig ist: die hauseigene Tiefgarage. Vor der mit zwei unverputzten Stockwerken überbauten Tiefgarage steht eine große Tafel. Da ist eine Computersimulation des fertigen Gebäudes drauf abgebildet. Darüber prangt in Kapitälchen: „Hier entstehen hochpreisig ausgestattete, topatmosphärische und citynahe Wohnsituationen in naturnahem Surrounding mit Blickbeziehung zur Lahn!“ Der Bär nahm Platz auf der sich langsam erwärmenden Motorhaube eines Kadett B – geschätztes Baujahr 1971 – und war sich an diesem noch pöterkalten Spätsommermorgen hundertprozentig sicher, daß es nicht notwendig sei, im Falle dieser kryptischen Botschaft eine wie auch immer geartete Textexegese zu tätigen. Und da tat sich auch schon was an der Ausfahrt der Tiefgarage. Aber erstmal verzehrte der Bär drei bis sieben Äpfel, welche der nächtliche Wind ihm vor die Pfoten geweht hatte. Sehr lecker! Vielleicht sollte er– nach Rückkehr in die Höhle – Ernst Albert und Eva Pelagia mal darauf hinweisen, daß es Äpfel auch außerhalb der Kaufbuden an echten Bäumen gibt und diese viel besser schmecken. Das dachte der kauende Bär.

Das breite Tor der Tiefgarage bewegte sich geräuschlos nach oben. Ein Automobil rollte an die frische Luft. Ein Auto? Ein Monstrum! Es war etwa zweimal so lang, zweimal so breit, dreimal so hoch und wahrscheinlich sieben Mal so schwer wie der alte Kadett B, auf dem Archibald Mahler, frühstückender Weltschauer, an diesem Morgen saß. Wahrscheinlich hatte einer der gigantischen Reifen der Blechmilbe das Gesamtgewicht von Archibalds vor sich hin rostendem weißen Blechsofa. Röhrend rollte der schwarz und silbern glänzende Panzer davon. Der Fahrer hinter der getönten Scheibe hielt sich ein Mobilfunkteil ans rechte Ohr. Aufgeregt schien er zu sein. Seine Lippen bewegten sich hektisch und schlecht gelaunt. Wo ist die Front? Der Bär guckte in die Luft. Schäfchenwolken. Dann kehrte der Panzer zurück. 5 Minuten waren vergangen. War der Krieg schon vorüber? Irgendwelche Veränderungen? Ja, denn der Fahrer hielt nun nicht mehr ein Mobilfunkgerät in seiner Hand, sondern einen braunen Pappbecher. Da stand was drauf. „Mach Deinen Tag zum Ereignis mit einem Heißgetränk von McCoffeeTown!“ Genau konnte das Archibald nicht entziffern, aber ein im Schauen geschultes Bärenhirn nimmt Fragmente wahr und fügt den Rest dazu. Hohe Treffsicherheit. Das Rolltor schloß sich. Das Rolltor hob sich wieder. Ein weiterer Panzer. Schwarz-silbern ebenso. Er sah dem ersten Panzer mehr als ähnlich. Deckungsgleichheit. Aber ein anderer Name stand auf der gewölbten Heckklappe. Eine Frau saß am Steuer. Sie wog vielleicht ein Tausendstel ihres Untersatzes. Sie hatte noch keinen Kaffeebecher in der Hand. Dafür telefonierte sie. Ein kleines Mikrophon baumelte an ihrem Hals. Als sie nach drei Minuten wieder in die Tiefgarage rollte, hatte sie einen Pappbecher in der Hand, telefonierte aber immer noch. Auf dem Becher stand: „Die Ereignisse Deines Tages verzaubert Dir TownCoffeeMacky mit einem Heißgetränk!“ Oder so ähnlich. Was sie sprach? Es war auf alle Fälle wichtig. Sehr wichtig. Bestimmt!

Archibald schaute nicht mehr hin. Er dachte nach. Die Tiefgarage mit Wohnaufsatz war auf eine ehemalige Wiese gebaut worden. Hinter der Wiese standen einige ältere Wohnblocks. Mietwohnungen, untere Mittelklasse. Einst konnte man von den mit grünem  Plastik verkleideten Balkonen der Dreiraumwohneinheiten auf die Wiese und die Lahn schauen, wenn man schon nichts anderes zu tun hatte. Jetzt waren aber der Wohnraum und die Aussicht verdichtet. Blickte man von den Balkonen, sah man schwarz-silberne Panzer hin- und herrollen.  “Immer nur stupide auf einen kleinen Fluß schauen? Wie langweilig! Teilhaben an neuen Blickbeziehungen!“ Das sagten die Bauherren und die neuen Besitzer. Die schauten sich jedoch schon wieder nach neuen Wohnsituationen um. Man hatte festgestellt, daß die Parkplätze in der Tiefgarage etwas zu eng geraten waren. Einer der schwarz-silbernen Panzer hatte sich beim Einparken einen tiefen Kratzer in der Fahrertür zugezogen. Der Chauffeur hatte sich daraufhin vor Schreck und Wut das Heißgetränk über seine primären Geschlechtsinsignien geleert. Wird man die Tiefgarage mit Schlafdach abreißen müssen?

Es wurde warm, warm unter Archibalds Pöter, warm auf seinem Pelz, der über seinem gut gefüllten Bauch spannte. Darüber vergaß er ganz sich über die von den Aufrechtgehern verursachten Wetterkapriolen zu erregen. Er würde noch ein wenig hierbleiben, hier auf seinem Schrottplatz rechter Hand der Lahn. Er hatte freie Sicht! Noch! Time to think! Zweibeiner gucken ist überaus amüsant! Aber jetzt schnell noch zwei Äpfel. Der nächste Winterschlaf kommt bestimmt. Mahlzeit!

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Die Lehre: Erst leer, dann bunt, dann wieder leer!
16. September 2010, 21:49
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Manchmal denkt sich Archibald, daß er doch ein recht blöder Bär ist. Da sitzt er und beobachtet, tagelang, hält sogar die Klappe, plappert nicht rum, schaut genau hin und dann noch etwas genauer, schweigend, da dies – sagen die Einen und auch Andere – die Präzision des Denkens erhöhen soll und dann? Wieder keine Spur von Durchblick oder gar Erkenntnis. Das ärgert ihn. Und noch mehr ärgert es ihn, daß er gar nichts dafür kann, wenn er rein gar nichts kapiert von so mancher Kuriosität, mit der die Aufrechtgeher die Welt tagtäglich beschenken. Woher soll er auch in seiner zutiefst bärigen Naivität wissen, daß der gemeine Aufrechtgeher gerne große Pläne macht, aber letztlich leider überhaupt keinen Plan hat, und zwar so etwas von keinen Plan, daß sich Archibald immer wieder fragt, welcher Aufrechtgeher das Wort „Affentheater“ in Umlauf gebracht hat, wo doch selbst ein regredierender Schimpanse nie auf die Idee käme, ein solches Verhalten an den Tag zu legen.

Überhaupt keinen Plan haben die Aufrechtgeher, wenn uns um das geht, was sie „Stadt“ nennen. Das hat Archibald schon mal rausgefunden. Dazu wäre zu sagen, daß ihm diese Erkenntnis in der Kleinen häßlichen Stadt sozusagen auf dem Silbertablett serviert wird. Da reichen einige intensive Schaustunden auf seiner Fensterbank oder eben die letzten Tage auf seinem kleinen Schrottplatz rechter Hand der Lahn. Gestern hatte er – Mehr Höhe, mehr Überblick! – einen ehemals roten, nun von Licht, Luft und Regen wunderbar ausgebleichten Kleinlaster bestiegen. Zuerst hatte er sich gefragt, woher wohl seine Vorliebe für rote Automobile komme, da er aber darauf keine schnelle Antwort fand, nahm er es, wie es ist. Rote Autos gefallen ihm. Punkt. Aber alt und rostig müssen sie schon sein. Und dann schaute er auf die Kleine häßliche Stadt und da hämmerte es, grub es Löcher, asphaltierte es, riß es ein, baute es auf und sperrte es ab und blieb doch ständig unvollendet. Und gab es zwischen zwei Häusern noch ein Loch, standen einige Aufrechtgeher mit gewichtigem Gesicht davor, entrollten einen Plan, hatten aber keinen solchen und am nächsten Tag rollte ein Bagger an. Und einige Wochen, oder Monate oder aber Jahre bis Jahrzehnte später, war alles so schön bunt da, wo mal ein Loch gewesen war oder ein Platz.

Und dann fragte sich Archibald Mahler, was den Aufrechtgeher denn diese fürchterliche Angst vor jeder Art von Leere einflößte. Was sie treibt jeden noch so kleinen freien Platz in ihren Städten ziel- und planlos mit hektisch zusammen geschusterten Kaufbuden zu verschandeln, diese Monumente eines unsäglich billigen Geschmacks mit schrillbunten, dummdreist getexteten Reklametäfelchen zu behängen und so das Auge eines jeden Ästheten – und Archibald Mahler, der Bär vom Brandplatz ist ein Ästhet – Tag und Nacht zu foltern. Und das Kurioseste dabei: die Freude der rauschhaft Bauenden währt immer kürzer. Schnell sind die Löcher zugebaut, schnell ist alles so schön bunt dort, aber noch schneller ist alles wieder genauso leer wie zuvor. Nur so viel häßlicher. Aus Leere wurde Leerstand. Wegen Geschäftsaufgabe geschlossen! Tränen. Zu vermieten! Pause. Paare. Passanten. Man eilt vorbei. Dann bleibt man stehen. Neueröffnung! Oh Gott, das Spielchen geht von vorne los.

Archibald schloß die Augen. Dies war bitter nötig. Er spürte, wie die Reste des Tageslichts hinter seinen geschlossenen Augenlidern auf der Iris funkelten. Die Sonne trocknete seinen feucht gewordenen Pelz. April im September. Kein Indianersommer heute, eher Osterhasenwetter. Auch hier kein Plan! Den Bären beschlich ein Verdacht. Könnte es sein, daß die offensichtlichen Wetterkuriositäten der letzten Zeit auch auf das Konto der Aufrechtgeher? Nicht auszudenken! Erst mal ein Prise Schlafsalz aufs Zahnfleisch reiben. Gute Nacht!

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Die unerfüllte Sehnsucht nach dem schnellen Schuß, der doch bitte sitzen möge
12. September 2010, 08:29
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Guten Morgen! Das Glockengeläut hatte ihn geweckt. Ihm fiel auf, daß bär auch mal über den Sinn dieses Geräusches nachdenken könnte. Woher kommt dieses Geräusch, das er sehr mochte? Was soll es erzählen? Wer ist dafür verantwortlich? Doch heute war dafür nicht der richtige Tag. Die gestrige, nicht beantwortete Frage hatte einen sehr unangenehmen Geschmack auf seiner Zunge hinterlassen. Dreck halt! Die ersten Sonnenstrahlen des Tages versuchten den Nebel, der aus der Lahn stieg, zu durchbrechen und für ein paar Minuten war Archibald Mahler – Der frühe Bär denkt sich was! – versucht, die gestrige Frage mit einem einzigen Wort zu beantworten: VERBLÖDUNG! Aber da zuckte etwas in ihn. „Heiß ich denn Thilo?“ Das war es, was er dachte am heutigen Sonntagmorgen, zurückgekehrt auf die Chromstoßstange eines nun wirklich nicht mehr neuen roten Automobils auf dem Schrottplatz rechter Hand der Lahn am Rande der kleinen häßlichen Stadt.

Er schüttelte sich, kratzte sich den noch etwas schläfrigen Hintern und sprach zu dem vorschnellen Bären, der gerade aus ihm gesprochenen hat: „Und was hast Du davon, wenn Du mit kraftmeierischer Geste eine einfache Antwort unter eine vermeintliche einfache Frage setzt? Löst das den ekelhaften Müll über Nacht auf? Räumt es ihn weg? Und wie lange hält dann dieses Gefühl des Bescheidwissens, des Durchschauens an, wie lange gibt Dir das Gefühl, einen schnellen Schuß gesetzt zu haben, der vermeintlich voll ins Schwarze getroffen hat, so etwas wie Ruhe? Die Rädchen drehen sich weiter! Tag für Tag! Immer dasselbe, jeden Tag wieder frisch! Und dann? Weiterpumpen? Noch mehr geschwollene Halsadern? Pauken schlagen? Trompeten blasen? Säue durch die Dörfer jagen? Du magst Recht haben, aber halt Dein Maul! Und: Tu was!“

Der Nebel kondensierte auf des Bären Fell und kühlte seine am frühen Morgen schon heißgelaufene Denke auf erträglichere Temperaturen. Nachgerade erschrocken war er über die Heftigkeit des kurzen Dialoges mit dem Zweitbär in ihm. Bis jetzt hatte man weitgehend in Harmonie miteinander gelebt. Und nun? Einatmen. Ausatmen. Nichts und nun! So ist das nun mal. Auch ein milder Archibald trägt einen „Thilo“ oder „Kuno“ oder „Horst Eberhard“– oder wie immer sie heißen mögen – in sich. Gelegentlich! Vielleicht vergessen dies die empörten Aufrechtgeher, die die Splitter stets nur im Auge des anderen bemerken und sich vor allem an einem ergötzen: dem Gemurmel und Geschwurbel und Gerubbel und dem unaufhörlichen Geplätscher, das sie jeden Tag aufs Neue in die übervolle Welt hinausposaunen müssen. Ja, leider: müssen. Dann sonst kommt das große, schwarze, gnadenlose Loch namens NICHT DIE BOHNE BIST DU WICHTIG und frißt sie alle auf. Denken Sie zumindest. Aber jetzt war der Tag des Herrn (auch der Bären!) und Archibalds Hirn leerte sich und er fand es einfach nur erfrischend auf der Chromstoßstange eines nun wirklich nicht mehr neuen roten Automobils auf dem Schrottplatz rechter Hand der Lahn am Rande der kleinen häßlichen Stadt zu sitzen und den Morgennebel flüstern zu hören. Guten Morgen!

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Am Ende der Fahnenstange des Verstehens
11. September 2010, 21:07
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Es gibt Fragen, deren Antwort einfach nicht existiert. Selbst falls jemand versuchen sollte, eine solche Frage zu beantworten und er würde sich dazu viel Zeit lassen oder sogar Fachleute und sonstige Schlaumeierchen um Hilfe bitten, es würde ihm nicht gelingen. Er könnte suchen und hirnen und spekulieren und Thesen und Antithesen und was auch immer aufstellen: kein Chance, weil: was es nicht gibt, gibt es nicht. Die Antwort! Und die einzige Konsequenz für jede einsichtige Seele wäre, solch eine Frage einfach nicht zu stellen oder im großen und erhabenen Stile zu verzweifeln. Darüber dachte Archibald Mahler heute aber nicht nach. Fräulein Else Sommer hatte sich nochmals erkenntlich gezeigt, das Thermometer über die Zwanziggradmarke gerubbelt und da freut sich der Bär. Die Motorhaube des wunderschönen roten Autos heizte sich langsam auf, desgleichen der Bärenpöter und von hier oben ist zudem die Aussicht eine bessere als die gestrige von der Chromstoßstange aus.  Doch die Götter sind leider große Anhänger der Ambivalenz und so servierten sie Herrn Mahler, dem in Reflexion versunkenen Bär, eine dieser oben beschriebenen Fragen. Und das eben nicht auf dem Silbertablett.

Bierflaschen. Bierdosen. Kaffeebecher. Kaffeebecherdeckel. Small. Medium. Big. Superbig. XXXXL. Monstermega! Wodkaflaschen. Rotkraut. Weißkraut. Döner mit und ohne Alufolie. Ayranbecher. Kaugummipapier. Papiertaschentücher. Plastikgabeln. Plastiklöffel. Plastikmesser. Bierflaschen. Bierdeckel. Leere Zigarettenschachteln. Zerknüllt oder in Form. Einweggrills. Brötchen. Angebissen, belegt und unbelegt. Pide. Rund oder oval. Zeitungen. Werbung. Kaffeebecher. Werbung. Werbung. Flyer. Plastiktüten. Klein, groß, mittel, leer, auch mal gefüllt. Undefinierbares. Exkremente. Von Hunden und Kindern. An ausgewählten Orten auch von Erwachsenen. Reste der Reviermarkierungen von Vier- und Zweibeinern. Fahrradreifen. Kaffeebecher. Herrenlose Einkaufswagen. Wodkaflaschen. Kleine Feiglinge. Große Feiglinge. Angebissene Äpfel. Kaffeebecher. Wo? Überall! Auf Wiesen, Gehwegen. Rund um Bushaltestellen. Unter und auf Bänken. In Einfahrten. In Hauseingängen. Neben Mülltonnen. Neben Papierkörben. In Gebüschen. An der Lahn. In der Lahn. Morgens. Mittags. Abends. Unter der Woche. Ab Freitagabend intensiver. Am Sonntagmorgen besonders intensiv. Warum?

Archibald war noch nicht bereit, wie die eine Hälfte der Aufrechtgeher einfach zu resignieren und so der anderen Hälfte der Aufrechtgeher quasi die Lizenz zum Zumüllen der öffentlichen Räume zu erteilen. Sein Restvertrauen in die Zweibeiner ließ ihn intensiv über folgende Fragen nachdenken. Warum befällt den gemeinen Trinker nach Leeren des Gefäßes diese entsetzliche Schwäche, die es ihm unmöglich macht das gerade noch kraftvoll umfaßte Leergut zu entsorgen und es so an Ort und Stelle fallenlassen zu müssen? Läßt der Genuß von Grillgut in öffentlichen Parkanlagen grünwählende und durchaus ansatzweise gebildete Studierende schlagartig erblinden, so daß sie nicht mehr in der Lage sind, die Hinterlassenschaften ihrer Paatiee wahrzunehmen, um diese zu entsorgen? Welches geheime Mittel haben die meist vorderasiatischen Mitbürger ihrem Schabefleisch beigefügt, so daß niemand in der Lage scheint seine Speise vollständig zu verzehren und so die Straßen und Gehwege – vor allem an  Sonntagmorgenden -  mit ungezählten Fragmenten von ‘Mit Fleisch von Lamm oder Huhn mit Salat und Soße mit oder ohne Alles und Scharf?’ verziert sind? Und warum haben die jungen, sehr jungen, meist zu jungen Konsumenten der transatlantischen Klopsbratereien das unstillbare Bedürfnis die Umgebung ihrer Tempel im Umkreis von bis zu zwei Kilometern mit den Verpackungen ihrer den Körper und Geist aufblähenden Mahlzeiten zu dekorieren? Oh Ihr Götter! Wird Archibald resignieren? Die gnädige Nacht senkt sich über den Schrottplatz rechter Hand der Lahn und dem Bären ist es recht. Das alte Blech unter seinem Pöter ist noch angenehm warm. Gute Nacht!

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Ein unschuldiges Wort und eine Pressemitteilung
10. September 2010, 20:12
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Das rote Auto gefiel ihm ganz besonders. Wobei es gar nicht mehr richtig rot war. Das rote Auto stand schon so lange auf dem Schrottplatz rechter Hand der Lahn, daß sich Moos und Flechten auf dem Lack angesiedelt hatten. Efeu kroch an den zerbröselnden Reifen hoch und Gräser reckten ihre Köpfe bis in den Motorraum hinein. Für Archibald Mahler war das rote Auto jedoch eine Schönheit, eine Schönheit, deren immer noch gegenwärtige Schönheit durch die Flechten und Mooskissen schimmerte, alte Lieder sang, über vergessene Strassen rollte, die Zeit anhielt und ihm so Raum schaffte. Raum im Hirn. Denkraum. Und heute wärmte sogar die Sonne die Stoßstange – CHROM!! – auf der der Bär saß. Das mochte er sehr. Und dann fielen ihm diese drei unschuldigen Buchstaben ein, das unschuldige N, das unschuldige E und das genauso unschuldige U. Diese drei unschuldigen Buchstaben, die zusammen eines der fürchterlichsten, abgeschmacktesten und nervigsten – vor allem Ruhe suchende Denkbären nervende – Lieblingswort der Aufrechtgeher ergaben, das unerquickliche Wörtchen: NEU!

Nein, das arme Wörtchen kann nichts dafür. Es mag durchaus mal eine Bedeutung, vielleicht sogar einen Sinn gehabt haben. Doch dies ist lange her. Heutzutage ist dieses Dreibuchstabengebilde nichts anderes als ein einziger überdrehter und unerträglicher lauter Schrei. So erschien es zumindest Archibald Mahler, dem Bären auf der warmen Chromstoßstange eines nun wirklich nicht mehr neuen roten Automobils auf dem Schrottplatz rechter Hand der Lahn am Rande der kleinen häßlichen Stadt, der spätsommerlich und gelassen nachdachte. Zum Beispiel darüber, daß der gemeine Aufrechtgeher es wohl nicht erträgt, wenn die Dinge, die ihn umgeben und die ihm entweder die Arbeit erleichtern oder ihm in seiner Freizeit Freude bereiten sollen, älter sind als einige Wochen, bestenfalls Monate. Dann wächst in ihm eine unerbittlich brüllende Unruhe und er muß hinausziehen und Dinge suchen, auf die andere Aufrechtgeher groß und dick und dreifach unterstrichen das kleine – einst unschuldige – Wörtchen NEU geschrieben, gedruckt oder was auch immer haben. Und dann kriegt der Zweibeiner feuchte Augen, feuchte Hände und feuchte Lippen. Und wenn ein ganz besonders findiger- was heutzutage heißt verkaufstüchtiger – Zweibeiner das Wörtchen NEU mit dem Attribut JETZT versehen hat, dann, ja dann? Dann werden sogar die Höschen feucht. JETZT NEU? JETZT? NEU? ICH KOMM! MÄH! MÄH! MÄH!

Also schrieb Archibald eine Pressemitteilung. Natürlich nur im Kopf. Aber eine Pressemitteilung, die er irgendwann mal losschicken würde. Da war er sich sicher. Und die Pressemitteilung, über die er nun nachdachte auf der warmen Chromstoßstange eines nun wirklich nicht mehr neuen roten Automobils auf dem Schrottplatz rechter Hand der Lahn am Rande der kleinen häßlichen Stadt, lautete folgendermaßen: „Kleine häßliche Stadt: Ein Bär, der heute morgen aufwachte, stellte fest, daß er atmete und seine Fell noch dasselbe ist. Dann hatte er Hunger. Und aß Marmelade aus Heidelbeeren. Und Aas mit Honig. Das schmeckte wie immer. Also gut. Dann hat er weitergeatmet.“ Und weil er gerade das Gefühl hatte, daß es heute super läuft mit der Denkerei und das Verfassen von Pressemitteilungen ihm einen Heidenspaß bereitete, verfaßte er gleich noch eine Pressemitteilung. Für den morgigen Tag. Und die lautete: „Kleine häßliche Stadt: Ein Bär, der heute morgen aufwachte, stellte fest, daß er atmete und seine Fell noch dasselbe ist. Dann hatte er Hunger. Und aß Marmelade aus Heidelbeeren. Und Aas mit Honig. Das schmeckte wie immer. Also gut. Dann hat er weitergeatmet.“ Und dann hat er weitergeatmet, der Bär auf der warmen Chromstoßstange eines nun wirklich nicht mehr neuen roten Automobils auf dem Schrottplatz rechter Hand der Lahn am Rande der kleinen häßlichen Stadt.

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Wohin man auch schaut, es liegt etwas herum!
9. September 2010, 16:16
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Und so rollten zwei Fahrräder über die Lahn, um präzise zu bleiben, über eine Brücke, welche über die Lahn führte und Archibald Mahler war wieder allein. Soll man sagen: endlich? Er, der Bär würde es vielleicht in diesem Moment so formulieren. Die letzten Tage und Wochen waren recht turbulent gewesen und ein kompletter Theaterabend mit allem Pipapo – selbst erdacht, selbst organisiert und auch noch selbst gespielt – hängt einen doch noch eine ganze Weile im Pelz. Also kam Archibald Mahler, gerade dabei wieder seine ursprüngliche Tätigkeit als Denk- und Schaubär aufzunehmen, der kleine Schrottplatz rechts der Lahn gerade recht. Sitzen und nachdenken, sitzen und nachdenken darüber – ja, worüber eigentlich? Zum Beispiel darüber, woher diese doch sehr offensichtliche Marotte der Aufrechtgeher kommt, permanent etwas wegschmeißen zu müssen. Dinge, Gedanken, gute Ideen, Vorsätze, Versprechen, andere Aufrechtgeher, sich selbst, Zeit ohne Ende und – dies sei nicht vergessen – sogar einen unschuldigen Bären.

Die alten Schrottautos begrüßten den Bären freundlich. Aber vielleicht bildete sich Archibald dies auch nur ein, weil die alten Autos ihn angrinsten und mit großen freundlichen Scheinwerferaugen anschauten. Die Aufrechtgeher, die damals diese Autos gebaut hatten, hatten anscheinend noch nicht – so wie die aktuellen Entwerfer – die Angewohnheit ihren Blechmilbe eines dieser aggressiven „Platz da, Du schleichender Kretin von Vordermann“ – Antlitze zu verpassen. Im Gegenteil, die Vorderansicht der alten Rostlauben hatte etwas fast Trauriges im Ausdruck. Auch die rissigen und teilweise luftleeren Reifen, auf denen die Kisten vor sich hin standen, hatten nicht – wie heutzutage – die Breite eines normalen Bürgersteiges und die Profiltiefe eines LKW-Reifens, wie er früher im Braunkohletageabbau benutzt wurde. Es muß wohl eine Zeit gegeben haben, in denen man diese Blechmilben fuhr, um von einem zum anderen Ort zu gelangen und nicht, um damit in den Krieg zu ziehen. Zumindest optisch.

Die erste weggeworfene Sache, welche dem Bär nun einfiel, war das aktuelle Jahr. Wobei Archibald das Gefühl hatte, daß es das Jahr selbst war, das sich wegwarf. In des Bären Innereien klopfte, noch leise aber doch spürbar, der bevorstehende Winterschlaf an. Dieses Jahr, das das Leben von Herrn Mahler gründlich auf den Kopf gestellt hatte, packte seine Koffer. Der Freiherr Gottfried von Herbst – obwohl noch nicht offiziell im Amt – hatte die Herrschaft übernommen und dies heißt nun mal für jeden normalen Pelzträger von Hoch- auf Sparbetrieb zu schalten, sich noch ein paar Kilo anzufressen und dann bis zum nächsten Lenze: ab in die Kiste! Vielleicht lüpft Fräulein Sommer ja noch mal ihr Röckchen und gewährt den alten Knochen ein wenig Wärme, aber mehr als ein paar Wochen hat dieses Jahr nicht mehr bereit. Und diese restliche Zeit, das war Herr Archibald Mahler klar, sollte er in Ruhe und meditativer Gelassenheit vorüberziehen zu lassen. Und sich bereit machen zum rituellen Restedenken. Was das Jahr an Eindrücken und Unverarbeiteten so hat herumliegen lassen: kurz mal den ein oder anderen Gedanken drüber wandern lassen. Aber jetzt: erstmal einen kleinen Nachpremierenschlaf einlegen.

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Blick zurück / Es geht voran / Ein Schrottplatz
6. September 2010, 20:51
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nachbetrachtung2

(Das ist dann schon alles aufregend. Immerhin ist Herr Ernst Albert richtiger Schauspieler und Regisseur, zwar nur in der tiefsten Provinz, aber – nun gut! Und jetzt steht er vor dem Bären, um zu gratulieren. Oder zu kritisieren? Aber als erstes überreicht Eva Pelagia, die teure Gefährtin, die Premierengeschenke. Karotten, noch mal Karotten, Honig, Löwenzahn und eingelegten Lachs. Opulent! Verlegenes Schweigen. Kritik bleibt aus. Lobendes Grinsen! Sehr schön! Ein Stück deutsche Theatergeschichte in den Sack gehauen. Gut so! Dann wird zum Aufbruch gemahnt. Es regnet. Der Bär und der Lütte Stan bitten darum, noch ein paar Minütchen nachzuspüren. Genehmigt.)

„Herr Mahler, wenn ich Sie was fragen dürfte! Oder Dich?“

„Bester Herr von Lippstadt-Budnikowski, bleiben wir beim Formalen! Doch fragen Sie!“

„Und jetzt?“

„Was?“

„Zufrieden?“

„Ich denke, das weiß man erst später!“

„Komisch, gell? Plötzlich ist es vorbei, wie an einem vorbeigerast. Und man war so aufgeregt und dann klappt es doch. Irgendwie!“

„Ja! Ein anderer Zustand. Aber sonst eben auch Arbeit!“

„Da sagen Sie was. Ich habe beinahe den Projektor kaputt gemacht und habe lauter blaue Flecken. Vom Stolpern!“

„Ich dachte schon vom Denken!“

„Müssen Sie eigentlich immer so garstig sein?“

„Bin ich das?“

„Passen Sie bloß auf, daß ich Sie nicht küsse!“

„Da seien alle Musen vor.“

„Ha! Reingefallen. War’n Witz. Äh, die eigentliche Frage!“

„Raus damit!“

„Sind Sie jetzt eigentlich kompletter?“

„Wieso?“

„Na ja, ‚ein Möchtegernheld zieht aus, verliert sich, findet das Unerwartete und kehrt zurück als kompletter Bär!’ So hieß es doch am Anfang!“

„Glauben Sie nicht jeden Quatsch! Wir sind losgelaufen und dann irgendwo angekommen!“

„Und jetzt!“

„Jetzt geht es weiter!“

„Einer biegt rechts ab, der andere links?“

„Einer biegt rechts ab, der andere links!“

„Man sieht sich!“

„Man sieht sich! Wir müssen! Die Aufrechtgeher werden ungeduldig!“

(Ernst Albert und Eva Pelagia bitten zum Aufbruch. Genehmigt. Zwei Fahrräder rollen durch den leichten Frühherbstregen vom Lausebacher See Richtung kleine häßliche Stadt. Die Arbeit wartet. Linker Hand die Lahn. Die Raben fliegen Eskorte. „Hey, Bär. War geil! Komm wieder!“ „Bring den kleenen Stan wieder mit. Cooler Typ!“ „Verkauft Ihr auch Abos?“ Das rufen sie der kleinen Reisegruppe hinterher. Geht doch! Dann, kurz vor der Stadt, rechter Hand ein Schrottplatz. Archibald Mahler bittet, man möge anhalten.)

„Entschuldigung? Könnt ihr mich hier rauslassen? Mir ist gerade noch etwas Wichtiges aufgefallen. Da muß ich drüber nachdenken. Bevor der Herbst kommt! Und dafür ist dieser Platz ideal! Ich komme nach!“

„Hömma Bär Mahler, ich tu Dich Dein Fensterbrett warmhalten. Und erkält Dich nich. Iss Herbst, iss kalt! Hat meine Omma immer gesacht! Hau rein, alte Knattercharge!“

„Bis die Tage!“

(Und Archibald Mahler, ab sofort wieder nachdenkender Privatbär, spürt in diesem Augenblick, daß die Einsamkeit durchaus ihre Vorteile haben kann. Gelegentlich!)

„Bis bald! Von einer neuen Baustelle!“ Sagt der Bär!

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Und dann war schon wieder alles rum und die Sommerseespiele Lausebach 2010 Historie
5. September 2010, 20:51
Filed under: Musentempel

applaus

(Zögerlich und recht spärlich tröpfelnd erhob sich der Applaus aus den Reihen der Schauer. Man war sich nicht wirklich sicher. War es das? Das Ende? Die Bisamratte und ihr dreibeiniger Onkel zogen an mit dem Geklatsche. Sie waren müde und der Onkel hatte Phantomschmerzen im fehlenden Bein. Man wollte einfach nur nach Hause. Die Schwanenfamilie und ihre adoptierten Nilgansküken waren verunsichert. Man hatte eher etwas Leichtes zum Sommerausklang erwartet, eine Komödie mit Happyend und Patchworkfamilie oder ähnlichem Pilcherkram. Und jetzt? Verwirrendes, Orakel und zum Schluß ein schlichtes „Gute Nacht“? Seltsam! Ein dezentes Flügelschlagen schenkten sie dennoch der Kunst. Man konnte also nicht sagen, daß der Saal kochte und sich vor Begeisterung überschlug. Doch als den siebenundsiebzig Raben wieder einfiel, daß ja der Beelzebub eine nicht unerhebliche Rolle in dem so eben zu Ende gegangenen Spektakel gespielt hatte und sie daraufhin ihre insgesamt einhundertvierundfünfzig Schwingen gegeneinander schlugen und außerdem noch ein begeistertes Krächzen folgen ließen, war der Moment gekommen, in dem sich bei Archibald und dem Lütten Stan, die sich vorne an der Rampe brav verbeugten, so etwas wie Erleichterung breit machte. Man begann sogar miteinander zu tuscheln, obwohl dies der offizielle Mimenknigge strengstens verbietet. Nur Rampenschweinchen und eitle Zuneigungsbettler quatschen bei diesem Ritual des Dankes der Schauer an die Akteure. Doch sei es drum, sie sind ja noch Anfänger, die zwei Beiden.)

„Wer macht die Ansage, Herr Mahler! Du?“

„Wie? Was? Was war denn ausgemacht?“

„Nichts!“

„Jetzt lügen Sie aber, Herr von Lippstadt-Budnikowski!“

„Hier? Auf der Bühne? Niemals!“

„Gut! Dann macht die Ansage der Neue Chef der Öffentlichkeitsarbeit!“

„Wer ist denn das?“

„Der, der dumm fragt und der gerade zur Verfügung steht: also Sie!“

„Wären wir nicht an heiligem Orte, würde mir ein böses Wort aus den unschuldigen Lippen rutschen, Herr Mahler!“

(Das Publikum hat inzwischen, von den Mimen unbemerkt, seine Beifallsbekundungen eingestellt. Zwischenrufe sind zu vernehmen. „Gehört das Gemurmel noch zum Stück? Dann würden wir es auch gerne hören!“ „Wenn es dann wirklich mal zu Ende ist, kann man ja vielleicht ein Schild hochhalten! Wäre zumindest kundenfreundlich!“ „Oder einfach das Licht ausschalten! Dann weiß man Bescheid.“ Der Bär schiebt den Hasen also ein Stück näher an die Rampe. Mit liebevoller Gewalt, wie das Chefs eben gerne tun, wenn ihnen nichts anderes einfällt. )

„Ja, erstmal Danke. Sag ich mal. Wir freuen uns über alles, also über Sie und wir danken Ihnen auch fürs Kommen und Klatschen. Ja! Und dann soll ich noch sagen, das heißt, ich will es und freue mich auch sagen zu können: wir haben es gewagt und dann gemacht! Also die ersten Sommerseespiele Lausebach 2010! Und nächstes Jahr, also ob wir nächstes Jahr nochmal, dazu möchte jetzt der Erfinder und Spiritus rector der Festspiele, Herr Archibald Mahler, darstellender Bär vom Brandplatz, auch noch was sagen. Danke und bitte schön.“

(Der Lütte Stan tritt hinter seinen Chef zurück. Der wiederum sendet einen kurzen Satz an seinen Partner.)

„Wir sprechen uns noch, Du Schweinepriester!“

(Nun zum Publikum, lächelnd selbstredend, etwas verkrampft lächelnd, aber: lächelnd.)

„Ich möchte es kurz machen: Wir kommen wieder, keine Frage. Und jetzt kommen Sie gut nach Hause, bevor Freiherr Gottfried von Herbst das Fräulein Else Sommer endgültig vom Acker jagt. Und Hunger hab ich jetzt auch und noch was: ohne meinen kongenialen und Gott sei Dank im richtigen Momenten renitenten Partner, den ehrenwerten Herrn von Lippstadt-Budnikowski zu Datteln hätte ich das Ganze nicht gebacken bekommen. Danke und Tschühüß!“

(Schwer fällt eine Bärenpfote auf die schmalen Schultern des Lütten Stan. Umarmungen. Feuchte Äuglein. Abgang der Schauer. Endlich. Auftritt Ernst Albert und Eva Pelagia mit den Premierengeschenken. Und natürlich den kritischen Anmerkungen. Weia!)

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